Gravel-Racing wird immer schneller und anspruchsvoller – das hat natürlich auch der italienische Reifenhersteller Pirelli auf dem Radar. Die Mailänder, die für viele das absolute Synonym für die Reifen der Formel-1 sind, wollen ihre High-Performance-Expertise nun noch konsequenter auf den Schotter übertragen haben. Mit den brandneuen Cinturato RM- und RH-Reifen soll ihrer Gravel-Familie eine radikale Race-Erweiterung zuteil werden.
Unser großer Gravel-Reifen-Vergleichstest 2026 bot bereits ein hochkarätiges Testfeld, doch die neuen Pirelli-Racer glänzten noch durch Abwesenheit und waren zum Testzeitpunkt nicht verfügbar. Zur Erinnerung: Den klassischen Cinturato Gravel H hatten wir dort als pfeilschnellen Hardpack-Spezialisten zwar für race-tauglich definiert, auf losem Untergrund ließ es der Pneu jedoch spürbar an Grip vermissen. Der agile Allrounder Cinturato Gravel M hingegen überzeugte zwar im Gelände, geizte aber etwas mit Komfort und Pannenschutz.
Mit den neuen, rennorientierten Ausführungen will Pirelli diese Lücke im Portfolio endlich schließen und die bisherigen Schwächen durch eine gezielte Race-Abstimmung beseitigen. Für unseren Test hat Pirelli uns die High-Performance-Variante geschickt. Unsere Erwartungen sind dementsprechend hoch: Gelingt es den Italienern, die Dynamik so zu verbessern, dass mangelnde Traktion und fehlender Kurvenhalt der Vergangenheit angehören?
Pirelli Cinturato RM und Cinturato RH im Detail – Formel-1-Technik auf Schotter?
Pirelli bewirbt die neuen Gravel-Reifen stark mit der Expertise aus dem Motorsport. Doch was bedeutet das abseits blumiger Herstellerversprechen in der Praxis? Für unseren Test haben wir die High-Performance-Variante erhalten. Diese kombiniert die neu abgestimmte SmartEVO-GR-Gummimischung mit einer feineren 120-TPI-Karkasse und dem ProWALL-Pannenschutz. Damit Racer ihr Setup perfekt an den Kurs und den bevorzugten Komfort anpassen können, bietet Pirelli beide Modelle in Breiten von 40 bis 55 mm an. Abseits der inneren Werte verrät jedoch vor allem ein genauer Blick auf die neu gestalteten Profile, mit welchen Konzepten Pirelli die bekannten Schwächen der bisherigen Cinturato-Modelle beheben will.
Pirelli Cinturato RH im Detail
Herstellungsland Italy | Maße (ETRTO) 45–622 | Breite in mm¹ 44,98 | Gewicht 590 g | Preis 81,90 €
¹gemessene Dimensionen mit 3,0 Bar
Der Blick auf das Profil des Cinturato RH macht sofort unmissverständlich klar, wofür dieser Reifen gebaut wurde: absolute Bestzeiten auf kompakten Böden. Die zentrale Lauffläche ist als durchgehender Slick ohne jegliche Rillen oder Noppen ausgeführt. Das bedeutet: minimaler Rollwiderstand und hoher Vortrieb auf Asphalt-Passagen und Hardpack. Um die fehlende Kurventraktion des regulären Cinturato H auszugleichen, setzt der RH an den Flanken auf ein deutlich aggressiveres Profil. Abseits der glatten Mitte reihen sich markante, kantige Seitenstollen auf. Das Versprechen von Pirelli: Auf der Geraden fliegt der Reifen widerstandslos dahin, doch sobald sich das Bike in die Kurve neigt, greifen die Schulterstollen und krallen sich sicher in den Untergrund. In Kombination mit unserer getesteten SmartEVO-GR-Mischung der HP-Line soll das für ein sportliches und trotzdem berechenbares Kurvenverhalten sorgen. Mit 590 g fällt das Gewicht für einen dedizierten Race-Reifen allerdings etwas hoch aus.
Pirelli Cinturato RM im Detail
Herstellungsland Italy | Maße (ETRTO) 45–622 | Breite in mm¹ 44,87 | Gewicht 608 g | Preis 81,90 €
¹gemessene Dimensionen mit 3,0 Bar
Der Cinturato RM richtet sich an Racer, die auf stark wechselndem, technischem oder losem Terrain um Sekunden kämpfen. Wie das Profil zeigt, orientieren sich die Mailänder hier klar am Design von CC-Reifen. Im Gegensatz zum RH ist die Mittelbahn nicht glatt, sondern mit eng stehenden Stollen im Pfeil-Design besetzt. Das sichert dauerhafte Traktion auf felsigem und instabilem Boden, soll den Rollwiderstand durch die enge Anordnung aber dennoch gering halten.
