Kein Kabelchaos mehr! Mit der GRX RX827 bringt Shimano erstmals eine kabellose 1×12-fach-Di2-Gruppe fürs Gravelbike auf den Markt. Neue Optik, mehr Übersetzungsbandbreite und eine überarbeitete Schaltperformance? Wir konnten die neue GRX als eines der ersten deutschsprachigen Medien ausgiebig testen – und verraten euch, ob Shimanos Einstieg in die kabellosen Gravel-Gruppen hält, was sie verspricht.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 2155

Während sich der staubige Wirbel um die brandneue XTR Di2 Wireless Mountainbike-Schaltgruppe noch nicht gelegt hat – ausführlich getestet von unserem Schwestermagazin ENDURO –, rollt Shimano nun auch im Gravel-Segment das kabellose Schaltzeitalter aus. Mit der GRX RX827 erhält die beliebte Gravel-Gruppe ein Update, das auf den ersten Blick klein wirkt – schließlich wurde nur das Schaltwerk ersetzt. Doch genau dieses Detail könnte weitreichende Folgen haben.

Eine Woche nachdem der amerikanische Hersteller SRAM mit der neuen RIVAL- und FORCE-XPLR neue 1×13-Gruppen mit breiterer Übersetzung und langjähriger Mullet-Kompatibilität vorgestellt hat, wirken die Neuerungen der GRX RX827 fast wie eine verschleppte Aufholjagd. Dabei hatte Shimano seine Gravel-spezifische Gruppe erst letztes Jahr erneuert – echte Innovationssprünge blieben zuletzt jedoch aus.

Ist die RX827 also quasi ein technologischer Testballon und vielleicht sogar das stille Signal für eine kabellose DURA-ACE oder ULTEGRA? Noch bleibt Shimano vage. Doch die Richtung ist klar: Die Kabel verschwinden. Und mit ihnen vielleicht bald auch das letzte Hindernis auf dem Weg zur kabellosen Dropbar-Zukunft.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1977

Nur ein XTR Schaltwerk mit Rebranding? – Die neue Shimano GRX Di2 Wireless im Detail

Sie sieht aus wie eine XTR – und technisch ist sie es in weiten Teilen auch. Dennoch bedeutet der Einzug der neuen GRX Di2 Wireless mehr als nur ein simples Rebranding. Mit ihr bringt Shimano erstmals eine komplett kabellose 1×12-Di2-Gruppe speziell für den Gravel-Einsatz auf den Markt und setzt damit einen wichtigen Meilenstein für alle Dropbar-Fans.

Zentrales Bauteil ist das überarbeitete Schaltwerk mit integriertem Akku. Shimano verabschiedet sich damit im Gravelbereich vom bisherigen Di2-Akku im Rahmen und der fummeligen Kabelverlegung. Stattdessen sitzt der Energiespeicher nun direkt im Gehäuse des RD-RX827, ist geschützt untergebracht, entnehmbar und wird – ganz wie bei SRAM – extern geladen. Shimano gibt die Reichweite mit 700 bis 1.000 km pro Akkuladung an, abhängig vom Einsatz und Schaltverhalten. Selbstladende Systeme wie bei der neuen Shimano Q’Auto bleiben im Gravelbereich vorerst Zukunftsmusik.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1995

Per E-Tube-App lässt sich das System wie gewohnt individualisieren und ist mit allen 12-fach-Wireless-Hebeln kompatibel – egal ob GRX, DURA-ACE, ULTEGRA oder 105 Di2. Auch Flatbar-Fans kommen auf ihre Kosten: Die RX827 harmoniert problemlos mit XTR oder DEORE XT. So ergibt sich ein flexibles Ökosystem, das Shimano endlich näher an den modularen Ansatz von SRAM bringt – allerdings ohne UDH-Zwang. Die RX827 kann an nahezu jedem Rahmen montiert werden – auch an älteren Modellen.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1992 600x400 Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1898 600x400

Technisch lehnt sich das GRX-Schaltwerk stark an die XTR an: ein flaches, keilförmiges Profil soll bei Kollisionen eher ableiten als verhaken. Der Stellmotor entkoppelt sich bei Stößen automatisch und stellt sich selbst zurück.

