Anke Know How News Video

How To fahrRad #21: Ego versus Akku – Auf der „Route 1291“ durch Swissneyland


Als @anke_is_awesome die Einladung zu einem E-Bike-Trip durch die Schweiz bekam, war sie vor allem eins: beleidigt. Sich mit Batterie die Berge raufschummeln, geht schließlich gegen den sportlichen Ehrencodex. Als sie aus Luzern zurückkam, war sie aber vor allem eins: begeistert. Über eine Tour mit inhaltlichen und straßenbedingten Wendungen, über den Furka-, Grimsel- und Brünigpass. Die Route 1291 bei „How To fahrRad“.

Die meisten YouTube-Videos übers Radfahren entstehen auf möglichst beeindruckenden Routen. (Überquerung eines Gebirges, Erreichen eines besonders abgelegenen Ortes, oder gleich: die Weltumrundung. Hin und zurück.) Und sie singen ein Loblied auf den Schmerz. Hungerast und wunde Hintern, Tränen und mentale Tiefpunkte, Powergel und dann: pures Glück am Ziel. Der Sieg des Individuums über den Muskelkater – bis jemand kommt, der noch etwas Heftigeres macht.

Unter mir zieht aktuell der Furkapass vorbei. Und zwar keineswegs heftig. Weit hinten im Tal liegt Andermatt, während ich bei zweistelligen Prozent Steigung nicht nur touristenhaft entspannt in die Ferne glotze, sondern sogar noch genug Puste habe, um mich nebenbei zu unterhalten. Das habe ich allerdings nicht den Watt in meinen Waden zu verdanken, sondern meinem Akku. Und das ist das Problem.

Atemberaubende Landschaft gibt es normalerweise nicht ohne Atemnot. Höhenmeter muss man sich erarbeiten! Kein Schweiß, keine Aussicht! Das ist das Credo in dem Teil der Fahrradwelt, in dem ich mich normalerweise bewege. Wo Menschen Socken mit der Aufschrift „Shut up, legs!“ oder „Pain is temporary“ tragen. Im Gegensatz dazu, ist das Einzige, was für mich momentan schmerzhaft ist, die Tatsache, dass die Besitzer des Vier-Sterne-Hotels, in dem ich gestern mein vollgepacktes Rad geparkt und die Klickschuhe gegen Spa-Slipper getauscht habe, keinen Sohn im heiratsfähigen Alter haben. Mit Batterie am Rad hat man schließlich auch genug Kapazität im Kopf, um bei so einer Aussicht die Einbürgerung gedanklich durchzuspielen.

Welcome to Swissneyland

Ganz ehrlich: Die Schweiz ist eine Frechheit. Das muss man an dieser Stelle einmal so offen sagen. An kaum einem anderen Fleckchen Erde wurde auf so kleiner Fläche so exzessiv mit Bilderbuch-Seen und Postkarten-Bergen um sich geworfen wie hier. Und in der Zentralschweiz, zwischen Luzern und Andermatt, hat man den Überfluss an Naturspektakeln erst recht auf die Spitze getrieben.

Und zwar wortwörtlich: Für Radfahrer, die bergauf gern an ihre physischen Grenzen gehen, gibt es hier perfekte Bedingungen. Für alle anderen, die eher durch ihre Physis begrenzt werden, das genaue Gegenteil. Als halbwegs ambitionierte Frau, die aber dummerweise mit Zweitkreuzband und Rückenschaden unterwegs ist, befinde ich mich genau zwischen den beiden Extremen: Zu lädiert für Badlands, aber zu motiviert für Nordic Walking. Welche Geschichte übers Radfahren soll ich da erzählen? Na, die über die „Route 1291“ zum Beispiel.

In offiziell 7 Etappen führt die Rundtour durch die Region Luzern-Vierwaldstättersee. Und ist explizit für E-Bikes konzipiert. Okay, es gibt genug Leute, die die 385 Kilometer und 8.000 Höhenmeter ohne Akku fahren. Und zwar am Stück. Geht natürlich alles, aber dann würde man wahrscheinlich nicht so entspannt bei der Alp Galenstock Pause machen und den hausgemachten Käse in die Satteltasche packen wie ich gerade. Nur dumm, dass da nicht mehr viel Platz ist, wegen dem hausgemachten Schnaps vom Haldihof.

