Schotterpiste, Asphalt, Mehrtagestour oder Feierabendrunde – die Freiheit auf zwei Rädern ist nur dann perfekt, wenn das Bike alle Schandtaten mitmacht und bedingungslosen Fahrspaß generiert. Aber ist der Spaßgarant ein Gravel-Bike, ein Cyclocrosser oder ein Allroad-Rennrad? Wir haben die 14 spannendsten Modelle getestet.

Rennradfahren auf der Straße kann manchmal richtig scheiße sein. Der Traum der verkehrsfreien, perfekt asphaltierten Passstraße platzt, wenn wir im Feierabendverkehr zwischen Blechlawinen, ungeduldigem Hupen und unzähligen roten Ampeln Herzrasen bekommen. Aus der erhofften Bewegungskur auf dem Bike kann dann schnell ein ungewollter Kampf um die 1,5 m Abstand zwischen Auto und Radfahrer werden, die in vielen Ländern gesetzlich vorgeschrieben sind. Toleranz und Verständnis auf beiden Seiten helfen zwar gegen die Symptome im hektischen Verkehr, effektiver wäre es aber, die Ursachen zu bekämpfen. Und das ist gar nicht so kompliziert, sondern sogar ziemlich simpel und banal.

Inhaltsverzeichnis

Zurück in die Zukunft: Rennradfahren wird Radfahren

Kaum ein Hersteller hat es in den vergangenen Jahren verpasst, ein neues Offroad-taugliches Bike mit Rennlenker vorzustellen. Dabei reicht die Bandbreite der erhältlichen Modelle von All-Road und Back-Road über Gravel und Cyclocross bis hin zu Adventure und Expedition – was auch immer hinter diesen Begriffen stecken mag. Doch wie auch immer man diese Schlagwörter interpretiert, Fakt ist: Sie sind nicht nur Hype und Trend, sondern pragmatische Lösungen für viele Probleme, denen wir als Rennradfahrer tagtäglich begegnen, und sie ermöglichen uns zugleich, unseren Horizont zu erweitern. Man könnte jene Trends gleichermaßen als Zeitreise bezeichnen – als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln des Radfahrens, als man noch ohne Stress, Leistungsdruck und Watt- bzw. Aero-Diktat einfach gefahren ist. Auch wenn der Begriff Gravel, zu Deutsch „Schotter“, nicht perfekt ist, so steht er genau für diese Art des ungezwungenen und unbeschwerten Zweiradvergnügens.

Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden steigt die Zahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern jährlich. Die Gründe dafür sind sicherlich mannigfaltig, doch geht das Aufeinandertreffen von Fahrzeugen und in Lycra und Halbschale gehüllten Bikern in der Regel zum Leidwesen der Letzteren aus. Diese Tatsache soll jedoch alles andere als ein Aufruf zum radikalen Fahrradaktivismus sein. Denn: Manche Kämpfe lohnt es nicht, ständig zu kämpfen. Vor allem dann nicht, wenn das Radfahrerparadies bereits existiert und häufig wenige Pedalumdrehungen von der stark befahrenen Asphaltstraße entfernt liegt. Während die Infrastruktur von Fahrradwegen vielerorts noch auf ihren Ausbau bzw. auf ihre Grundsteinlegung wartet, existiert ein schier unerschöpfliches Netz an Feld-, Wald- und Schleichwegen, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Räder mit Rennlenker auf Schotterwegen zu fahren scheint heute wie eine Revolution. Und das ist es gewissermaßen auch. Gleichzeitig haben die Rennrad-Helden der ersten Stunde bereits bei den Anfängen der Tour de France genauso viele Schotterwege unter die Reifen genommen, wie es die heutigen Profis bei Events wie dem Strade Bianche oder Paris-Roubaix tun. Auch bei der 2019er Ausgabe der Tour sorgte die Bergankunft auf dem Planche des Belles Filles mit ihrer 24-prozentigen Steigung auf Schotter für ein Bike-Spektakel. Außerdem erfreuen sich Gravel-Events international einer stetig wachsenden Beliebtheit. Dabei scheint ihre Attraktion nicht nur das Kräftemessen in der freien Natur zu sein, sondern auch das besondere Flair und Gemeinschaftsgefühl, bei dem ambitionierte Racer im Kampf ums Podium genauso auf ihre Kosten kommen wie abenteuerlustige Jedermänner beim Genussfahren – sofern es überhaupt ein Podium gibt. Eine Transformation vom Rennradfahren zum Radfahren. #goodtimes

Was haben wir getestet?

