
Pinarello ist ein bisschen anders. Kaum eine andere Marke kokettiert so schamlos mit ihrer Racing Heritage wie der Fahrradbauer aus dem norditalienischen Treviso. Mit dem Dogma F hat man dort nicht nur eines der erfolgreichsten WorldTour-Race-Bikes entwickelt, sondern vor allem ein ikonisches Objekt der Begierde geschaffen. Ein Dogma F ist ein Statussymbol. Mit seiner eigenständigen, organischen Formensprache, den aufwendigen Lackierungen und einem prall gefüllten Palmarès ist es für italophile Afficionados so etwas wie das Hochamt des italienischen Rennradbaus.
Doch so viel Begehrlichkeit bringt auch Probleme mit sich. Wer ein Dogma F will, blendet bei der Kaufentscheidung Komfort, Sitzposition und Stack-to-Reach-Verhältnis gerne einmal aus. Nach den ersten langen Ausfahrten folgt dann nicht selten die Ernüchterung: Man hat zwar ein absolutes Top-Bike gekauft, aber leider nicht das richtige. Zu aggressiv. Zu kompromisslos. Zu viel Racing. So manches Dogma F droht zum teuren Missverständnis zu werden. Oder, um es etwas böser zu formulieren: Wer die Beine für ein Dogma F hat, hat meist noch nicht das Geld. Und wer das Geld hat, hat oft schon Rücken.
Genau hier setzt seit 2023 das Dogma X an. Es verbindet den Stil des Dogma F mit einer entspannteren Geometrie und einem komfortabler abgestimmten Heck. Pinarello selbst ordnet das Dogma X der Endurance-Kategorie zu. Das hat etwas von Dolce Vita und Entschleunigung. Doch Attenzione! Wir konnten das neue Dogma X bereits vor seiner offiziellen Präsentation in die Prosecco Hills entführen und verraten euch, warum es für uns kein klassisches Endurance-Bike ist – und warum genau das seine größte Stärke sein könnte.
Das Dogma-Dilemma
Endurance. Das klingt nach Kompromiss. Und Kompromisse sind selten sexy. Sie sind verpönt. Zu Unrecht. Während Race-Bikes über Aerodynamik, Gewicht und WorldTour-Siege verkauft werden, müssen Endurance-Bikes häufig mit Komfort, Vielseitigkeit und Langstreckentauglichkeit argumentieren. Sie appellieren an die Vernunft statt an die Emotion und wirken dabei manchmal wie Rennräder für Menschen, die älter geworden sind. Pinarello selbst sieht das Dogma X als Bike für Menschen, die weiser geworden sind. Und Weisheit beginnt oft damit, sich die richtigen Fragen zu stellen. Wenn die Antwort Dogma X sein soll, könnte die Frage zum Beispiel so lauten:
„Auf welchem Bike bin ICH am schnellsten?”
Denn während Race-Bikes immer radikaler auf Aerodynamik getrimmt und Climbing-Bikes immer leichter und filigraner werden, entsteht dazwischen ein neuer Raum. Ein Raum für Rennräder, die auf echten Straßen und über echte Distanzen funktionieren. Sie mögen auf dem Datenblatt etwas weniger aerooptimiert, etwas weniger aggressiv und etwas weniger leichtgewichtig sein. Dafür geben sie ihrem Fahrer etwas viel Wertvolleres: die Fähigkeit, auch nach fünf Stunden im Sattel noch Power aufs Pedal zu bringen. Am Ende gewinnt auf echten Straßen nicht immer das schnellste Bike, sondern das Bike, auf dem man am längsten schnell bleibt.
Good Vibrations – das Dogma X im Detail
Pinarello hat neben der Geometrie die Vibrationsdämpfung als entscheidenden Faktor für dauerhaften Speed ausgemacht. Schon das erste Dogma X setzte dafür auf einen ungewöhnlich konstruierten Hinterbau. Die X-STAYS 1.0 verbanden die Sitzstreben über vier Anbindungspunkte mit dem Sitzrohr und wurden zusätzlich durch die namensgebende X-förmige Brücke versteift. Das X ist bei der neuen Generation verschwunden. Der Grundgedanke und der Name bleiben jedoch erhalten. Auch die X-STAYS 2.0 setzen weiterhin auf vier Verbindungspunkte, rücken allerdings deutlich weiter nach unten. Das soll mehr Flex im Bereich von Sitzstreben und Sattelstütze ermöglichen und so den Sitzkomfort erhöhen. Gleichzeitig wirkt das Heck eleganter, harmonischer und deutlich weniger verspielt als beim Vorgänger. Aero-Ambitionen weist Pinarello in Bezug auf die X-STAYS 2.0 jedoch fast schon offensiv von sich. Die Konstruktion dient ausschließlich dazu, Ermüdung zu reduzieren.
