Ist wirklich jedes Ende ein neuer Anfang? Wir haben uns mit David Millar getroffen und mit ihm über neue Wege, über Aufopferung, den Wert von Familie und sein neuestes Projekt gesprochen, das Modelabel Chapter 3.

Nichts geht über einen Cliffhanger am Ende eines Buchkapitels. Dieser Moment, in dem ihr euch in die Seiten krallt, mit den Augen die Worte verschlingt, um so schnell wie möglich herauszufinden, was als Nächstes passiert. Für Radprofis kommt dieser Cliffhanger, dieser „Was-nun“-Moment, am Ende ihrer Racing-Karriere. Bei vielen spielt sich das auf brutal schlichte Weise ab: Sie wachen eines Morgens auf und sind keine Profifahrer mehr. Als David Millar 2014 um sich herum einen allgegenwärtigen Abwärtstrend spürte, musste auch er für sich die Frage beantworten, was als Nächstes kommt. Wir haben David und seinen Geschäftspartner Richard Pearce im neuen Studio ihrer Marke Chapter 3 in Girona besucht, um mehr darüber zu erfahren, wie der Launch einer Klamottenmarke in der heiklen Phase der beruflichen Neuorientierung hilft.

GRAN FONDO Cycling:
David, woher kommt das Konzept hinter Chapter 3?

David:
Ich war mir ganz sicher, dass ich etwas Neues machen und dabei die Beziehungen, die ich über 18 Jahre aufgebaut hatte, nicht einfach vergeuden wollte. Na ja, jedenfalls manche davon. Das ist ziemlich merkwürdig im Profiradrennsport. Als ich gesperrt wurde, habe ich gelernt, dass die Verbindung sehr schnell abreißen kann, deswegen habe ich das so halb erwartet. Ich befand mich bereits in dieser Abwärtsspirale und konnte sehen, wie meine Position schwächer wurde. Da dachte ich mir, warum mache ich nicht was draus und gehe auf diese Leute zu mit einem ganz anderen Vorhaben, setze meinen Namen unter ein längerfristiges Projekt? An dem Punkt kamen Richard und ich ins Gespräch.

Richard sagte, er lese immer diese Interviews mit mir, und dann fragte er mich, was das nächste Kapitel sein würde. Ich sagte: Ich habe verdammt noch mal noch keine Ahnung!

Darauf sagte er: „Warte mal, deine Profikarriere bestand aus zwei Hälften, vor der Sperre und nach der Sperre.“ Das war der Moment, als er die Idee mit Chapter 3 hatte. Das symbolisieren die Striche in unserem Logo. Der rote Strich, das ist die Richtung, in die wir von jetzt an gehen. Chapter 3 ist also etwas, das eigentlich nie aufhört.

GRAN FONDO Cycling:
Wann hast du beschlossen, dass es Zeit für das nächste Kapitel ist?

David:
Ich habe das schon 2013 entschieden. Schließlich wusste ich, was passieren würde, wenn ich es auch nicht in dem Ausmaß erwartet hätte. Es war sehr schräg mit meinem Garmin Slipstream Cannondale Team, keiner von uns Ex-Fahrern hat noch irgendeinen Kontakt mit dem Team. Ich lebe in Girona, wo die Basis des Teams ist – man könnte ja denken, dass ich diese Leute zu unseren Events einlade, wegen der Beziehung, die wir früher zueinander hatten. Aber da ist nichts.

GRAN FONDO Cycling:
Was schon merkwürdig ist, wo sie doch diesen Vibe ausstrahlen, ein freundliches, nettes Team zu sein.

David:
Ja, sie kultivieren diese bestimmte Art von Freundlichkeit, aber keinem der Fahrer ist klar, dass sie komplett raus sind, sobald sie das Team verlassen. Die meisten unserer Markenbotschafter für Chapter 3 sind aus dem alten Team. Wir verstehen, welche Bedeutung Social Media hat, und dass es notwendig ist, eine Gruppe von begeisterten Leuten zusammenzukriegen, die im Internet in der ein oder anderen Weise präsent sind. Wir haben auch über Social-Media-Influencer nachgedacht, aber am Ende wollten wir das Zeug nicht einfach Leuten geben, die 40.000 Follower haben und gut mit Hashtags umgehen können …

GRAN FONDO Cycling:
… und nichts machen außer einem Haufen Selfies?