Da das Konzept „Gravel“ von jedem Fahrer mit unterschiedlichsten Einsatzgebieten und Anwendungsfällen verbunden wird, haben wir unser Testfeld weit gesteckt. Somit haben wir für diesen Vergleichstest 14 spannende Bikes mit unterschiedlichsten Konzepten ausgewählt, deren Gewichtung von Onroad zu Offroad zwischen 80:20 und 10:90 variiert. Damit wollen wir euch eine umfassende Orientierung über die derzeit erhältlichen Systeme bieten und konkrete Empfehlungen für eure Vorlieben und Einsatzzwecke geben. So findet ihr sowohl Räder mit Reifen von 700 x 32C als auch Bikes mit Pneus à 650 x 54B zwischen 1.499 und 11.299 € im Testfeld. Superleichte Carbon-, vielseitige Alu- und solide Stahl-Rahmensets findet ihr daher genauso wie innovative Federungselemente, Gepäck-Montagen, hydraulische Schaltungen und sogar E-Antriebe.

ModelL Gewicht Antrieb Reifen Preis
Argon 18 Dark Matter
(Zum Test)
8,39 kg
(in S)
Rotor 1×13 mit 2InPower-Wattmessung WTB Nano 700x40C 6.000 € 1
Cannondale Topstone Carbon Ultegra RX (Zum Test) 8,73 kg
(in L)
Shimano Ultegra R8000 mit Ultegra RX Schaltwerk WTB Riddler 700x37C 3.799 €
Canyon Grail AL 7.0
(Zum Test)
9,47 kg
(in M)
Shimano 105 R7000 Schwalbe G-One Bite TLE 700x40C 1.499 €
Cervélo Áspero
(Zum Test)
8,57 kg
(in 58)
SRAM Force eTap AXS Donnelly X’Plor MSO TR 700x40C 6.000 €
Giant Revolt Advanced Pro
(Zum Test)
8,24 kg
(in M/L)
SRAM Force eTap AXS MAXXIS Velocita 700x40C 4.499 €
Kona Libre AL
(Zum Test)
10,42 kg
(in 54)
SRAM APEX WTB Riddler 700x45C 1.899 €
Liteville 4-ONE Mk1
(Zum Test)
9,16 kg
(in L)
Shimano GRX 800 Schwalbe G-One All-Round TLE 700x40C 4.480 €
OPEN WI.DE.
(Zum Test)
8,28 kg
(in L)
SRAM Force eTap AXS mit SRAM Eagle eTap AXS Schaltwerk Schwalbe G-One Bite TLE 650x54b 7.100 € 2
Pivot VAULT Team Force
(Zum Test)
8,34 kg
(in M)
SRAM Force eTap AXS MAXXIS Rambler EXO TR 700x40C 6.699 €
ROSE Backroad GRX RX810 Di2
(Zum Test)
8,79 kg
(in 57)
Shimano GRX RX810 Di2 Schwalbe G-One All-Round TLE 700x40C 3.199 €
Santa Cruz Stigmata CC
(Zum Test)
8,10 kg
(in 56)
SRAM Force eTap AXS mit SRAM Eagle eTap AXS Schaltwerk MAXXIS Ravager 700x40C 6.199 €
Specialized Turbo Creo SL Expert EVO (Zum Test) 13,34 kg
(in L)
Shimano Deore XT Di2 Pathfinder Pro 2Bliss Ready, 700x38C 8.499 €
Standert Pfadfinder
(Zum Test)
9,12 kg
(in 58)
SRAM Force eTap AXS WTB Exposure 700x32C 4.299 €
Trek Domane SLR 9 eTap
(Zum Test)
8,08 kg
(in 56)
SRAM RED eTap AXS Bontrager R3 TR, 700x32C 11.299 €

