Berlin Mitte – alternative Luftblase voller Fixed-Gear-Bikes oder idealer Nährboden für design-affine Rennradmarken? Wir sind zu Gast bei Standert Bicycles, schwelgen mit Firmengründer Max von Senger in Erinnerungen und blicken in die Zukunft des Bike-Labels.

Berlin und das Peter Pan-Syndrom: Irgendwie hat man das Gefühl, dass hier niemand so recht erwachsen werden möchte. Bei unserem Besuch in der Hauptstadt haben wir die Chance, den Jungs von Standert Bicycles einen Besuch abzustatten und über ihr ganz eigenes Kapitel „Berliner Rennrad-Geschichte“ zu sprechen. Wie ist das Bike-Label zu dem geworden, was es jetzt ist? Was ist das Standert-Konzept und wie lassen sich Bikes an der Spree konstruieren?

Was ist Standert?

Mit seinem Hintergrund in Industrie-Design sowie im Mountainbike-Sport und der fortwährenden Passion fürs Fahrrad ist Max von Senger sowohl Gedankenvater als auch Gründer von Standert. Zu Beginn stand die Vision, einen Skate-Shop-ähnlichen Laden voller Fixed-Bikes zu eröffnen. Heute reflektiert er das kritisch: „Wir machen jetzt einen Rahmen und der passt für alles – das war natürlich reine Illusion. Grüner kann man hinter den Ohren nicht sein.“ Kurz bevor die Welle des Fixed-Gear-Hypes im Jahr 2012 am Kreuzberg zu brechen scheint, eröffnet Max seinen ersten Bike-Shop mit vielen verschiedenen Marken und Partnern – und zusätzlich dem ersten selbst designten Race-Bike in Berlin Mitte. Die Rahmensets werden zu dieser Zeit von Colossi in Italien gefertigt.

Von Anfang an engagiert sich Standert, für die Berliner Rennrad- und Fixed-Gear-Szene und so werden die AGW (Any Given Wednesday) Criterium-Races eine feste Instanz für jeden Hauptstadt-Tempobolzer, der etwas auf sich hält. Das Format der inoffiziellen Bike-Rennen von U-Bahn-Station zu U-Bahn-Station ändert sich pragmatisch, als die Polizei spitz bekommt, wie viele Fixed-Bikes da auf einmal durch Berlin fliegen – fortan Rennräder beim AGW.
2014 beginnt ein Prozess des Umdenkens, welcher bis heute andauert. Immer mehr Räder mit dem eigenen Schriftzug füllen das Portfolio, das Ladenlokal wird vom Fixed-Gear-Mekka zur Pilgerstätte von Rennrad-Jüngern und urbanen Radfahrern: Weg mit der Eistheke und rein mit der edlen Siebträger-Kaffeemaschine. Standert entwickelt sich vom Bike-Shop zur Fahrradmarke mit einzigartigem Showroom.

Es folgen Kollaborationen mit internationalen Rennteams, wie den Lumiere Cycling aus Australien, und mit Industriegiganten wie Rapha. Über den jüngst neu gelaunchten Onlineshop versendet Standert heute Bikes in alle Welt, wobei Deutschland nach wie vor der stärkste Absatzmarkt der Berliner ist. Um den hauseigenen Produktwelten Urban und Race eine noch bessere Bühne bieten zu können, plant Standert derzeit die Eröffnung eines zweiten Showrooms: Wieder in Berlin, wieder ausgesprochen stylish, nur irgendwie … erwachsener.

Wo Standert im Jahre 2030 stehen wird, darüber hat Max relativ klare Vorstellungen: „Wir wollen eine etablierte Brand im Fahrradmarkt sein. Immer noch am Rande des Mainstreams, aber nice! Keine Open-Mold-Bauweise, die auf Stückzahlen aus ist, sondern einfach schöne Räder von einem organisch gewachsenen Unternehmen.“

Was ist das Standert Erfolgsrezept?

Die Materialfrage ist für Max, der selbst das Standert Triebwerk fährt, nicht existent. Für ihn gibt es nur Stahl. Dessen Eigenschaften sprechen klar für sich und so zollt Standert den goldenen Zeiten des Bike-Designs Tribut und fertigt einige Modelle aus hochwertigen Columbus-Rohrsätzen. Bei den Crit-Race-Bikes, wie der Standert Kreissäge (und Kreissäge 2nd Cut) setzen die Berliner auf leichteres Dedacciai Scandium-Aluminium. Laut Max sind Stahl und Alu der „Real Deal“, wenn es um Funktion geht!