Das ist schließlich die Crux beim Kilometer- und Höhenmeter-Sammeln: wenn die Schnelligkeit im Vordergrund steht, bleiben ganz zwangsläufig andere Dinge auf der Strecke. Käse zum Beispiel. Oder Schoki. Oder Willisauer Ringli, die bockharten Zuckergebäck-Kringel, die man traditionell mit dem Ellenbogen zerbricht und dann auf der Zunge schmelzen lässt. Ich weiß das, weil ich dort ebenfalls angehalten und auch ohne Unterzucker die Kohlenhydratspeicher wieder aufgefüllt habe.

Die Route 1291 nennt sich schließlich nicht ohne Grund ganz bescheiden „Die beste E-Bike-Tour der Schweiz.“ Das liegt auch daran, dass nicht nur das Panorama schwer zu überbieten ist, sondern auch die Boxenstopps. Während bei Bikepacking-Rennen in abgelegenen Gefilden oft die größte Herausforderung ist, genug Verpflegung auf der Strecke zu finden, ist es hier eine Leistung, n-i-c-h-t ständig anzuhalten und sich noch einen Griff in die vielen Verpflegungsstationen zu gönnen, die von lokalen Herstellern bestückt und mit Kassen auf Vertrauensbasis rund um die Uhr gegen den Hungerast bereitstehen. Zum Glück pedaliert es sich mit Akku auch dann leichter, wenn die Wampe gefühlt auf dem Oberrohr hängt.

Turbo ja, Tesla nein

Zugegeben, ich habe mich bei jedem Menschen, den ich überholt habe, schlecht gefühlt. Bei den meisten habe ich mich entschuldigt. Und komischerweise hat niemand mein Angebot angenommen, zu ziehen oder zu schieben. Das schlechte Gewissen, auf den Pässen zu schummeln, während die anderen für die Höhenmeter leiden, das bleibt. Auch wenn die meisten Leute hier ohne das Mehrgewicht von Taschen am Rad unterwegs sind.

Entgegen aller Vorurteile, die ich gegenüber E-Bikes hatte, fährt das Ding aber doch nicht ganz von allein. Dass man wie in dem Zug sitzt, der vorhin neben mir auf der berühmten Teufelsbrücke den Berg hinaufgetuckert ist, ist nämlich Quatsch. Ein E-Bike ist ein Fahrrad und kein Tesla. Und das heißt: ohne Treten rollt nichts.

Zudem gibt es auf der kleinen schwarzen Kommandozentrale ja nicht nur den Turbo, sondern man kann – je nach Motivation in den Beinen – auch auf niedrigster Stufe fahren, oder, kaum zu glauben: ganz ohne Motor. Das freut mein Ego, genauso wie meine Angst vor dem nächsten Anstieg, denn die beiden wechseln sich ebenso regelmäßig ab, wie es auf der Route 1291 bergauf und talwärts geht. Will heißen: ständig.

Während man dem Höhenprofil ansonsten völlig ausgeliefert ist, hat man mit E-Bike immer die Wahl, wie sehr man sich selbst auspowern will, oder doch lieber den Akku. Und diese Wahl kann man jeden Tag aufs Neue treffen, schließlich ist man je nach Länge der Etappen bis zu einer Woche unterwegs, wenn man die gesamte Runde fahren will. Und auch wenn Blutschwitzer jetzt müde lächeln: selbst mit E-Unterstützung sind 400 Kilometer für Normalsterbliche kein totaler Spaziergang.

Was die Planung angeht, kann man allerdings gänzlich faul sein. Während bei selbst organisierten Radreisen oft wochenlange Recherche, Abende vor dem Online-Routenplaner und die Suche nach auf der Strecke gelegenen Unterkünften vorausgeht, liefern die Schweizer das Rundumsorglospaket. GPX-Navigation zum Runterladen, Sightseeing-Highlights samt Verpflegungsstopps und Hotels auf jeder Etappe sind nur einen Klick entfernt.

