
Wilier steht für italienische Eleganz – und das zeigt sich auch beim Rave SLR: edles Purple-Black-Finish, klare Linien, kein überflüssiger Ballast. Doch hinter dem auffälligen Look steckt mehr als nur Show: Das Rave SLR geht im Vergleichstest als sportliches Allroad-Bike mit Grave-Race-Ambitionen an den Start.
Mit knapp 7,6 kg zählt es zu den Leichtgewichten im Testfeld und verzichtet bewusst auf alles, was nicht der reinen Performance dient – etwa Anschraubpunkte für Taschen oder integrierte Staufächer. Die maximale Reifenfreiheit von 42 mm und die verbauten 40-mm-Semi-Slicks sprechen für viel Speed, aber wenig Reserven im Gelände. Mit einem Preis von 10.500 € spielt das Rave SLR zudem preislich ganz oben mit. Reicht der ambivalente Charakter für den rauen Alltag im Gravel-Race-Zirkus?
Zwischen den Welten – Das Wilier Rave SLR im Detail
Anstatt ein komplett neues Race-Gravel-Bike zu entwickeln, greift Wilier beim Rave SLR auf ein bestehendes Allroad-Konzept zurück – und verpasst ihm ein Update in Form von ein paar Millimetern mehr Reifenfreiheit. Mit dieser minimalen Modifikation soll das Rave als einziges Gravel-Race-Bike im Line-up von Wilier nun auch abseits des Asphalts bestehen.
Mit einer maximalen Reifenfreiheit von 42 mm liegt das Rave SLR spürbar unter dem Testfelddurchschnitt von rund 46 mm – und das, obwohl moderne Gravel-Rennen zunehmend auf grobem Terrain und klebrigem Matsch stattfinden. Und auch wenn Reifenfreiheit nicht allein über die Race-Qualitäten eines Bikes entscheidet, zeigt sie doch: Was vor drei Jahren noch modern war, ist heutzutage schon wieder out of date.
Wilier Rave SLR 2022
10.200 €
Ausstattung
Sattelstütze WILIER FILANTE CARBON CUSTOM MADE D-Shaped
Bremsen SRAM RED E1 AX 160 mm
Schaltung SRAM RED XPLR AXS 1 x 13
Kettenblatt 42
Vorbau Z BAR INTEGRATED CARBON CUSTOM MADE 120 mm
Lenker Z BAR INTEGRATED CARBON CUSTOM MADE 420 mm
Laufräder Miche Graff Aero 42 12 x 100 / 12 x 142
Reifen Vittoria Terreno Dry 700 x 40c
Kurbeln SRAM RED XPLR AXS Powermeter 172,5 mm
Kassette SRAM RED XPLR XG-1391-E1 10-46T
Technische Daten
Größe XS S M L XL XXL
Gewicht 7,62 kg
Reifenfreiheit (v/h) 42/42
Besonderheiten
Kein Powermeter
Detaillreiche Lackierung
Allroad- und Gravelbike in einem
Die Ausstattung am Wilier Rave SLR
Die Ausstattung am Wilier Rave SLR wirkt auf den ersten Blick wie ein patriotisches Bekenntnis zur italienischen Herkunft – mit Ausnahme der SRAM RED XPLR AXS stammen fast alle Komponenten aus dem Heimatland des Herstellers. Die 42 mm tiefen Miche Carbo Graff-Aero-Laufräder unterstreichen den Rennanspruch ebenso wie das hauseigene Carbon-Onepiece-Cockpit aus dem Hause Wilier, das mit seinem mattschwarzen Finish nahtlos zum stilvollen Farbkonzept passt. Dafür wirkt es mit 42 cm Breite im Vergleich zu modernen Gravel-Cockpits – wie etwa dem 36 cm schmalen Parapera-Cockpit – fast schon so altmodisch wie die Reifenfreiheit.



Für schnellen Vortrieb auf Asphalt und Schotter sollen die eher schweren Semi-Slick-Reifen Vittoria Terreno Dry in 40 mm sorgen, konnten dafür aber in unserem Gravel-Reifen-Vergleichstest weder durch einen niedrigen Rollwiderstand noch durch viel Grip glänzen.