Wie ihr seht, haben wir auch für diesen Vergleichstest über den Tellerrand geschaut und uns nicht von limitierenden Kategoriebezeichnungen einschränken lassen. Denn das wäre nicht nur unvollständig, sondern auch realitätsfremd – immerhin wollen viele Biker einfach nur ein Offroad-taugliches Rad mit Rennlenker finden. Würden wir uns bei der Suche nach dem besten Gravel-Bike an einer bestimmten Laufraddimension, Materialzusammensetzung, Preisklasse oder Schaltgruppenbauweise aufhängen, könnten wir auch gleich bei der Suche nach dem besten Wein nur die Sorten mit dem höchsten Alkoholgehalt vergleichen. Wäre zwar auch lustig für uns, aber im Ergebnis falsch …

Du hast das Gravel-Bike, das dich interessiert nicht gefunden? Hier sind alle Gravel-Bikes, die wir in den letzten Jahren getestet haben und die nicht ihren Weg in unseren aktuellen Vergleichstest gefunden haben: DARE GFX S8Canyon Grail CF SLX 8.0 Di2CENTURION Backfire Carbon 4000GHOST ENDLESS ROAD RAGE 8.7Lauf True GritMERIDA MISSION CX 8000ROSE BACKROAD ULTEGRA Di2SCOTT Addict Gravel 10Festka One GravelLegor Cicli LWTUAMerida Silex 9000Moots Routt RSLOpen U.P.Rondo Ruut CF2Salsa Cutthroat Force 1Specialized Diverge CompSpecialized Sequoia EliteTrek Crockett 7 DiscTrek Procaliber 9.9 SL RSLVotec VRX Elite

Wo haben wir getestet?

Verborgene Schotterpisten fernab der Zivilisation und steppendurchquerende Trampelpfade in Kirgistan sind nicht selten Schauplatz atemberaubender Image-Kampagnen, die uns das Gefühl der ultimativen Gravel-Freiheit vermitteln wollen – und doch finden sich die „Groads (Gravel Roads) less travelled“ eben auch in heimischen Gefilden. Um zum GRAN FONDO-Testrevier zu gelangen, benötigten wir daher keinen Transkontinentalflug, sondern lediglich eine 2,5-stündige Autofahrt. Das Ziel: die Fränkische Toskana, auch bekannt als Gravel-Paradies Haßberge! Zwischen Schweinfurt und Bayreuth erstreckt sich diese am dünnsten besiedelte Region Bayerns.

„Während unseres Tests waren wir zu Gast im Brauhaus 3. Ein idealer Ausgangspunkt für Gravel-Fans und Genießer!“

Dort findet sich nicht nur ein scheinbar unendliches Schotterwegenetz, sondern auch die friedliche Koexistenz von hervorragender deutscher Bier- und Weinkultur. Im Grenzgebiet zwischen Unter- und Oberfranken haben wir auf einem ca. 20 km langen Rundkurs alles gefunden, was das Bike-Tester-Herz begehrt: feinste Schotterpisten, loses Gelände, Feldwege, Singletrails, gnadenloses Kopfsteinpflaster, aufgebrochene Straßen und autofreie Asphaltträume.

Wer hat getestet und wie definieren Tester Fahrspaß?

