Mit dem SCULTURA ENDURANCE 2021 präsentiert MERIDA eine völlig neue Rahmenplattform, die maximale Vielseitigkeit verspricht. Wir haben das brandneue Rennrad zwischen Asphaltpisten und Schotterautobahnen aus der Reserve gelockt. Ob das Konzept mit Platz für Pneus mit bis zu 700 x 35C aufgeht, erfahrt ihr in unserem ersten Test!

MERIDA SCULTURA ENDURANCE | 8,48 kg in Größe L | 4.199 € | Hersteller-Link

Für viele von uns sind die Stunden auf dem Rennrad die Zeit, in der man abschalten kann. Egal ob man sich einfach treiben lassen möchte oder mit Freunden neue Streckenabschnitte befährt. Wer im Vorfeld keine Zeit oder Muße hat, die Route minutiös zu planen, oder wer sich im unbekannten Terrain bewegt, fürchtet dabei in der Regel nur zwei Sachen: einen irreparablen technischen Defekt oder einen Streckenabschnitt, der mit schmalen Pneus mit 700 x 25C nicht zu überwinden ist. Zumindest Letzteres soll laut MERIDA mit dem brandneuen SCULTURA ENDURANCE kein Thema mehr sein! „Einfach loszufahren, ohne sich große Gedanken über den Straßenbelag zu machen, und zu wissen, dass man noch wesentlich schneller fahren könnte, ohne den Fahrkomfort zu vernachlässigen“, so lautet der Pitch des taiwanesischen Bike-Giganten zum neuesten Modell. Das SCULTURA ENDURANCE richtet sich als potentes und spaßorientiertes Rennrad in erster Linie an Hobby-Rennradfans, denen es vor allem um eine gute Zeit auf dem Bike geht, und schließt die Lücke im MERIDA-Portfolio zwischen den eher offroad orientierten Rennlenker-Bikes wie dem MISSION CX (zum Test) oder dem SILEX (zum Test) und straßenorientierten Modellen wie dem SCULTURA (zum Test) und dem REACTO (zum Test).

Das Konzept der MERIDA SCULTURA ENDURANCE-Rahmenplattform

Maximaler Komfort und ultimative Vielseitigkeit – zwei Eigenschaften, die bei der Entwicklung des neuen MERIDA höchste Priorität hatten. Auf den ersten Blick fallen die dicken Schlappen des SCULTURA ENDURANCE direkt ins Auge. Mit 700 x 32C reizen die Continental Grand Prix 4-Season an unserem Test-Bike die maximale Reifenfreiheit jedoch noch lange nicht aus! So finden im neuen MERIDA Slick-Reifen mit bis zu 700 x 35C Platz und das sogar dann, wenn man auf die integrierte Schutzblechmontage zurückgreift und Fender verbaut. Das vergleichsweise große Reifenvolumen erlaubt es, niedrigere Luftdrücke zu fahren, und ist somit ein wichtiger Bestandteil des Komfortkonzepts des Rades, wobei der Einsatzbereich des Bikes stärker auf die Straße ausgerichtet ist, als es beim MISSION CX mit ähnlicher Reifenfreiheit der Fall ist. Spoiler-Alarm: Der gelegentliche Ausflug auf kompakte Schotterautobahnen oder Feldwege stellt für das SCULTURA ENDURANCE dennoch absolut keine Herausforderung da.

Das organische Design des Carbonrahmens mit seiner markanten Linienführung schafft eine gute Balance zwischen Understatement und Bling-Faktor. Während die farbigen Optionen Geschmackssache sind, gibt es für den Connaisseur im Detail so einiges zu entdecken. Während viele der neuesten Rennrad- und Gravel-Modelle auf heruntergezogene Kettenstreben zurückgreifen, um genügend Baufreiheit für die Reifen zu bekommen, geht MERIDA einen ganz eigenen Weg. So sind die Kettenstreben technisch zwar weit unten angesetzt, verlaufen optisch jedoch in einem minimal nach oben gerichteten Bogen. Die Sitzstreben sind mit einer herausnehmbaren Brücke verbunden, die einzig der Fender-Montage dient und keine statischen Zwecke erfüllt. Sie weisen ein sehr flaches Profil auf und folgen dem Prinzip einer Plattfeder, was für zusätzliche Compliance am Heck sorgen soll. Am Schnittpunkt zwischen Sitzstreben, Sitz- und Oberrohr ist außerdem die Sattelklemme mit 27,2 mm Durchmesser formschön integriert. Integration ist auch das oberste Gebot, wenn es um die Zugverlegung des SCULTURA ENDURANCE geht: Züge, Leitungen und Kabel verlaufen gänzlich durch das Rahmeninnere und werden mithilfe einer speziellen Abdeckung, dem sogenannten WIRE PORT, durch den Steuersatz in den Rahmen geführt. Die interne Kabelführung ist dabei kompatibel mit mechanischen und elektronischen Schaltgruppen, klappert nicht und ist optisch sehr ansprechend integriert.