David:
Ja genau, danke! Das ist genau das, was wir nicht wollten, aber wir wussten, dass wir was machen müssen, also haben wir ein paar Leute kontaktiert und sie gebeten, die Kleidung zu tragen – und zwar Leute, mit denen wir im echten Leben auch gern Zeit verbringen würden. Wir wollten eine Art Club um sie herum erschaffen. Wir nennen das den „Sporting Club 3“, unseren Club der Botschafter. Die meisten von ihnen sind ehemalige Teamkollegen. Dadurch war es ein bisschen so, als würde man das alte Team zusammentrommeln: Ryder Hesjedal, Christian Meier, Dave Zabriskie, Thomas Dekker. Der einzige, der kein ehemaliger Teamkollege ist, ist Baden Cooke, aber wir waren beste Freunde und sind in den frühen 2000ern zusammen gefahren.

GRAN FONDO Cycling:
Du hast gesagt, das Radfahren habe für so lange Zeit einen großen Teil deines Lebens ausgemacht, dass du dich danach wie ausgeschlossen gefühlt hast. Hattest du nicht das Gefühl, dass du lieber komplett davon weg willst?

David:
Nein. Also für eine Weile schon, aber dann wurde mir klar, dass es dumm wäre, dem den Rücken zu kehren. Ich bereue, was ich getan habe, wozu es mich gebracht hat, aber nicht das Ganze. Ich war wütend, dass ich dafür Drogen genommen habe.

GRAN FONDO Cycling:
Ich meinte eigentlich mehr, wie es mit Cannondale geendet hat.

David:
Oh Gott, nein, das ist einfach nur unglücklich gelaufen. Das ist beispielhaft dafür, was dieser Sport ist. Es ist enttäuschend, dass das auch auf dieser Mikroebene passiert, aber so ist der Sport. Wir haben kein Übergangsprogramm, wir bereiten Sportler nicht auf ihr zukünftiges Leben vor. Die Mehrheit der Fahrer wird einfach im Regen stehen gelassen, das finde ich nicht sehr verantwortungsvoll.

GRAN FONDO Cycling:
Denkst du, dass viele Rennradfahrer gegen Ende ihrer Karriere menschlich abgestumpft sind? Wenn man bedenkt, aus welchen Gründen Menschen mit dem Radfahren anfangen, also das Gefühl von Freiheit, Spaß – der Profisport hat damit ja nur noch wenig zu tun.

David:
Ja, das glaube ich schon. Deshalb habe ich das zweite Buch geschrieben, „The Racer“, denn da geht es ganz klar um Niedergang und Absturz. Wir alle müssen da auf die eine oder andere Weise durch, ob es die Performance ist oder etwas Psychologisches. Es ist nur leider etwas, worüber wir nicht wirklich reden. Für die meisten ist es ein langer Anstieg, aber ein sehr schneller Abstieg. Das Ironische daran ist: Du bist noch an der Spitze, du hast noch diese Maske von Leistung und Erfolg auf, aber innen drin bröckelt schon alles. Das ist die Last des Erfolgs, wenn man weiß, dass man es einfach nicht mehr kann.

GRAN FONDO Cycling:
Wenn es um den Radsport geht, werden ja gerne Begriffe wie „Aufopferung“ in den Mund genommen. Jetzt, wo du dein eigenes Unternehmen hast, was betrachtest du als Opfer?

David:
Ich glaube nicht, dass es eins gibt, und ich glaube nicht an dieses Wort „Aufopferung“. Als ich jünger war, habe ich daran geglaubt. Wenn man in Selbstmitleid und Einsamkeit schwelgt, glaubt man daran. Aber Opfer zu bringen findet auf einer anderen Ebene statt, wenn es wirklich um Leben und Tod und schlimme Dinge geht. Dann muss man für jemand anderen diese Linie überschreiten, das bedeutet wirklich, ein Opfer zu bringen. Aber ansonsten gibt es immer eine Motivation dahinter, etwas zu erreichen, etwas aufzubauen. Es ist doch so: Wenn man sagt, man bringt ein Opfer, weil man etwas erreichen will, dann ist das kein Opfer. Das ist einfach Arbeit – das ist das, was man halt tun muss.

GRAN FONDO Cycling:
Wenn Leute davon sprechen, Opfer zu bringen, dann denken sie vermutlich oft an ihr Privatleben, an ihre Familie. In dieser Hinsicht haben Spitzensportler in ihren Zwanzigern ja schon vieles einstecken müssen, oder? Wird das Team denn tatsächlich zu deiner Familie, zu deinen Freunden?

