Warum fühlst du dich nicht wohl auf deinem Bike und warum sollte sich beim Bike-Fitting alles um die Hüfte drehen? Wir tauchen zusammen mit Bastian Marks ein in die Tiefen moderner Rahmengeometrien, bestehender Bike-Fitting-Mythen und der Entstehung des Besenwagen-Podcasts.

GRAN FONDO Cycling:
Bastian, vielen Dank, dass du heute unser Gast bist und dir die Zeit für das Interview genommen hast! Einige unserer Leser kennen dich vielleicht aus dem Besenwagen-Podcast. Erzähl uns doch kurz, wie du zum Radsport und zum Bike-Fitting gefunden hast.

Bastian:
Freut mich, hier sein zu können! Mit dem Radsport habe ich angefangen, als ich 14 war. So nach zwei, drei Jahren fiel mir auf: Irgendwie sitze ich anders auf dem Fahrrad als die anderen. Und zwar weil mir das Rad in Rahmenhöhe 52 bei einer Körpergröße von 1,69 m schlichtweg nicht passte, was ich aber erst ein paar jahre später heraus fand. Es hat sich zugetragen, dass ich Physiotherapie in Holland studiert habe, was einen sehr, sehr großen Anatomie- und Biomechanik-Teil hatte. Währenddessen arbeitete ich für den Radladen neben der Physiopraxis und irgendwann meinte der Chef, ich solle mich mal nützlich machen. Da ich laut ihm ja eh etwas „mit Körpern“ mache, sollte ich mich um das Bike-Fitting kümmern und wurde kurzerhand zu einer Schulung geschickt. Da saß ich dann und dachte mir so: Das ist irgendwie scheiße, was ihr hier macht. Also nicht ultrascheiße, aber eigentlich stimmt da ganz viel nicht. Also begann ich, mir meine eigenen Gedanken zu machen.

GRAN FONDO Cycling:
Und dann war da dieser Wunsch in dir, erst mal für dich Klarheit zu schaffen?

Bastian:
Genau, ich wollte verstehen, wie diese Biomechanik auf dem Rad funktioniert. Also das Zusammenspiel mehrerer Muskelgruppen und dann eben auch fünf Gelenke gleichzeitig. Über die Jahre habe ich mich da reingefuchst, bin selbst immer viel auf dem Rad gesessen und hab an mir selbst experimentiert. Mir war relativ schnell klar, dass die Hüftmechanik der Dreh- und Angelpunkt sein muss. Ins Pedal ballern und die Kurbel wegschieben kann jeder. Aber das, was einen runden Tritt im Endeffekt ausmacht, ist es die Beine zu jeder Zeit gegeneinander bewegen zu können. Wenn man das effiziente Pedalieren hinbekommt und noch dazu entspannt aus voller Lunge atmen kann, hat man alle Werkzeuge, die einen langfristig vorwärtsbringen.

Parallel dazu habe ich zu der Zeit bereits mit vielen Radsportlern in der Physiotherapie-Praxis gearbeitet und so natürlich sehr viele Athleten und Profis kennengelernt. Über die letzten Jahre habe ich dann genug Wissen angehäuft, dass ich auch gerne etwas mehr daraus machen wollte.

GRAN FONDO Cycling:
Ein weiteres Standbein neben deinem Beruf als Physiotherapeut und Bike-Fitter ist dein Podcast.

Bastian:
Die großartige Resonanz auf den Besenwagen-Podcast ist für uns alle immer noch relativ unglaublich! Andy Stauff, einer der unstetigsten und sympathischsten Menschen, die ich kenne, wollte nach seiner Profikarriere schon sehr viele Dinge machen und auf irgendeiner Trainingsfahrt fiel dann auch mal das Wort „Podcast“. Vor dem Grand Depart der Tour de France habe ich dann Dirk von Rapha in Köln getroffen und er meinte, dass er während der Tour eigentlich gerne Werbung für Rapha machen würde und ob mir irgendwelche deutschsprachigen Sachen im Radsport einfallen, die cool sind und wo er seine Werbung platzieren kann. Außer Eurosport fiele ihm nichts ein. Ich schrieb Stauffi schon am selben Abend: „Du hast doch mal irgendwas von diesem Podcast erzählt. Rapha wollte hier gerade Werbung in einem Podcast machen.“ Natürlich war er sofort empfänglich für dieses Thema und so haben wir uns am nächsten Tag in der Mittagspause im Café getroffen. Er hatte einen Notizzettel dabei und hat ein paar Sachen aufgeschrieben. Und das erste, was er aufgeschrieben hat, war: „Wo wollen wir damit hin? Profitorientiert.“ (beide lachen) Natürlich war das totaler Quatsch und heute wissen wir auch, dass wir durch den Podcast doch keine Millionäre werden können, aber tatsächlich waren das die Anfänge: Jemand wollte Geld dafür ausgeben und wir dachten uns: „Okay, wir machen das.“

