Mit dem OPEN MIN.D. präsentiert die Edelschmiede aus der Schweiz ihre Interpretation eines modernen Rennrads. Revolutionieren Andy Kessler und Gerard Vroomen nach dem Gravel-Sektor nun auch den Markt für Rennräder? Und was hat das neue Bike mit Auto-Hersteller BMW zu tun? Wir haben das brandneue Rennrad exklusiv für euch im Test und liefern die Antworten.

OPEN MIN.D. | 6,87 kg in Größe L | 3.600 € (Rahmen-Set) | Hersteller-Link

Das OPEN MIN.D. bringt die zwei Köpfe hinter der Marke OPEN zurück auf die Straße und damit zu ihren Wurzeln. Nachdem beide führende Positionen bei Unternehmen wie Cervélo und BMC zugunsten ihres eigenen Unternehmens aufgegeben haben, standen bisher vor allem Gravel-Bikes wie das U.P. (zum Test) oder das 2019 vorgestellte WI.DE. (zum Test) im Zentrum des OPEN-Portfolios. Wie die beiden Gründer bereits im Rahmen unseres Vergleichstests der besten Rennräder für 2020 mit dem U.P.P.E.R. Road Edition bewiesen haben, wissen die bestehenden Modelle der Marke mehr als nur auf dem Schotter zu überzeugen. Auch wenn Gewicht für uns keine große Rolle spielt, war es dennoch beeindruckend zu beobachten, dass das Straßen-optimierte Gravel-Bike mit 6,41 kg in Größe L das leichteste Bike im Test war. Im direkten Vergleich mit den besten Rennrädern der Top-Hersteller hat sich jedoch auch gezeigt, wo seine Schwächen liegen. Genau hier setzt OPEN mit dem brandneuen MIN.D. an und präsentiert ein modernes Rennrad im minimalistischen Design. Eine Formsprache, die die Herzen aller Fans klassischer Rahmenformen höherschlagen lässt und mehr edles Understatement kaum haben könnte. Doch der Teufel steckt im Detail!

Für wen ist das MIN.D. gedacht?

Das brandneue OPEN gliedert sich neben Bikes wie dem Specialized Roubaix (zum Test) und dem Trek Domane SLR 09 (zum Test) in eine Reihe von Modellen ein, die sich nicht so einfach kategorisieren lassen wollen. OPEN glaubt für die Zukunft an eine Bike-Kategorisierung, die sich an den Reifen-Dimensionen bemisst. In diesem Fall wären alle Räder bis 700 x 32C überwiegend für die Straße, alle Modelle mit bis zu 700 x 47C für Straße und Gravel und alles darüber überwiegend für den Off-Road-Einsatz. Allemal ein spannender Ansatz! Die Zielgruppe für dieses Rad sehen Andy und Gerard ganz uneigennützig in Menschen wie ihnen selbst – herausgekommen ist also ein Rennrad, das sie selbst gerne fahren würden. Ein Allround-Rennrad, das mit seiner klassisch anmutenden Ästhetik, seinem Komfort sowie seiner Agilität und Spritzigkeit all jene ansprechen möchte, die ein Rennrad für den Alltag, das Jedermann-Rennen und die Transalp suchen. Der gelegentliche Abstecher auf den Feldweg darf bei all dem auch gerne Teil der Route sein.

Das OPEN Rennrad im Detail

Während die Bike-Industrie in den vergangenen Monaten mit gefühlten 274 neuen Gravel-Bikes um die Gunst der Käufer gebuhlt hat, bringen ausgerechnet die Gravel-Experten von OPEN ein neues Rennrad auf den Markt. Was einen anfangs grübeln lässt, entpuppt sich nun vor uns als schnörkelloses und edles Carbon-Rennrad mit einer Reifenfreiheit für bis zu 700 x 32C-Pneus. Dabei macht das MIN.D. (kurz für Minimal Design) seinem Namen alle Ehre. Wie wir es in unseren Top 5 der Rennrad-Trends 2020 bereits prophezeit haben, setzt sich auch das neue OPEN über das Schubladendenken von klassischen Bike-Kategorien hinweg und verzichtet obendrein gänzlich auf aerodynamische Features. Statt der Krafteinsparung durch einen geringen Luftwiderstand soll der Fahrer des MIN.D. vor allem durch den erhöhten Komfort schnell und frisch am gewünschten Ziel ankommen. Besonders die Geometrie, das durchgehende Sitzrohr und die große Reifenfreiheit spielen dabei eine zentrale Rolle.

