
Specialized schickt mit dem Tarmac seit Jahren eines der begehrtesten Race-Bikes ins Rennen. Für viele gilt der kalifornische Allrounder als Referenz moderner Rennräder – nicht zuletzt, weil Specialized mit ihm einst das reine Aero-Bike Venge ablöste und den „One-Bike-Fits-All“-Ansatz konsequent in den Mittelpunkt stellte. Die Idee dahinter ist bis heute klar: Ein Tarmac soll leicht genug für lange Anstiege, steif genug für harte Antritte und aerodynamisch genug für Sprints und Highspeed-Passagen sein.
Mit dem neuen S-Works Tarmac SL9 führt Specialized diese Formel weiter, schärft sie aber sichtbar nach. Der Rahmen gewinnt minimal an Fläche, Gabel und Front wirken aerodynamisch ausgeprägter, ohne dass das Bike zur kompromisslosen Aero-Spezialmaschine mutiert. Die DNA soll Tarmac bleiben, allerdings – wie zu erwarten – noch schneller. Wir konnten das 13.999 € teure S-Works bereits vor dem offiziellen Launch testen.
Evolution statt Revolution – Das Specialized S-Works Tarmac SL9 im Detail
Pünktlich zur Tour de France bringen die Hersteller ihre schnellsten Race-Bikes in Stellung. Während viele ihre Bikes immer weiter in Richtung Aero-Bolide schieben, bekommt geringes Gewicht plötzlich fast etwas Rebellisches. Denn mehr Profil und Fläche bedeuten meist auch mehr Gramm.
Specialized betrachtet Rahmen, Fahrer, Laufräder und Reifen als Gesamtsystem – ein Ansatz, den man aus der Formel 1 kennt und der für einen Hersteller aller genannten Komponenten nahe liegt. Das Ergebnis soll wieder einmal leichter, steifer und direkter sein, aber aerodynamisch spürbar nachgeschärft. Damit bleibt Specialized dem „One-Bike-Fits-All“-Prinzip treu, ähnlich wie Cannondale beim SuperSix EVO.
Der Systemansatz ist überzeugend – zumindest dort, wo Specialized die Prämissen selbst setzt. Im begleitenden White Paper haben die Specialized-Ingenieure – wie nicht anders zu erwarten – ausgerechnet, dass das SL9 das schnellste Bike im Feld ist. Getestet wurden die Konkurrenten dabei im eigenen WinTunnel, nach eigener Methodik, ausgewertet mit eigener Fahrzeitenberechnung. Das Ergebnis? Specialized gewinnt. Dabei ist auffällig, dass in der eigenen Vergleichstabelle das Cervélo S5 zwar eine bessere gewichtete CdA als das SL9 aufweist, Specialized das aber mit dem Gewichtsvorteil des SL9 auf Anstiegen erklärt. Das mag in der Theorie stimmen, zeigt aber eben auch, dass das Prädikat „Schnellstes Bike” immer auch eine Frage der Annahmen ist.
Basis des SL9 ist der neue FACT 12r Carbon-Rahmen. Zum Tourstart 2026 schneiden die Amerikaner das Rad spitz auf ihre Profis zu: Es kommt vorerst ausschließlich als S-Works-Topmodell für stolze 13.999 € oder als Frameset für 5.799 € auf den Markt. Ob bezahlbare Ableger mit einem 10rCarbon-Rahmen und eine S-Level-Variante wie beim Crux 5 folgen, bleibt abzuwarten.
Zumindest für das S-Works Tarmac SL9 zieht Specialized optisch alle Register. Während die Konkurrenz wie MERIDA mit dem REACTO mit einem markanten Cut-out am Hinterrad andere Wege geht, setzt das SL9 auf ein klassisch gecovertes Hinterrad. Dass die Aerodynamik laut Messungen mit Specialized Dummy aber vor allem an der Front entscheidet, zeigt das markante optische Update: Die Gabel fällt deutlich massiger aus, insbesondere im Übergang zum Steuerrohr. Dieses ziert weiterhin der mit dem SL8 eingeführte „Speed Sniffer“, jetzt allerdings mit einem kantigeren Übergang zum Oberrohr.
