Es gibt Software-Updates, die man kaum bemerkt. Und dann gibt es welche, die einem Motor ein komplett neues Fahrgefühl verleihen. In den letzten Monaten hat sich ein Trend abgezeichnet: E-Bike Motorenhersteller kitzeln durch digitale Upgrades nachträglich mehr Power aus bestehenden Systemen. Statt Hardware-Entwicklung und Werkbank gibt’s Performance aus der Cloud. Jetzt zieht auch MAHLE bei ihrem Hinterradnabenmotor nach – der X20 bekommt einen digitalen Tuning Turbo und soll so im neuen Licht erstrahlen. Ob das funktioniert? Wir sind den X20 mit der neuen Firmware bereits gefahren, sagen euch, ob sich das Upgrade lohnt und wie ihr es bekommt.
Das Firmware-Update des X20 markiert die nächste Evolutionsstufe eines Motors, der schon bisher als einer der leichtesten und unauffälligsten E-Antriebe galt – jetzt kommt er mit noch mehr Biss. Aber auch die Hardware kann sich über ein paar Verbesserungen freuen. Die neu produzierten X20-Motoren sind ab jetzt auch mit SRAMs UDH-Standard kompatibel und machen so den Weg frei für E-Gravel-Bikes mit High-Tech-Schaltungen.
Entwickelt und getestet wird das alles in Palencia, im Herzen Nordspaniens. Dort, wo MAHLE im Jahr 2018 das Start-up Ebikemotion übernommen hat, tüftelt heute ein Team aus rund 50 Ingenieur:innen an der Zukunft der leichten E-Antriebe. Mit eigens entwickelten Prüfständen werden Motoren unter Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Dauerbelastung getestet. Wir waren bereits 2023 zu Besuch und haben uns die Entwicklungsabteilung von MAHLE SmartBike Systems genau angeschaut.
Auch damals war schon klar: Hier geht es nicht nur um Hardware. Wo „Smart“ im Namen steckt, braucht es kluge Software, die einen einfachen E-Antrieb aufs nächste Level bringt. Mit ihrem Smart Assist Unterstützungsmodus liefert MAHLE beispielsweise bereits jetzt Software, die anhand vielfältiger Datenquellen wie Routenlänge, Herzfrequenz, Steigung, Akkustand und Eigenleistung eine gewisse Unterstützung freigibt und sich so optimal an die Bedürfnisse des Riders anpassen soll.
Ein Blick hinters X20-Upgrade – Mehr Schub aus der Cloud
Der mit 1,39 kg sehr leichte Motor des X20-Systems hat es bereits einigen Herstellern erlaubt, sportliche E-Road- und E-Gravel Bikes zu bauen, die sich mehr nach Analog-Bike mit Rückenwind anfühlen als nach klobigem E-Bike. Wir waren beispielsweise bereits mit dem Mondraker Dusty XR, BMC Roadmachine AMP ONE oder dem ROSE REVEAL PLUS unterwegs und konnten den X20 sowohl auf der Straße als auch auf Gravel bis ans Limit bringen.
Hier konnte uns der Motor vor allem durch das natürliche Fahrgefühl, die subtile Unterstützung und das geringe Gewicht überzeugen. Allerdings unterscheiden sich Nabenmotoren im Vergleich zu Mittelmotoren in einem entscheidenden Punkt: Ihre Kraft wird nicht über die Schaltung des Bikes übersetzt und wirkt direkt auf das Hinterrad. Wie sich das im Detail auswirkt und welche Mythen sich sonst noch um dieses Thema ranken, haben wir uns bereits im Detail angesehen.
Bei dem auf dem Papier angegebenen Drehmoment ergibt sich hieraus allerdings eine Besonderheit: Der X20-Motor selbst leistet – vor dem Update – nur ein maximales Drehmoment von 23 Nm. Da er seine Kraft jedoch direkt aufs Hinterrad überträgt statt über eine Gangschaltung, soll er sich in allen Situationen gleichbleibend kraftvoll anfühlen – wie ein vergleichbarer 55-Nm-Mittelmotor. Oder besser gesagt, wie ein 65-Nm-Motor. Denn nach dem Firmware-Update wurde das Drehmoment laut MAHLE um satte 18 % gesteigert. In der Praxis soll das heißen: Mehr Biss beim Antritt, spürbar mehr Schub auf steilen Rampen und eine souveränere Kraftentfaltung.
Auch bei der Spitzenleistung legt der X20 zu. Statt 250 Watt stehen nun bis zu 275 Watt Peak Power zur Verfügung – ein Plus von rund 10 Prozent. Um die eigene Spitzenleistung um 10 % zu steigern, ist definitiv mehr nötig als ein Update 😉 Durch das Power Meter im Tretlager misst der X20 die Eigenleistung und gibt je nach Unterstützungsstufe bis zu 200 % oben drauf.
