
Wahoo hat sich seit dem Release ihres ersten Fahrradcomputers 2016 vor allem durch kleine, aufs Wesentliche reduzierte Radcomputer mit einem hervorragend intuitiven User Interface ausgezeichnet. Mit ihrem Flaggschiff ELEMNT ACE geht Wahoo jedoch – zumindest in manchen Punkten – ganz neue Wege. Der US-Hersteller schickt mit dem ACE einen echten Herausforderer ins Rennen um den besten High-End-Fahrradcomputer: innovative Features, ein riesiges Touch-Display und – laut Hersteller –gleichzeitig die Wahoo-typische Bedienfreundlichkeit. Neben der neuen Hardware hat Wahoo auch ihr Betriebssystem und die dazugehörige App erneuert. Wir sind also gespannt, ob sie an ihren bisherigen Erfolg anknüpfen können.
What!? Die Reaktionen von Roadies, die den Wahoo ELEMNT ACE zum ersten Mal in die Hand bekommen, fallen zunächst gespalten aus. Mit einem Gewicht von 209 Gramm ist der ACE das mit Abstand schwerste Gerät im Test – und auch das größte. Der Wahoo ELEMNT ACE zeigt sich im Test um satte 79 % schwerer als der Karoo und 31 % schwerer als der Edge 1050 und bewegt sich so im Gewichtsbereich von aktuellen Top-Smartphones. Weight-Weenies können hier aufhören, weiterzulesen. Für Technik-Fans wird es jetzt aber richtig interessant: Wahoo verbaut in ihrem neuen High-End-Modell neben einem 4.350 mAh starken Akku auch einiges an innovativer Technik.
Das dominante 3,8-Zoll-Display hebt den ACE – nicht nur wegen der enormen Größe – auf den ersten Blick von der Konkurrenz ab. Statt auf satte Farben und Smartphone-Ästhetik zu setzen, kommt hier ein transflektives TFT-Display zum Einsatz. Es soll das Sonnenlicht durch gezielte Reflexion als Lichtquelle nutzen und so eine optimale Ablesbarkeit ermöglichen. Gleichzeitig soll es ein gestochen scharfes Bild und eine gute Touch-Funktion bieten. Ein Blick auf die Front offenbart ein weiteres Novum bei Fahrradcomputern: Ein integrierter Windsensor misst die Windgeschwindigkeit und sammelt Daten, die sonst keiner der Konkurrenten erheben kann. Preislich liegt der Wahoo ELEMNT ACE mit rund 599 Euro zwischen dem Garmin Edge 1050 mit 749 € und dem Hammerhead Karoo mit 499 €.
Trotz des ganzen technischen Schnickschnacks soll der ELEMNT ACE weiterhin die von Wahoo bekannte Bedienfreundlichkeit bieten: minimalistisch, intuitiv und hübsch anzuschauen. Ob das geklappt hat? Ab zum Praxistest!
Der Wahoo ELEMNT ACE im Test
„Passt das Teil überhaupt noch an meinen Lenker?“ – Der Wahoo ELEMNT ACE ist ein echter Klopper und wiegt mehr als aktuelle Top-Smartphones. Kein Wunder also, dass Wahoo gleich eine robuste Metallhalterung für klassische Rundlenker mit 31,8 mm Durchmesser mitliefert. Wer allerdings ein elegantes Onepiece-Carbon-Cockpit spazieren fährt, muss hoffen, dass der eigene Mount lang genug ist und mit dem Gewicht klarkommt. Die bekannten Gummiband-Plastikhalterungen? Lieber nicht. Auf ruppigem Untergrund wird aus dem ACE sonst eine rhythmische Schwungmasse, die im Takt der Gravel-Piste gegen den Lenker schlägt.