Ben, Chefredakteur GRAN FONDO, Wikinger, Gravel-Commuter
Auf meinem Arbeitsweg zwischen Stuttgart und Leonberg ist das Gravel-Bike die erste Wahl. Mal entspannt, mal auf Zug – Fahrspaß beginnt, wenn das Rad zuverlässig und möglichst vielseitig ist. Der nächste Bikepacking-Trip kommt bestimmt!
Robin, Unternehmer, Ex-MTB-Worldcup-Fahrer, Genießer
Wenn die heimischen Trails auf dem MTB langweilig werden, steige ich aufs Gravel-Bike – alte Liebe rostet nicht! Auf dem Weg in den heiligen Gravel-Wald will ich jedoch bereits auf meine Kosten kommen und auf dem Asphalt Gas geben.
Max, CEO, Cross-Country-Koryphäe, kein Mustermann
Fahrspaß bedeutet für mich abschalten. Auf der Feierabendrunde möchte ich den Kopf frei kriegen und weder von Pannen noch von klappernden Zügen genervt werden. Zuverlässigkeit und Komfort sind mir dabei genauso wichtig wie der Look.
Nina, Studentin, Gravel-Neuling, steht immer noch auf naturtrübe Radler
Fernab der Hauptstraßen kann ich das Fahren voll genießen, ohne gestresst zu werden. Eine bequeme Sitzposition und ein laufruhiges Handling stehen bei mir hoch im Kurs, technisches Gelände hingegen gar nicht.
Thomas, Vanlifer, Multitalent, drückt 110 kg auf der Hantelbank
Für den Weg zur Arbeit oder die Runde mit Freunden ist das Gravel-Bike meine erste Wahl. Während ich auf dem Rennrad viel trainiere, stehen für mich hier das Erlebnis und der Flow im Vordergrund! Kontrolle und Komfort sind mir wichtig.
Harry, Designer, Gravel-Rakete und Familienvater
Alles oder nichts! Die Gravel-Autobahn hat kein Tempolimit und ist meistens frei. Hier kann ich mich austoben und meinen Spaß haben. Berufsbedingt lege ich großen Wert auf Ästhetik. Ein stylishes Bike motiviert und begeistert mich zusätzlich!
Javi, Fotograf und Stuntman, liebt alles mit zwei Rädern
Das Gravel-Bike meiner Träume ist wie mein erstes Motorrad: pure Freiheit auf zwei Rädern. Beim Entdecken neuer Gegenden will ich die Umgebung aufsaugen können und den Kopf frei bekommen. Tranquilo, tío, ¿vale?

Was macht das beste Gravel-Bike aus?

Ein hohes Maß an Sicherheit und optimale Allround-Eigenschaften zeichnen ein gutes Gravel-Bike ebenso aus wie eine gehörige Portion Komfort für lange Stunden im Sattel! Um für unterschiedlichste Einsatzgebiete gewappnet zu sein, sollte das Bike natürlich auch über eine gewisse Leichtfüßigkeit und Agilität für die schnelle Feierabendrunde und ausreichend Anpassungsfähigkeit für das mehrtägige Abenteuer oder den alltäglichen Commute verfügen. Außerdem funktioniert das ideale Gravel-Bike nicht nur tadellos, sondern punktet auch in Sachen Verarbeitung und Style. Denn wenn man schon mal etwas macht, kann man es auch gleich richtig machen. Die Summe aller vorangehenden Punkte ergibt letztlich das übergeordnete und wichtigste Kriterium: Fahrspaß! Laborwert-Fetischisten mögen sich jetzt stirnrunzelnd fragen, ob man das messen kann und die Antwort ist ein klares Ja. Im Folgenden haben wir die einzelnen Kriterien zu diesem Zweck aufgeschlüsselt.

Sicherheit, Kontrolle und Vertrauen

… sind besonders dann wichtig, wenn man die perfekten Untergründe verlässt und sich auf Entdeckertour ins Unbekannte begibt. Dabei hilft ein einfach zu kontrollierendes Bike dem Fahrer nicht nur, entspannter ans Ziel zu kommen, sondern auch, die Fahrt selbst mehr zu genießen und sich auf das Erlebnis statt auf die Bewältigung der nächsten Kurven zu konzentrieren. Ein laufruhiges und intuitives Handling und einfach zu modulierende Bremsen sind dabei genauso wichtig wie eine ausbalancierte Gewichtsverteilung auf dem Bike und genügend Grip in jeder Situation. Außerdem sollte das Bike belastbar und zuverlässig sein. Denn nur wer sich zu 100 % auf sein Material verlassen kann, kann ohne Bedenken Neues entdecken und sicher ans Ziel kommen.

Das Handling von Gravel-Bikes

In Sachen Handling haben wir darauf geachtet, wie agil ein Bike auf einer Skala von quirlig/verspielt bis laufruhig/träge ist. Wird es bei schnellen Richtungswechseln unruhig oder schaukelt es sich gar auf? Wie werden die Lenkimpulse des Fahrers umgesetzt und wie verändert sich das Kurvenverhalten des Bikes auf unterschiedlichen Untergründen? Ein gutes Gravel-Bike zeichnet sich durch eine gelungene Mischung aus Agilität und Laufruhe aus. Die Impulse des Fahrers sollten direkt umgesetzt werden, ohne unruhig zu werden. Dabei spielt eine clevere Balance aus Gewichtsverteilung, Sitzposition, Geometrie und Verwindungssteifigkeit des Rahmensets die entscheidende Rolle.