Wie gesagt, ich kannte viele Profis schon länger und die haben mir immer Geschichten erzählt. Ich habe mich nicht selten totgelacht, fand diese Storys unfassbar interessant und gleichzeitig war es so schade, dass sie niemand zu hören bekam. Viele Leute wissen überhaupt nicht, was Radsport wirklich ist und was die da überhaupt in Frankreich machen. Und wenn du dann noch so die kleinen Anekdoten der Profis kennst und weißt, was die abseits des Radsports noch an Abenteuern erleben und dass die relativ coole Typen sind, macht es allen noch mehr Spaß.

Andy Stauff meinte noch: „Ey, Vossi (Paul Voß, Anm. d. Red.) wäre doch ein guter Partner für dieses Projekt.“ Dann habe ich mich mit ihm getroffen und eine Woche später haben wir diese erste Minifolge aufgenommen.

GRAN FONDO Cycling:
Und seitdem rollt der Besenwagen durch die Gegend. Bereitet ihr ein Skript für jede Folge vor oder sind das überwiegend improvisierte Gespräche?

Bastian:
Jeder von uns Dreien hat so viel Radsportscheiß in seinem Hirn, dass wir uns im Vorfeld nie detaillierte Gedanken über die nächste Folge machen. Es gibt eine grobe Gliederung der Themen, die wir gerne besprechen wollen, aber wir machen uns keinen Kopf, welche Meinungen politisch sinnvoll wären (lacht). Wichtig ist es dabei noch zu schaffen, auch die Gäste dazu zu verführen, nicht über politische Korrektheit nachzudenken (lacht).

GRAN FONDO Cycling:
Du arbeitest mit Standert Bikes zusammen und fährst auch selbst ein Rennrad der Berliner. Erzähl uns doch bitte etwas zu dieser Kooperation und was es mit dem Project Compact auf sich hat.

Bastian:
Project Compact versucht im Endeffekt alles, was ich in den letzten 15 bis 20 Jahren auf dem Fahrrad an Positionsverbesserungen bei mir selber ausprobiert habe, in drei Rahmengeometrien für kleingewachsene Fahrer – unter 1,75 m – zu bringen. Ich glaube, es gibt noch keine Geometrie für kleine Leute am Markt, die nach meinem Verständnis derart gut passt. Klar verkaufe ich das gerade irgendwie (lacht), aber ich stehe da tatsächlich zu 100 % dahinter. Und es sind wirklich unheimlich viele Gedanken in diese Geometrie geflossen. Natürlich dreht es sich dabei in erster Linie um das Fitting, aber auch die Optik ist extrem wichtig und die Proportionen müssen stimmen.

GRAN FONDO Cycling:
Definitiv, die Proportionen passen! Was macht das Project Compact im Detail so besonders und was grenzt es von den am Markt erhältlichen Lösungen ab?

Bastian:
Standert war ein ganz dankbarer Kooperationspartner für dieses Projekt. Die kleinste Rahmengröße, die sie zu Beginn im Programm hatten, war echt groß (lacht). Das hat Firmengründer Max von Senger auch sofort zugegeben und direkt erkannt, dass es da einen Teil des Marktes gibt, den die Marke bisher noch gar nicht richtig bedienen kann. „Eigentlich geil! Lass mal machen! Das was du erzählst klingt logisch, zumindest bist du klein“, meinte er und dann ging’s los. Da ich die Pläne bereits jahrelang im Kopf entwickelt habe, konnte ich ihm die Winkel und Rohrlängen direkt nennen. Wir haben uns dann ans CAD-Programm gesetzt und sechs Prototypen bauen lassen. Die Erfahrungen der Tester waren so positiv, dass wir schnell in Serie gegangen sind. Die Geometrien gab es zunächst in der Kreissäge, dem Alu-Rennrad, und mittlerweile auch in den beiden Stahl-Modellen: Triebwerk Disc und Pfadfinder.