Das zweite auffällige Merkmal ist das Display – nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Optik. Das 3,8-Zoll-Panel hat eine Auflösung von 480 x 720 Pixeln und damit eine etwas geringere Schärfe als die Displays von Garmin und Hammerhead, was in der Praxis jedoch nicht negativ auffällt. Texte und Symbole werden scharf dargestellt. Durch das transflektive Design wirkt es fast wie ein E-Paper-Display – matter, mit gedeckten Farben und deutlich weniger Reflexionen. Bei direkter Sonne ist der ACE damit unschlagbar ablesbar, denn je heller die Sonne scheint, desto höher wird der Kontrast auf dem Display. Hier kann keiner der Konkurrenten mithalten. Umgekehrt zeigt sich bei tief stehender Sonne, starkem Streiflicht oder abruptem Wechsel zwischen Licht und Schatten im Wald eine Schwäche: Die Anzeige wirkt dann zu dunkel und kontrastarm, selbst mit aktivierter Hintergrundbeleuchtung. Diese ist im Vergleich deutlich schwächer als bei Garmin oder Hammerhead und eignet sich eher für den Nachtbetrieb als zur Unterstützung am Tag. Auch die Blickwinkelstabilität ist im Vergleich zur Konkurrenz eingeschränkt – bei zu steilen seitlichen Blicken verblasst das Bild spürbar. Wem es vor allem auf ein sehr tageslichttaugliches Display ankommt, wird hier fündig. Bei wechselnden Lichtverhältnissen sind die deutlich helleren Displays von Garmin und Hammerhead deutlich besser ablesbar.
Beim Thema Akkulaufzeit setzt sich der Wahoo ELMNT ACE an die Spitze. Wir haben für diesen Vergleich alle 3 Geräte unter identischen Bedingungen getestet: Navigation aktiv, Display dauerhaft an, automatische Helligkeit, zwei gekoppelte Sensoren, verbundenes Smartphone, sommerliche Temperaturen und keine Stromsparfunktionen. Beim Wahoo ergibt sich eine Laufzeit von rund 25 Stunden. Damit liegt der ACE satte zehn Stunden über dem Karoo und fünf über dem Garmin. Hier spielen dem ACE der deutlich größere Akku und die schwächere Hintergrundbeleuchtung in die Karten. Einschränkend muss man jedoch erwähnen, dass Wahoo keinen zusätzlichen Stromsparmodus bietet. Mehr als die Displaybeleuchtung reduzieren ist nicht drin – zumindest mit dem getesteten Softwarestand.
Das neue Wahoo Betriebssystem war beim Launch des Wahoo ELMNT ACE pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2024 leider noch weit davon entfernt, perfekt zu funktionieren. Bugs, Performance-Probleme und viele fehlende Funktionen haben zum Launch für Frust gesorgt. In der Zwischenzeit hat Wahoo in vielen Punkten nachgeliefert, dennoch fehlen einige Funktionen, die selbst die letzte Wahoo-Generation noch draufhatte. Beim Re-Routing lässt sich beispielsweise keine Präferenz für den Untergrund einstellen. In unserem Test wurden wir über Asphalt geleitet. Sensoren umbenennen? Datenfelder über den Touchscreen anpassen? Fehlanzeige. Geht es um Einstellmöglichkeiten, haben das Karoo und das Edge 1050 in jedem Fall die Nase vorn.
Man merkt, welche Funktionalitäten bei der Entwicklung Priorität hatten: Die Komoot- und Strava-Integration ist hervorragend. Routen und Segmente werden schnell und zuverlässig synchronisiert und übersichtlich angezeigt. Die Extra-Seite, während man ein Strava-Segment fährt, öffnet sich automatisch und zeigt euch interessante Daten an. Auch der Ride-Ready-Screen, der direkt nach dem Einschalten sichtbar wird, ist super durchdacht, zeigt gekoppelte Sensoren, deren Akkustände und alle Einstellungen an, die man vor dem Ride braucht.
