Gravel boomt – aber Cyclocross auch! Canyon hat mit dem Inflite und dem Grail innerhalb eines Jahres zwei radikale Vertreter ihrer Gattung präsentiert, die nicht nur polarisieren, sondern bereits auch einige Siege eingefahren haben. Wie geht Canyon auf die Bedürfnisse beider Zielgruppen ein?

Canyon Grail | Canyon Inflite – Crosst du noch oder gravellst du schon?

Während traditionelle Cyclocross-Fans den Gravel-Hype oft nur höhnisch belächeln, befindet sich für den Gravel-Aficionado die Cross-Welt mit ihren hautengen Skinsuits und den auf 33 mm Breite limitierten Reifen fernab jeglicher Anmut. Aber worin liegen die Unterschiede dieser beiden Disziplinen, die sich in ihrem Anforderungsprofil auf den ersten Blick so ähneln?

Cross vs. Gravel – die Terminologie

Cross, Cyclocross oder auch Querfeldeinrennen existieren bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Seit jeher geprägt vom Wettkampfgeist, ist auch die heutige Szene nach wie vor leistungsorientiert. In Belgien und den Niederlanden wird der Sport zelebriert wie eine Religion, dort gibt es Worldcups und unterschiedliche Rennserien, die den Regularien der UCI unterliegen. Dadurch sind verschiedene Abmessungen der Bikes bis hin zur Reifenbreite vorgeschrieben und die Kreativität der Hersteller ist eingeschränkt. Cyclocross-Rennen finden auf einem verwinkelten Rundkurs statt, dauern meistens 40 bis 60 Minuten und werden in der Regel im Zeitraum von Oktober bis März ausgetragen. Nicht selten müssen Fahrer dabei ihre Bikes schultern, um Hindernisse und steile, unwegsame Anstiege zu überwinden, und werden derweil von Kuhglocken und Motivationsschreien der biergedopten Cross-Fans angefeuert. Wir fassen zusammen und pauschalisieren: Schlamm, Kälte, hoher Puls, Sprints aus jeder Kurve, metallischer Geschmack im Mund, Leiden als Leidenschaft – ein wiederkehrendes Muster im Cross-Bereich. Ach ja, außerdem gehören Fritten, Bier und belgische Waffeln zum Cross wie die Sahnetorte zum Schwarzwald.

Was sich genau hinter dem Begriff Gravel verbirgt, erklären wir dir in unserem Gravel Guide. Solltest du nicht warten wollen, bis dieser auf unserer Website erscheint, kannst du ihn bereits jetzt in der GRAN FONDO Ausgabe #010 lesen. Lade dir die ab direkt herunter, 100 % kostenlos.

Canyon Inflite CF SLX 9.0 Pro Race

Canyon Inflite CF SLX 9.0 Pro Race | 7,65 kg | 3.999 €

Das Konzept des Canyon Inflite ist kompromisslos auf die Bedürfnisse ambitionierter Cyclocrosser ausgelegt. So spiegelt sich der Performance-Ansatz auch in der Ausstattung wider. Mit dem SRAM Force 1-fach-Antrieb soll Gewicht gespart und nur die nötigste Gangbandbreite geboten werden. Die gruppenreine SRAM Force-Bremsanlage verfügt über Rotoren mit 160/140 mm und ist ebenfalls auf die Charakteristiken moderner Cyclocross-Kurse abgestimmt – lange Abfahrten sucht man dort vergeblich. Auch die Rohrformen schreien Cyclocross: So ist die Anordnung von Ober- und Unterrohr so gewählt, dass das vordere Rahmendreieck mehr Freiraum bietet, um das Schultern des Rades zu erleichtern und ergonomischer zu gestalten. Der Knick im Oberrohr bietet zum einen eine bessere Auflagefläche auf der Schulter in den Tragepassagen und garantiert zum anderen einen längeren Auszug der Sattelstütze, was den brettharten Charakter des Bikes etwas entschärfen soll.

Antrieb* SRAM Force CX1
Laufradsatz Reynolds Assault Le Disc Carbon
Bremsen* SRAM Force 160/140 mm
Reifen Schwalbe S-ONE
Gewicht 7,65 kg
Preis 3.999 €

*Modell 2019: SRAM Red ETAP, Red Bremsen, 4.599 €

Mit Chain Catcher und 1-fach-Antrieb will das Inflite auch im rauen Gelände Vortrieb garantieren. Nichtsdestotrotz bietet der Rahmen auch eine Montagemöglichkeit für Umwerfer.
Direct Mount SRAM Force-Bremsen in 160 mm vorn und 140 mm hinten
Der Knick im horizontalen Oberrohr mag optisch polarisieren. Beim Schultern des Bikes ist er jedoch eine enorme Hilfe, weil er mehr Platz im Rahmendreieck schafft und ein ergonomischeres Tragen erlaubt.
Schwalbe X-One-Reifen in 700 x 33C treffen auf viel Baufreiheit. Der Rahmen ist so konstruiert, dass möglichst wenig Schlamm an ihm haften bleiben soll.

