Die Gesellschaft verändert sich, Pauschalreisen sind so out wie Filterkaffee mit Kondensmilch und man lechzt nach echten Erlebnissen und Kurzabenteuern. Neue Wege, minimalste Vorbereitung und dabei immer der Nase nach. Was macht Abenteuer aus, was ist der perfekte Ride und wer will den überhaupt?

Laptop statt Ersatzschlauch. Work-Work-Balance ist das Gebot der Stunde.

In einer sich kontinuierlich beschleunigenden Gesellschaft wächst eine Sehnsucht. Ein unstillbares Verlangen, Entscheidungen selbst zu treffen, Kontrolle zu übernehmen und nicht ferngesteuert von Nine-to-five fehlerfrei zu funktionieren. An alle Überpünktlich-Stempler, Längerbleiber und immer Erreichbaren, an alle, die im Balanceakt zwischen Familie und Job versuchen, dem alltäglichen Hamsterrad hin und wieder so weit wie möglich zu entkommen: Es gibt Hoffnung!

Gerade noch das drei Tage alte und lächerlich sparsam belegte Flugzeug-Sandwich…
…in den sonst nüchternen Magen geschlungen, jetzt geht’s direkt ins urbane Fender-Surfen.

Unsere Lösung dafür ist simpel. Von Barcelona nach Girona inklusive Übernachtung: ein Mikrotrip, wie er eben nicht im Buche steht. Es ist doch so, dass die Rides, bei denen quasi nichts nach Plan oder eben alles schiefläuft, die besten Storys sind. Oder habt ihr schon einmal von eurem perfekten Trainings-Ride am Lagerfeuer berichtet? Na eben …

In der katalanischen Blechlawine…
…kommt zwischen Stop-and-go und Abgaswolken…
…weniger Abenteuerlust auf.

„Wo genau geht’s jetzt noch mal hin und wo fahren wir eigentlich lang?“ „Girona. Ich weiß im Groben Bescheid. Pack mal das Nötigste ein… Wir müssen los!“ Eigentlich ist egal, wo es genau langgeht – man ist ja schließlich nicht allein und im Zweifel werden die Mitstreiter den lebkuchengestählten Körper schon irgendwie im Windschatten mitschleifen.

15 km Stadtverkehr auf gelöcherten Straßen, nur um sagen zu können…
…dass man in Barcelona gestartet ist? Am Arsch!

Aber so cool es auch aussieht, wenn sich tätowierte Bike-Messenger auf Stahlbikes durch den zähflüssigen Verkehr schlängeln – wir fragen uns ziemlich schnell: Ist das wirklich die Art des Radfahrens, für die man um 5.30 Uhr in den Flieger steigt?! Wir verzichten deshalb kurzerhand auf Barcelona und steigen in den Zug. Ziel: Lloret de Mar.

Spar dir die Stadt, nimm den Zug, schnapp deine Freunde, scheiß auf den KOM. ¡Fins després, Barcelona! Wir fahren nach Lloret!
Uhren-Check: 15.50 Uhr. 100 km to go. Noch nichts Richtiges gegessen.

Das Radler-Ego ist davon zwar anfangs enttäuscht und fühlt sich betrogen, hatte man sich doch schon ausgemalt, den Kollegen am Montag von der neuesten Heldentat zu berichten. Aber hat man die Küstenstraße mit Autobahncharakter vor Augen, muss man sich letztlich doch eingestehen, dass es schönere Orte zum Radfahren gibt als die spanische Rush-Hour auf fünf Spuren. Und der Spaßfaktor steht einfach mal über dem Protzen vor den Arbeitskollegen. In Blanes endet unsere Zugfahrt und wir sind zurück auf dem Bike.

Über Lloret de Mar und Tossa de Mar nach Girona. Mittlerweile haben wir sogar die Route vor Augen.
Die richtige Ernährung ist Schlüsselfaktor, wenn es um körperliche Höchstleistungen geht…
…Es kommt nicht nur aufs „Was“ an, sondern auch aufs „Wann“: Oreo, Fanta, Chips, Nüsse. Alles auf einmal.
Lloret de Mar…
…hat nicht nur kulinarisch…
…einiges zu bieten..
Zwischen Disco-Reklame und Alkohol-Shop treibt es uns den Blutzuckerspiegel in die Höhe und das Insulin in die Augen. Die Ladys sind aus dem Häuschen.
Vergiss autonomes Fahren…
…autarkes Fahren ist angesagt! Der Wagen rollt.
Einfach mal laufen lassen. Dieser Trip schürt unser Freiheitsgefühl.
Auf der malerischen Küstenstraße rund um Tossa de Mar wird uns wieder klar…
…eshalb wir mitten in der Nacht aufgestanden sind.
Neuer Arbeitstitel: Hard Style an der Costa Blanca…
…von Barceloneiro nach Grindowna.
Sonnenuntergangsfotos: geil! Der Gipfel der Glückseligkeit. Noch 60 km to go und die Erkenntnis: Anscheinend wird es selbst nach dem schönsten Sonnenuntergang kühl und unerwartet dunkel.

Nach reichlich Genuss auf der Küstenstraße um Tossa de Mar lässt sich kaum leugnen, dass der nicht vorhandene Plan, vor Einsetzen der Dunkelheit anzukommen, wohl nicht aufgeht. Egal, wir haben ja Licht … und reichlich Spaß. In Team-Time-Trial-Manier schlagen wir uns bis Girona durch. Unsere Finger spüren wir nicht mehr, aber für den Willkommenstrunk in der Altstadt von Girona reicht es allemal. Bei Zigarettenqualm und Aperol sinnieren wir über den Tag.

Eingefrorene Finger, aber Anstoßen und Kippe…
…halten geht immer..

Manchmal ist es mit Ausflügen wie mit Silvester: Deine Erwartungshaltung ist einfach zu groß – vielleicht ist es die beste Party des ganzen Jahres, aber aufgrund deiner Erwartungen checkst du es einfach nicht. Ist es mit dem perfekt geplanten Ride nicht ganz genau so? Je geringer deine Erwartungen und damit die Vorbereitungen sind, umso größer die Wahrscheinlichkeit, positiv überrascht zu werden. Wir sagen Danke an die Spontaneität, Prost und gute Nacht … oder wo war die nächste Bar?

Text: Benjamin Topf Fotos: Robin Schmitt