In einer Zeit, in der Hightech-Carbonrahmen jede Saison neue Formen annehmen und Technologien wie Scheibenbremsen, Steckachsen und kabellose Schaltungen den Markt bestimmen, sind wir losgezogen, um ein zeitloses Meisterstück zu erschaffen. Die Liebe zur Handwerkskunst hat uns nach Italien zu Stelbel geführt, um Tradition und modernste Technologien zu vereinen.

Stelbel x Campagnolo

Warum ein Custom Bike? Das ist eine Frage, die sich viele Bike-Fans stellen. Man muss schon ein bisschen Geld in die Hand nehmen, um sich den maßgefertigten Stahlrahmen bauen zu lassen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser gute 500 g schwerer als ein moderner Carbonrahmen und vergleichbar teuer. Am Ende ist man aber stolzer Besitzer eines einzigartigen Produkts, in das viele Stunden Handarbeit, Schweiß und vermutlich auch der ein oder andere Tropfen Blut geflossen ist. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass der Rahmenbauer ein Unikat für dich persönlich baut, macht das Ganze noch einzigartiger.

On Top kommt noch eine weitere wesentliche Komponente: Der Maßrahmen! Das Gefühl, auf einem maßgefertigten Bike zu sitzen, ist gut zu vergleichen mit dem Tragen eines maßgefertigten Kleidungsstücks. Wer einmal in Besitz eines solchen gekommen ist, will nicht mehr von der Stange kaufen. Das bedeutet nicht, dass ein handelsübliches Bike nicht perfekt passen kann. Wenn man aber gesundheitliche Einschränkungen hat, sehr groß oder sehr klein ist oder die Proportionen des Körpers nicht ganz standardgemäß sind – oder auch wie wir eine ganz spezielle Idee im Kopf hat, dann ist das die mögliche Geburtsstunde eines Custom Bikes.

Hat man sich nach intensiven Gesprächen über Einsatzgebiet, Vorlieben und Körperbau auf ein Modell festgelegt, geht es an die Geometrie. Hierfür braucht es eine geübte Hand und viel Erfahrung beim Bike-Fitting sowie beim Design des Rahmens, um am Ende ein perfektes Ergebnis zu erreichen. Und dann steht man plötzlich vor einer ganz neuen und unbekannten Challenge: die Qual der Wahl der Farbe. Beim Kauf eines handelsüblichen Bikes ist die Farbe vordefiniert oder auf wenige Optionen beschränkt wohingegen Custom alle Möglichkeiten bietet. So schwankt man dann zwischen Ferrari-Rot, Martini-Racing-Design oder den Club-Farben. Dabei hilft es sich ein Motto zu definieren. Unseres lautet „Heritage trifft Moderne“, mit einer ordentlichen Portion „Bella Italia“. Und um den edlen Stahl nicht zu verstecken, bleiben wir „raw“. Um die Wahl der Hersteller zu erklären, machen wir hier zunächst eine kurze Zeitreise.

Stelbel

Die Signatur des Meisters und Gründers ziert jeden Stelbel Rahmen

Stelio Belletti ist ein Meister seines Handwerks und Pionier für neue Technologien. Er war der erste Rahmenbauer, der TIG-Schweißen einsetzte, um die ersten Stelbel-Stahlgabeln herzustellen, die auch heute noch in Gewicht, Performance und Ästhetik ihresgleichen suchen.

Stelbel-typische Stahlgabel – damals wie heute ein Meisterwerk

In einer Zeit, in der gemuffte und gelötete Rahmen Stand der Technik waren, hat der Stelbel-Gründer und Namensgeber Stelio Belletti neue Wege beschritten und alle Zweifler eines Besseren belehrt.

Ein Vorreiter in Sachen TIG-Schweißen – da verwundern auch die makellosen Schweißnähte nicht

Und auch heute noch ist Stelbel Vorreiter für neue Technologien und Wege. Seine Mission: Stahlrahmen noch schöner, besser und schneller zu machen oder – wie kürzlich erst mit dem Ti9 präsentiert – einen Titanrahmen höchster Qualitätsstufe zu schaffen. Und das alles, ohne dabei die Tradition und Herkunft zu vergessen. In Zusammenarbeit mit Columbus werden so beispielsweise die Custom-Rohrsätze stetig überarbeitet und optimiert, um auch ohne Windkanaltests und Highend Carbonfasern effiziente Meisterstücke zu erschaffen. Heute wird das Unternehmen von Andrea Cimò und Alessandro Caccia weitergeführt.

