Oversized-Pulley-Wheels, laminierte Carbon-Speichen, Fueling-Strategies: Wer als Normalo ins Marginal-Gains-Game einsteigt, blickt in Abgründe – finanzielle, psychologische, existenzielle. Wir haben sie für euch erkundet und zeigen, warum das Game kein Spiel ist, sondern eine Spirale.

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Es klappert und rattert. Mein Nobelhobel scheppert übers Kopfsteinpflaster wie ein Marimbaphon auf Abwegen. Unter den strafenden Blicken der Peer Group gehe ich beim nächsten Cortado-Stop auf Fehlersuche. Der Verursacher des Akustikterrors ist schnell gefunden: der Flaschenhalter. 25 Gramm leicht, von Profis gefahren, von Powerusern in Foren für gut befunden und von mir mit Titanschrauben auf dem Unterrohr inszeniert. Eine Leichtbauikone, formvollendet, aero-optimiert und … im Schlaglochduell mit der 650-ml-Dual-Carb-Mix-Flasche hoffnungslos unterlegen. Die Bohrung ist ausgeschlagen. Kohlefaserfransen recken sich vorwurfsvoll in die Luft. „Tausch mich aus“, zischen sie mir ins Ohr. Ich fühle mich schuldig. Hatte ich tatsächlich gedacht, für 80 Euro Pro-Vibes für die Ewigkeit zu bekommen? Ein Watt-pro-Kilo-Upgrade, das mich entspannt vom Sofa in die Strava-Top-10 katapultiert? Ehrlich gesagt: ja! Alles ist schließlich käuflich – warum nicht auch Speed?

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Money can’t buy me love

5 Watt Ersparnis die Aerosocken, 20 Watt die Aero-Laufräder, 3 Watt die gewachste Kette, 10 Watt die Aero-Reifen, 10 Watt der Aero-Helm, 5 Watt das integrierte Cockpit und – Achtung, Game Changer – 15 Watt der Aero-Einteiler. Muss ich überhaupt noch fahren, um zu performen? Warum Training, wenn am Ende eh der Amazon-Bote den Erfolg bringt? Wenn ich schon finanziell blute, will ich nicht auch noch schwitzen müssen. Im tailor-made Skinsuit auf dem Sofa Eurosport glotzen ist ja irgendwie auch schnell. Jedes Upgrade verschiebt mit seinem Watt-Versprechen den Fokus weg von der Selbstwirksamkeit des Fahrens hin zum Dopamin-Kick des Kaufens. Weniger Zeit auf dem Bike und mehr Zeit beim Bike-Shopping. Doch leider sind die Pro-Parts nicht frei von Tücken. Wenn die einlaminierte Carbon-Speiche erst einmal gebrochen ist, hält hinter uns kein Teamcar und reicht uns ein neues Laufrad. Und auch den schnellsten Rennradreifen müssen wir Normalos selbst von der Felge kratzen, wenn sich mal wieder eine Brombeerranke durch die feine Karkasse gebohrt hat. Puncture Protection? Ist doch nur für Amateure!

Für den Rennsport beschreibt der ehemalige Straßenprofi David Millar das Paradoxon wie folgt: „A lot of the pro racing stuff is almost disposable.“ Was freundlich übersetzt so viel bedeutet wie: Die teuersten Parts bieten zwar kurzfristig maximale Performance, halten aber nicht lange. Wie gut, dass wir ja eh weniger Zeit auf dem Bike verbringen. Denn wo früher rasiert wurde, wird heute gewachst. Kettenkoch-Kaffeekränzchen statt Group Ride. Die Crew versammelt sich andächtig um den Waxifier und diskutiert mit einem Proteinshake in der Hand die Benefits von Kirschsaft als Recovery-Drink. Gefahren wird dann leider nicht mehr. Zu spät. Schade, dann wohl kein Kirschsaft. Zumindest hält so der Aero-Reifen länger.

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Alles oder nichts – oder?

