Ich will es richtig machen. Alles. Mein Leben, mein Körper, mein Geist – durchgetaktet und optimiert bis in die letzte Minute und Zelle. Ich lese, höre, tracke, messe. Zwischen Biohacking und Burnout versuche ich, die beste Version meiner selbst zu sein: ausbalanciert, gesund, erfolgreich. Und langsam wird mir genau das zum Verhängnis.

Dieser Artikel stammt aus unserem Schwestermagazin DOWNTOWN.

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Mein Alltag ist oft minutiös optimiert. Kein Kaffee vor 10 Uhr, denn der Cortisolspiegel muss noch auf natürlich niedrigem Niveau liegen. Kein Bildschirm vor 9 Uhr, um die innere Uhr nicht durcheinanderzubringen. Auch nicht kurz vorm Schlafengehen, um die Melatoninproduktion nicht zu hemmen. Kein Blaulicht, dafür Sonnenlicht – viel davon, am besten direkt nach dem Aufstehen, barfuß im Gras wegen der Erdung, sodass der Elektrolythaushalt ins Gleichgewicht kommt. 10.000 Schritte täglich, oder wenigstens 90 Kilometer auf dem Rad, aber ohne Social Media – höchstens 20 Minuten, das überwacht der Daily-Screentime Tracker.

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Die Ernährung? Ein weiteres Minenfeld: Vegan, vegetarisch oder Carnivore – je nach aktueller Forschung oder individueller Phase. Haferflocken vs. Eier zum Frühstück, Intervallfasten ist eh gesetzt. Kein Gluten, kein Zucker, dafür eine Handvoll Nüsse als gesunder Snack und frisch gepresster Zitronensaft für die antioxidative Wirkung (aber Achtung: Direkt danach die Zähne putzen, wegen der Säure). Die Liste der Nahrungsergänzungsmittel ist lang: Magnesium abends für die Muskelentspannung, Ashwagandha morgens zur Stressreduktion, dazu Zink, Vitamin D und B12, Omega-3, Kreatin, Glycin und NAC.

Muskelaufbau ist unerlässlich fürs Immunsystem: Kettlebell-Swings vs. Calisthenics, explosive oder kontrollierte Kraft. Cold Plunge, aber nur vor dem Training, sonst leidet der Muskelaufbau. Danach: Proteine für die Regeneration, Elektrolyte zur Flüssigkeitsbalance und täglich mehr als zwei Liter Wasser. Acht Stunden Schlaf sind ein Muss, kühl, dunkel, mit Oura Ring zur Schlafanalyse und Mouth Tape für eine optimale Nasenatmung.

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Mentaler Fokus und emotionale Balance werden ebenso optimiert: Täglich 30 Minuten Meditation, Yoga oder wenigstens Breathwork. Irgendetwas Psychedelisches mikrodosieren, natürlich nur für den Fokus und die Kreativität. Während man wartet oder Auto fährt, wird die Zeit genutzt: Podcast hören – Huberman, Rich Roll, Lex Fridman liefern die neuesten Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Biologie. Später ein paar Seiten lesen, Gedächtnistraining, Deep Work in 90-Minuten-Zyklen.

Aber auch das Umfeld kommt nicht zu kurz, denn soziale Verbundenheit ist wichtig für Langlebigkeit, habe ich letztens irgendwo gelesen. Auf 15 WhatsApp-Nachrichten muss geantwortet werden, zwei davon werden dreiminütige Sprachnachrichten. Mails beantworten. Therapie wöchentlich und Journaling täglich, um die eigene Kindheit aufzuarbeiten. Die Kinder in den Kindergarten bringen. Mit dem Hund raus – am besten bei Sonnenaufgang, um das Tageslicht optimal zu nutzen. Und natürlich: arbeiten.

Ein Pflichtprogramm unserer Zeit – gleichzeitig, täglich und möglichst mühelos. Weil das Ideal da draußen irgendwo wartet, erreicht zu werden, wenn wir unsere Zeit nur optimal nutzen. Doch je mehr ich mich bemühe, dieses Ideal zu erreichen, desto weiter entferne ich mich von mir selbst. Effizient, informiert und doch erschöpft. Mehr und mehr verdrängt die Optimierung, die Orientierung. Denn was auf der To-do-Liste fehlt, ist …?

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Ruhe und Sein!

Ruhe und das einfache Sein. Genau das finde ich nicht in To-do-Listen, sondern nur abseits davon – und das viel zu selten. Meine Tage sind schon überladen, bevor sie richtig begonnen haben. Ich lebe nicht mehr linear, sondern simultan. Während ich versuche, meiner „gesunden“ Routine nachzukommen, scrolle ich gleichzeitig durch andere Leben, Körper, Meinungen, Urlaube, Ausfahrten, Workouts und Rezepte – begleitet von einem Podcast im Ohr und dem ständigen Gedanken, dass ich hier gerade meine kostbare Zeit verschwende.

Dabei das leise Gefühl: Irgendwo ist es besser als hier. Besser gegessen, besser gelebt, besser optimiert. Vor lauter Optionen fühle ich mich gelähmt und verliere die Fähigkeit, mich wirklich für etwas zu entscheiden. Ein Freund fragt: „Morgen Abend abhängen?“ Meine Antwort: „Vielleicht.“ Nicht weil ich nicht will, sondern aus Angst, etwas anderes zu verpassen. Eine andere Verabredung, ein Workout, einen bestimmten Moment, irgendetwas Besseres. Ich plane fast nicht mehr, ich halte mir frei. Ich lebe keine Entscheidungen, sondern jongliere Szenarien. Und selbst wenn ich zusage, behalte ich mir zur Sicherheit eine Notlüge offen.