Beschleunigung und Speed

Egal ob beim Antritt vor dem Brauhaus, beim kurzen Sprint am Gegenhang oder bei der Highspeed-Attacke auf dem Feldweg: Ein leichtfüßiges Bike generiert Vortrieb und damit Glücksgefühle. Hier ist ein geringes Massenträgheitsmoment ebenso wichtig wie die Gewichtsverteilung. Auch das Profil der Reifen spielt eine bedeutende Rolle. Außerdem sollte sich das Rad nicht nur schnell beschleunigen, sondern auch effizient auf Geschwindigkeit halten lassen. Denn auf dem Gravel-Ride will man natürlich die Natur genießen, aber hin und wieder auch verschiedene Landstriche durchqueren, wenn einem danach der Sinn steht. Ähnlich wie beim Rennrad macht hier erst die richtige Balance aus Gewichtsverteilung und Sitzposition das Gesamtpaket stimmig. Denn die Kombination aus geringem Luftwiderstand von Fahrer und Gravel-Bike und einer höheren Massenträgheit von etwas schwereren und tieferen Felgen sorgt für ein hohes Momentum – für den flinken Antritt ist sie jedoch kontraproduktiv. Letztlich spielen die persönlichen Vorlieben eine große Rolle: Soll es ein bisschen mehr Carbon-Bling und sportliche Performance sein oder legt man den Fokus auf metallische Robustheit und Zuverlässigkeit?

Der Komfort von Gravel-Bikes

Zu viel Compliance kann aus jeder noch so schönen Tour einen schwammigen Alptraum machen. Das Gleiche gilt allerdings für das Fehlen von Komfort. Für uns war daher ausschlaggebend, das Komfortlevel des gesamten Bikes zu betrachten. Folglich ging es uns nicht um die Ergonomie von Kontaktpunkten wie dem Sattel, denn hier sind persönliche Vorlieben entscheidend. Vielmehr war uns das Dämpfungsverhalten des Systems wichtig – das Zusammenspiel aus der Eigendämpfung von Reifen sowie Rahmen-Set und der Compliance sämtlicher Anbauteile. Dabei ist nicht maximale Nachgiebigkeit entscheidend, sondern ein ausbalanciertes Maß an Komfort. So kann beispielsweise ein sehr steifes Rahmen-Set mit großvolumigen Reifen, einem Cockpit mit viel Compliance und komfortablen Laufrädern harmonieren, während die gleiche Ausstattung bei einem Rahmen-Set mit viel Compliance zu einem undefinierten und schwammigen Fahrgefühl führt. Wichtig ist in diesem Kontext, dass der Komfort mehr als nur eine Quelle hat. Trifft ein sonst sehr straffes Gesamt-Setup beispielsweise auf sehr nachgiebige Laufräder, kann das einen negativen Einfluss auf das Handling des Bikes haben.

Außerdem ist von großer Bedeutung, dass nachgebende Teile gedämpft sind. Folglich dämpft ein gutes Gravel-Bike effektiv, ohne dabei undefiniert zu sein – es federt also gedämpft zurück und schnippt nicht wie eine Sprungfeder zurück in die Ausgangsposition. Ungedämpfte Nachgiebigkeit führt hingegen dazu, dass sich das Bike eher aufschaukelt und den Fahrer mehr strapaziert, als ihn zu entlasten. Durch das richtige Maß an Komfort kommt man also nicht nur entspannter ans Ziel, sondern bleibt unterwegs auch frischer und hat in kniffligen Situationen mehr Körner zur Verfügung und mehr Kontrolle über das Bike.