Der Meister Stelio Belletti mit Andrea Cimò und Alessandro Caccia

Campagnolo

1931 erfand Tullio Campagnolo den ersten Schnellspanner und legte damit den Grundstein für viele weitere bahnbrechende Erfindungen. So war Campagnolo mit dem ersten Parallelogramm-Schaltwerk nicht nur Vorreiter in Sachen Antrieb, sondern verhalf zum Beispiel auch den schnellsten Rennwagen der damaligen Zeit mit Magnesiumfelgen Siege einzufahren. Er war sogar schon an NASA-Weltraumfahrten mit seinen Produkten und Lösungen beteiligt. Auch heute noch überraschen die Pioniere aus Vicenza den Rennradmarkt immer wieder. So wurde erst kürzlich die erste 12-fach-Schaltgruppe vorgestellt, die nach der Erfindung der 10- und 11-fach Schaltungen nun in die Fußstapfen ihrer Vorgänger tritt. Der Pioniergeist und die Leidenschaft Tullios schlägt noch heute in den Herzen der Ingenieure.

Damals wie heute ein Klassiker – der Campagnolo Schnellspanner

Brooks

„It is not the name of Brooks which makes the saddle good, but the saddle, and its excellence, that makes the name supreme“, The Brooks Book for Cyclists, 1912. 
Seit 1866 bringt Brooks „Exzellenz“ auf den Bikemarkt und steht für Qualität, Langlebigkeit und Ästhetik. Nicht umsonst gibt es das „Brooks Forever“ Programm, das 10 Jahre Garantie auf jeden Sattel vergibt.

Deda

Deda Elementi – mit dem Firmensitz in der Via Leonardo Da Vinci ist es nicht verwunderlich, dass so viel Ästhetik aus dem Hause Deda kommt. Und kein anderer Komponentenhersteller ist derart eng mit dem Material Stahl verbunden wie Deda. Denn die Wurzeln von Deda reichen mit dem Gründer Martino Colombo, dem Großvater der Locatelli Brüder und Mitgründer der legendären Firma A. L. Colombo (heute Columbus), weit zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Dedacciai war und ist immer noch Vorreiter für neue Materialien und schaffte ab 1992 die Grundlage für die Siege der ganz Großen dieser Zeit: Stahl-Rohrsätze für TIG-geschweißte Rahmen, auf denen Miguel Indurain seine Siege einfuhr, Aluminium für Jan Ullrichs Team Telekom-Maschinen und auch Marco Pantanis hydrogeformte Bianchi-Rahmen kamen aus dem Hause Dedacciai. Seit 1999 hat Deda Elementi ihr firmeneigenes Know-How auf den Komponentenmarkt transportiert und ihn mit neuen Materialien, Produktionstechniken und innovativen Ideen wie der oversized Klemmung revolutioniert.

Das Meisterstück

Das Herz des Custom Projekts ist das Stelbel Rahmenset. Der Stil basiert auf dem klassischen Stelbel Strada Super-Rahmen, welcher mit seiner Form, den schlanken Rohren und der Stelbel-typischen Gabel die Tradition und den Geist Stelios verkörpert. Nun galt es diesen Klassiker mit neuester Highend Technologie zu vereinen. Nichts passt da besser als der XCr-Edelstahl-Rohrsatz aus dem Hause Columbus: zeitlos, quasi unkaputtbar und super leicht – „Edel“-Stahl eben.

Stelbel Gravuren…
…zieren den Rahmen und Gabel

Der Rahmen wird geziert von feinen Gravuren und dezenten Logos und erstrahlt in gebürstetem Edelstahl. Der Tretlagerbereich ist durch die Stelbel-typische Aero-Brücke verstärkt und bringt extra Steifigkeit und ein sattes Plus an Spritzigkeit im Antritt.

Stelbel-typische Aero-Brücke verleiht dem Tretlager ein Plus an Steifigkeit

Die Kabel sind alle wie auch schon beim Strada Super im Rahmen verlegt und tragen damit zum cleanen Look bei.