Klar sind Race-Bikes in den letzten Jahren massiv schneller geworden. Aber dadurch, dass jedes Part mit dem absoluten Game-Changer-Label gebrandet wird, fällt es schwer zu erkennen, wo noch echte Innovationen und Potenziale stecken – und wo eben auch nicht. Die Titanachsen im Carbonpedal? Die TPU-Schläuche? Die Keramiklager? Marginal Gains sind kein „oder“. Sie sind ein „und“. Alles ist wichtig. Alles ist entscheidend. Wer ins Marginal-Gains-Game einsteigt, der muss es dann aber auch durchspielen. Der Aero-Helm bringt ja schließlich nur was, wenn die Position auf dem Bike stimmt. Also ab zum Bikefitting – und dann mit neuer Lenker-Vorbau-Kombi zur Wiedervorlage. Und wenn man schon mal da ist, dann ist die Carbon-Einlegesohle auch nicht mehr weit.

Doch bevor man in seinem streifenfrei glänzenden „Functional Window“ in die freie Wildbahn entlassen wird, türmt sich ein weiteres Komplexitätsmonster auf: Ernährung. Wer gelernt hat, dass sich Pogi und Co. 150 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde in die Hochleistungskörper pressen, für den wirkt das Banänchen in der Trikottasche irgendwie inadäquat. Fairerweise gibt es kaum ein Thema, das auf dem Bike einen so großen Unterschied macht wie das Fueling. Die richtige Energiezufuhr liefert mehr Watt, als sämtliche Oversized-Pulley-Wheels der Welt sparen können. Leider hat man bei all den Koffein-Gels, Riegeln, Multi-Carb-Mix-Getränkepulvern, Hydration Tabs und Recovery-Shakes das Gefühl, mehr falsch als richtig machen zu können. Welche Zuckersorten kann ich wie verstoffwechseln, wie berechne ich meinen Energiebedarf – und wie war das noch mal mit Kreatin? Wer nicht über Stunden an seiner persönlichen Leistungsgrenze unterwegs ist, darf sich hier auch locker machen. Für die Fahrt zur Eisdiele muss ich nicht alle Functional-Food-Register ziehen – für den Alpen-Gran-Fondo vielleicht schon. Immer alles zu wollen und alles zu machen, ist übertrieben. Mit ein bisschen Vertrauen in die eigene Fettverbrennung und die nächste Tankstelle kommt man auch wieder zurück. Vielleicht ein wenig langsamer, ein wenig erschöpfter und ein wenig optimierter. Auf jeden Fall aber ein Stück relaxter.

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Hätte, hätte, gewachste Kette – Marginal Gains machen den Ride zum Konjunktiv

Mit einer guten Regenjacke im Rucksack kehrt Ruhe ein. Egal, was kommt, man bleibt halbwegs trocken und warm. Konsum kann entspannen. Im Upgrade-Rausch ist das anders. Das Credo hinter Marginal Gains heißt: ständige Optimierung. Der Status quo als Feindbild. „Never Status Quo“ pinselt Factor als Claim auf seine Bikes. Für einen Hersteller muss das der Anspruch sein, für einen Pro-Rider auch. Aber für uns Normalos? Wer vor dem Einschlafen im Höhenzelt nicht gedanklich schon an der nächsten Performance-Stellschraube dreht, der wird durchgereicht. Gute Nacht, Chill-Mode.

Marginal Gains halten uns in einem ständigen Alarmzustand. Alles, was dich nicht schneller macht, geht gar nicht. Losfahren, ohne vorher den Reifendruck zu checken? Schwierig. Ankommen, ohne die Faszien mit der Blackroll zu malträtieren? Unmöglich. Denn Marginal Gains sind auch ein Statussymbol. Wer mit kurzen Socken zum Group Ride antritt, heißt entweder Primož Roglič oder gilt als Nestbeschmutzer. Bloß nichts verpassen, bloß keinen Trend verschlafen, bloß nicht das eigene Potenzial verschenken.