Look und Verarbeitung

Hand aufs Herz: Der Rennradfahrer ist ein eitles Wesen. Und damit meinen wir nicht nur die stylishsten Jersey-Trends, die über die Social-Media-Leinwand flimmern, sondern auch die Dresscodes aller Velominati, Clubrider oder Wochenendhelden. Das alles ist schön und auch gut so. Ein Bike, das nicht nur einen ästhetischen Look, sondern auch eine hohe Verarbeitungs- und Montagequalität hat und harmonisch aufeinander abgestimmte Komponenten besitzt, punktet hier! Ultimativ trägt das Design dazu bei, dass Leute mehr Zeit auf dem Bike verbringen wollen, und wer mehr Zeit im Sattel verbringt, ist ein glücklicherer Mensch. Das folgende Kriterium wird diesen Fakt wissenschaftlich belegen.

Fahrspaß

„Viel hilft viel“ ist wohl für kein anderes Testkriterium ein passenderes Credo als für dieses. Um das genaue Level an Fahrspaß zu ermitteln, haben wir Lupe und Rechenschieber gezückt, ganz genau nachgemessen und tagelang kalkuliert:

(Anzahl der Lachfalten + Anzahl der Freudentränen)
x
(Dreckspritzer auf den Zähnen)²
÷
Fahrzeit
=
Fahrspaß

Easy, oder? Einstein wäre stolz auf unsere Gravelitätstheorie.

Das beste Gravel-Bike 2020 – Liteville 4-ONE MK1

Liteville 4-ONE MK1 | 9,16 kg in L | 4.480 €

Nach weit über 2.000 Testkilometern hieß es schließlich: Rien ne va plus! Letztlich setzte sich das Liteville 4-ONE MK1 gegen die hochkarätige Konkurrenz durch und ergatterte den begehrten Testsieg unseres großen Gravel-Vergleichstests. Warum? Das moderne Konzept des 4-ONE ist stark durch das Mountainbike-Erbe der Marke geprägt. Es generiert mit seinem langen Reach, flachen Lenkwinkel und großen Radstand ein ausgesprochen hohes Maß an Laufruhe und bleibt gleichzeitig durch eine ausgeklügelte Handling-Geometrie und die clevere Komponentenwahl angenehm agil. Mit seiner Leichtfüßigkeit und Effizienz ist es ein spaßiger Allrounder auf und jenseits der Straße!

Tops

  • maximaler Fahrspaß durch perfektes Handling
  • hohes Maß an Vertrauen und Sicherheit
  • clevere Features und innovative Detaillösungen
  • Engineering und Verarbeitungsqualität

Flops

  • mäßiger Komfort

Hier findet ihr den kompletten Test zum Liteville 4-ONE MK1-Gravel-Bike


Das beste günstige Gravel Bike – Canyon Grail AL 7.0

Canyon Grail AL 7 | 9,47 kg in M | 1.499 €

Der GRAN FONDO-Kauftipp geht an das Canyon Grail AL 7.0. Sein vielseitiges Rahmen-Set ist ein idealer Begleiter für die tägliche Gravel-Dosis oder den Bikepacking-Urlaub. Neben dem angenehm ausbalancierten Handling und den durchdachten Features war es auch das Preis-Leistungs-Verhältnis, das die Daumen unserer Tester geschlossen nach oben zeigen ließ. Nur zwei Punkte haben das Canyon von der Pole-Position vertrieben: das eher funktionelle Finish und der große Körpereinsatz im steilen Gelände, der vor allem wegen der Shimano 105-Kompaktkurbel mit 50/34-Kettenblättern nötig wird.

Tops

  • ausbalanciertes Handling
  • hohe Laufruhe
  • zahlreiche Montagemöglichkeiten für Accessoires

Flops

  • Kompaktkurbel in steilen Rampen kräftezehrend
  • vergleichsweise schwerfällige Beschleunigung

Hier findet ihr den kompletten Test zum Canyon Grail AL 7.0-Gravel-Bike


Die Konkurrenz

Argon 18 Dark Matter
(Zum Test)

8,39 kg in S | 6.000 €
Cannondale Topstone Carbon Ultegra RX
(Zum Test)

8,73 kg in L | 3.799 €
Cervélo Áspero
(Zum Test)

8,57 kg in 58 | 6.000 €
Giant Revolt Advanced Pro Force
(Zum Test)

8,24 kg in M/L | 4.499 €
Kona Libre AL
(Zum Test)