Doch ein Rahmen alleine bringt einen nicht vorwärts, denn ohne Laufräder und Schaltgruppe kommt man nicht weit. „Movement“ bringt Campagnolo seit 85 Jahren auf die Straße und es war sofort klar, dass kein anderer Komponentenhersteller den Spirit unseres Projekts mehr verkörpert als Campagnolo: Heritage und moderne Technologien vereint in der Top-Gruppe Super Record und den Bora 35.

Campagnolo Super Record – Performance und Heritage vereint und von Andrea Cimò persönlich montiert und eingestellt

Die Gruppe steht für Highend Schaltperformance, Ergonomie und Leichtigkeit, die Bora-Carbonschönheiten bieten top Performance in allen Lebenslagen. Auf der einen (Berg)Seite mit 1406 g leicht genug, um die steilsten Bergpässe zu erklimmen. Auf der anderen Seite meistern sie dank der AC3-Technologie jede noch so lange und verwundene Abfahrt mit Leichtigkeit und mit 35 mm Felgenhöhe ist auch Seitenwind kein Problem. AC3 steht für All Condition Carbon Control und sorgt mittels strukturierter Bremsfläche für optimale Bremsperformance in trockenen wie nassen Bedingungen.

Der perfekte Allrounder aus dem Hause Campagnolo – der Bora One 35 Laufradsatz

Das Finishing-Kit kommt aus dem Hause Deda Elementi – italienische Detailliebe gepaart mit neuesten Technologien. Die Deda Superleggero RS Carbon-Sattelstütze ist wohl nicht nur einer der schönsten Sattelstützen unserer Zeit, sondern bringt auch gerade einmal 176 g auf die Waage.

Die Deda Superleggero RS Carbon-Sattelstütze ist nicht nur ein wahrer Augenschmaus, sondern auch extrem leicht

Der double-butted Deda Piega Aluminium-Lenker schreit zwar nicht gerade nach modernsten Technologien, rundet aber die Gesamtperformance in Sachen Handling ab. Warum Aluminium? Das Handling des Bikes ist immer ein Zusammenspiel aller Komponenten und daher setzen wir beim Lenker auf Aluminium, um zusammen mit der komfortablen Stahlgabel ein direktes und präzises Handling zu erreichen.

Der Deda Piega Aluminium-Lenker rundet die Gesamtperformance in Sachen Komfort und Handling ab

Oft unterschätzt, aber der wichtigste Kontaktpunkt zwischen Fahrer und Bike: der Sattel. Mit dem Brooks Cambium C13 haben die Briten einen Klassiker geschaffen, den man heutzutage überall zu sehen bekommt. Vom alten Retro-Stahl-Racer bis hin zum modernsten Carbon-Geschoss schätzen die Fahrer den Komfort, den Style und die Performance. Dafür nehmen wir auch gerne ein paar Gramm mehr in Kauf, denn wir alle kennen die Qualen, die ein unkomfortabler oder ein zu schmaler bzw. zu breiter Sattel verursachen kann. Der Sattel ist etwas sehr Persönliches und des einen Freud ist des anderen Leid.

Der Sattel ist immer eine persönliche Angelegenheit – für uns passt der Brooks Cambium C13 perfekt

Wir setzen auf die Carved Version des C13, die mit der vulkanisierten Satteldecke, dem Carbongestell und den klassischen Nieten Tradition und Moderne vereint.

Nun fehlt nur noch eines: Reifen. Und hier gab es keine Zweifel, dass die Lieblinge der gesamten Test-Crew zum Einsatz kamen. Die Vittoria Corsa G+ bieten ein dickes Plus an Komfort sowie einen erstklassigen Grip bei allen Wetterbedingungen, weshalb wir sie auch schon in vielen Grouptests gelobt haben. Sie vereinen klassischen Look mit modernster Performance, dank Vittorias Graphene Technologie. Die Vittoria-Reifen rollen nicht nur extrem leicht, sicher und komfortabel, sondern hinterlassen auch beim Espresso-Stopp einen guten Eindruck.

