Barcelona, Berlin, Bangkok – die bekanntesten Metropolen der Welt haben einiges gemeinsam, sind sie doch alle Schmelztiegel von Kunst, Kulturen und Charakteren. Kataloniens Hauptstadt bietet nicht nur Architektur des Modernisme, sondern auch eine perfekte Kulisse für deinen nächsten Bike-Trip.

Während man sich die letzten Winterwochen im Norden Europas mit langen Schutzblechen oder Zwift um die Ohren schlägt, sieht der Bike-Alltag rund um den 40. Breitengrad etwas anders aus: In Katalonien können selbst zwischen November und März die Thermo-Bibs und Langfingerhandschuhe meist zu Hause bleiben. Eine traumhaft heile Welt für alle Trainings-Opportunisten, Wochenendhelden und Genussradler zwischen Pyrenäen und Costa Brava. Auch wenn die Wassertemperatur im Winter nicht direkt zum Baden einlädt, konnten wir nicht anders, als der deutschen Tristesse wenigstens für ein paar Tage zu entfliehen und dem brandneuen FOCUS IZALCO MAX auf den Straßen rund um die Gaudí-Kathedrale Sagrada Família die Sporen zu geben. Okay, so richtig kann man dem Bike in der Innenstadt Barcelonas meistens nicht die Sporen geben – der Verkehr lädt eher zum Spazierengehen als zum Radfahren ein. Davon solltet ihr euch aber nicht aufhalten lassen: Ein Bummel durch das Zentrum ist ein Muss, schon allein wegen der zahlreichen Gaudí-Bauwerke.

Vom Strand sieht man die Berge, von den Gipfeln das Meer – ein überdimensionaler Spielplatz

Da das verfügbare Tageslicht auch in südlichen Gefilden während der Wintermonate ein rares Gut ist, ging es für uns früh aus den Federn und rein in Bibs. Die Zeit für einen kleinen Espresso wollten wir uns natürlich trotzdem nicht nehmen lassen und so stiegen wir mit ausgeglichenen Koffein-Spiegeln auf die Bikes und starteten vom Plaça Catalunya in Richtung Montserrat. Während der ersten Kilometer durch das morgendliche Barcelona mussten wir uns die Straße lediglich mit einer Hand voll Autos teilen und so konnten wir die ersten Ampelsprints ungestört unter uns ausmachen. Nachdem wir es einmal aus der Stadt herausgeschafft hatten, blieb auf der ca. 45 km langen Anfahrt in Richtung Montserrat genügend Zeit für den einen oder anderen Plausch. Entlang des Llobregat, des zweitlängsten Flusses in Katalonien, ging es die letzten Kilometer in der Ebene in Richtung erster Bergwertung.

Die Gipfel des 1.040 m hohen Serrat del Moro dominierten schon seit einer Weile den Horizont und wir fuhren durch eine mystische Kulisse, an Wiesen vorbei, die vom Morgentau benetzt in der Sonne glitzerten, durch das tiefe Grün immer dichterer Wälder. Der Anstieg selbst gehört mit ca. 600 hm auf ca. 10 km nicht zu den anspruchsvollsten Kletterpassagen Europas, weiß jedoch mit seinen bis zu 18 % steilen Rampen zwischenzeitlich zuzubeißen. Wer hier während der Sommermonate oder am Wochenende ungestört die Aussicht genießen will, dem wird der Verkehr einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Unter der Woche und vor allem im Winter hält sich der Strom an Touristen, welche die Anfahrt zum Kloster lieber mit Bussen und Autos bestreiten, jedoch in Grenzen.