Der Kernfaktor des Ganzen ist ein im Vergleich zum Markt noch steilerer Sitzwinkel. In dem Moment, in dem du den Sitzwinkel steiler machst, kannst du die Kettenstrebe kürzer machen und den Radstand trotzdem relativ lang lassen. Ich erkläre es immer so: Wir gehen mit der Fahrerposition nach vorne und kippen sie in den Reach. Somit habe ich viel mehr Gewicht auf dem Vorderrad und trotzdem einen gewissen Radstand. Das Rad ist sicher und ruhig in der Kurve. Mit dem Steuerwinkel kann man etwas steiler werden, die größeren Rahmengrößen sind sowieso steiler in Sachen Lenkwinkel. Man geht für die kleinen Rahmengrößen nur auf einen flacheren Lenkwinkel, um dem kleineren Menschen den Abstand zum Lenker zu verkürzen, büßt damit aber gute Kurvenlage ein. Kürzer muss man es für den kleineren fahrer machen. Von hinten nach vorne zu gehen macht mehr Sinn, als mit kürzerem Vorbau von vorne nach hinten zu gehen, wie es oft im Fitting passiert.

Außerdem war bisher jeder XS-Rahmen, den ich gefahren bin, vorne viel zu flach. So ein 10 cm kurzes Steuerrohr braucht kein – normaler – Mensch. Für den sehr dünnen Profifahrer geht das klar, denn er hat weder Körperfett noch Organe (lacht). Aber bei den Project Compact-Rahmen setzen wir daher auf ein minimal längeres Steuerrohr und einen externen Steuersatz, den wir mit in die Geometrie einrechnen. So kommen wir beim Standert Kreissäge in Größe 48 auf ein 11-cm-Steuerrohr, was zusammen mit dem Steuersatz eine Gesamtlänge von 12 cm hat. In meiner Größe 50 habe ich 12,5cm.

GRAN FONDO Cycling:
Du sprichst davon, dass Steuerrohre zu kurz sind, aber trotzdem ist die Front deines Rades sehr niedrig. Wie hast du das angestellt, trotz Organe und ohne Profitrainingsplan?

Bastian:
Es ist nur die Optik. Das Steuerrohr an meinem Bike ist 2,5 cm länger als das eines Referenzrahmens auf dem Markt und gleichzeitig stimmen die Proportionen. Ich habe meinen Vorbau komplett geslammt; fahre also ohne Spacer und komme trotzdem ohne Atemnot gut in den Unterlenker.

GRAN FONDO Cycling:
Jetzt haben wir über die Cockpit-Position deines „optimalen Bikes für kleinere Fahrer“ gesprochen. Gibt es noch weitere Punkte, die du neben einer Sattelstütze ohne Versatz empfehlen würdest?

Bastian:
Kauft kurze Kurbeln! Eine Standard-Kurbellänge von 172,5 mm macht für wenige Fahrer Sinn und wenn du klein bist, macht sie gar keinen Sinn. Ich fahre eine Kurbel, die 165 mm lang ist, und diese Umstellung war auf jeden Fall der größte Boost in meiner Position, wenn ich die letzten fünf Jahre Revue passieren lasse. Das Thema Kurbellänge ist relativ leicht erklärt: Sagen wir mal, dass die Kurbel-Standardlängen der üblichen Rahmengrößen am Markt zwischen 170 bis 175 mm liegen. Damit hast du einen Kurbelkreis von 34 cm und 35 cm. Was ist der prozentuale Unterschied dazwischen? Runden wir mal auf 3 %.