Wer trotzdem Watt sucht, wird an der Front fündig. Onda-Gabel, Talon Super Fast Cockpit und das elliptische Steuerrohr stammen praktisch direkt vom Dogma F. Zusammen mit dem markanten Unterrohr und dem charakteristischen Knick im Oberrohr wirkt das Dogma X vorne beinahe wie sein radikaler WorldTour-Bruder. Auch unter dem Lack spielen beide in einer Liga. Pinarello verwendet im Dogma X dieselben Torayca-M40X-Fasern wie beim Dogma F. Unterschiede entstehen erst beim Lay-up. Der Belegungsplan der Carbonfasern wurde laut Pinarello auf mehr Nachgiebigkeit und Vibrationsdämpfung ausgelegt. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Das X ist kein abgespecktes Endurance-Bike, sondern ein Dogma mit anderen Prioritäten.
Wer das X allerdings als Einladung zu Offroad-Abenteuern versteht, wird enttäuscht. Mit 35 mm Reifenfreiheit ist das Dogma X perfekt auf die Launen italienischer Landstraßen vorbereitet, für echte Gravel-Wheels reicht der Platz im Rahmen hingegen nicht.
Apropos Rahmen: Der ist unverkennbar ein Pinarello. Wo andere Brands auf klare Kanten und technophiles Design setzen, wurde das Dogma X mit der markentypischen Opulenz gebacken. Fließende Übergänge, flächige Rohre und zahlreiche kleine Details – vom elegant integrierten UDH-Ausfallende bis zu den vom Logo inspirierten Flügeln an der Gabel – verleihen dem Rahmen eine fast skulpturale Wirkung. Was auf Fotos manchmal fast etwas zu gewollt wirkt, entfaltet live eine erstaunliche Selbstverständlichkeit. In der flirrenden Mittagshitze verschmelzen Licht, Lack und die weichen Übergänge zu einem stimmigen Gesamteindruck. Ein Pinarello sollte man live sehen, bevor man sich dagegen entscheidet.

Günstig gibt’s nicht – die Ausstattung des Dogma X
Der Anspruch, kein klassisches Endurance-Bike zu bauen, endet beim Dogma X nicht beim Rahmen. Auch bei der Ausstattung hat Pinarello keinen Bock auf Kompromisse. Während andere Hersteller ihre komfortorientierten Modelle mit etwas günstigeren Gruppen oder Laufrädern von den High-End-Race-Bikes abgrenzen, greift das Dogma X lustvoll ganz oben ins Spec-Regal.
Unser Testbike rollt mit einer SRAM RED AXS, Princeton Carbonworks Grit 4540 Laufrädern und 32 mm breiten Continental Grand Prix 5000 TR S Reifen an den Start. Alternativ stehen Campagnolo Super Record oder Shimano Dura-Ace Di2 sowie Top-Laufräder von Campagnolo und DT Swiss zur Wahl. Pinarello gibt das Dogma X in Rahmengröße 53 mit 7,06 kg an. Das ist leicht. Dazu gibt es ein edles integriertes Cockpit, eine lackierte Sattelstütze und die Farboptionen Moonlight Frost – für Normalsterbliche schlicht Weiß –, Etna Lucente (Schwarz), Aqua Veil (Metallic-Blau) und Jade Eclipse (Chamäleon-Grün). Wem das noch nicht individuell genug ist, der kann das Bike über das MyWay-Colour-Programm weiter personalisieren.
Preislich bewegen sich sämtliche Builds in Schnappatmungsregionen. Das Frameset kostet 6.700 Euro. Ein komplettes Bike gibt es ab 14.900 Euro. Vernünftig ist das alles nicht. Muss es auch nicht sein, wenn man der Pinarello-Logik folgt. Das Dogma X will kein preisoptimiertes Endurance-Bike sein. Es will ein Dogma sein. Darum kostet es, was ein Dogma eben kostet.
Tuning-Tipp: 32 mm Reifen fühlen sich gut an. 35 mm wahrscheinlich noch besser.