Geht es anfangs noch um maximale Reduktion und ausschließlich Fixed-Gear-Bikes, hat sich inzwischen einiges getan. Auch wenn die Geometrien der Rennräder im Laufe der Jahre nur minimal angepasst worden sind, sind Inspirationen für die Bike-Designs, welche Max in Mode und Kunst oder auf Buchcovern sucht, besonders an der neuen Kreissäge deutlich erkennbar. Schlussendlich bauen die Berliner nicht nur Räder, die sie selbst gerne fahren wollen und die sie für ästhetisch ansprechend halten, sondern holen sich zusätzlich Input von den Profis, um neue Produkte zu entwickeln: „Auch die Pros haben erkannt, dass man Platz zum Atmen braucht. Race-Bikes dürfen auch etwas komfortabler sein.“

Ich begreife das Fahrrad als ästhetischen Design-Gegenstand… mein Ansatz ist sozusagen schon immer gewesen, die Schönheit des Gegenstandes zu feiern. Max von Senger

Werkstatt-Chef Peter …
… keiner hat mehr Druck.

Mit dem Feedback der Profis und des hauseigenen Rennteams als Innovationsherd arbeitet Standert aktuell an einem revolutionären Geometrie-Konzept. Über die Details, was da gerade Spannendes im Ofen glüht, hüllen sich die Berliner jedoch noch in Schweigen. Perspektivisch wird Standert mit seinen Bikes auf der Straße bleiben. Doch neue Modelle, wie das bereits angekündigte Edelstahl-Gravel-Bike names Erdgeschoss, zeigen, dass die kleine Schmiede kontinuierlich Wege sucht, das eigene Portfolio sinnvoll zu erweitern.

Wie viele kleinere Hersteller, ist auch Standert versucht, die verfügbaren Spezifikationen überschaubar zu halten und die Modelle in den auf der Website erhältlichen Ausstattungsoptionen zu verkaufen. Schließlich soll der Preis im Rahmen bleiben, und wer schon einmal einen Blick auf die Website der Jungs geworfen hat, wird erstaunt sein, wie viel Bike es in Berlin zum vergleichsweise fairen Kurs gibt. Individuelle Custom-Aufbauten setzt Standert natürlich trotzdem gerne im eigenen Workshop um. Wer selbst basteln möchte, kann jedes Modell auch als Rahmenset erwerben. Zufrieden resümiert Max: „Jetzt haben wir Räder am Start, über die ich als Macher mit Überzeugung sagen kann: Das ist nicht nur ein stylishes, sondern auch ein qualitativ gutes Produkt!“

Und so endet unser Besuch in der Hauptstadt mit der Gewissheit, dass Peter Pan doch ein ganzes Stück erwachsener geworden ist und die Berliner Fahrradszene mehr bereithält als Bike-Kuriere und Fixed-Bikes ohne Bremsen. Geboren in der Vision eines Urberliners ist Standert heute eine international anerkannte Bike-Marke. Reifer als noch vor wenigen Jahren, immer noch nischig genug, um cool zu sein, gleichzeitig aber massenkompatibel genug, um ein breiteres Kundensegment anzusprechen. Authentisch, sympathisch, ästhetisch … Standard halt.

Mehr Informationen findet ihr unter standert.de

Text: Benjamin Topf Fotos: Noah Haxl

Über den Autor

Benjamin Topf

GRAN FONDO Redakteur Ben lebt in Leonberg, er ist mit Leib und Seele Reporter für das Event vor der Afterparty. Daneben ist er auch noch Möchtegern-Whiskey- Kenner.
Seit dem Kindergarten beschäftigt er sich mit Fahrrädern, und mit Hilfe seiner Bike-PR-Erfahrung und seines Social Media Backgrounds drückt er sich gerne in elaborierten Schachtelsätzen aus, ohne dabei ein völlig subjektives Urteil zu vermeiden. Sarkasmus ist offensichtlich nicht sein Ding.