Pünktlich zum UNBOUND Gravel Rennen in Kansas schickt Scott als einer der ersten Fahrradhersteller seinen 32-Zoll-Gravel-Prototypen ins Rennen. Die Marke testet das Konzept mit Vorjahressieger Cameron Jones und Robin Gemperle auf der unbarmherzigen 200-Meilen-Strecke. Was auf dem Reißbrett als theoretisches Gedankenspiel begann, muss sich nun beim härtesten Gravel Rennen der Welt beweisen.

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Dass sich im Gravel-Race-Bereich in den letzten Jahren brutal viel getan hat, ist kein Geheimnis. Der Trend geht ohnehin zu deutlich fetteren Reifen, ein Thema, das wir auch erst kürzlich ausführlich in unserem großen Gravel-Reifen-Vergleichstest thematisiert haben. Wo vor wenigen Jahren noch schmale 40-mm-Pneus als das Maß der Dinge galten, sind mittlerweile 45 und je nach Rennen auch über 50 mm breite XC-Reifen der neue Standard. 32″ große Laufräder spielen zwar von der Performance-Seite her betrachtet in einer ähnlichen Liga, erfinden das Rad allerdings quasi neu. Der Schritt erfordert deutlich revolutionärere Züge und bringt eine ganz neue Dimension an Herausforderungen bei der Entwicklung mit sich.

Das zeigt sich auch beim Blick auf die beiden Scott-Profis, die den Prototyp beim Unbound über die Schotterpisten prügeln: Während der Schweizer Ultra-Spezialist Robin Gemperle mit seinen 1,88 m mutmaßlich auf einem großen Rahmen unterwegs sein wird, auf dem die Riesenräder optisch noch halbwegs proportional wirken, ist der Neuseeländer Cameron Jones mit rund 1,80 m der perfekte Gradmesser für die Masse.

Besonders bei mittleren und kleineren Rahmengrößen unter 56 stößt man ans technische Limit: Die riesigen Laufräder erzwingen ein deutlich kürzeres Steuerrohr, um den durch die größeren Räder ohnehin massiven Stack irgendwie im Zaum zu halten, was im Gegenzug oft nur noch mit extrem negativ gewinkelten Vorbauten ausgeglichen werden kann. Kombiniert man das mit dem Versuch, eine kompakt-aggressive und kurze Wheelbase für knackiges Handling beizubehalten, neigen die Zehenspitzen unweigerlich dazu, mit dem riesigen Vorderrad zu kollidieren.

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Die Räder der beiden Athleten basieren auf einem eigens entwickelten Scott RC Gravel 32-Rahmenkit und rollen auf custom-angefertigten Laufrädern mit 50 mm breiten Schwalbe G-ONE RX-Reifen. Spannend ist der Blick auf die Komponenten:

Während Cameron Jones auf einen Mix aus Shimano XTR und Dura-Ace-Schalthebeln, kombiniert mit 160 mm kurzen Kurbeln und Custom-Laufrädern von Industry Nine setzt, geht Robin Gemperle mit der SRAM RED XPLR 13-fach-Gruppe an den Start. Die Fahrer schwärmen erwartungsgemäß und sprechen von einer revolutionären Kurventraktion. Scott betont zwar offiziell, dass es sich um reine Prototypen handelt, die so nie auf den Markt kommen werden. Doch hier lohnt sich der Blick hinter die Kulissen: Für diese Bikes wurden echte, sündhaft teure Carbon-Formen gefertigt. Dass ein Hersteller diesen immensen finanziellen und logistischen Aufwand betreibt und neue Werkzeuge öffnet, nur um am Ende eine reine Machbarkeitsstudie für die Vitrine zu bauen, darf stark bezweifelt werden. Die Geschichte zeigt: Was bei Monumenten wie dem UNBOUND gewinnt, landet früher oder später eben doch im Laden. Eine ähnliche Machbarkeitsstudie, entwickelt vom Design-Studio Faction Bikes hatten wir bereits vor einigen Wochen im Test. Den Test dazu findet ihr sehr bald hier bei uns. Doch im Sinne von Prototypen hat sich bisher eigentlich immer gezeigt: Was im World Cup oder bei Monumenten wie dem UNBOUND gewinnt, landet früher oder später auch im Handel.

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Einen weiteren Prototypen, hier von Faction Bikes, hatten wir bereits im Test, um zu schauen, wie sich das Fahrverhalten von größeren Laufrädern am Gravel auswirkt. Den Test dazu findet ihr sehr bald hier bei uns.