Sogar einen Gepäcktransport gibt es, wenn man sich sogar die Taschen am Rad sparen will. „Abenteuer sieht anders aus“, höre ich eine leise Stimme in meinem Kopf, die sich von einem Bikepacking-Traum durch Kirgistan offensichtlich doch noch nicht ganz verabschiedet hat.

Als ich das vollgeschwitze Jersey gegen einen Bademantel eintausche, ist die Vorstellung einer Jurte im Nirgendwo allerdings mindestens so schnell verpufft, wie das Aromaöl auf dem Saunastein nebenan. Denn wenn die Schweizer neben Halsbonbons etwas erfunden haben, dann ist es, auch die Entspannung stilvoll zu gestalten – selbst wenn man sich vorher eine salzige Schweißschicht von der Haut peelen muss, weil wir für den Trip zielsicher die heißeste Woche des Jahrhunderts erwischt haben und 36 Grad auch mit Akku die Poren explodieren lassen.

Nur gut, dass der kühle Sprung am Morgen in den absurd türkisfarbenen Vierwaldstättersee lang angehalten hat und am nächsten Tag die Wasserdichtigkeit der Bike-Taschen mit Platzregen getestet wird. Denn die Vielseitigkeit der Tour, die der Tourismusverband vorab so betont hat, wird tatsächlich noch deutlicher, wenn man selbst bei grauem Himmel nicht fassen kann, wie viel Spaß die Abfahrt rund ums berühmte Belvedere macht.

Sightseeing im Sattel

Dass der Ausgangs- und Startpunkt Luzern ein feuchter, weil nicht nur am See, sondern auch am Fluss Reuss gelegener Traum ist, war mir zwar klar. Selten bin ich an so viel Denkmalschutz mit dem Rad vorbeigerollt wie hier. Aber hätte ich meine selbst geplante Route an Burgen wie Schloss Heidegg und klischeeig putzigen Städtchen wie Willisau entlang gelegt? Wahrscheinlich nicht. Kultur war mir ehrlich gesagt auf dem Rad immer relativ schnuppe. Aber bin ich wie ein japanischer Bustourist ganz verzückt zwischen bemalten Häusern, hölzernen Brücken, verzierten Brunnen und spitz betürmten Stiftskirchen herumgesprungen, habe unter Wilhelm-Tell-Statuen posiert und den Speicher meiner Handykamera gesprengt? Aber sicher!

Manchmal muss man eben Dinge ausprobieren um zu merken, dass sie in dem Moment genau das Richtige sind. Ein E-Bike für ein lädiertes Knie. Eine vorgeplante Route für einen stressfreien Trip. Und beides zusammen, um am Ende so erholt nach Hause zu kommen, wie noch nie nach Radtour. Deswegen hat sich auch mein angekratztes Ego recht schnell regeneriert.

Und wenn mein Kreuzband irgendwann doch der Ehrgeiz packt, fahre ich die Route 1291 einfach nochmal ohne „E“ am Bike. Oder halt auch nicht…

Fakten zur Fahrt

  • 385 Kilometer
  • Über 8.000 Höhenmeter
  • Ca. 34 Stunden Fahrzeit
  • Durch 5 Kantone

Eine Portion Allgemeinwissen: Die „Route 1291“ wurde nach dem Gründungsjahr der Schweiz benannt. Rütli-Schwur und so. Schließlich führt sie durch die Wiege der Schweiz. Falls jemand damit bei „Wer wird Millionär“ damit reich werden sollte, bitteschön. Reich an grandiosen Fahrradkilometern wird man hier auf jeden Fall.

Beste Zeit: zwischen Anfang Juli und Ende September. Wichtig: Die Tour ist im Frühling erst möglich, wenn die Pässe geöffnet sind.

Alle Weiteren Infos auf luzern.com

Die GPX-Karten zur Navigation gibt’s in Ankes Collection auf Komoot.

Hier geht’s zur Story hinter dem Projekt.

Hier den YouTube-Kanal abonnieren, und hier ein Follow für @anke_is_awesome dalassen.


Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als GRAN FONDO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die New-Road-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!

Text: Anke Eberhardt Fotos: Julian Rohn