Wie schlägt sich ein Profi-Mountainbike aus dem XC-Worldcup gegen die Gravelbikes? Ist es abseits des Asphalts vielleicht sogar immer die bessere Wahl? Wir haben das Trek Procaliber 9.9 SL Race Shop Limited getestet.

Einen Überblick über das Testfeld erhaltet ihr im Übersichtsartikel: Was ist das beste Gravel Bike 2018? 12 Modelle im Test

Trek Procaliber 9.9 SL
Trek Procaliber 9.9 SL RSL | 9,02 kg | 7.999 €

Trotz Federgabel mit 100 mm Federweg, trotz 2,2″ breiter 29″-Laufräder und trotz seiner Mountainbike-Anbauteile kommt das Bike auf 9,02 kg Gesamtgewicht in Größe 18,5″ – damit spielt das 7.999 € teure Trek Procaliber 9.9 SL im Mittelfeld des Gravelbike-Vergleichstests. Im Vergleich zu anderen XC-Racebikes geht sicherlich noch etwas, aber Gewicht ist ja bekanntlich nicht alles!

Die große Besonderheit am Trek ist die IsoSpeed-Technologie, die man als Roadie bereits vom Madone und Domane kennt. Über ein Gelenk wird das Sitzrohr vom Oberrohr und von den Sitzstreben entkoppelt, um mehr vertikalen Flex und damit Komfort zu erzielen. Beim Procaliber soll der Komfort durch eine mandelförmige Verjüngung im unteren Teil des Sitzrohrs sogar noch verstärkt werden. In der Praxis ist die IsoSpeed-Technologie jedoch nur teilweise spürbar – und das hängt vor allem vom Fahrstil ab. Denn die IsoSpeed-Technologie spielt ihre Vorteile nur dann aus, wenn der Fahrer sitzt. Während Roadies die Pavés von Paris-Roubaix im Sattel plattbügeln, sitzen Mountainbiker deutlich weniger im Sattel. Dementsprechend mögen Mountainbiker im technischen Uphill noch von IsoSpeed profitieren, doch sobald es anspruchsvoller wird, gehen sie ohnehin aus dem Sattel. Außerdem fallen Effekt und Bedeutung dieser Technologie durch das große Volumen der MTB-Reifen generell geringer aus.

Trek Procaliber 9.9 SL

Im Antritt sprintet das Trek Procaliber 9.9 SL sehr leichtfüßig vorwärts, auch wenn die Steifigkeit im Vergleich zum Trek Crockett 7 Disc geringer ausfällt. Die leichten DT Swiss XMC 1200 Carbon-Laufräder in Kombination mit den leicht profilierten Bontrager XR1 Team Issue 29″-Reifen rollen auf Schotter grandios. Im Trail bieten die Reifen eine gute Mischung aus Komfort und Traktion, aber sobald der Untergrund feucht oder weich wird, lassen sie aufgrund ihrer schmalen Seitenstollen etwas Lenkpräzision in Kurven und Traktion im Uphill missen. Hier graben sich die schmalen Cyclocross-Pneus des Trek Crockett deutlich besser in den Untergrund. Im Uphill brilliert das Trek und erklimmt jeden Berg dank der großen Bandbreite der SRAM Eagle-Schaltung, die mit 12 Gängen und einer riesigen 10–50-Kassette eine Bandbreite von sagenhaften 500 % erreicht. Auf der Ebene und in der Schotter-Abfahrt kommt man mit dem 34er-Kettenblatt an der Front jedoch recht schnell an die Grenzen.

Trek Procaliber 9.9 SL
Tuning-Tipp: steifere Gabel und steiferes Vorderrad, definiertere Griffe

Die geringe Lenkpräzision ist der größte Kritikpunkt, den die Test-Crew äußerte. Die Ursache sind der weiche Carbonrahmen, die recht weichen Carbonlaufräder sowie die Fox Factory 32 Float, die aufgrund ihrer sehr schmalen Bauweise kaum verwindungssteif ist. Dass die Gabel am Limit konstruiert wurde, verdeutlicht die stufenförmige Aussparung am Gabelende, die Platz für die Bremsscheibe schafft und der Fox 32 den Modellbezeichnungszusatz Step-Cast einbringt. Die weichen Moosgummi-Griffe reduzieren die Präzision ebenfalls – zumindest für sensible Roadie-Hände. Klingt komisch, is‘ aber so: Auf gemäßigten Singletrails und auf Schotterstraßen bevorzugten alle Tester deshalb das Trek Crockett Disc oder andere Gravelbikes. Erst bei technischen Singletrails kommen die Vorteile der trailorientierten Geometrie, des 720 mm breiten Flatbars und der 100-mm-Federgabel zum Tragen.