Spannend ist, dass die Entwickler von MAHLE diesen Leistungssprung ohne Änderungen an Gehäuse oder Gewicht realisiert haben. Der X20 bleibt mit rund 3,2 Kilogramm inklusive 236-Wh-Akku und Motorsteuerung einer der leichtesten und kompaktesten Antriebe auf dem Markt.
Wichtig zu wissen: Das Update richtet sich im ersten Schritt nur an neu produzierte X20-Motoren mit aktueller Hardware-Generation. Wer bereits ein Rad mit X20 fährt, muss sich noch etwas auf den digitalen Boost freuen. Laut MAHLE wird das Update für bereits ausgelieferte X20-Motoren ab Ende 2025 zur Verfügung stehen.
Wirklich nur Software? Die Hardware-Updates der neuesten X20-Generation
Mit der neuesten Generation des X20 bringt MAHLE nicht nur einen digitalen Leistungsboost durch angepasste Software, sondern auch einige handfeste Neuerungen an der Hardware. So wurde der Motor mit einer überarbeiteten Endkappe und einem angepassten Freilauf ausgestattet, die ihn vollständig UDH-kompatibel machen. Damit öffnet sich die Tür für die Kombination mit den modernen SRAM Transmission-Schaltungen, die sich immer stärker im Markt durchsetzen.
Gerade im Gravel-Segment eröffnet das spannende Möglichkeiten: Hersteller können künftig E-Gravel-Bikes auf den Markt bringen, die High-Tech-Ansprüchen gerecht werden – mit schlanker Integration, zusätzlichem Drehmoment und den Vorteilen elektronischer 13-fach-Schaltungen wie SRAM Rival XPLR, Force XPLR oder RED XPLR. In Kombination mit dem Leistungs-Upgrade des X20 entsteht so ein Paket, das auch steile Schotteranstiege souverän meistern sollte. Ob er das wirklich kann? Ab auf die Teststrecke!
Die neueste Mahle X20-Generation im Praxistest
Zehn Prozent mehr Leistung auf dem Papier klingen gut – doch spürt man das auch wirklich auf der Straße? Die kurze Antwort: Ja.
Der X20 beschleunigt seit dem Firmware-Update spürbar entschlossener, vor allem in den hohen Unterstützungsstufen. Kein brachialer 1.000-Watt-Vollgas-Motor, der einen ohne mit der Wimper zu zucken, mit 25 km/h den Berg hochschiebt – sondern ein feiner, subtiler Schub, der das Rad lebendig macht, ohne ihm seinen Charakter zu rauben.
Genau das ist es, was wir uns von einem E-Rennrad oder E-Gravel-Bike wünschen: Ein leichtes, agiles Set-up, das oberhalb der 25-km/h-Grenze fast unsichtbar arbeitet und dennoch lange Anstiege spürbar entschärft. Der X20 bleibt ein Motor für Rider, die selbst gestalten wollen – das Update sorgt dafür, dass der Motor dort nachlegt, wo er es am nötigsten hat.
Bauartbedingt sind Nabenmotoren beim Anfahren am Berg im Nachteil. Niedrige Geschwindigkeit, hoher Widerstand – der direkte Kraftschluss ans Hinterrad verlangt nach Drehzahl, die oft nicht da ist. Genau hier greift das neue Software-Tuning ein: Beim Antritt aus einer Serpentine oder auf steilen Schotterrampen reagiert der Motor nun etwas kraftvoller. Es ist nicht der große Knall, sondern dieser feine, aber entscheidende Unterschied, der einen schneller wieder in den Rhythmus bringt.
Einmal im Flow, fügt sich die Unterstützung nahtlos zur Eigenleistung ein, das Fahrgefühl bleibt natürlich – so sehr, dass man nach einigen Kilometern fast vergisst, überhaupt auf einem E-Bike zu sitzen. Erinnert wird man daran nur durch das Summen des Motors bei maximaler Leistung und den erstaunlich niedrigen Puls, den man am Ende einer Rampe auf dem Computer stehen hat.
Und die Reichweite? In der Theorie sinkt sie leicht, schließlich wird mehr Leistung abgerufen. In der Praxis war sie in unseren Testrunden jedoch nie ein Thema. Denn oberhalb der 25 km/h-Grenze rollte unser Ridley E-Grifn-Testrad leichtfüßig dahin, nur mit Muskelkraft. Genau das macht den Reiz aus: mehr Schub, wenn man ihn braucht, und Leichtigkeit, wenn man sie will.
MAHLE schafft es, ihren kleinsten, leichtesten und gleichzeitig stärksten Nabenmotor nochmal etwas besser zu machen. Mehr Leistung, mehr Drehmoment und eine neu dazugewonnene UDH-Kompatibilität bringen den X20 auf ein neues Level – ohne dabei Abstriche beim Gewicht oder der cleanen Integration machen zu müssen.
Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als GRAN FONDO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die New-Road-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!
Text: Jan Richter Fotos: Diverse