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So wird der ständige Vergleich von Optionen und anderen Menschen zum Taktgeber meines Alltags. Ich checke, justiere, sichere ab, gegen das Verpassen, das Falschmachen, das bloße Menschsein. Wir leben mittlerweile in einer Kultur des Möglichkeits-Rauschs – alles kann, nichts muss, aber sollte irgendwie doch. Manchmal frage ich mich, ob ich später mal alleine auf einer Terrasse sitze und denke: Ich hatte alle Möglichkeiten. Und habe doch keine richtig gelebt. Nicht aus Mangel, sondern aus Angst, eine falsche zu wählen.

Performance-Wettrennen

Während ich diesen Text schreibe, denke ich: Vielleicht könnte eine KI ihn besser schreiben. Klarer. Schneller. Objektiver. Und so gebe ich Entscheidungen ab – nicht nur organisatorisch, sondern auch existenziell. Aus Instinkt wird Algorithmus. Anstelle von Freunden frage ich ChatGPT nach Tipps und Anleitungen zum Glück. Ich lasse mich sortieren, spiegeln, strukturieren – oft besser, als ich es selbst könnte. Und doch verliere ich dabei etwas. Nicht nur Verantwortung. Sondern auch mein Recht auf Umwege. Meine Freiheit, zu irren. Meine menschliche Unschärfe.

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Versteht mich nicht falsch – ich misstraue nicht der Technik. Es ist eher ein Misstrauen in mich selbst. Denn die Maschine schwankt nicht. Sie ist nicht müde, hat kein diffuses Verlangen, keine träge Melancholie. Sie delivered einfach. Besser als ich es je könnte. Vielleicht ist das der neue Anspruch: Nicht mehr da, sondern lieferfähig zu sein. Fit, wach, informiert und vernetzt. 24/7. Emotional robust. Ästhetisch aufgeräumt. Ein Leben lebend, das sich rechnen, tracken und optimieren lässt.

Wir funktionalisieren Erschöpfung und entemotionalisieren unsere Gefühle.

Der Mensch wird zum Computer. Wir „connecten“ uns, sind oft auf Autopilot, müssen die Akkus aufladen, haben an Wochenenden Systemabstürze und im Urlaub wird heruntergefahren.

Zwischen Moment und Möglichkeit

Ich erinnere mich an eine Szene: Eine Freundin mit dem Spitznamen „Dede“ saß auf unserer Terrasse und wartete. Kein Handy, kein Kopfhörer, kein sichtbarer Zweck. Nur warten. Ihre Ellenbogen ruhten auf den Kissen, der Kopf im Nacken, die Finger spielten mit einer Haarsträhne. Es war still. Friedlich. Und es erinnerte mich an etwas, das mir seit meiner Kindheit abhandengekommen ist: die Fähigkeit, einen Moment nicht zu nutzen, sondern einfach zu erleben. Ohne ihn zu bewerten, zu optimieren oder zu teilen. Ich erschuf noch am gleichen Tag ein Verb für dieses „nichts tun“: dede’n. Es ist der Versuch, einen Gegenpol zu diesem ständigen Optimierungsdruck zu finden, einem Moment, in dem das bloße Dasein ausreicht und erfüllt.

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Die eigentliche Herausforderung

Vielleicht liegt die wahre Aufgabe unserer Zeit nicht im „mehr tun“, sondern im „weniger wollen“. Nicht im Drang, sich selbst konstant zu verbessern und zu vergleichen, sondern überhaupt erst einmal wieder zu spüren, was da ist. Auch und gerade, wenn mal gar nichts passiert, wenn wir warten, wenn wir uns langweilen. Ohne App und ohne Tracker. Das ist der Moment, in dem das Leben wirklich stattfindet, abseits der perfekt inszenierten Routinen und der ständigen Suche nach dem Nächstbesseren. Es ist die Herausforderung, Langeweile und Leere zu akzeptieren, anstatt sie sofort mit neuen Reizen zu füllen und sich später überflutet zu fühlen. Mir hilft es ungemein, mich an meine Kindheit zu erinnern – meine Tage waren damals schon gewonnen, wenn ich Fussball gespielt habe und auf Bäume geklettert bin.

Ich schreibe diesen Text, ohne genau zu wissen, was ich euch eigentlich sagen will. Ich weiß nur, dass ich müde bin und damit nicht alleine. Denn ich beschreibe den derzeitigen Zustand meiner Generation: suchend, fragmentiert, doch gleichzeitig irgendwie klar und zweifelnd. Vielleicht hätte ich ihn besser schreiben können. Sortierter. Aber vielleicht ist er genau richtig so. Denn auch das gehört zur Gleichzeitigkeit: Zweifel und Klarheit. Müdigkeit und trotzdem machen. Und genau darin liegt wahrscheinlich auch die Antwort. In der Akzeptanz dieser Ambivalenz. Sie ist der erste Schritt zu einem weniger getakteten, aber erfüllteren Leben. Denn alles ist da. Nichts fehlt.


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Text & Fotos: Julian Lemme