Beim Thema Reifenfreiheit gehen die Kalifornier einen klassischen oder vielleicht einfach realistischen Weg. Während der restliche Markt zunehmend auf 34 mm und mehr aufbohrt und die Wissenschaft dem breiteren Gummi in puncto Rollwiderstand recht gibt, zieht Specialized hier eine klare Grenze. Für die Entwickler ist die Reifenfreiheit kein isolierter Wert für mehr Komfort oder weniger Rollwiderstand, sondern Teil der Gesamtoptimierung. Das Credo aus Morgan Hill: 32 mm reichen selbst für die härtesten Klassiker-Rennen völlig aus – mehr würde die errechnete Aero-Silhouette des Gesamtsystems zu stark trüben. Ob 32 mm wirklich für jeden Einsatzzweck ausreichen, ist in unseren Augen definitiv diskutierbar – die aerodynamische Logik dahinter ist es weniger. Das Rahmengewicht steigt laut Hersteller gerade einmal um homöopathische 2 Gramm und beschert dem Tarmac SL9 auf unserer Redaktionswaage ein Kampfgewicht von 6,66 kg.
Die Ausstattung des Specialized S-Works Tarmac SL9
Bei der Ausstattung bleibt Specialized ganz bei sich: Fast alles, was am S-Works Tarmac SL9 glänzt, kommt aus dem eigenen Regal. Wie gewohnt setzt Specialized auf ein sauber abgestimmtes System aus Rahmen, Laufrädern, Reifen und Cockpit. Die im Vorjahr präsentierten Roval Rapide CLX III-Laufräder nutzen Carbon-Speichen, was sie extrem leicht und steif macht. Darauf montiert sind allerdings nicht die speziell für die Rapide CLX III optimierten Rapidair TLR-Reifen, sondern die neuen Cotton TLR-Reifen. Diese sind zwar mit 30 mm angegeben, messen auf den breiten Roval-Felgen real aber knapp 29 mm und schließen dadurch aerodynamisch sauber mit der Felgenflanke ab.
Specialized S-Works Tarmac SL9 2026
13.999 €
Ausstattung
Sattelstütze S-Works Rapide Post D-Shaped
Bremsen SRAM RED AXS 160/160 mm
Schaltung SRAM RED AXS 2 x 12
Kettenblatt 50/37 T
Vorbau Roval Rapide Cockpit 90 mm
Lenker Roval Rapide Cockpit 380 mm
Laufräder Roval Rapide CLX III 12 x 100 / 12 x 142
Reifen Specialized Cotton TLR 700 x 30c
Kurbeln SRAM RED AXS DUB 170 mm
Kassette SRAM RED XG-1290 10-36 T
Technische Daten
Größe 49 52 54 56 58 61
Gewicht 6,66 kg
Besonderheiten
Sehr leichter und steifer Carbon-Rahmen
Beim Antrieb darf dann doch ein Fremdprodukt ran: Die SRAM RED AXS-Gruppe kommt mit 50/37-Kettenblättern und einer breiten 10–36-Kassette, was dem Tarmac – passend zum Allround-Gedanken – trotz Race-Fokus eine erstaunlich bergtaugliche Übersetzung verpasst. Abgerundet wird das Paket vom 380 mm schmalen Roval Rapide-Cockpit und dem bewährten S-Works Power Mirror-Sattel.
Die Geometrie des Specialized S-Works Tarmac SL9
Die Geometrie des Specialized S-Works Tarmac SL9 zeigt vor allem eines: Revolution war hier nicht das Ziel. Specialized bleibt dem bewährten Race-Konzept des Tarmac treu und verändert den Charakter weniger über neue Winkel als über die aerodynamisch nachgeschärfte Silhouette. In Größe 56 ergibt das sportliche Stack-to-Reach-Verhältnis von 1,43 eine gestreckte, effiziente Sitzposition. Dazu passt das schmale Roval Rapide-Cockpit, das den Fahrer frontal kompakter macht. Spannend: Je schmaler das Cockpit wird, desto stärker fällt der Flare aus, damit selbst die 36-cm-Variante in den Drops noch dem UCI-Limit von 40 cm Außen-zu-Außen entspricht.