GRAN FONDO Cycling:
Das leuchtet ein. Ich habe eine Schrittlänge von 89,5 cm und du bist sicherlich irgendwo im oberen Ende der 70 cm. Damit ergibt sich prozentual ein ungleich größerer Unterschied.

Bastian:
Ganz genau. Ich müsste eigentlich eine 12 % kürzere Kurbel fahren als du. Wenn ich 165 mm fahre, bin ich noch weit von 12 % entfernt, aber ich komme schon mal besser an deine Hebelverhältnisse ran. Denn der „Hebel“, von dem immer geredet wird, ist nicht der Kurbelarm, sondern die Bewegung der Beine gegeneinander. Der kleine Fahrer muss die Beine wesentlich weiter spreizen als der größere und das kostet Kraft.

Die absolute Wattzahl ist im Zeitfahren natürlich relevant. Jetzt nehmen wir aber mal Chris Froome und Nairo Quintana als Fallbeispiel. Nairo Quintana ist mit seinem Oberkörper unheimlich nah am oberen Totpunkt der Kurbel. Wenn er mit seinem Bein oben ist und eine Kurbel hat, die nur 3 % kürzer ist als die von Chris Froome, schlägt sein Oberschenkel in der aerodynamischsten Sitzposition beinahe an seine Brust. Die Hebermuskulatur hat gar keine Kraft mehr. Wahrscheinlich schiebt er in diesem Moment mit dem anderen Bein schon Kraft und damit kostbare Watt in das System, um das gehobene Bein über den oberen Totpunkt zu bekommen. Das meine ich mit der „Bewegung der Beine gegeneinander“. Wenn du auf der Beinpresse bist und das Gewicht sehr nah an dir dran ist, weißt du auch, dass du es schwerer wieder hoch bekommst. Also ist es auch schwerer, mit einem weiter gehobenen Bein zu treten als wenn es nicht so weit gehoben ist. Das liegt daran, dass jeder Muskel in seiner Mittellänge sein meistes Kraftpotenzial hat. Sehr kontrahiert ist er schwach, sehr gestreckt auch.

Mit einer 165er-Kurbel habe ich im Vergleich zur 170er-Kurbel am oberen Totpunkt auf einmal 1 cm mehr Platz zwischen Oberkörper und Oberschenkel bei unveränderter Oberkörperposition – denn der untere Punkt bleibt gleich doch der obere Totpunkt ist weiter entfernt. Eine Kurbel zu tauschen ist im Fitting natürlich ein größerer Aufwand als mal eben die Sattelhöhe zu verstellen, und noch dazu ist es recht teuer. Aber es lohnt sich definitiv!

GRAN FONDO Cycling:
Im Bike-Fitting wurde bzw. wird zum Teil mit einem Knielot gearbeitet. Was sagt denn jetzt dieses Lot zu derart kurzen Kurbeln?

Bastian:
Was ich eben noch zum Thema Lot sagen wollte: Das Lot hat definitiv seine Relevanz – Nämlich wenn ich einen Stein vom Knie aufs Pedal fallen lassen will. Kleine Fahrer werden damit meist scheiße aufs Rad gesetzt. Denn es ist nicht das Knie aus dem die Kraft kommt, die in die Kurbel geht. Der Kraft-Vektor kommt aus Rücken-, Hüft- und Beinmuskulatur und hat den Ursprung am Becken.

Wenn ich den kleinen Fahrer jetzt laut Lot weiter hinten setze als ich das pragmatisch tue, muss er sich immer weit nach vorne beugen und kippt seine Hüfte nach vorne. Dabei kippt der Vektor nach hinten weg wie ein Uhrzeiger, wenn ich die Uhr nach vorne rolle. Ich muss aber trotzdem das Pedal treffen – also muss ich mein Bein weiter heben um den Zeiger wieder nach vorne zu bringen. Der Hüftwinkel (Winkel aus Bein, Hüfte und Oberkörper) wird zu klein. Was passiert im Beinpressen-Modell? Das Ausstrecken wird ziemlich schwer. Und deshalb muss man sich von diesem Lotscheiß verabschieden. Sattel nach vorne, kurze Kurbel und der Kraft-Vektor richtet sich wieder aus, der Hüftwinkel wird größer. Ich kann freier atmen und meine Beine freier bewegen. Was jetzt leider nicht mehr klappt: Der Stein fällt jetzt vorne an der Kurbel vorbei. Aber mal ehrlich: Lot? Wie konnte der Mensch je Liegerad fahren oder eine Beinpresse bedienen … ohne Lot!?