Die Bedienung während der Fahrt hat uns durch die von Wahoo bekannte Tastenbelegung überzeugt. Seitenwechsel, Zoom oder Routenwechsel klappen dank der sechs großen Tasten auch mit dicken Handschuhen oder bei Regen zuverlässig. Die Tasten sind logisch belegt, der Zoom erfolgt in sinnvoll abgestuften Schritten und die Reaktionszeit ist top. Leider stößt man bei den Einstellungen auf dem ACE schnell an Grenzen: Anpassungen, wie das Ändern von Datenseiten oder das Konfigurieren neuer Felder, sind ausschließlich über die Wahoo-App möglich. Wer also während der Fahrt spontan etwas ändern möchte, muss anhalten, das Smartphone zücken, die App starten, auf die Verbindung warten, und sich dann durchs Menü hangeln. Im Vergleich zu Garmin und Hammerhead, bei denen alles direkt am Gerät anpassbar ist, wirkt das umständlich.
Positiv fällt hingegen das Interface-Design auf: Wahoo setzt auf eine minimalistische, moderne Benutzeroberfläche mit klarer Symbolik, einheitlicher Designsprache und intuitiver Struktur. Es wirkt stimmig, schnell verständlich und technisch aufgeräumt. Wenn Wahoo noch ein paar Funktions-Updates nachliefert, ist das neue Wahoo-Betriebssystem eins der intuitivsten, übersichtlichsten und am einfachsten zu bedienenden auf dem Markt – auch wenn die Konkurrenz dank App-Sideloading noch deutlich mehr Potenzial zur Individualisierung bietet.
Da geht’s lang! Bei der Navigation liefert der ACE zuverlässig ab. Der GPS-Empfang ist dank Multi-Band- und Multi-Channel-Systeme genauso präzise wie bei den anderen Geräten im Test – egal ob im Wald, im städtischen Gewirr oder auf abgelegenen Schotterpisten. Unterschiede in der Positionsgenauigkeit konnten wir keine feststellen. Die Route ist auf der angezeigten Karte sehr gut erkennbar und zeigt euch die Steigung von bevorstehenden Anstiegen farbig an.
Beim Ökosystem setzt Wahoo auf eine schlanke, aber funktionale Lösung. Die App bietet Zugriff auf den Aktivitätsverlauf, Geräteeinstellungen und die Trainingsplattform Wahoo X – letztere ist allerdings kostenpflichtig. Das Zusammenspiel funktioniert gut, auch wenn es weniger tief integriert wirkt als bei Garmin.
Das große Novum – der integrierte Windsensor – misst die Windgeschwindigkeit und gleicht diese mit der gefahrenen Geschwindigkeit ab. So erkennt der ELEMNT ACE, ob man im Windschatten fährt oder frontal gegen den Wind antritt, und sammelt diese Daten für die Auswertung nach der Fahrt. Ein nettes Feature für Daten-Nerds, vermisst haben wir den Windsensor an den anderen Geräten jedoch nicht. Ebenfalls mit an Bord: ein Lautsprecher für Sprachkommandos oder die integrierte Klingel – dieser ist wirklich nützlich und funktionierte im Praxistest sehr gut.
Fazit
Mit dem ELEMNT ACE bringt Wahoo frischen Wind ins High-End-Segment der Fahrradcomputer – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Hardware überzeugt mit der längsten Akkulaufzeit im Test, einer hervorragenden Bedienbarkeit und einem Display, das bei direkter Sonneneinstrahlung nicht zu schlagen ist. Das neue Wahoo-Betriebssystem kämpft durch den etwas verfrühten Launch noch mit ein paar fehlenden Features, kann ansonsten aber mit einer sehr aufgeräumten und intuitiv bedienbaren Benutzeroberfläche punkten. Wer einen Fahrradcomputer mit einem sehr großen Display sucht, der einfach zu bedienen ist und kein Problem mit etwas mehr Gewicht am Lenker hat, bekommt mit dem Wahoo ELEMNT ACE ein einzigartiges Gerät.
Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhältst du hier: Drei High-End GPS-Fahrradcomputer im Test – Garmin Edge 1050, Wahoo ELEMNT ACE und Hammerhead Karoo im direkten Vergleich
Alle GPS-Fahrradcomputer im Test:
Hammerhead Karoo | Garmin Edge 1050 | Wahoo ELEMNT ACE
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Text & Fotos: Jan Richter Translation: Jan Richter