Shimano ULTEGRA Di2 R8070 am SCULTURA ENDURANCE 7000-E
WIRE PORT am Steuersatz und …
… Reifenfreiheit bis zu 700 x 35C

Wie auch bei anderen Bikes im MERIDA-Portfolio kommen die eigens konstruierten Disc-Cooler zum Einsatz. Diese Aluminiumkörper werden zwischen Carbonrahmen und Bremssattel montiert und sollen die Wärmeableitung bei harten und intensiven Bremsmanövern beschleunigen. Während das SCULTURA ENDURANCE in der Standardausstattung mit 160-mm-Rotoren vorne und hinten ausgeliefert wird, können an der Front auch 180-mm-Bremsscheiben zum Einsatz kommen. Die Thru-Axels mit 12 mm und der Shimano BB86 Press-Fit-Tretlagerstandard stellen sicher, dass der Rahmen mit einer Vielzahl der gängigen Komponenten kompatibel ist. Das Direct-Mount-Schaltauge für Shimano-Schaltwerke ist im gleichen Finish gehalten wie die Bremskörper und rundet das Gesamtpaket optisch ansprechend ab.

Stay cool! Aluminium-Kühlkörper an Front …
… und Heck sollen die Bremsperformance auf langen Abfahrten verbessern
Bei allen SCULTURA ENDURANCE-Modellen kommen Shimano-Schaltgruppen zum Einsatz. Das Direct-Mount-Schaltauge gibt es konsequenterweise auch in jeder Ausstattungsvariante.

MERIDA SCULTURA ENDURANCE – Geometrie und Ausstattung

Für das SCULTURA ENDURANCE hat MERIDA eine völlig neue Geometrie geschaffen, die den Anforderungen von komfortorientierten Langstrecken-Fans entsprechen soll. In der von uns getesteten Rahmengröße L verfügt es über ein 19,65 cm langes Steuerrohr, wodurch die Sitzposition deutlich aufrechter ausfällt als bei rein Performance-orientierten Rennboliden. Mit einem Lenkwinkel von 73° ist es en par mit dem Aero-Bike REACTO, weist jedoch mit den 418 mm langen Kettenstreben ein deutlich längeres hinteres Rahmendreieck auf. Entsprechend fällt auch der Radstand des Bikes in Größe L mit 1.017 mm einen Tick länger aus, als es bei Wettkampf-Rennrädern der Fall ist. Das soll die Laufruhe und Spurstabilität verbessern.

Größe XXS XX S M L XL
Sattelrohr 440 mm 470 mm 490 mm 510 mm 530 mm 560 mm
Oberrohr 515 mm 524 mm 538 mm 553 mm 568 mm 583 mm
Steuerrohr 140 mm 152 mm 161 mm 177 mm 197 mm 222 mm
Lenkwinkel 70,5° 71,0° 72,0° 73,0° 73,0° 73,5°
Sitzwinkel 74,0° 74,0° 74,0° 73,5° 73,5° 73,5°
Kettenstrebe 418 mm 418 mm 418 mm 418 mm 418 mm 418 mm
BB Drop 66 mm 66 mm 66 mm 66 mm 66 mm 66 mm
Radstand 992 mm 997 mm 1001 mm 1001 mm 1017 mm 1026 mm
Reach 360 mm 366 mm 376 mm 380 mm 389 mm 397 mm
Stack 539 mm 552 mm 565 mm 584 mm 603 mm 629 mm

Zum Launch des SCULTURA ENDURANCE wird es vier Ausstattungspakete geben, wobei die länderspezifische Verfügbarkeit der Optionen von den jeweiligen Vertriebsgesellschaften abhängig ist. Das SCULTURA ENDURANCE 4000 stellt mit 2.349 € den Einstieg in die Modellplattform da und verfügt über eine Shimano 105-Schaltgruppe, MERIDA EXPERT SL-Laufräder und MAXXIS Detonator-Reifen in 700 x 32C. Für einen ausgesprochen fairen Preis von 2.899 € gibt es das SCULTURA ENDURANCE 6000 mit kompletter Shimano ULTEGRA R8020-Schaltgruppe, Fulcrum Racing 700 DB-Laufrädern und MAXXIS Detonator-Reifen in 700 x 32C – definitiv ein heißer Preis-Leistungs-Tipp! Unser Test-Bike war das SCULTURA ENDURANCE 7000-E, zum Zeitpunkt des Launchs das Topmodell der Baureihe. Zukünftig soll es jedoch auch hochwertigere Ausstattungspakete geben.

Zum Zeitpunkt des Launchs ist das SCULTURA ENDURANCE 7000-E das Topmodell der Plattform. Hochwertigere Ausstattungspakete werden in Zukunft folgen.