GRAN FONDO Cycling:
Okay, jetzt überlege ich also eine kürzere Kurbel zu kaufen und habe damit am oberen Totpunkt mehr Platz zwischen Bauch und Bein. Wie wirkt sich die Kurbellänge aber auf meine Wattzahl aus? Intuitiv würde man denken, dass die kürzere Kurbel gleich kürzerer Hebel gleich weniger Watt bedeutet. Oder?

Bastian:
Studien zu diesem Thema sagen aus, dass die Kraft, die du vorne – also in der 90°-Stellung – aufs Pedal bringst, nicht weniger wird, weil du 1 cm weniger Kurbellänge hast. Du fährst dieselben Watt. Du musst dich ein bisschen umgewöhnen, aber du kannst es danach koordinativ besser umsetzen. Der Muskel muss nicht so weit raus aus seiner Comfort Zone. Der gewonnene Zentimeter am oberen Totpunkt vergrößert die Bewegungsfreiheit deines Torsos zum Atmen. Ich möchte das an dieser Stelle auch gar nicht so auf die ambitionierten Fahrer beziehen. Wenn du Probleme hast mit deiner Position auf dem Fahrrad, weil dir dein kleiner Bauch im Weg ist, kürze die Kurbel. Nach vorn mit dem Sattel! All das vergrößert den Hüftwinkel, richtet dich auf und sorgt für mehr Fahrkomfort!

GRAN FONDO Cycling:
Einen weit nach vorne geschobenen Sattel sieht man auch bei den Profis immer öfter. Wenn man beim eigenen Rad die Sattelstütze weit ausziehen muss, wird der Abstand zwischen Sattel und Lenker immer größer. Wird das mit einem kürzeren Vorbau gekontert, verlagert sich das Gewicht nach hinten und das ist ja, wie du eben sagtest, nicht vorteilhaft. Wie kommen wir aus dieser Misere heraus?

Bastian:
Wichtig ist das Verhältnis zwischen Sattel und Kurbelzentrum, also die Biomechanik zwischen Sitzpunkt und Tretlager. Im Endeffekt ergibt sich aus dem Abstand von Sattel und Lenker dann das Potenzial. Also die Art und Weise wie deine Hüfte bzw. dein Becken auf dem Sattel positioniert ist. Kompaktes Sitzen bringt mehr Bewegungsfreiheit. Für Fahrer unter 1,80 m empfehle ich grundsätzlich Zero-Offset-Sattelstützen, um diese Freiheit zu haben und weiter in den Reach des Rahmens zu kommen.Wenn es mir jetzt ausschließlich um Komfort ginge beim Radfahren, wäre die Lösung relativ einfach: Ich fahre immer Oberlenker und richte mein Becken damit auf. Aber nun ist es ja meistens so, dass das Zwischending gefragt ist. Menschen wollen bequem fahren, aber auch mal schnell unterwegs sein. Wenn ich zügig fahre, bin ich vielleicht nicht immer im Unterlenker, aber zumindest mit meinen Händen auf den Hoods der Schalthebel. In diesem Moment ist der Abstand zwischen Sattel und Lenker und die Position Sattel zu Tretlager ausschlaggebend. Wir haben für das Project Compact viel rumprobiert und haben jetzt sehr steile Sitzwinkel in den Geometrien. Sie sind auch ein bisschen steiler als alles, was derzeit auf dem Markt ist, und bisher haben wir nur positive Rückmeldungen bekommen. Ich fahre meinen nun 15000 km.

GRAN FONDO Cycling:
Einen Weg, den die Industrie derzeit verstärkt verfolgt, ist die Integration. Fahrräder werden als einheitliches System verstanden und nicht selten mit einteiligen Cockpits und nicht standardisierten Sattelstützen-Formen verkauft. Viele Endkunden versuchen, anhand der Stack- und Reach-Maße die richtige Rahmengröße zu wählen. Was hältst du davon?