Pinarello Dogma X 2026
14.900 €
Ausstattung
Sattelstütze Pinarello Aero Seatpost D-Shaped
Bremsen SRAM RED AXS 160/160 mm
Schaltung SRAM RED AXS 2 x 12
Kettenblatt 48 / 35 T
Vorbau Talon Super Fast 100 mm
Lenker Talon Super Fast 420 (Gemessen außen in den Drops) mm
Laufräder CarbonWorks Grit 4540 12 x 100 / 12 x 142
Reifen Continental GP 5000 S TR 700 x 32c
Kurbeln SRAM RED AXS DUB mm
Kassette SRAM RED XG-1290 10–33 T
Technische Daten
Größe 43 46,5 50, 51,5 53 54 55 56 57,5 59,5 62
Gewicht 7,06 (Size 53) kg
Die Geometrie des Dogma X
Wer beim Stichwort Endurance an ein deutlich höheres Steuerrohr und eine beinahe aufrechte Sitzposition denkt, dürfte sich verwundert die Augen reiben. Zwischen Dogma F und Dogma X liegen in Rahmengröße 57,5 gerade einmal 17 Millimeter Stack und 7 Millimeter Reach. Das X ist also etwas höher und kompakter – bleibt insgesamt aber erstaunlich nah am Racebike. Pinarello nennt das Endurance-Plus-Geometrie.
Spannender als die absoluten Werte ist die Fitting-Philosophie dahinter. Pinarello bietet das Dogma X in elf Rahmengrößen an und kombiniert diese mit frei wählbaren Cockpit-Konfigurationen. Gerade im mittleren Größenbereich sind die Abstufungen sehr fein, sodass jede und jeder sehr dicht an den persönlichen „Perfect Fit“ herankommt. Dies gilt besonders auch für kleine Fahrerinnen und Fahrer. Mit einer Einstiegsgröße von 43 cm und passenden Cockpits und Kurbellängen sollten auch sie mit dem Dogma X ein passendes Setup finden. Vorsicht jedoch bei der Wahl der Lenkerbreite. Pinarello misst die Lenkerbreite außen in den Drops, also an der breitesten Stelle. Ein 42 cm breites Talon Ultra Fast Cockpit entspricht nach gängigen Messstandards eher einem 38-cm-Cockpit.
| Größe | 43 | 46,5 | 50 | 51,5 | 53 | 54 | 55 | 56 | 57,5 | 59,5 | 62 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberrohr | 505 mm | 515 mm | 525 mm | 535 mm | 545 mm | 552 mm | 557 mm | 565 mm | 575 mm | 595 mm | 620 mm |
| Sattelrohr | 430 mm | 465 mm | 500 mm | 515 mm | 530 mm | 540 mm | 550 mm | 560 mm | 575 mm | 595 mm | 620 mm |
| Steuerrohr | 111 mm | 123 mm | 128 mm | 133 mm | 142 mm | 150 mm | 161 mm | 169 mm | 182 mm | 218 mm | 258 mm |
| Lenkwinkel | 70° | 70° | 70,5° | 71° | 71,5° | 72° | 72° | 72,5° | 72,8° | 73° | 73° |
| Sitzwinkel | 74,4° | 74,4° | 74° | 73,7° | 73,7° | 73,4° | 73,4° | 73° | 73° | 72,4° | 72° |
| Kettenstrebe | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm | 422 mm |
| Tretlagerabsenkung | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 77 mm | 72 mm | 72 mm |
| Reach | 349,3 mm | 358,1 mm | 365,4 mm | 371,7 mm | 379,4 mm | 381,2 mm | 383 mm | 384,6 mm | 390,8 mm | 395,3 mm | 403,8 mm |
| Stack | 524,2 mm | 535,5 mm | 542,1 mm | 548,6 mm | 559 mm | 568,4 mm | 578,9 mm | 588,4 mm | 601,7 mm | 632 mm | 670,3 mm |
Reality Racer – das Pinarello Dogma X im ersten Test
Die erste Fahrt mit dem Dogma X beginnt mit einem Missverständnis. Auf Basis meiner angegebenen Stack-Werte hat Pinarello bei meinem Testbike sämtliche Spacer unter dem Vorbau entfernt. Das ergibt einerseits Sinn, weil das Bike damit sehr nah an meine vertraute Geometrie heranrückt. Andererseits mache ich aus dem Dogma X so genau den kompromisslosen Racer, der es eigentlich nie sein wollte. Also wird erst einmal aufgespacert.
Anders als beim Dogma F sitzt die Sattelstützenklemmung im Oberrohr. Für die Höhenverstellung braucht es deshalb einen langen Inbus und etwas Fingerspitzengefühl. Außerdem sollte man hektische Bewegungen vermeiden, um die lackierte Sattelstütze nicht direkt zu verkratzen. Nachdem alles wieder mackenfrei arretiert ist, schwinge ich mich auf den Sattel – und vernehme ein fieses Knacken. Die Stütze? Die Extra-Portion Tagliolini vom Vorabend? Porca miseria! Doch der Mechaniker lächelt entspannt. Nach dem Festziehen setzt sich die Stütze konstruktionsbedingt noch einmal hörbar im Sitzrohr. Dramatisch ist das nicht. Schön aber auch nicht.