Schaltgruppe Shimano ULTEGRA R8070 Di2, 2×11, 50/34 T-Serie (52/36 T am Test-Bike)
Kassette Shimano CS-HG700 11–34 T
Bremsen Shimano ULTEGRA hydraulisch Disc BR-R8070 160/160 mm
Laufräder DT Swiss E1850 SPLINE DB23
Reifen Continental Grand Prix 4-Season, 700 x 32C
Sattelstütze MERIDA EXPERT, 20 mm Versatz
Lenker MERIDA EXPERT SL, 420 mm
Vorbau MERIDA EXPERT CW, 110 mm
Gewicht 8,48 kg in Größe L
Preis 4.199 €
Verfügbarkeit ab sofort beim offiziellen Händler

MERIDA SCULTURA ENDURANCE 7000-E im ersten Test

Eines wird nach dem Aufsitzen direkt klar: Auf dem brandneuen MERIDA fühlt man sich dank des langen Steuerrohrs schnell wohl! Die Sitzposition ist angenehm aufrecht und garantiert auch bei langen Tagen im Sattel ein Ankommen ohne Nackenschmerzen. Neben der Sitzposition unterstützt vor allem die gute Vibrationsdämpfung des Carbonrahmen-Sets den Langstreckenkomfort des Bikes. Kleine und hochfrequente Vibrationen werden angenehm geschluckt. Bei größeren Hindernissen kommen die Continental Grand Prix 4-Season-Reifen jedoch an ihre Grenzen, weisen zu wenig Dämpfung auf und lassen den Fahrer so auf dem Bike auf und ab wippen. Hier können Pneus mit einer höheren Eigendämpfung und Tubeless-Setup noch mal einen deutlichen Komfortgewinn herausholen. Bereiche, in denen die Contis punkten können, sind die Kurventraktion und das Bremsverhalten. Hier bieten sie viel Grip und liefern somit eine Extraportion Vertrauen.

Tuning-Tipp: leichter Laufradsatz für agilere Beschleunigung & Reifen mit mehr Eigendämpfung

Im Antritt zeigt sich das Rahmen-Set ausgesprochen steif und direkt. Einzig das relativ hohe Gewicht der Laufrad-Reifen-Kombination limitiert die Leichtfüßigkeit des MERIDA. Einmal auf Schwung gebracht, profitiert das Bike vom Trägheitsmoment der rotierenden Masse und nimmt den Schwung gut mit. Zwar ist es mit 8,48 kg in Größe L kein superleichtes Rennrad, doch lässt es sich bergauf dennoch effizient pedalieren. Wer im Uphill die Bestzeit jagen möchte, ist mit diesem Rad ohnehin falsch beraten. Beim SCULTURA ENDURANCE geht es darum, die denkbar beste Zeit auf einem Bike zu haben – und dafür bringt es viel Potenzial mit!

Helm Giro Synthe MIPS | Brille Oakley Sutro | Jersey GRAN FONDO Crew-Shirt | Shorts Rapha Core Cargo Bib Shorts | Socken Rapha Pro Team Socks Long | Schuhe Rapha Pro Team Shoes

Während die beiden bisher angeführten Kritikpunkte durch Ausstattungs-Upgrades bei Bedarf einfach zu umgehen sind, leistet sich das SCULTURA ENDURANCE im Lenkverhalten einen Schnitzer, mit dem man leben können muss: Die Front des Bikes lässt sich beinahe auf Race-Bike-Niveau einlenken, reagiert sehr leichtgängig und direkt. Grundsätzlich eine sinnvolle Idee, da breitere Reifen das Einlenkverhalten häufig zu träge werden lassen. Im Vergleich zum recht langen Heck ist die Front allerdings einfach eine Spur zu agil. Hier verlangt es nach einer führenden Hand und definierten Impulsen des Fahrers, um entweder den Kurs oder den gewünschten Kurvenradius zu halten. Wenn die Front zu agil für das Heck ist, können längere Vorbauten sie zwar etwas „entschärfen“. Da es sich hier jedoch um ein Endurance-Bike handelt, auf dem man im Zweifel auch viele Stunden lang entspannt sitzen möchten, ist dieser Umbau aus unserer Sicht wenig sinnvoll.

Unser Fazit zum SCULTURA ENDURANCE 7000-E

Abschalten leicht gemacht: Das MERIDA SCULTURA ENDURANCE 7000-E glänzt mit guten Allround-Eigenschaften und sehr breitem Einsatzbereich! Ob Langstreckentour oder Entdeckungsrunde über Feldwege, mit der guten Vibrationsdämpfung des Carbonrahmens, der hohen Kurventraktion und Pannensicherheit der Conti-Pneus hat das MERIDA viel von dem, was Rennradabenteurer brauchen! Wir hätten uns nur ein ausgeglicheneres Handling und einen leichteren Laufradsatz gewünscht – für den Preis und das Einsatzgebiet geht zumindest letzteres dennoch in Ordnung.

Tops

  • breiter Einsatzbereich
  • sehr gut gelungene Kabelführung
  • Kurventraktion
  • kein Toe-Overlap in Größe L

Flops

  • fehlende Leichtfüßigkeit im Antritt
  • unausgeglichenes Handling
  • mangelnde Eigendämpfung der Reifen

Weitere Informationen zum SCULTURA ENDURANCE findet ihr auf merida-bikes.com

Text: Benjamin Topf Fotos: Robin Schmitt