Zu den Rändern hin wird das Profil offener und die Seitenstollen noch wuchtiger, was den Grip in tiefen Schotterkurven maximieren soll. Pirelli verspricht mit dem RM die ideale Balance aus aggressiver Traktion und hoher Renn-Effizienz. Durch die 120-TPI-Karkasse der HP-Line soll der Reifen zudem Schläge deutlich feinfühliger dämpfen und mehr Komfort bringen. Wie beim Schwestermodell ist der Reifen mit 608 g allerdings eher auf der schwereren Seite angesiedelt.
Pirelli Cinturato RM und Cinturato RH im Test – Mehr Grip = Mehr Speed?
Die Theorie klingt schonmal vielversprechend, doch die Wahrheit liegt bekanntlich auf der Teststrecke. Über Wochen hinweg mussten sich die beiden neuen Pirelli-Racer im Testeinsatz auf verschiedenen Ausfahrten und Untergründen beweisen. Auf unseren 25-mm-Carbonfelgen bauen beide Pneus die versprochenen 45 mm Breite quasi exakt und harmonisch rund auf. Einzig die Montage erfordert etwas Kraft und Geschick, da die Reifen anfangs leicht vom Felgenhorn rutschen wollen und sich als etwas widerspenstig erweisen. Einmal installiert, dichtet das Tubeless-Setup aber sofort und souverän ab.
Mit 590 g beim RH bzw. 608 g beim RM fehlt es den Pirelli-Neuzugängen beim harten Antritt ein wenig an explosiver Spritzigkeit. Sind sie aber einmal auf Geschwindigkeit, halten sie diese exzellent und bestechen durch ein sehr ausgewogenes, laufruhiges Handling. Der Cinturato RH liefert dank seiner glatten Lauffläche massiven Vortrieb auf Asphalt und kompaktem Schotter. Zwar gerät er auf losem Untergrund naturgemäß schneller ins Rutschen, fängt sich durch die vierkantigen Seitenstollen aber sicher und berechenbar ab. Erst wenn der Boden tief und schlammig wird, stößt das Slick-Zentrum mangels Selbstreinigung an seine Grenzen und setzt sich schnell zu.
Hier schlägt die Stunde des Cinturato RM: Sein CC-Profil kostet auf der Geraden minimal Speed, liefert dafür offroad und bei Nässe einen Mehrgewinn an Traktion. Besonders überraschend ist seine hohe Eigendämpfung, die ihn komfortabler und durch den höheren Grip ohnehin vielseitiger als den Cinturato RH macht. Zwar fehlen uns exakte Laborwerte zu Rollwiderstand und Durchschlagschutz, doch blieben wir trotz fieser Steine und hartem Renneinsatz mit beiden Modellen komplett pannenfrei.
Für wen sind die neuen Pirelli Cinturato RM und Cinturato RH Gravel-Reifen?
Die neuen Pirelli-Reifen richten sich ganz klar an ambitionierte Gravel-Piloten, die beim Material keine Kompromisse eingehen wollen und für die Performance an erster Stelle steht. Wer sich an der Startlinie einreiht oder einfach gerne im Renntempo über die Hometrails ballert, findet hier zwei sehr potente Gravel-Reifen. Das höhere Gewicht muss man als Racer zwar in Kauf nehmen – wird dafür in der Praxis aber mit hoher Verlässlichkeit, Pannensicherheit und einem berechenbaren Handling belohnt.
Fazit
Mit den neuen Modellen RM und RH liefert Pirelli das perfekte Race-Update für die bewährte Cinturato-Familie. Die sportliche Abstimmung geht in der Praxis voll auf: Der Cinturato RH vereint massiven Speed auf der Geraden mit sicherem Kurvengrip und wird zur ultimativen Waffe auf Hardpack. Der Cinturato RM ergänzt das Duo als traktionsstarker und überraschend komfortabler Allrounder für anspruchsvolleres Terrain. Ob knallharter Renneinsatz oder schnelle Schotter-Touren – die neuen Pirelli-Reifen sind ein echtes Upgrade und überzeugen trotz des etwas höheren Gewichts auf ganzer Linie.
Tops
- gelungene Optimierung des Kurvengrip
- smoothes Abrollverhalten des Cinturato RH
- hoher Komfort beim Cinturato RM
Flops
- etwas hohes Gewicht
Mehr Informationen unter pirelli.com
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Text: Jan Fock Fotos: Calvin Zajac, Jan Fock