Canyon Grail CF SLX 8.0 Di2

Canyon Grail CF SLX 8.0 Di2 | 8,18 kg | 4.499 €

Das wohl markanteste Ausstattungsmerkmal des Canyon Grail ist sein Cockpit. Der Lenker im Doppeldecker-Style soll dem Fahrer mehr Kontrolle und Komfort in den unterschiedlichsten Situationen bieten. Das Problem herkömmlicher Lenker-Vorbau-Kombinationen ist aus der Sicht der Koblenzer, dass die höchste Steifigkeit im Oberlenkerbereich nahe dem Vorbau und die maximale Nachgiebigkeit in den Bereichen der Drops zu finden sind. Canyon zufolge sucht man beim Cruisen im Oberlenkergriff maximalen Komfort, während man beim Sprint im Unterlenker vor allem Steifigkeit benötigt. Dieses Problem betrifft auch Gravel-Biker, die beim Ortsschildsprint mit den Kumpels genauso glänzen wollen wie auf der gemütlichen Mehrtages-Gravel-Tour. Allerdings ist das nur die eine Seite der Medaille: Wird das Gelände technischer oder der Schotter gröber, greift man zwangsläufig im Unterlenker, weil man hier die sicherste und beste Position zum Bremsen hat – exakt in diesen Situationen bewirkt das Hover Cockpit aber genau das Gegenteil, schließlich ist der Lenker in den Drops steifer als ein herkömmliches Modell. Der Fahrer hat zwar die Wahl zwischen vielen Griffpositionen, verfügt jedoch nur über begrenzten Spielraum hinsichtlich der Veränderung der Lenkerhöhe durch Spacer. Die serienmäßig verbauten 15 mm hohen Spacer können zwar auch über den Vorbau gesetzt werden, doch ist es mit der integrierten Optik dann vorbei.

Antrieb Shimano Ultegra RX Di2
Laufradsatz Reynolds Assault ATR Disc Carbon
Bremsen Shimano Ultegra 160/140 mm
Reifen Schwalbe S-ONE Bite
Gewicht 8,18 kg
Preis 4.499 €

Die VCLS 2.0-Sattelstütze im Blattfederdesign verfügt über einen schwimmend gelagerten Klemmkopf, der den Neigungswinkel des Sattels beim „Einfedern“ weniger stark verändern soll. Wer seine Satteltasche für den Mehrtagestrip beladen will, sollte jedoch auf eine herkömmliche Stütze ausweichen.
50/34-Kompaktkurbel trifft 11-fach-Kassette mit 11–34 Zähnen – mit kleinen Gangsprüngen und ausreichend Kletterreserven will das Grail punkten.
Die Junction-Box der Shimano ULTEGRA Di2-Schaltung findet im Lenkerende Platz. Leider sind die übrigen Kabel im Bereich des Cockpits weniger elegant verlegt.
Mit dem Hover-System am CP01 CF-Cockpit verspricht Canyon sieben mal mehr vertikale Federung im Vergleich zum hauseigenen und vollintegrierten Pendant H31. Manko: Sobald die eigene Sitzposition nach mehr oder weniger Spacern verlangt, ist der cleane und integrierte Look dahin.

Konzeptioneller Komfort ist ein wiederkehrendes Schema beim Grail und man findet ihn mit der hochflexiblen Carbonsattelstütze im Blattfederdesign genauso wie mit den großvolumigen Reifen mit bis zu 42 mm Breite. Letztere haben wir übrigens im Rahmen des Gravel-Reifentests auf Seite X genauer unter die Lupe genommen. Mit diesem Komponenten-Mix will das Grail auf allen Untergründen glänzen. Der Allround-Charakter wird auch am Shimano ULTEGRA Di2-Antrieb deutlich. Feine Gangsprünge und eine große Bandbreite des 2×11-Antriebs an verfügbaren Gängen sollen das Grail vielseitig einsetzbar machen. In Kooperation mit Topeak hat Canyon darüber hinaus eine eigens für das Grail entworfene Taschenserie entwickelt.