David:
Früher habe ich das auch mal gesagt, habe mein Team als meine Familie bezeichnet, und dann bekam ich die Sperre und sie haben einfach den Kontakt abgebrochen, diese Leute, die für mich hätten da sein sollen. Und ich dachte mir: Fuck, die sind nicht meine Familie! Von diesem Moment an habe ich nichts und niemanden, der mit der Arbeit zu tun hatte, weiterhin als Familie bezeichnet. Die einzige Familie, die ich habe, ist mein eigen Fleisch und Blut. Immer wenn ich jemanden in einem Interview sagen höre „Sie sind wie meine Familie“, dann denke ich: Fuck, da ist einfach noch nichts Schlimmes passiert, oder?

GRAN FONDO Cycling:
Richard, wie ist das für euch, als Freunde zusammenzuarbeiten und ein Unternehmen aufzubauen?

Richard:
Ich glaube, es ist gut, dass ich mit meinem Hintergrund als Designer und Architekt gewisse Dinge mitbringe, und David bringt seine Racing-Erfahrung mit. Wir beide haben größten Respekt vor dem, was der andere in seinem Bereich macht. Und eine Sache, die David sicher als Erster zugibt: Als wir das hier angefangen haben, einen Betrieb zu führen, Produkte herzustellen und sie zu promoten, da gab es eine ganze Menge, wovon er keine Ahnung hatte.

David:
Oh ich war völlig planlos und völlig naiv… Naivete de Jeunesse (Anm. d. Red.: franz. „die Einfalt der Jugend“)! [lacht]

GRAN FONDO Cycling:
Das muss ein großer Einschnitt für dich sein. Als Profi hattest du immer jemanden, der dir gesagt hat: Für das und das musst du heute aufstehen, das und das musst du heute tun: Jetzt plötzlich hast du das nicht mehr. Jemand hat kürzlich zu mir gesagt: „Finde einen Beruf, den du liebst, und du wirst keinen Tag in deinem Leben mehr arbeiten müssen.“ Was die Leute nicht sagen, ist: Wenn du etwas tust, das du liebst, dann wirst du jeden verdammten Tag in deinem Leben arbeiten.

Richard:
Genau, ganz genau.

David:
Ja, das trifft es wirklich gut, und ich glaube, ich hatte nicht so richtig begriffen, dass ich wieder so viel reisen würde, um diesen Traum zu erfüllen. Ich genieße die ganze kreative Seite wirklich sehr, z. B. arbeite ich gerade an unserer Website, also schreibe ich die ganze Zeit Texte und es fühlt sich für mich nicht nach Arbeit an – bis es anfängt, mein Privatleben zu beeinträchtigen. Wenn ich merke, dass ich meine Frau kaum sehe. Aber dann denke ich wieder: Okay, es ist aber meine Leidenschaft. Deshalb ist es schwer, die richtige Balance zu finden, denn ich habe wirklich Freude daran, zu sehen, wie etwas entsteht. Und ich spüre, dass es jetzt so richtig zu Leben erwacht.

Richard:
Vieles hängt auch damit zusammen, dass wir jetzt das Studio haben. Bis letztes Jahr im November haben wir die Firma im Wesentlichen von meinem Küchentisch in Mile End aus geführt, in London. Damals sagte ich zu David: „Wenn wir wollen, dass dieser Betrieb wächst, dann braucht er ein Zuhause.“ Dann habe ich mich in London umgesehen und kam ins Grübeln: Warte mal, wir machen extrem hochwertige Funktionskleidung für Radfahrer, warum sollten wir ein Designstudio in London aufmachen? Warum machen wir das nicht in Girona? Und natürlich gefiel David die Idee.

GRAN FONDO Cycling:
David, das macht deinen Weg zur Arbeit sicher einfacher.

David:
Naja, jetzt habe ich einen Weg zur Arbeit … [lacht]

Richard:
Hier sind wir ganz nah dran am Peloton, so viele von den Jungs leben hier. Da fühlt es sich einfach besser an, das Studio mitten in Girona zu haben, wo die Leute unsere Produkte zu sehen kriegen, wo wir den Jungs Sachen zum Testen geben können. Deshalb war es sinnvoll, das Geschäft hierher zu verlegen, und es gab uns Raum, das Ganze zu erweitern und zu wachsen.

GRAN FONDO Cycling:
Wie ist es heute für dich, mit den Medien zu tun zu haben, im Vergleich zu deinen Zeiten als Profi?