10,42 kg in 54 | 1.899 €
OPEN WI.DE.
(Zum Test)

8,28 kg in L | 7.100 €
Pivot Vault Team Force
(Zum Test)

8,34 kg in M | 8.049 €
ROSE BACKROAD GRX RX810 Di2
(Zum Test)

8,79 kg in 57 | 3.199 €
Santa Cruz Stigmata CC
(Zum Test)

8,10 kg in 56 | 6.199 €
Specialized Turbo Creo SL Expert EVO
(Zum Test)

13,34 kg in L | 8.499 €
Standert Pfadfinder
(Zum Test)

9,12 kg in 58 | 4.299 €
Trek Domane SLR 9 eTap
(Zum Test)

8,08 kg in 56 | 11.299 €

Das Fazit

Auch dieses Jahr hat der direkte Vergleich von 14 hochkarätigen Gravel-Bikes der relevantesten internationalen Marken gezeigt, dass ein stimmiges Gesamtkonzept mehr ist als nur die Summe seiner einzelnen Bestandteile. Außerdem hat sich wieder bestätigt, dass es für die Entwicklung eines Offroad-tauglichen Bikes mit Rennlenker mehr braucht, als das Rahmen-Set mit ausreichend Baufreiheit für voluminöse Pneus auszustatten. Doch was genau heißt das für euch? Ein Bike mit Dropbar, das auch mit dem Gelände jenseits befestigter Straßen zurechtkommt, ist nicht automatisch ein Gravel-Bike, sondern im Einzelfall entweder Cyclocross oder Rennrad mit vergleichsweise überdimensionaler Bereifung.

Mehr oder weniger überraschend hat unser umfassender Vergleichstest gezeigt, dass Mountainbike-Firmen häufig besser darin sind, ihre Bike-Konzepte für die Ansprüche des Gravel-Segments zu optimieren. Eigenschaften wie eine hohe Laufruhe, eine weniger gestreckte Sitzposition sowie Vertrauen und Sicherheit zeichnen diese Bikes aus und machen sie zu kompromisslosen Spaßmaschinen auf dem Schotter! Wer jetzt glaubt, dass davon lediglich progressive Gravel-Jünger mit Mountainbike-Hintergrund profitieren, der irrt! Vor allem traditionelle und erfahrene Rennradfahrer sind Nutznießer davon, wenn sich ihr Gravel-Bike eben nicht genauso anfühlt wie das sportlich-steife, im höchsten Maße agile und super präzise Rennrad. Jeder, der von der Straße auf die Schotterpiste, den Feld- oder Waldweg wechselt, sieht sich mit neuen und bisher unbekannten Herausforderungen konfrontiert. Um sich dabei nicht von den stetig wechselnden Boden- bzw. Grip-Beschaffenheiten und plötzlich auftretenden Unebenheiten aus der Ruhe bringen zu lassen, braucht man ein Bike mit mehr Laufruhe – egal ob Gravel-Einsteiger, Rennrad-Veteran, altgedienter Mountainbiker oder Genussfahrer!

Wer sein Gravel-Bike zu 99 % abseits der Straßen bewegt und dabei tief in unbekannte Regionen bzw. Mountainbike-Terrain eintauchen möchte, sollte sich das OPEN WI.DE. genauer ansehen. Sein progressives Konzept verschiebt Grenzen und wartet mit wahnsinniger Offroad-Performance auf alle Hardliner! Wenn der Ausflug auf die Schotterpiste jedoch eher die Ausnahme als die Regel ist und ihr ein komfortables Rad sucht, das euch auf jedem Untergrund schnell und entspannt von A nach B bringt, solltet ihr dem Trek Domane SLR 9 eTap eine Chance geben. Allen Bikepacking-Aspiranten empfehlen wir das grundsolide und mit beinahe unzählbaren Anschraubpunkten versehene Kona Libre AL.

In einem so vielfältigen Feld wie dem Gravel-Markt findet garantiert jeder ein passendes Modell. Das bedeutet zwar nicht, dass jedes Gravel-Bike für jeden Fahrertyp perfekt ist, aber wenn man ehrlich zu sich selbst ist, was den geplanten Einsatzzweck angeht und die Kaufentscheidung bewusst trifft, eröffnet sich eine vollkommen neue Art des Radfahrens. Unser Vergleichstest soll euch die Kaufentscheidung erleichtern und erklärt verständlich, welches Bike zu welchem Fahrertyp passt.