Neu ist auch das Kettenmanagement: Statt einer Clutch setzt Shimano auf eine doppelt gefederte Konstruktion für höhere Kettenspannung. Ob das im rauen Alltag standhält? Das muss ein Praxischeck zeigen. Fest steht: Die RX827 kommt ausschließlich in einer SGS-Version mit langem Käfig – kompatibel mit 10–51Z-Kassetten. Kombiniert wird das mit 40- oder 42-Zähne-Kettenblättern. Etwas mager – gerade in Sachen Individualisierung wäre eine Erweiterung der Optionen wünschenswert gewesen.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1891 600x400 Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1952 600x400

Mit 449 g ist das Schaltwerk 10 % schwerer als die XTR-Variante mit 408 g, kostet mit einem UVP von 489,95 € jedoch deutlich weniger als das XTR-Schaltwerk für 664,95 €. Die Frage „Warum nicht gleich XTR?“ ist damit zwar berechtigt, aber nicht ganz ohne Kontext. Die neue GRX RX827 ist kein Gamechanger für Racer – dafür fehlt es ihr an Übersetzungsfeinheit und Individualisierungsoptionen. Eine 10–51-Kassette bietet zwar enorme Bandbreite, doch mit nur zwei Kettenblattoptionen bleibt die Feinabstimmung zumindest out of the box limitiert. Wer auf maximale Gewichtsersparnis setzt und kleinere Kassetten wie 9–45 fahren möchte, könnte mit der XTR plus kurzem Käfig besser bedient sein. Also: Warum bietet Shimano das kurze Käfigformat nicht auch für Gravel an?

Shimano XTR 9200 Di2 Drivetrain 2025 Test Review WEB 6291 600x400 Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1984 1 600x400

Und dann wäre da noch das große neue Spielfeld: Mullet-Setups. Was früher als Bastelkompromiss galt, wird mit der RX827 zur offiziellen Option. Wer ein GRX-Kettenblatt mit einer MTB-Kassette kombiniert – etwa mit Flatbar-Hebeln –, bekommt ein robustes, kabelloses Adventure-Bike mit Drop- oder Riser-Lenker. Shimanos neue GRX Wireless macht’s möglich.

Parallel zur neuen XTR-Gruppe hat Shimano ein überarbeitetes XT-Schaltwerk vorgestellt, das dem GRX RX827 in vielen Punkten ähnelt und auch preislich auf einem vergleichbaren Niveau liegt, aber mit langem SGS Käfig erhältlich ist. Für alle, die sich nicht am fehlenden Gravel-Branding stören, bietet das neue XT-Schaltwerk – abhängig von der Verfügbarkeit – eine quasi identische Alternative zum GRX-Pendant.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1963

Die neue Shimano GRX Di2 Wireless im Test

Wenige Monate nach dem offiziellen Launch konnten wir als eines der ersten deutschsprachigen Medien ein Testmuster der neuen GRX RX827 unter die Lupe nehmen – und haben die Gruppe dort eingesetzt, wo sie hingehört: auf Schotter, Wurzelpassagen, durch Felder, Wiesen und matschige Waldtrails. Dabei wollten wir herausfinden, wie sich Shimanos erstes kabelloses Gravel-Schaltwerk im echten Gelände schlägt – abseits von Laborwerten und PR-Versprechen.

Auf den ersten Blick wirkt das Schaltwerk hochwertig verarbeitet, orientiert sich stark an den bestehenden GRX-1×12- bzw. 2×12-Di2-Gruppen sowie an der aktuellen XT- und XTR-Di2-Serie. Diese wirken ebenso im Vergleich zu ihren Vorgängern durch den integrierten Akku deutlich massiver. Wer mit Shimano unterwegs ist, wird sich sofort zuhause fühlen – und doch ein paar neue Details entdecken. Die Schaltperformance der neuen GRX RX827 ist – ganz Shimano-typisch – knackig und präzise. Auch unter Last wechselt das Schaltwerk zuverlässig die Gänge, ohne spürbare Verzögerung oder störende Geräusche. Hier liefert Shimano also ab, was man von der Di2-Technologie erwarten darf.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 2199

Die Akkuentnahme erfordert etwas Fingerspitzengefühl: Zum Herausnehmen muss ein kleiner Hebel umgelegt und anschließend ein Deckel abgenommen werden. Gerade im mobilen Einsatz kann das zum Ärgernis werden – etwa, wenn der kleine Abdeckdeckel beim Akkuwechsel verloren geht.