Bastian:
Es ist gut sich damit auseinander zu setzen, aber Stack oder Reach sagen mir immer noch nichts darüber, wie lang ich am Ende sitze weil der Sitzrohrwinkel variabel ist. Bei den standartmäßig kurzen Steuerrohren der sehr kleinen Rahmen sieht man meistens Spacer-Türme bei Fahrern und Fahrerinnen – einfach hässlich. Warum nicht 2 cm höher bauen und damit die Optik noch verbessern? Wenn du ein dürrer Race-Lauch bist, kannst du immer noch einen Vorbau mit -17° fahren – aber der Durchschnittsfahrer muss nicht so sitzen.

Der Reach ist für mich eher der Handling-Aspekt und definitiv auch sehr wichtig. Denn ein gewisser Reach lässt das Fahrrad besser, sicherer in der Kurve fahren. Aber selbst hier fehlt wieder der Blick auf der Steuerwinkel. Die isolierte Betrachtung ist das Problem. Für mich lässt der Reach den wichtigsten Fitting-Faktor raus, das ist der Sitzwinkel. Also, schaut bei der Wahl der Rahmengröße auch ein bisschen auf andere Sachen! Im Endeffekt sagt der Reach nichts darüber aus, wie die Position auf dem Bike ausfällt oder wo ihr wirklich an den Lenker greift. Hier darf man pragmatischer sein und muss schauen, wo man tatsächlich greift und sitzt. Und dabei geht es nunmal um Sitz- und Lenkwinkel, Vorbaulänge und Versatz der Sattelstütze. Auch mit einer anderen Sattelform kann ich eine Position um bis zu 4 cm in ihrer Länge verändern.

GRAN FONDO Cycling:
Es gibt einige Hersteller, wie Wilier mit dem Accu-Fit-System, die sich über Stack und Reach hinaus Gedanken machen und schauen, wo sich die Hoods in den jeweiligen Größen tatsächlich befinden. Das Problem des nicht stationären Handels ist häufig die Skalierbarkeit der Konzepte. Wenn man schon einmal 80 % der Körpergrößen mit dem eigenen Sortiment abdecken kann, ist das für einen Hersteller meist schon eine gute Sache.

Bastian:
Das stimmt. Diese Faustregeln gibt es und braucht es sicherlich auch. Sinnbildlich gesprochen ist das der Handschuh, den man sich in der richtigen Größe kauft und der schon mal besser sitzt als ein Fäustling. Wenn du willst, kannst du dir den dann noch vom Schneider richtig geil annähen lassen. Oder du kaufst dir direkt den Maßhandschuh – aber das ist das Fitting oder der Customrahmen.