Die SRAM RED XPLR-Schaltgruppe kommt mit großem 42T-Kettenblatt und 10–46er Kassette auf eine breite Übersetzung von 460 % und bleibt überraschenderweise als einzige im Testfeld ohne Powermeter. Zum Vergleich: Das 3.000 € günstigere ROSE BACKROAD FF bietet denselben Antrieb inklusive Powermeter – ein No-Go für ein Race-Bike jenseits der 10.000 €!
Die Geometrie des Wilier Rave SLR
In der Geometrie zeigt sich das Rave SLR sportlich – die eher gestreckte Sitzposition mit einem Stack-to-Reach-Verhältnis von 1,46 signalisiert Rennambitionen, ohne dabei zu extrem zu wirken. Der Radstand von 1.031 mm liegt im Mittelfeld, ebenso die 423 mm langen Kettenstreben. Im Vergleich zu den besonders wendigen Allroad-Bikes wie dem Parapera Anemos² oder dem Superior XR 9.7 GF mit den sehr kurzen Kettenstreben zeigt das Wilier eine Tendenz zur höheren Laufruhe.
In Summe ergibt das ein hochwertig ausgestattetes Race-Bike, das auf dem Papier einiges verspricht. Doch wie schlägt sich der elegante Italo-Renner auf ruppigem Terrain?
| Größe | XS | S | M | L | XL | XXL |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sattelrohr | 432 mm | 462 mm | 482 mm | 502 mm | 522 mm | 542 mm |
| Oberrohr | 510 mm | 527 mm | 545 mm | 561 mm | 579 mm | 597 mm |
| Steuerrohr | 98 mm | 118 mm | 134 mm | 154 mm | 172 mm | 189 mm |
| Lenkwinkel | 70° | 70° | 71° | 71° | 71.5° | 72° |
| Sitzwinkel | 75° | 74.5° | 74° | 73.5° | 73° | 72.5° |
| Kettenstrebe | 421 mm | 422 mm | 423 mm | 423 mm | 425 mm | 427 mm |
| BB Drop | 45 mm | 48 mm | 50 mm | 52 mm | 54 mm | 56 mm |
| Radstand | 997 mm | 1012 mm | 1017 mm | 1031 mm | 1041 mm | 1051 mm |
| Reach | 370 mm | 377 mm | 384 mm | 391 mm | 398 mm | 405 mm |
| Stack | 513 mm | 532 mm | 551 mm | 570 mm | 589 mm | 608 mm |
Ready to Rave: Das Wilier Rave SLR im Test
Der Charakter des 7,62 kg leichten Rave SLR steckt bereits im Namen: Es will tanzen! Im direkten Vergleich bewegt es sich beim Antritt auf Augenhöhe mit dem Canyon Grail CFR XPLR – das federleichte S-Works Crux zieht jedoch mit seinem Gewichtsvorteil und explosiver Kletterfreude am Berg noch etwas müheloser davon.
Das wendige und direkte Handling ist die große Stärke des Wilier Rave SLR. Enge Kurven meistert es spielerisch, das Handling wirkt lebendig, fast verspielt – deutlich agiler als das eher stoische MERIDA SILEX oder das laufruhige Cannondale SuperX. Diese Agilität ist besonders auf verwinkelten Rennkursen ein Plus, doch auf technischem Terrain wird es schwieriger.
Lila-Schwarz? Das erinnert etwas an Ursula aus Disneys Ariel.
Die 40 mm breiten Vittoria Terreno Dry-Semi-Slick-Reifen bieten besonders auf losem Untergrund nur mäßigen Grip im Vergleich zu grobstolligeren Alternativen. In schnellen Kurven fehlt es spürbar an Traktion und in ruppigen Abfahrten an Dämpfung. Hier kommt das Vertrauen abhanden, das Bikes wie das ROSE BACKROAD FF mit gleich breiten Reifen vermitteln.
Auch in Sachen Stabilität und Komfort zeigt sich das Rave eher auf der sportlichen Seite. Die Sitzstreben flexen genug, um Vibrationen zu dämpfen, doch das straffe Cockpit und die schmalen Reifen sorgen für eine harte Front. Vibrationen werden ungefiltert an die Hände weitergegeben – auf langen, rauen Abschnitten kann das ermüden. Wer mehr Nachgiebigkeit sucht, findet in Cockpits wie dem vom Trek Checkmate oder Canyon Grail spürbar mehr Komfortreserven. Und auch bei den Reifen ist schnell Schluss: 42 mm markieren das Maximum an Gabel und Rahmen – mehr geht nicht.