Helm POC Ventral Spin | Brille Oakley Trillbe | Hose Rapha Cotton Shorts | Hemd Der Holzfäller | Schuhe Shimano SH-XC7 SPD

Die Geometrien

Cross-Geometrien haben den Ruf, sehr nah an denen eines Rennrades zu sein: kurzer Radstand zum Kurvenzirkeln und mehr Baufreiheit für breitere Reifen. Für die Geometrie des Inflite hat Canyon Inspiration im MTB-Bereich gesucht. Dementsprechend weist es einen größeren Reach und einen längeren Radstand auf als übliche Cross-Bikes und will damit für ein höheres Maß an Laufruhe sorgen. Das H31-Cockpit wurde daraufhin angepasst und weist einen kürzeren Vorbau und einen breiteren Lenker für direktere Lenkimpulse auf. Der kürzere Vorbau bedeutet jedoch nicht, dass auf dem Inflite keine sportliche Sitzposition gegeben wäre – ganz im Gegenteil: Sie ist ausgesprochen sportlich, nur erstreckt sie sich nicht nach vorn über das Steuerrohr hinaus, sondern ist zentraler auf dem Bike. Dadurch soll sich der Grip einheitlicher auf Vorder- und Hinterrad verteilen. Mit einem recht steilen Lenkwinkel von 72,5° sollen auch engste Kurven bei geringen Geschwindigkeiten einfacher zu bewältigen sein. Bedenkt man, dass selbst Cross-Profis die Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h nur selten überschreiten und die engen Kurven von Cyclocross-Strecken nicht selten in Schrittgeschwindigkeit durchfahren, sind die aufgeführten Features denkbar sinnvoll.

Laut Aussage der Koblenzer ist eine Angabe gewöhnlicher Stack- und Reach-Werte für das Grail aufgrund der besonderen Konstruktion des Oberrohrs und des Cockpits wenig sinnvoll. Das eigens eingeführte Messsystem namens Stack+ und Reach+ nimmt die Mitte des Oberlenkers als Bezugspunkt. Wie beim konventionellen Stack-to-Reach-Ansatz wird die Sitzposition umso aggressiver, je geringer der Quotient von Stack+ und Reach+ ist. Die Sitzposition des Grail (Quotient von Stack+ und Reach+: 1,44) siedelt sich zwischen der des Canyon Endurace (1,47) und der des Canyon Ultimate (1,38) an. Diese Sitzposition soll es dem Fahrer erlauben, lange Tage im Sattel mit ausreichend Komfort zu genießen und im unebenen Gelände aktiv zu reagieren. Der Radstand in Größe M ist 40 mm länger als der eines Canyon Endurace, was für das Plus an Laufruhe sorgen soll. Um das notwendige Maß an Agilität zu erreichen, lässt sich Canyon auch beim Grail von der MTB-Szene inspirieren und verbaut einen kompakten Vorbau mit 90 mm Länge in Größe L.

Eine Besonderheit, die sich beide Bikes trotz ihrer signifikant unterschiedlichen Geometrie teilen, sind die 650B-Laufräder in den kleinsten Größen. Canyon will damit auch für Fahrer unter 1,60 m Körpergröße ein stimmiges Geometriekonzept anbieten.

Praxistest im direkten Vergleich

Um die Fahreigenschaften beider Bikes herauszuarbeiten, haben wir sie erst auf der gleichen Teststrecke gegeneinander antreten lassen und anschließend in ihren jeweils natürlichen Lebensräumen! Dabei präsentiert sich das Inflite als das spritzigere Bike in der Beschleunigung. Das Grail lässt es eine Spur gemütlicher angehen, überzeugt auf Reisegeschwindigkeit dann aber mit seinem sehr guten Geradeauslauf – Cruise Control an und los! Genau damit hat das Inflite seine Mühen. Wie ein Carving-Ski, der permanent unter Zug auf der Kante gefahren werden will, fühlt es sich im Touring-Modus deplatziert an, da es deutlich mehr Aufmerksamkeit benötigt. Das kann auf langen Touren ermüdend sein. Während das Grail in weiten, schnellen Kurven ein hohes Maß an Kontrolle und Vertrauen vermittelt, neigt es bei niedrigeren Geschwindigkeiten dazu, in Richtung Kurvenzentrum zu kippen. Der quirlige Charakter des Inflite meistert verwinkelte Trails deutlich spielerischer und folgt Lenkimpulsen direkt. Diese Präzision verlangt bei hohen Geschwindigkeiten eine geschulte Hand. Geübte Fahrer kommen voll auf ihre Kosten, während Piloten mit weniger Erfahrung von der Präzision schnell überfordert sein können.