Die Tops und Flops der Gravel-Bikes

Oft sind es die kleinen Details, die den Unterschied machen: gelungene Integration, erstklassige Verarbeitung, innovative Technologien und clever gewählte Komponenten. Hier findet ihr alle Tops und Flops der Bikes aus unserem großen Gravel-Vergleichstest.

Tops

Mach doch, was du willst!
Zahlreiche Anschraubpunkte, die 1×12 SRAM AXS-Schaltgruppe mit 500-%-Übersetzung und fette Pneus – das OPEN WI.DE. ist bereit für das Silk Road Mountain Race!
Packesel
Beim Kona Libre AL stecken die Anschraubpunkte bereits im Namen. Mit schier unendlichen Montagemöglichkeiten für verschiedenste Accessoires wird das Kona zum Gravel-Transporter.
Detailversessen
Beim Direct-Mount-Schaltauge bricht im Notfall die Schraube und der Ersatz ist unter dem Tretlager angebracht; die durch den Schweißprozess entstehenden Toleranzen werden durch Inlets ausgeglichen statt gerade gebogen – das Ausfallende des 4-ONE MK 1 ist ein wahres Sinnbild für Litevilles Liebe zum Detail.
Satteltasche ade
Im Unterrohr des Trek Domane SLR 9 finden Multitool, Reifenheber, Ersatzschlauch und CO-Kartusche Platz.
Komfort trifft persönliche Vorlieben
Das IsoFlex-System am Pivot Vault überzeugt durch seinen hohen Komfort. Die Lieblingssattelstütze in 27,2 mm kann ohne Probleme montiert werden.
Under Cover
Viele Anschraubpunkte am Giant Revolt sind clever versteckt und haben ihr Gewinde in einem Gegenstück aus Metall, das nicht in den Rahmen geklebt ist.

Flops

Mit Nachdruck
Die hydraulische 1×13-Schaltung von Rotor verlangt nach deutlichem Krafteinsatz am Hebel.
Gute Idee
Mit dem Flip-Chip in der Gabel des Cervélo Áspero lässt sich die Agilität des Handlings anpassen. Leider muss beim Verstellen auch die Position des Bremssattels geändert werden. Aus der schnellen Anpassung kann dann schnell eine längere Schrauber-Session werden.
Großes Blatt braucht 8.000 Watt
Mit der 50/34 T-Kompaktkurbel am Canyon Grail AL 7.0 braucht man auf steilen Schotterpisten ordentlich Druck auf dem Pedal. Hier bieten kleinere Kettenblätter deutliche Vorteile.
Statt Klingel
Dank der SRAM AXS-Schaltgruppe laufen am Pivot Vault nur noch zwei Leitungen durch den Rahmen. Ihr lautes Klappern kann jedoch nicht ganz mit der aufgeräumten Optik mithalten.
Nur unter Umständen
Mechanische Scheibenbremsen fristen ein Nischendasein. Zwar sprechen ihre robuste Bauweise und einfache Wartung für sie, doch bleibt ihre Bremsleistung deutlich hinter der hydraulischer Alternativen.
Klangspiel
Die groß dimensionierten Rohrsätze am Rahmen des Cannondale Topstone Carbon sorgen für eine vergleichbar große Geräuschkulisse, wenn sie auf lose Kiesel treffen.

Alle Bikes im Test: Argon 18 Dark Matter | Cannondale Topstone Carbon Ultegra RX | Canyon Grail AL 7.0 | Cervélo Áspero | Giant Revolt Advanced Pro Force | Kona Libre AL | Liteville 4-ONE MK1 | OPEN WI.DE. | Pivot Vault Team Force | ROSE BACKROAD GRX RX810 Di2 | Santa Cruz Stigmata CC | Specialized Turbo Creo SL Expert EVO | Standert Pfadfinder | Trek Domane SLR 9 eTap

Text: Benjamin Topf Fotos: Robin Schmitt, Benjamin Topf