Vielseitig im engeren Sinne bleibt das Rave dennoch. Wer hauptsächlich auf schnellen, festen Strecken unterwegs ist, bekommt ein spritziges, race-orientiertes Bike mit hoher Präzision und ordentlich Style obendrauf. Doch auf grobem Gravel und matschigen Strecken fehlt der Spielraum: weder die Reifen noch die Compliance der Front verzeihen viel. Für technisch anspruchsvolle Kurse oder Matschrennen ist das Rave damit weniger gewappnet. Wer hier Allround-Potenzial sucht, ist mit dem vielseitigeren Canyon Grail CFR XPLR besser bedient.
Tuning-Tipp: Mit leichten, griffigen Reifen könnte das volle Potenzial des Bikes ausgeschöpft werden.

Shorts Specialized Prime Bib Shorts | Schuhe Specialized S-Works Recon
Socken Fingerscrossed Hell Yeah 1.0
Für welches Rennen ist das Wilier Rave SLR?
Das Wilier Rave SLR überzeugt mit geringem Gewicht, direktem Antritt und einem klaren Allroad-Charakter – perfekt für schnelle Strecken mit viel Hardpack, kompaktem Schotter und Asphalt. Wer auf solchen Kursen unterwegs ist, bekommt ein agiles, präzise steuerbares Bike mit hoher Effizienz.
Wird der Untergrund allerdings gröber und der Kurs technischer, stößt das Rave schnell an seine Grenzen: Die maximale Reifenfreiheit von 42 mm limitiert nicht nur die Dämpfung, sondern auch die Kontrolle. Gerade bei Rennen wie Unbound oder Badlands, wo Matschfreiheit und Traktion entscheidend sein können, fehlt dem Rave der nötige Spielraum. Wer jedoch ein sportliches Gravel-Bike sucht, das sich nach einem Reifenwechsel auch auf Asphalt pudelwohl fühlt, ist hier richtig.
Fahreigenschaften
Agilität
- träge
- verspielt
Stabilität
- nervös
- laufruhig
Handling
- fordernd
- intuitiv
Antritt
- träge
- leichtfüßig
Fun Factor
- langweilig
- lebendig
Komfort
- straff
- komfortabel
Vielseitigkeit
- niedrig
- hoch
Einsatzgebiet
Climbing
Aero
Offroad
Style Factor
Fazit zum Wilier Rave SLR
Das Wilier Rave SLR überzeugt mit geringem Gewicht, präzisem Handling und viel Fahrspaß auf schnellen, festen Strecken. Sein Rennrad-Charakter kommt vor allem auf Asphalt und feinem Schotter zur Geltung. Doch wenn es richtig ruppig wird, gehen dem Allroad-Konzept die Reserven aus: wenig Dämpfung, wenig Grip, wenig Spielraum für breitere Reifen. Wer ein leichtfüßiges, stylisches Race-Bike sucht, kann mit dem Rave SLR glücklich werden. Für Ultra-Gravel-Rennen oder technische Kurse gibt es aber deutlich bessere Optionen im Testfeld.
Tops
- sehr leichter Rahmen
- detailverliebte Optik
- agil und flink auf verdichteten Untergründen
Flops
- begrenzte Reifenfreiheit
- fehlendes Powermeter
- harte Front bietet wenig Compliance
Mehr Informationen unter wilier.com.
Das Testfeld
Dieses Bike wurde im Rahmen des Race Gravelbike Vergleichstest 2025 getestet – einen Überblick über diesen Vergleichstest sowie alle anderen getesteten Race Gravelbikes erhaltet ihr hier:
Alle Bikes im Test: 3T Extrema Italia | Cannondale SuperX 2 | Canyon Grail CFR XPLR | Falkenjagd Aristos SL | Merida Silex 8000 | Parapera Anemos² | Rose Backroad FF RED XPLR AXS | Scott Addict Gravel RC | Superior XR 9.7 GF | Specialized S-Works Crux | Trek Checkmate SLR 9 AXS | Wilier Rave SLR
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Text: Jan Fock Fotos: Jan Richter