Die über alle Größen hinweg kompakten 410-mm-Kettenstreben versprechen ein direktes Heck und knackige Beschleunigung aus Kurven. Gleichzeitig sorgen die tiefe Tretlagerabsenkung von 72 mm und die in Größe 54 etwas kürzeren 170-mm-Kurbeln für einen tief integrierten Stand im Bike, ohne in Schräglage unnötig früh an Grenzen zu stoßen. Auf dem Papier liest sich das wie ein klassisches Tarmac mit quasi identischer Geometrie: aggressiv genug für den Renneinsatz, stabil genug für schnelle Abfahrten und direkt genug, um nicht an Lebendigkeit zu verlieren.
| Größe | 44 | 49 | 52 | 54 | 56 | 58 | 61 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberrohr | 496 mm | 508 mm | 531 mm | 540 mm | 562 mm | 577 mm | 595 mm |
| Sattelrohr | 433 mm | 445 mm | 456 mm | 473 mm | 494 mm | 515 mm | 545 mm |
| Steuerrohr | 100 mm | 109 mm | 120 mm | 140 mm | 157 mm | 184 mm | 204 mm |
| Lenkwinkel | 70,5° | 71,8° | 72,5° | 72,5° | 73,5° | 73,5° | 74° |
| Sitzwinkel | 75,5° | 75,5° | 74° | 74° | 73,5° | 73,5° | 73° |
| Kettenstrebe | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm | 410 mm |
| Tretlagerabsenkung | 74 mm | 74 mm | 74 mm | 72 mm | 72 mm | 72 mm | 72 mm |
| Radstand | 970 mm | 973 mm | 975 mm | 986 mm | 991 mm | 1.005 mm | 1.012 mm |
| Reach | 366 mm | 375 mm | 380 mm | 384 mm | 395 mm | 402 mm | 408 mm |
| Stack | 501 mm | 514 mm | 527 mm | 544 mm | 565 mm | 591 mm | 612 mm |
Vollkommenes Race-Bike? Das Specialized S-Works Tarmac SL9 im Test
Das Tarmac steht seit Jahren für eines der vielseitigsten und ausgewogensten Race-Bikes auf dem Markt – ein Bike, das sowohl auf Profi-Tour-Etappen als auch von ambitionierten Gran-Fondo-Fahrer:innen gefahren wird. Kein Wunder also, dass sich das Tarmac SL8 im letzten Rennrad-Vergleichstest 2025 unseren begehrten Kauftipp sichern konnte. Mit dem Nachfolger SL9 verspricht Specialized nun also wenig verwunderlich den nächsten Evolutionsschritt: leichter, steifer und vor allem noch schneller. Doch was hat sich gegenüber dem ohnehin schon starken SL8 wirklich verändert und spürt man das im Sattel?
Wir hatten das SL9 sowohl auf kurvigen Landstraßen an der Costa Brava als auch auf unseren Heimrunden im Schwarzwald unter den Rädern, mit teils steilen Anstiegen, schnellen Flachpassagen und langen Abfahrten. Der spürbarste Unterschied zum Vorgänger kommt dabei weniger vom Rahmen als von den Laufrädern. Die Roval Rapide CLX III mit ihren steifen Carbon-Speichen eliminieren die letzte Trägheit im Antritt und sorgen in Verbindung mit den recht neuen, 29 mm breiten Specialized Cotton TLR-Reifen für ein sehr schnelles Abrollen und smoothes Fahrgefühl.