Geschaltet wird am Test-Bike mit der 2 x 12 SRAM Force eTAP AXS
Midnight Blue als Grundfarbe mit Fabverläufen …
… der OPEN-typischen Farbpalette

Gerade das Unspannende ist das Spannende an diesem Bike!

Durchgehendes Sitzrohr? Wie auch beim gerade erst vorgestellten GIANT TCR Advanced SL 0 Disc 2021 (zum Test) mit ISP-Design (kurz für Integrated Seat Post) verzichtet OPEN beim MIN.D. auf eine Sattelstütze. Dafür haben die Schweizer zwar keine verschnörkelte Technologie-Bezeichnung, wollen jedoch durch den gerade einmal 25 mm kleinen Durchmesser für eine Extraportion Nachgiebigkeit sorgen. Hinter dieser Bauweise steht die Annahme, dass die Rohr-in-Rohr-Bauweise der klassischen Verbindung von Sattelstütze und Sitzrohr zwar für eine schnelle und bequeme Höhenverstellung des Sattels sorgt, den Überlappungsbereich beider Rohre jedoch auch weitestgehend versteift. Da dies hier wegfällt, soll die Nachgiebigkeit des integrierten Sitzrohrs nun nahezu unbeeinträchtigt über die gesamte Länge weitergegeben werden können. Gleichzeitig ermöglicht eine eigens konstruierte Sattelklemme eine Höhenverstellung zwischen 0 bis 15 mm. Ihr schlankes Design trägt kaum auf und muss zum Verstellen lediglich mit den beiliegenden Spacern kombiniert werden. Eine zweite Version der Klemme erlaubt einen Verstellbereich von 15 bis 35 mm. Dem Ablängen des integrierten Sitzrohrs soll so der Schrecken genommen werden. An dieser Stelle raten wir dringendst zum Bike-Fitting vor dem Kauf und zum dreifachen Nachmessen vor dem Ablängen! Beide Sattelklemmen verfügen über 0 mm Versatz.

Ein Massenprodukt wird das OPEN MIN.D. nie werden. Und das ist auch gut so!

Reifenfreiheit für bis zu 700 x 32C und …
… 12 x142 mm Thru-Axle hinten, 12 x 100 mm in der Front
Durchgehendes Sitzrohr mit 25 mm Durchmesser. Beim herkömmlichen Design mit 27,2 mm Sattelstütze beträgt der Durchmesser üblicherweise um die 30 mm.

Integriert und durchgehend ist nicht nur das Credo für das Sitzrohr, sondern auch das der Bremsaufnahmen. Wie auch schon die U-Turn-Gabeln an den Grave-Modellen von OPEN kommt an der R-Turn-Gabel des MIN.D. die Smartmount-Bauweise zum Einsatz. Dabei wird auf einen Flatmount-Adapter verzichtet und stattdessen direkt durch die Gabel in die Bremskörper verschraubt. So lässt sich zwar nicht mehr zwischen 140- und 160-mm-Rotoren wählen, doch ist die Verbindung nicht nur optisch aufgeräumter, sondern soll auch insgesamt leichter und steifer sein. Mit den neuen Rohrformen und einem überarbeiteten Carbon-Lay-up soll die brandneue R-Turn-Gabel mit 335 g (ungekürzt) das leichteste Modell für Rennräder mit Scheibenbremsen sein. Gewicht hin oder her – wir sind auf jeden Fall große Fans dieser Bauweise und freuen uns, dass sie auch am Heck des MIN.D. zum Einsatz kommt.