Segen oder überflüssiger Hype?

Die Ankündigung kommt genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Thema 32 Zoll, wie Anfang des Jahres in unserem The MIRROR-Format analysiert, aus dem Mountainbike-Bereich herüberschwappt. Aus rein physikalischer Sicht sind die theoretischen Vorteile beim Graveln auf brutalen Pisten wie bei UNBOUND nicht von der Hand zu weisen:

Überrollverhalten & Komfort: Der spürbar flachere Angriffswinkel lässt das Rad deutlich besser über scharfe Steine und tiefe Schlaglöcher gleiten. Auf den endlosen Geraden in Kansas könnte das schon den entscheidenden Unterschied machen, um nachhaltig Ermüdung vorzubeugen und sicherzustellen, dass man auf dem Kurs bleibt.

Schwungrad-Effekt: Die größere rotierende Masse hält die Geschwindigkeit einmal in Fahrt extrem gut. In Kombination mit den starken gyroskopischen Effekten des Laufrads sorgt das für maximale Laufruhe und Stabilität bei High-Speed-Abfahrten.

Demgegenüber stehen jedoch massive physikalische und geometrische Kompromisse, die wir bereits im Januar prophezeit haben. Das haben wir nicht nur beim Prototypen von Faction Bikes, der dem Zweck diente, die möglichst kleinste Rahmengröße im Sinne der Machbarkeit zu erschaffen, sondern sehen es jetzt auch bei Scott. Ein um rund 10 % größerer Reifenumfang bedeutet ein spürbar trägeres Beschleunigungsverhalten und einen Verlust an Agilität. Zudem erzwingt die Radgröße einige Eingriffe in die Rahmengeometrie: Längere Kettenstreben, das Risiko von Toe Overlapping am Vorderrad und eine veränderte Cockpit-Geometrie sind die Folge.

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Daher bleiben wir bei unserer klaren Meinung: Für High-End-Bikes und extreme, aber nicht allzu enge oder weniger steile Rennen wie das UNBOUND mag dieses Konzept im Kampf um Sekunden Sinn ergeben. Für den breiten Markt ist es jedoch ein zu riskanter Trend und löst keines der strukturellen Probleme an der Basis, die wir erst kürzlich in unserem Leitartikel zum 41 Leadership Summit in Leonberg analysiert haben.

Auch wenn die Anpassungen im Gravel- und Rennradsegment im Vergleich zum Mountainbike überschaubar bleiben und im Wesentlichen nur neue Reifen, Felgen und Speichen erfordern, erhöht es die Komplexität. Es kreiert zusätzliche Varianten und treibt die Werkzeugkosten für die Hersteller in die Höhe. Noch mehr Lagerhaltungseinheiten reduzieren im aktuellen Marktumfeld die Resilienz des Handels, statt sie zu stärken.

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Fazit

Scott nutzt das UNBOUND Gravel als medienwirksames Labor, um zu zeigen, was technisch machbar ist. Ob die 32-Zoll-Räder das Gravel Racing nachhaltig verändern, darf angesichts der teils absurden Geometrie-Anpassungen und des drohenden Standard-Chaos jedoch stark bezweifelt werden. Die Zukunft und das Wochenende werden zeigen, ob das Konzept aufgeht oder es beim Nischenprodukt für eine stark beschränkte Zielgruppe bleibt. Wir sind jedenfalls gespannt, wie sich die Prototypen im Schotter von Kansas schlagen und wann der erste Hersteller ein 32” Gravel Bike in Serie bringt.

Mehr Informationen unter scott-sports.com


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Text: Jan Fock Fotos: Scott

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Jan Fock
Junior Editor

Jan Fock vereint bei 41 Publishing sportlichen Ehrgeiz mit einem tiefen Verständnis für die Radsportkultur. Der studierte Gesellschaftswissenschaftler bringt ein feines Gespür für Trends und Dynamiken in die Redaktion des GRAN FONDO Magazin ein. Sein Fokus liegt auf dem Testen von High-End-Rennrädern und Gravel-Bikes, wobei seine Leidenschaft besonders dem Bikepacking und sportlichen Feierabendrunden gilt. Jan kombiniert sein Organisationstalent mit akribischen Analysen und bietet in seinen fundierten Kaufberatungen präzise Orientierung für alle ambitionierten Radsportler und Radsportlerinnen.

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