Trek Procaliber 9.9 SL Trek Procaliber 9.9 SL
Trek Procaliber 9.9 SL
Die erhöhte Fahrsicherheit hätte das schlagende Argument gegenüber Gravelbikes sein sollen…

Das von uns getestete Topmodell trägt SL in der Modellbezeichnung, was darauf hinweist, dass ein höherwertiges Carbon bzw. besseres Carbon-Layup zum Einsatz kommt. So sollen 250 g gegenüber dem regulären Carbon-Procaliber gespart werden. Zudem verfügt das Topmodell über die Control Freak-Zugführung, dank der die Kabel clean und sicher verlegt sind – sehr schön gelöst! Ein weiterer Bonus ist, dass Trek je nach Rahmengröße unterschiedliche Laufradgrößen verbaut, um kleineren Fahrern ein besseres Handling zu bieten: Bis Größe 15,5″ sind 27,5″-Laufräder verbaut.

Trek Procaliber 9.9 SL
Helm POC Octal Raceday | Brille 100% Speedcraft | Jersey Mavic Crossride | Shorts Mavic Crossride | Socken Stance Empower | Schuhe Giro Empire VR90

Das Trek Procaliber 9.9 SL RSL im Detail

Schaltung SRAM XX1 Eagle
Laufradsatz DT Swiss XMC1200 Carbon
Bremsen SRAM Level Ultimate
Reifen Bontrager XR1 Team Issue
Gewicht 9,02 kg
Preis 7.999 €

Trek Procaliber 9.9 SL
Weiche Front: Die Kombination aus weichen Carbon-Laufrädern, leicht-profilierten Reifen und kaum verwindungssteifer Gabel reduziert die Lenkpräzision und Sicherheit.
Trek Procaliber 9.9 SL
IsoSpeed-Technologie: Über ein Gelenk wird das Sitzrohr von Oberrohr und Sitzstreben entkoppelt, um mehr vertikalen Flex zu ermöglichen.
Trek Procaliber 9.9 SL
Die Fox Factory 32 Float lässt sich vom Lenker aus blockieren bzw. in zwei Druckstufen-Positionen justieren. An unserem Testmodell hakte die Einstellung.
Trek Procaliber 9.9 SL
Sehr schön: Die Control Freak-Zugverlegung sorgt für Ordnung und einen cleanen Look!

Die Geometrie des Trek Procaliber 9.9 SL RSL

Trek Procaliber 9.9 SL Trek Procaliber 9.9 SL

Fazit

Die Traumoptik und die vielen cleveren Details können die geringe Lenkpräzision des Trek Procaliber 9.9 SL leider nicht wettmachen. Die erhöhte Fahrsicherheit hätte das schlagende Argument gegenüber Gravelbikes sein sollen, wird in diesem Falle jedoch nur im technischen Gelände erreicht. Mit Änderungen in der Ausstattung könnte man zwar eine steifere Front erreichen. Wer jedoch maximalen Gravel-Spaß auf Schotterstraßen und flowigen Singletrails will, ist mit dem Trek Crockett Disc aus diesem Vergleichstest besser beraten – insbesondere als Roadie, der auf messerscharfe Präzision und ein ehrliches, direktes Feedback vertraut.

Stärken

– SRAM Eagle
– größenabhängige Laufradgrößen
– Control Freak-Zugführung

Schwächen

– geringe Lenkpräzision
– weiche Laufräder


Mehr Infos findet ihr unter: trekbikes.com

Einen Überblick über das Testfeld erhaltet ihr im Übersichtsartikel: Was ist das beste Gravel Bike 2018? 12 Modelle im Test

Alle Bikes im Test: Festka One Gravel | Legor Cicli LWTUA | Merida Silex 9000 | Moots Routt RSL | Open U.P. | Rondo Ruut CF2Salsa Cutthroat Force 1 | Specialized Diverge Comp | Specialized Sequoia Elite | Trek Crockett 7 Disc | Votec VRX Elite

Text: Robin Schmitt, Manuel Buck, Benjamin Topf, Hannah Troop Fotos: Valentin Rühl