Kein Adapter und kein Schnick-Schnack. OPEN setzt auf 160-mm-Rotoren an Front und Heck und hat obendrein mit der R-Turn-Gabel laut eigener Aussage die mit 335 g (ungekürzt) leichteste Carbon-Gabel für Rennräder mit Scheibenbremsen und Thru-Axle entwickelt.
160 mm, 2 Schrauben, 0 Adapter an Front …
… und Heck

Die Ausstattung unseres OPEN MIN.D. 2020-Test-Bikes

Mit dem OPEN MIN.D. lassen sich vielseitige Aufbauten realisieren. Zum Verkaufsstart Mitte Juli wird es das 870 g leichte Rahmen-Set lackiert und auch als unlackierte Ready-to-Paint-Version geben. Somit habt ihr die Wahl zwischen der gezeigten Lackierung oder der Realisierung eurer ganz persönlichen Vorstellungen. An unserem Test-Bike kommen die komplette 2 x 12 SRAM Force eTap AXS-Schaltgruppe, DT Swiss CRC 1400 SPLINE DB 24-Laufräder und Schwalbe Pro One TLE-Reifen in 700 x 32C zum Einsatz. Abgerundet wird die Ausstattung durch ein edles ENVE-Cockpit und den neuen Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive-Sattel (zum Test).

Schaltgruppe SRAM Force eTap AXS, 2 × 12, 46–33T
Kassette SRAM Force 10–28T
Bremsen SRAM Force eTap AXS HDR 160/160 mm
Laufräder CRC 1400 SPLINE DB 24
Reifen Schwalbe Pro One TLE, 700 x 32C
Sattelstütze integriert, 0 mm Versatz
Lenker ENVE Compact, 440 mm
Vorbau ENVE Vorbau, 100 mm
Gewicht 6,87 kg in Größe L
Preis 3.600 € (Rahmen-Set)
Verfügbarkeit Vorbestellungen ab sofort, Versand innerhalb von 60 Tagen

Die Geometrie des neuen OPEN Carbon-Rennrads

Für die Entwicklung des MIN.D. stand eine komfortable, aber dennoch sportive Geometrie im Vordergrund. Mit einem gehörigen Wohlfühlfaktor soll sich der Fahrer getreu dem Motto einer bekannten BMW-Kampagne „Freude am Fahren“ auf dem Bike zu Hause und gleichzeitig auf einem echten Rennrad wiederfinden. Dabei war der Einsatz-Bereich Gravel nicht das Ziel, sondern vielmehr eine Gewichtung von 90 % Straße und 10 % Off-Road. Dementsprechend greift OPEN zwar auf die Erkenntnisse aus den bestehenden Gravel-Modellen zurück, verleiht dem MIN.D. mit 405 mm kurzen Kettenstreben, einem 72,5° Lenkwinkel und einem Radstand von 998 mm aber eine moderne und rein Straßen-orientierte Geometrie. Der 73,5° Sitzwinkel ist so konstruiert, dass eine sportliche und mäßig gestreckte Sitzposition auch ohne Versatz an der integrierten Sattelstütze erreicht werden kann. Mit dem 184 mm langen Steuerrohr soll die Höhendifferenz zwischen Sattel und Lenker in einem überschaubaren und für den normalen Fahrer realistischen Maße gehalten werden – der Unterlenker hat also nicht mehr den Status eines vermeintlich exotischen Domizils für den Jedermann. Alle eben genannten Angaben beziehen sich auf Rahmengröße L.

Größe S (160-171 cm) M (169-180 cm) L (178-191 cm) XL (188-205 cm)
Überstand 743 mm 769 mm 792 mm 816 mm
Lenkwinkel 71° 72.5° 72.5° 72.5°
Steuerrohr 135 mm 158 mm 184 mm 210 mm
Fork offset 50 mm 50 mm 50 mm 50 mm
Sitzwinkel 74.0° 73.5° 73.5° 73.5°
Oberrohr 530 mm 550 mm 569 mm 589 mm
BB drop 73 mm 71 mm 71 mm 71 mm
Front center 578 mm 584 mm 604 mm 623 mm
Rear center 405 mm 405 mm 405 mm 405 mm
Radstand 971 mm 978 mm 998 mm 1018 mm
Stack 535 mm 560 mm 585 mm 610 mm
Reach 361 mm 373 mm 385 mm 397 mm
Gute Balance aus Sportlichkeit und Komfort – die Sitzposition erlaubt lange Tage im Sattel, bei denen der Griff in den Unterlenker keine Ausnahme bleiben muss
Helm POC Ventral SPIN | Brille 100% Glendale | Jersey La Passione Mimesis | Bibs La Passione Mimesis | Socken La Passione Mimesis | Schuhe Specialized S-Works 7