Danach geht es geräuschlos und erstaunlich mühelos weiter. Schon nach den ersten Pedalumdrehungen wird klar, dass das Dogma X gar nicht versucht, über extremen Komfort Eindruck zu schinden. Es wirkt einfach selbstverständlich. Jeder Tritt wird direkt in Vortrieb übersetzt, kleinste Lenkimpulse in präzise Richtungswechsel. Das Bike wirkt weniger wie ein Bolide und mehr wie ein Skalpell. Am stärksten überrascht jedoch, wie schnell man vergisst, auf einem Endurance-Bike zu sitzen.
Die Sitzposition ist minimal aufrechter als auf einem Racebike, aber noch immer angenehm gestreckt und sportlich. Ich habe nie das Gefühl, auf dem Rad zu thronen, sondern vielmehr mit ihm zu verschmelzen. Das Dogma X bewegt sich deutlich näher am Dogma F, als das Endurance-Label vermuten lässt – leichtfüßig, agil und gleichzeitig bemerkenswert souverän.


Einen großen Anteil daran haben die Princeton Carbonworks Grit 4540 Laufräder. Mit ihren 45 Millimetern Felgenhöhe sind sie angenehm unauffällig und zeigen sich auch bei Seitenwind erstaunlich gelassen. Noch entscheidender für das Fahrerlebnis sind allerdings die 32 Millimeter breiten Continental Grand Prix 5000 TR S. Das zusätzliche Luftvolumen nimmt dem Asphalt die Rauheit, die größere Kontaktfläche gibt Vertrauen in schnellen Kurven und auf ruppigen Abfahrten.
Pinarello hat die Vibrationsdämpfung zum zentralen Thema des Dogma X gemacht. Und ja, das Dogma X nimmt dem Ride die Härte, die der raue Asphalt verspricht. Wie viel Nachgiebigkeit dabei auf das Konto der X-STAYS 2.0 und wie viel auf das Konto der Reifen geht, konnten wir auf unserer kurzen Testfahrt nicht abschließend klären. Entscheidender war jedoch der Eindruck, dass Komfort nicht das herausstechende Merkmal des Bikes ist. Viel präsenter sind Antritt, Lenkpräzision und die Leichtfüßigkeit, die man eher mit einem Racebike verbindet.eck

Bye Bye Spacerturm – für wen ist das Dogma X?
Die Frage lässt sich mit einem einfachen Selbsttest beantworten. Hol dein Race-Bike und miss nach, wie hoch der Spacerturm unter deinem Vorbau ist. Sind es weniger als 15 mm, ist das Dogma X für dich das falsche Bike. Sind es mehr als 15 mm, dann kommt für dich ein Dogma X infrage. Für den zweiten Teil des Selbsttests brauchst du dann lediglich noch einen guten Schufa-Score und ein Date mit dem Sparkassenberater deines Vertrauens.
Bei einem Preis von knapp 15.000 Euro fällt es schwer, Vernunft als Maßstab anzulegen. Lässt man den Preis für einen Moment außen vor, ergibt das Dogma X allerdings erstaunlich viel Sinn. Es richtet sich an Fahrerinnen und Fahrer, die ein kompromissloses High-End-Bike suchen, ohne sich dafür in die kompromisslose Geometrie eines WorldTour-Racers zwängen zu müssen. Gleichzeitig bietet es all das, was ein Dogma ausmacht: Exklusivität, eigenständiges Design, hochwertige Ausstattung und zahlreiche Individualisierungsmöglichkeiten.

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Fazit
Das Pinarello Dogma X sprengt die Grenzen der klassischen Endurance-Kategorie. Zu performant, zu aggressiv, zu viel Racing-DNA. Doch genau darin liegt sein Reiz. Es geht keine faulen Kompromisse ein, sondern ist ein sehr eigenständiges, fahraktives Bike mit einem Hauch mehr Komfort. Ob es dabei auf dem Papier das schnellste ist? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht ist es das Bike, auf dem du am längsten schnell fahren kannst. Am Ende ist das Dogma X gar kein Endurance-Bike, sondern einfach ein Racebike für die Realität.
Tops
- Ausgewogene Sitzposition
- Individueller Fit dank 11 fein abgestufter Rahmengrößen
- Top-Finish
Flops
- Sattelstütze knackt nach der Arretierung
Mehr Informationen unter pinarello.com
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Text: Nils Hofmeister Fotos: Nils Hofmeister, Pinarello