Die mit 700 x 33C relativ schmalen Reifen am Inflite tun ihr Übriges und bieten durch ihr kleineres Reifenvolumen wenig Reserven im Falle einer unsauberen Linienwahl. Hier bietet das Grail mit seinen voluminösen Reifen und dem 440 mm breiten Lenker ein größeres Sicherheitsreservoir. Im Grenzbereich fehlt es dem Grail aufgrund seiner nicht ausbalancierten Komfortverteilung trotzdem an Berechenbarkeit. Das Inflite erreicht seinen Grenzbereich zwar früher, bleibt aber zu jeder Zeit ehrlich und in seinem Verhalten berechenbar. Diese Aufrichtigkeit findet sich auch im Komfort des Inflite wieder: Es ist eine straff abgestimmte Wettkampfmaschine – durch und durch. Das Grail bietet da schon bedeutend mehr Komfort, doch er ist nicht homogen ausbalanciert. Während sich viele Schläge in der hochflexiblen Sattelstütze verlieren, ist die Front nicht on par – stark abhängig davon, wo man seine Hände gerade positioniert hat. Steigt der Trail einmal steil an, braucht es mit dem Inflite dicke Beine und eine hohe Toleranz gegenüber großen Gangsprüngen. Die fein abgestuften Gänge des 2×11-Antriebs am Grail erleichtern das Klettern und das Finden des richtigen Ganges gleichermaßen.

Für wen ist welches Bike das Richtige?

Schnell ist klar: Auch wenn sich die Räder in einigen Geometriedaten ähneln, sind das Inflite und Grail zwei komplett unterschiedliche Bikes mit signifikanten Unterschieden im Handling. Beide sind Newschool-Vertreter ihres Genres und glänzen mit Speziallösungen, die das Phänomen der immer feiner werdenden Segmentierung des Fahrradmarktes verdeutlichen. Das Inflite richtet sich mit seiner hohen Präzision an alle Tempobolzer, deren Durchschnittspuls im einstündigen Workout über 180 Schlägen pro Minute liegt. Verspielt lädt es zum Beschleunigen aus jeder Kurve ein und weckt den Wettkampfgeist jedes leidenswilligen Laktat-Junkies mit Offroad-Erfahrung. Ein waschechtes Cross-Bike mit Race-Ambitionen.

Das Grail lässt seinem Fahrer zwar Raum, die Straßen zu verlassen, fühlt sich aber auf Schotterautobahnen im Geradeauslauf am wohlsten. Damit zeigt es sich eher als Gravel-Spezialist statt als Gravel-Allrounder. Das Hover-Cockpit ist ein spannendes Konzept, kann uns im Gravel-Alltag jedoch nicht überzeugen, da man sich das Plus an Komfort in speziellen Situationen mit Nachteilen in anderen Situationen erkauft. Wer auf der heimischen Trainingsrunde auch Feld- und Waldwege mitnehmen möchte, findet hier eine effiziente Option.

Fazit

Unser Test zeigt, dass es im direkten Vergleich zwischen Gravel-Bike und Crosser keinen ersten Platz gibt. Am Ende ist es jedoch das kompromisslose Inflite, das mit einem in sich super stimmigen Gesamtkonzept auf voller Länge überzeugt. Im Gegensatz zum Inflite ist das Grail nicht kompromisslos, sondern einfach speziell. Die technischen Lösungen sind faszinierend, manchmal jedoch nicht ganz zu Ende gedacht (z. B. Zugführung, Spacer) und ob sich das Gros der potenziellen Käuferschicht tatsächlich derart spezialisieren will, ist fraglich. Beim Graveln sind wir größere Fans von Allroundern, die uns jegliche Freiheiten garantieren!

Der Bereich zwischen den zwei extremen Gattungsvertretern Grail und Inflite ist groß – vielleicht kommt Canyon ja mit einem simpleren und minimalistischeren Gravel-Bike, das neben der UCI-Plakette auch über Möglichkeiten zur Schutzblechmontage verfügt. Denn egal, wie extrem sich die Kategorien entwickeln, der Großteil der Fahrer wünscht sich die eierlegende Wollmilchsau. Vielleicht kann das Canyon Grail AL diese Brücke schlagen? Falls ja, erfährst du es hier!

Mehr Infos unter: canyon.com

Dieser Artikel ist aus GRAN FONDO Ausgabe #010

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Text: Benjamin Topf Fotos: Valentin Rühl

Über den Autor

Benjamin Topf

GRAN FONDO Redakteur Ben lebt in Leonberg, er ist mit Leib und Seele Reporter für das Event vor der Afterparty. Daneben ist er auch noch Möchtegern-Whiskey- Kenner.
Seit dem Kindergarten beschäftigt er sich mit Fahrrädern, und mit Hilfe seiner Bike-PR-Erfahrung und seines Social Media Backgrounds drückt er sich gerne in elaborierten Schachtelsätzen aus, ohne dabei ein völlig subjektives Urteil zu vermeiden. Sarkasmus ist offensichtlich nicht sein Ding.