Das OPEN MIN.D. im ersten Test

Im Antritt zeigt OPEN, wie viel Rennrad sich unter seinem minimalistischen Design verbirgt, und glänzt mit direktem Vortrieb. Bereitwillig lässt es sich auf Geschwindigkeit bringen und effizient auf Speed halten. In der Ebene nimmt es den Schwung gut mit, ist aber von langen, geraden Strecken beinahe gelangweilt. Im Klettermodus gibt es sich ausreichend effizient, um auch lange Bergauf-Passagen zu meistern. Besonders überzeugt hat uns die Sprintstärke des OPEN. Egal ob am Kurvenausgang oder am Ortsschild: das MIN.D. lässt sich jederzeit ausgesprochen leichtfüßig beschleunigen.

Enge Kurven sind das Spezialgebiet des Carbon-Bikes. Während der Geradeauslauf gerade noch in Ordnung geht, entfaltet es besonders im verwinkelten Terrain sein volles Potenzial. Das agile und quirlige Handling macht hier deutlich, dass es sich nicht um eine schwammige Komfort-Maschine handelt. Mit viel Präzision lässt sich auch in hektischen Situationen die Ideallinien halten. Aufgrund des hohen Reifenvolumens, das die Reifen sensibler gegenüber Druckänderungen macht, gilt es vorab etwas zu experimentieren und den persönlichen Idealwert zu identifizieren. Ist der einmal gefunden, warten die Schwalbe-Pneus mit einer angenehmen Eigendämpfung auf und bilden zusammen mit dem Rahmen-Set ein stimmiges Komfort-Paket. Aufgebrochener Asphalt und kompakte Schotter-Pisten können ohne Weiteres mit dem MIN.D. gemeistert werden. Und ja, wir sind beim Test auch an die Grenzen des Bikes gegangen …

Der sportive Charakter, in Kombination mit der mäßig gestreckten Sitzposition, der effizienten Vibrationsdämpfung und dem ausbalancierten Gesamtkomfort, lassen bei uns Roadster-Feeling aufkommen. Es fühlt sich vollkommen natürlich an, im hautengen Rennrad-Kit die KOMs zu jagen, nur um wenig später mit flatterndem Hemd über die Forststraßen zu fliegen. All das, was man von einem modernen Rennrad-Allrounder erwartet. Im Vergleich zum Trek Domane SLR 09 oder dem Specialized Roubaix, die sich natürlich in zahlreichen Punkten vom OPEN unterscheiden, fehlt uns vor allem ein in den Rahmen integriertes Verstaufach. Eine Satteltasche, Hip-Bag oder kleine Lenkertasche für die Essentials braucht es also noch. Beinahe wie beim Porsche 356 Speedster.

Unser Fazit zum OPEN MIN.D.

OPEN präsentiert mit dem MIN.D. ein stimmiges Rennrad-Konzept, welches klassische und minimalistische Ästhetik mit modernen Technologien sinnvoll vereint. Dabei ist das Rad zwar keine Revolution wie es das U.P. war, aber es findet sich eine perfekt ausgewogene Balance zwischen Sportlichkeit und Komfort – auf Asphalt und der gelegentlichen Abkürzung über die Schotter-Autobahn oder den Feldweg. Wer ein extravagantes Bike sucht, dessen Charme im Understatement liegt, ein sportlich agiles Handling bevorzugt und sich in Sachen Terrain und Fahrdauer nicht festlegen möchte, findet mit dem Rahmen-Set des OPEN MIN.D. die Basis für sein Traum-Bike. Vor dem Kauf ist ein genaues Bike-Fitting unerlässlich und in Sachen Wiederverkaufswert könnte die integrierte Sattelstütze einen bitteren Beigeschmack haben. Aber um mit den Worten von Gerard Vroomen zu enden: „ […] you probably never want to lose your MIN.D.“

Tops

  • stimmiges Gesamtkonzept
  • gute Allround-Eigenschaften
  • ausbalancierter Komfort
  • Sprintstärke
  • aufgeräumtes Erscheinungsbild

Flops

  • mäßiger Geradeauslauf
  • integriertes Verstaufach als i-Tüpfelchen

Mehr Informationen zum OPEN MIN.D. erhaltet ihr unter opencycle.com

Text: Benjamin Topf Fotos: Valentin Rühl