Gleichzeitig bleibt das Tarmac seiner bewährten Geometrie treu. Das Handling fällt dabei so intuitiv und berechenbar aus, wie es uns schon beim Vorgänger gefallen hat: Der ausreichend tiefe Schwerpunkt sorgt bei hohem Tempo für Stabilität und Vertrauen in schnellen Abfahrten. Dadurch, dass das Heck dank der kurzen 410-mm-Kettenstreben trotzdem wendig bleibt, ist das SL9 weiterhin ein top ausgewogenes Bike. Am Berg kommt dann das geringe Gewicht von nur 6,66 kg zum Tragen: Beim Attackieren aus Spitzkehren oder auf langen Rampen spürt man, wie leichtfüßig das Gesamtpaket wirklich beschleunigt – ein Vorteil, den man im Gegensatz zur Windschnittigkeit reiner Aero-Boliden auch als Hobbyfahrer direkt greifbar hat.
Hinzu kommt der nach wie vor hohe Komfort. Der Rahmen arbeitet gemeinsam mit dem 3D-gedruckten S-Works Power Mirror-Sattel effektiv gegen Vibrationen. Das Cockpit liegt im Unterlenker ausgesprochen angenehm in der Hand.
Insgesamt liefert das Specialized S-Works Tarmac SL9 wieder einmal genau das, was sein Name verspricht: ein modernes Race-Bike, das in nahezu jeder Situation glänzt. Wer vom SL8 kommt, wird den Unterschied wohl kaum spüren. Wer allerdings auf der Suche nach einem brandaktuellen Race-Bike ist, bekommt hier vermutlich wieder einmal eines der besten Race-Bikes auf dem Markt.
Tuning-Tipp: Das neue, 360 mm schmale Cockpit für maximale Aero-Gains.
Für wen ist das Specialized S-Works Tarmac SL9?
Das Tarmac SL9 ist das richtige Bike für alle, die kein Rad für eine Disziplin suchen, sondern eines für alles. Ambitionierte Hobby-Racer, die morgens knackige Anstiege hochjagen und am Wochenende beim Kriterium starten wollen, finden hier eine Maschine, die in keiner Situation zur Schwäche wird. Am Berg überzeugt das geringe Gewicht, im Sprint die Steifigkeit, auf langen Ausfahrten der Komfort. Und das alles ohne spürbare Kompromisse.
Mit 13.999 € für den Komplettaufbau oder 5.799 € als Frameset erhältlich, richtet sich das SL9 vorerst ausschließlich an ein zahlungskräftiges Publikum. Günstigere Ableger sind bislang nicht angekündigt. Wer bereits ein SL8 in der Garage stehen hat, braucht das SL9 schlicht nicht. Und wer ausschließlich flache Strecken im Visier hat, sollte wissen: Auf reinen Flachstrecken haben dezidierte Aero-Bikes laut Specializeds eigenen Daten trotzdem die Nase vorn.

Socken Specialized Air Tall Logo | Weste Pas Normal Studios Mechanism Stow Away Gilet
Fazit
Auch wenn das Tarmac SL9 weniger Revolution ist als erhofft und die Unterschiede zum ohnehin starken SL8 im Sattel kleiner ausfallen als auf dem Papier, beweist Specialized einmal mehr, dass sie die Allround-Formel sehr gut beherrschen. Die Kalifornier verfeinern sie im Detail: etwas mehr Aero, gleiches Gewicht, gleicher Charakter. Das intuitive Handling, gepaart mit hoher Stabilität, macht es weiterhin zu einer erstklassigen Rennmaschine, die weder auf langen Anstiegen noch im Sprint Kompromisse fordert. Wer neu einsteigt oder ein zeitgemäßes Top-Race-Bike sucht, bekommt hier vermutlich wieder eines der besten Rennräder auf dem Markt.
Tops
- gut abgestimmter Komfort bei gleichzeitig hoher Steifigkeit
- maximaler Fahrspaß
- hohes Maß an Stabilität
- angenehme Ergonomie von Cockpit und Sattel
Flops
- Reifenfreiheit nach wie vor auf 32 mm limitiert
- vorerst nur als S-Works Frameset oder S-Works Komplettaufbau erhältlich
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Text: Jan Fock Fotos: Jan Fock, Specialized