Was mir immer so ein Dorn im Auge ist: Ich habe viele Hobbyfahrer als Kunden, die schon mal bei einem anderen Bike-Fitting waren. Das Erste, was sie machen, ist: Sie schicken mir ein PDF mit ungefähr drei Seiten an irgendwelchen Längen ihres Körpers. Natürlich denken sie, ich kann damit super was anfangen. Oftmals frage ich sie dann: Welcher dieser Werte hat dir im Leben weitergeholfen? Keiner. Das ist völlig sinnfrei. Beinlänge, schön und gut. Zu beachten ist, dass das System „Fahrer und Rad“ dynamisch ist. Es lebt. Du musst Dinge über dich und deinen Körper wissen, die sehr individuell sind und die nur du wissen kannst. Lern was über dich. Lern, wie dein Körper funktioniert. Wenn man hart trainiert hat, beinhalten die Zellen von Muskeln und Sehnen mehr Flüssigkeit und man ist verkürzt – ergo sitzt man dann 2 mm niedriger. Wenn man frisch und gut gedehnt ist, kann man 2 mm höher sitzen. Es gibt nicht die eine perfekte Position. Das zu wissen ist wesentlich mehr wert, als hier alles millimetergenau abgemessen zu haben und zu denken, das ist es jetzt. Ich sage sogar, dass man alle drei bis vier Monate neue Reize ins System geben kann, um den Körper zu stimulieren. Die Muskeln gewöhnen sich an alles und stagnieren. Jetzt über Sitzhöhe oder Cleat-Position mal einen anderen Winkel und neuen Reiz auf den Körper zu geben, kann sehr gut sein. Aber so mutig sind die wenigsten (lacht). Ich teste fast jede Woche Dinge an meiner Position. Das macht den Großteil meiner Erfahrung aus. Die Fitting-Faustregeln setzen wahrscheinlich 80 % der Leute gut auf das Rad. Aber jeder, der nach unten oder nach oben aus der Norm fällt oder irgendein anderes körperliches Problem hat, der ist unterschiedlich (lacht). Und da kommen mit Schieblehren oder Lasern abgemessene Daten schnell an ihre Grenzen. Diese Messungen sind immer noch das, worauf Fitting-Kunden gucken. Man fragt mich auch: Macht ihr diese Laser-Messung? Und ich immer so: Ja, nein, brauche ich nicht. (Lacht) Ich bin der Laser bei uns. Kein Mensch ist symmetrisch, aber es herrscht oft noch der Galube, etwas symmetrisch zu machen ist gut. Wenn ich 50 % meines Alltags schief am Schreibtisch sitze, ist mein eines Bein eben manchmal etwas weiter nach außen rotiert. Pedalieren kann es trotzdem. Und es jetzt mit einer Einlage oder einer Verstellung der Cleat-Position wieder gerade zu machen, wird probleme in Bändern und Sehnen verursachen. Radfahren ist eine der wenigen Dinge in unserem Alltag, die symmetrisch sind und uns wieder gleichmäßiger werden lassen – aber nicht, wenn ich meine Dysbalancen noch weiter unterstütze, in dem ich versuche, sie weg zu fitten.

Von hinten nach vorne zu gehen macht mehr Sinn, als von vorne nach hinten zu gehen.

GRAN FONDO Cycling:
Womit wir wieder bei der Skalierbarkeit für große internationale Unternehmen sind. Den Bastian-Laser kann man weder in den Shop stellen noch nach Hause ins Wohnzimmer holen.

Bastian:
Und damit kommen wir zum Kern der Sache. Ich würde meine Philosophie lieber an die Bike-Hersteller oder den Handel verkaufen als an den Kunden bei mir im individuellen Fitting. Das habe ich mit Standert begonnen. Mir wäre es lieber, dass die Rahmen ab Werk besser zu den Menschen passen und die Kunden dann mit Details zu mir als Fitter kommen, an denen wir arbeiten können. Ich hätte es lieber, dass die Menschen mehr auf ihren Körper hören und mit spezifischen Problemstellungen kommen anstatt mit einer dreiseitigen PDF und einem Rahmen in der falschen Größe, der gerade im Ausverkauf war.
Um den Bogen zu schließen: Schritt- und Armlänge sind für mich keine pragmatischen Größen. Die Körpergröße, so komisch das klingt, sagt für mich mehr aus als die Beinlänge. Denn die Sattelhöhe ist nun mal wunderbar zu verstellen, die Länge des Rades nicht. Viele Leute haben lange Beine und einen kurzen Oberkörper. Hier gibt es dann ein richtiges Problem, weil der Fachhandel meistens nach deiner Beinlänge fragt. Damit wird dir in dem Fall das größere Fahrrad empfohlen. Auch die Größen der Räder sind ja nach der Länge des Sitzrohrs benannt. Wobei man sagen muss, dass sich in den letzten zwei bis drei Jahren unheimlich viel getan hat, sowohl im Fitting als auch im Rahmenbau. Viele Hersteller haben damit angefangen, die kleinen Größen mit steileren Sitzwinkeln zu bauen und über gewisse Dinge einfach erst mal nachzudenken, über die man vorher noch nicht nachgedacht hat und die in Stein gemeißelt waren. Und es ist, glaube ich, auch so, dass mittlerweile nur noch die wenigsten Fitter mit einem Lot am Knie arbeiten. Es besteht Hoffnung!

GRAN FONDO Cycling:
Vielen Dank für all die spannenden Einblicke, Bastian!

Bastian:
Es war mir ein Fest! Bis zum nächsten Mal.


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Text & Fotos: Benjamin Topf