Im Vergleich zur intuitiveren Lösung der entnehmbaren SRAM AXS-Akkus wirkt das Handling der GRX-Akkuentnahme deutlich umständlicher. Dennoch bietet sie einen Vorteil gegenüber Shimanos zentralem Di2-Akku im Rahmen: Das Verlegen von Kabeln entfällt komplett.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1562
Zur Entnahme des Akkus muss zunächst ein kleiner Hebel betätigt und der Schutzdeckel abgenommen werden.
Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1547 600x400
Erst danach lässt sich der kleine quadratische Energiespeicher entnehmen.
Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1544 600x400
Dieser wird, ähnlich wie bei SRAM, über ein proprietäres Ladegerät mit Strom versorgt.

Die Hoods selbst wurden unverändert von der GRX Di2 2×12 übernommen. Einziger Unterschied: Die linken Schaltwippen zur Bedienung des Umwerfers entfallen, da es sich um eine reine 1-fach-Gruppe handelt. Bei der Bremshebelergonomie verfolgt Shimano weiterhin das 1-Finger-Konzept, das grundsätzlich für gute Kontrolle sorgt. Allerdings hat sich seit dem letzten GRX-Release nichts verändert und so bleibt die Performance der neuen SRAM-Hebel hier aktuell ungeschlagen.

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1749

Für wen eignet sich die neue Shimano GRX Di2 Wireless?

Die neue GRX ist eine rundum gelungene Lösung für alle, die ein kabelloses 1x-Setup mit zuverlässiger Di2-Technologie suchen. Sie kombiniert präzise Schaltperformance mit hohem Bedienkomfort und macht dabei auch im Renneinsatz eine gute Figur. Besonders überzeugt uns die leise, schnelle Schaltung sowie die nahtlose Integration ins bestehende Shimano-Ökosystem. Lediglich bei der Kassettengröße zeigt sich ein kleiner Kompromiss: Wer maximale Abstufung wünscht, dürfte mit einer 1×13-Schaltung besser bedient sein – für die meisten Einsatzzwecke bietet die 10–51-Kassette aber mehr als ausreichend Bandbreite.

Fazit zur Shimano GRX Di2 Wireless

Mit der neuen GRX Di2 Wireless bringt Shimano endlich kabellose Technik ins Gravel-Segment – solide verarbeitet, leise im Betrieb und gewohnt präzise beim Schalten. Das Akkuhandling ist fummelig, die Ergonomie bleibt unverändert zu den bisherigen GRX-Gruppen. Besonders bei der 1-Finger-Bedienung wirkt die Konkurrenz aus den USA aktuell ausgereifter. An unserem Testbike, dem Avona Callis, hat sie aber vor allem in Sachen Bremspower und Schaltgeschwindigkeit dennoch eine überzeugende Figur gemacht. So zeigt Shimano, wohin die Reise geht: keine Kabel, dafür mehr Modularität. Doch während Gravel zumindest in der 1-fach-Ausführung jetzt kabellos ist, setzt Shimano auf der Straße zumindest momentan noch auf das bewährte Di2-System mit Kabeln – wann auch dort der Schritt in die Wireless-Zukunft folgt, bleibt offen.

Mehr Information findet ihr unter shimano.com

Shimano GRX Di2 Wireless 2025 Test Review WEB 1941
Mehr Informationen zum Avona Callis findet ihr unter avona.cc.


Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als GRAN FONDO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die New-Road-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!

Text: Jan Fock Fotos: Jan Fock, Jan Richter