Modernste Technologien in klassischem Design: der Vittoria Corsa G+

Bei einem Kunstwerk müssen natürlich alle Details stimmen, so auch die Accessoires, die ebenfalls Tradition und neueste Technologien vereinen sollten. So kommt an die SILCA Seat Roll Premio mit Boa-Verschluss nicht nur technisch, sondern auch in Sachen Style so schnell nichts heran. Und da wir ständig auf Achse sind, darf natürlich das passende Tool nicht fehlen. Das T-Ratchet + Ti-Torque Kit ist der perfekte Begleiter – kompakt, stylisch und das Drehmoment immer fest im Blick. Ein treuer Begleiter auf unseren Reisen, denn vor allem Carbon-Komponenten wie die Deda Superleggero-Sattelstütze reagiert doch sensibel auf zu viel Drehmoment.

Komponenten auf einen Blick

Rahmen & Gabel Stelbel Inox – custom Rahmen und Gabel
Schaltgruppe Campagnolo Super Record 11s
Bremsen Campagnolo Super Record
Laufräder Campagnolo Bora One 35
Vorbau Cinelli 1A – custom anodisiert und graviert
Lenker Deda Piega Aluminium
Steuersatz Chris King GripNut Sotto Voce
Sattelstütze Deda Superleggero RS
Sattel Brooks Cambium C13 Carved 145 mm
Reifen Vittoria Corsa G+ 25 mm
Flaschenhalter Elite Ciussi Inox

The Ride

Die Entstehung des Custom Bikes war von Anfang an eine Love-Story, die sich mit jedem Ride wieder aufs Neue bestätigt. Eine große Rolle spielt die maßgefertigte Geometrie, was nicht nur viel Sicherheit in allen Lebenslagen vermittelt, sondern auch für viele schmerzfreie Kilometer sorgt. Seit der Fertigstellung unseres Stelbel Inox sind bereits über 6.000 km zusammen gekommen und es werden noch viele folgen.

Liebe auf den ersten Blick, die auch nach über 6.000 km ungetrübt ist

Die Pflastersteine von Paris-Roubaix als Feuertaufe in Sachen Komfort: Der klassische Stahlgabel kann man zuschauen, wie sie die Unebenheiten ausbügelt. Die Kombination aus Stahlrahmen, Carbon-Sattelstütze und Brooks-Sattel bringen eine große Portion Komfort und so machen selbst Langstrecken wie die Alpenüberquerung nach Bergamo riesig Spaß.

Geprüft auf den härtesten Pflastern und steilsten Anstiegen

In der Abfahrt vermittelt das Stelbel unglaublich viel Sicherheit und Kontrolle. Das Gesamtpaket aus perfekter Geometrie, den direkten Campagnolo Bora 35 Laufrädern, exzellentem Grip der Vittoria Corsa G+ und dem Komfort von Gabel und Rahmen sorgen für Bestzeiten auf diversen Strava-Segmenten, die wir zuvor mit der Creme-de-la-Creme der Carbonwelt aufgestellt haben. Die Super Record-Bremsen sind super dosierbar und die Bremsflanken der Bora 35 bieten auch bei Nässe tadellose Verzögerungswerte.

Der perfekte Fit und das sichere Handling verleihen Flügel
Wenn man sich auf dem Bike so sicher fühlt, werden die Serpentinen des Stilfser Jochs zur größten Freude auf Erden

Fazit

Gründe für ein Custom Bike gibt es viele, als Resultat ergibt sich jedoch meist das gleiche Gefühl: Mit Stolz geschwellter Brust rollt man auf dem ganz persönlichen Unikat dahin und dabei sitzt es so gut wie ein Maßanzug. Und so ist es auch in unserem Fall. Die Vision, Tradition und modernste Technologien zu vereinen, ist noch besser aufgegangen als wir erwartet hatten. Das Stelbel Inox zieht nicht nur viele bewundernde Blicke auf sich, sondern hat sich schon auf härtesten Pflastern bewährt: von Paris-Roubaix, den Serpentinen des Stilfser Jochs bis hin zu Alpenüberquerungen sind mittlerweile bereits über 6.000 km zusammen gekommen.


Dieser Artikel ist aus GRAN FONDO Ausgabe #009

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Text: Manuel Buck Fotos: Valentin Rühl, Manuel Buck, Laura D'Alessandro, Gökhan Kutluer