Paint your front door red and white.
Fill your pockets with lead and silver.
Now the sea will rise and boil.
When we give our bodies to the red rock soil.
When the sun goes down on southern Barcelona.
Every child will turn to stone.
Unser Hymne des Tages von
The Builders and the Butchers – Barcelona

Vielleicht kennt ihr dieses unwohle Gefühl in der Magengegend: Wir hatten noch nicht die Hälfte des Rides geschafft und trotzdem fühlten sich unsere Beine bereits schwer an, der Nacken und die Handballen waren gezeichnet von den letzten 3 h. Höchste Zeit, kurz innezuhalten und ein wenig Ruhe zu tanken. Wie gerufen erschien das Kloster Montserrat an unserem Weg und wir schlenderten erst mal eine Weile um die wuchtigen Gemäuer herum, die sich an den Berg schmiegen, als müssten sie sich dort festhalten. Erbaut im 11. Jahrhundert, beherbergt es bis zum heutigen Tag 70 Mönche. Kein Wunder: Bei der Aussicht kann man es schon ganz gut aushalten. Doch an diesem Tag wartete nicht das Seelenheil auf uns, sondern erst einmal ein kurvenreicher Downhill auf perfektem Asphalt. Formationsflug!

Der Weg nach Terrassa führte durch mediterrane Mischwälder über wellige Anstiege, bis wir in der Industriestadt ankamen und die Zeit reif war für eine ausgedehnte Mittagspause und letzte Stärkung vor dem großen Finale. Terrassa ist die drittgrößte Stadt Kataloniens und wartet nicht nur mit zahlreichen Cafés auf, sondern auch mit beachtlichen architektonischen Schätzen, wie dem ehemaligen Industriellenwohnhaus Masia Freixa in blütenreinem Weiß oder der mittelalterlichen Kirche Sant Miquel. Außerdem macht das katalanische Städtchen mit einem jährlichen Jazz-Festival von sich Reden.

Nach 100 km erreichten wir schließlich den letzten Anstieg des Tages auf den Tibidabo, Barcelonas 512 m hohen Hausberg mit Freizeitpark auf dem Gipfel. Die Steigungsgrade blieben einstellig und so versammelten wir uns einigermaßen entspannt vor dem Riesenrad zum obligatorischen Gipfel-Selfie. Die Aussicht auf Barcelona ist von hier aus atemberaubend und gibt den Blick auf die rasterförmige Struktur der Stadt frei.

Wer die Bikes nicht mit ins Café nehmen kannn, sollte ein wachsames Auge haben – Langfinger-Alarm!

Entgegen der meisten Routen nahmen wir nicht den östlichen Downhill über Rabassada in Richtung Stadtmitte, sondern fuhren in westlicher Richtung über Vallvidrera ab. Kurzer Espresso-Halt bei unserem alten Bekannten Fer von On Y Va, dann ging es weiter zu unserem liebsten Café von ganz Barcelona. Manager Gil erwartete uns bereits im Ugot und ist es in seiner Bruncherie gewöhnt, hungrige Radler mit mediterranen Köstlichkeiten zu verwöhnen. „Egg Benedict? Yes, please!“ Nach knapp 120 km und gut 2.000 hm endete unser erster Tag hier vor der Flamingo-Tapete.

Falls ihr die Route selbst nachfahren möchtet, findet ihr die GPS-Datei hier. Und wenn ihr euch fragt, was ihr am besten an Tag zwei in der Stadt unternehmen könnt, dann sei euch gesagt: Lasst den sportlichen Ehrgeiz einfach Ehrgeiz sein! Ein kleiner Ride über Rabassada hoch zum Tibidabo und zurück in die Stadt reicht auch, um die Beine auszuschütteln. Schaut euch einmal den Hafen an, schnappt euch eine Pizza im Parking Pizza und kehrt dann für den After-Ride-Drink in der Bar 33/45 ein – die Bikes kann man hier sogar mit reinnehmen.

Auch wenn wir schon unzählige Male unser Herz an diese Stadt verloren haben, faszinieren uns bei jedem Besuch erneut ihre mühelos coolen Bewohner, ihre Architektur, ihr Essen und ihr spezieller Vibe, der zwischen Aufbruchsstimmung und südeuropäischen Müßiggang allzu ansteckend ist. Also nichts wie auf nach Barcelona!


Dieser Artikel ist aus GRAN FONDO Ausgabe #011

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Text: Benjamin Topf Fotos: Alex de Cortada, Benjamin Topf