David:
Es ist viel besser als letztes Jahr. Ich war es irgendwann Leid, immer über dieselben Dinge reden zu müssen. Heute ist das mein Privileg, früher war es eine Verpflichtung dem Team, den Sponsoren und dem Sport gegenüber. Nun geht es ums Geschäft, das ist in Ordnung, es macht mir Spaß, weil ich diese Gespräche gern führe.

GRAN FONDO Cycling:
Fährst du zurzeit viel Rad?

David:
Nein, eigentlich nicht.

GRAN FONDO Cycling:
Hat deine Beziehung dazu gelitten?

David:
Sie hat sich verändert. Aber das liegt einfach daran, dass ich im Moment nicht wirklich Zeit dafür habe. Ich könnte mir schon Zeit nehmen, das mache ich aber nicht. Ich nehme mir Zeit für andere Dinge, für meine Kinder natürlich oder zum Arbeiten.

GRAN FONDO Cycling:
Viele Leute sagen, dass Radfahren für sie ein Ausgleich zur Arbeit ist.

David:
Ja, aber wir sind mitten in der Start-up-Phase. Ich weiß noch, wie ich Paul Smith gefragt habe, wie er es gemacht hat. Und er sagte, dass ihm mal jemand erklärt habe: „Steh einfach früher auf und geh später schlafen.“ Und so macht man es. Bei allem, was ich gerade zu tun habe, habe ich einfach keine Zeit zum Radfahren. Selbst eine Stunde ist im Moment verlorene Zeit.

GRAN FONDO Cycling:
Aber es kann ja auch Zeit sein, in der alles, was um einen rum so passiert, verarbeitet werden und sich zusammenfügen kann.

David:
Ja, aber ich funktioniere so nicht, ich muss einfach arbeiten. Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung, wenn ich Sport mache, ich geh dann einfach in so eine Dauerschleife, das ist sehr unproduktiv. Ich habe mir als Profi jahrelang beigebracht, zu trainieren, ohne zu denken. Als ich anfing, beim Fahren über Sachen nachzudenken, konnte ich nicht mehr trainieren. Ich habe nie Musik gehört, denn die brachte mich zum Nachdenken. Es ging einfach darum, alles abzuschalten, wenn ich trainierte, völlig auf die Performance konzentriert, nur auf den Sport, auf die Atmung, auf das Ziel. Und wenn ich jetzt Sport mache, dann fühlt es sich einfach so an, als ob ich gerade in diesem Moment etwas anderes tun sollte.

GRAN FONDO Cycling:
Es gibt dieses Buch über Menschen, die auf dem Sterbebett liegen und erzählen, wovon sie in ihrem Leben gerne mehr oder weniger getan hätten. Wenn du nur noch 24 Stunden zu leben hättest: Wovon hättest du gern mehr, wovon weniger getan?

David:
Ich bin ziemlich im Frieden mit allem, ich hab alles gemacht, mir geht’s gut.

GRAN FONDO Cycling:
Wirklich?

David:
Ja, total.

Richard:
Du würdest sagen: Scheiß drauf, lass uns ins Pub gehen.

David:
Stimmt, ich habe das komplette Maximum erlebt und ich habe vor langer Zeit aufgehört, Dinge zu bereuen.

GRAN FONDO Cycling:
Das ist gut, wenn man nichts bereut.

David:
Naja, manche Dinge bereue ich schon, versteh mich nicht falsch. Wenn es nichts gibt, was man bereut, dann lernt man nichts. Aber es ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied, ob man mit den Dingen lebt, die man bereut, oder ob man sein Leben danach ausrichtet.

Richard:
Wenn man an eine Wegkreuzung kommt und den einen Weg nimmt, dann weiß man nie, was passiert wäre, wenn man den anderen genommen hätte. Wie kann man es also bereuen? Zum Beispiel wurde mir mal ein wirklich guter Job in Kalifornien angeboten und ich denke oft: Ich könnte jetzt auch in Kalifornien sein, verheiratet sein und drei Kinder haben. Wer weiß? Aber stattdessen sitze ich jetzt mit dem hier in Girona fest! [lacht]

GRAN FONDO Cycling:
David, Richard – vielen Dank für das Gespräch!


Dieser Artikel stammt aus GRAN FONDO Ausgabe #005. Für das beste Lese-Erlebnis empfehlen wir unsere interaktiven Magazin Apps für iPhone & iPad – es lohnt sich! (und ist kostenlos!)

Text: Hannah Troop Fotos: Brazo de Hierro Translation: Cathrin Rieger