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Am Ende wird so jeder Ride zum Konjunktiv. Was wäre mit höheren Felgen möglich gewesen? Hätte ich mit einer anderen Fueling-Strategy mehr rausholen können oder mit einer gewachsten Kette meinen PR geknackt? Ständig wird das Hier und Jetzt mit dem Hypothetischen abgeglichen. Alles könnte immer besser sein. Alles sollte immer besser werden. Man selbst natürlich auch. Also ran an den Trainingsplan. Oder doch lieber gleich einen Coach? Wenn schon, dann richtig. Mit Freunden eine lockere Runde durch die Weinberge? Geht nicht. Auf dem Plan stehen Intervalle. Also 20-mal die 40-Sekunden-Steigung im Industriegebiet rauf. Macht van der Poel bestimmt auch so. Zum Glück ist ja Sonntag. Da ist es leer hinterm Wertstoffhof. Nicht schön, aber leer. Kein Buddy, der mich anquatscht, keine Optionen, die mich ablenken. Nach 17 Sprints machen die Beine zu. Ein schlechter Tag. Geschlagen geht’s nach Hause. Vielleicht hilft ein Mentalcoach.

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Don’t ride like a Pro

Ohne Entwicklung wäre Biken ein ziemlich dröges Hobby. Der Job von Brands und Pros ist es, genau diese Entwicklung voranzubringen. Für die meisten von uns macht der Fokus auf Wattersparnisse im Prozentbereich oder einen stetig kletternden FTP-Wert jedoch schlicht keinen Sinn. Das allein ist nicht das Problem – nicht alles muss schließlich Sinn machen. Das Problem ist der verengte Blick und das enorme Frustpotenzial im Marginal-Gains-Game. Die meisten von uns haben weder die Kohle, um ständig ihr Bike-Ökosystem upzugraden, noch die Zeit oder die körperlichen Voraussetzungen, um das Gleiche mit ihrer Ernährung oder dem Training zu tun. Train like a Pro oder Ride like a Pro bleiben Worthülsen, die vielleicht Likes auf Insta bringen, aber keine Freude. Wer das Fahren auf Performance und Progression reduziert, der ist irgendwann frustriert. Wir müssen also Entwicklung anders definieren. Training ist im weiteren Sinne eine Anpassungsleistung des Körpers an neue Reize. Ein neuer Reiz kann auch eine verplante Route, eine verpatzte Fueling-Strategy oder eine Tour auf einem 14 Kilo schweren Vintage-Mountainbike sein. Nicht das Bike oder der Fahrer müssen immer besser werden – die Erlebnisse mit dem Bike müssen uns immer wieder neu begeistern.

Der Versuch, die leichtgewichtigen Flaschenhalterschrauben mit dem Bike-Tool zu lösen, scheitert übrigens auf halber Strecke. Nach einer Umdrehung verabschiedet sich der Schraubenkopf ins Titan-Nirwana. Am Ende bin ich der kapriziösen Carbon-Diva mit einer Metallsäge zu Leibe gerückt und habe die Titanschrauben mit der Rohrzange gelöst. Jetzt bin ich auf der Suche nach einem neuen Flaschenhalter. 25 Gramm waren eh zu schwer. Das geht auch leichter – und vielleicht sogar more aero?

Fazit

Für Brands und Pros ist der Status quo der Endgegner – nur zu besiegen durch permanente Optimierung von Mensch und Maschine. Zehn Gramm hier, zwei Watt dort. Alles hat einen Wert. Alles hat einen Preis. Jeder Ride, jedes Erlebnis wird filetiert, fragmentiert, in seine Einzelteile zerlegt. Als normale Rider dürfen – und sollten – wir uns dieser Logik widersetzen. Denn auf Dauer ist sie nicht nur unendlich teuer, sondern auch unerträglich trist.


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Text: Nils Hofmeister Fotos: Julian Lemme

GRAN FONDO Cycling Magazine

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