Eine Woche zuvor, am Freitagabend, starten 50 Frauen gemeinsam in München, um rund 800 Kilometer und 10.000 Höhenmeter über die Alpen bis nach Lausanne zu radeln. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Teilen Europas, acht sogar aus den USA und zwei aus Australien. Viele kennen sich nicht. Manche sind schnelle Roadies, sind aber noch nie mit Gepäck am Rad mehrere Tage hintereinander gefahren. Andere können im Dunkeln ein Zelt aufbauen und aus drei Zutaten ein Abendessen zaubern, würden sich selbst aber niemals als besonders schnelle Fahrerinnen bezeichnen. Einige fahren Rennen, andere suchen das Abenteuer. Für manche ist es das erste Mal überhaupt, dass sie campen.
Genau so soll es sein.
Die erste Nacht liefert dann direkt den Reality-Check. Es regnet stundenlang. Am Morgen sind die Zelte von außen klatschnass, die Schuhe feucht und der Boden rundherum aufgeweicht. Also wird alles irgendwie zusammengepackt und wieder ans Rad geschnallt. Nicht unbedingt der romantischste Start ins Bikepacking. Aber ein ziemlich ehrlicher.
Für Natalie ist das gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland. Beim Migration Gravel Race haben wir sie als extrem starke Gravel-Fahrerin kennengelernt. Mittlerweile lebt sie auf Mallorca, und auch auf dem Rennrad muss man sich ziemlich anstrengen, um an ihrem Hinterrad zu bleiben. In einem Zelt hat sie bis dahin noch nie geschlafen. Ausgerechnet ihre erste Camping-Erfahrung beginnt also mit Dauerregen, nassen Schuhen und einem durchtrieften Zelt.
Warum wir nicht die 50 Schnellsten gesucht haben
Einige Zeit zuvor: Als wir die GRL PCK Rally planen, ist ziemlich schnell klar, dass wir die Plätze nicht nach dem Prinzip first come, first served vergeben. Wir wollen nicht diejenigen belohnen, die am schnellsten einen Anmeldelink öffnen können. Und wir wollen erst recht keine Gruppe zusammenstellen, in der alle ungefähr dasselbe können.
Also entscheiden wir uns für ein Ballot.
Wir suchen bewusst nach einer Mischung: starke Fahrerinnen ohne Bikepacking-Erfahrung, erfahrene Bikepackerinnen, Camping-Profis, Gravel-Neulinge und Frauen, für die schon die Vorstellung, sieben Tage lang jeden Morgen aufs Neue auf das vollgepackte Rad zu steigen, ziemlich weit außerhalb der Komfortzone liegt.
Eine gute Gruppe entsteht nicht dadurch, dass alle gleich schnell sind. Sondern dadurch, dass niemand so schnell sein muss wie die anderen. Das wird spätestens nach den ersten Tagen klar. Die Gruppen wechseln ständig. Morgens fährt man mit Teilnehmerinnen los, mit denen man am Abend zuvor vielleicht noch kaum gesprochen hat. Schnellere Fahrerinnen warten auf langsamere. Plötzlich fahren Frauen zusammen, deren Zugang zum Rad kaum unterschiedlicher sein könnte: Road, Racing, Gravel, Bikepacking, Performance oder einfach Abenteuer. Und genau daraus entstehen einige der schönsten Verbindungen der Woche. Das Fahrrad ist anfangs die einzige Gemeinsamkeit. Am Ende ist es nur noch eine von vielen.
Auch für Vivien wird hier klar, dass viel Rad zu fahren und sieben Tage mit Gepäck über die Alpen zwei ziemlich unterschiedliche Disziplinen sind. Die Strecke ist neu, das Rad schwerer als gewohnt und spätestens an den steilen Gravel-Rampen hilft auch die Fitness irgendwann nur noch bedingt. Genau das ist Teil der Idee: Keine von uns sollte hier beweisen müssen, wie stark sie ist. Aber jede sollte irgendwann herausfinden, was noch geht, wenn es richtig anstrengend wird.
Es soll wehtun. Ein bisschen zumindest.
Uns ist gleichzeitig wichtig, dass die Rally nicht einfach nur eine nette gemeinsame Fahrradtour wird. Die Strecke soll wunderschön sein, aber sie soll uns auch fordern. Und zwar alle. Selbst die sehr fitten Fahrerinnen sollen mindestens einmal an den Punkt kommen, an dem sie sich fragen, wer eigentlich diese verdammte Route gebaut hat. Für viele kommt dieser Moment an Tag 4 auf dem Weg zum Rifugio San Lucio zwischen Italien und der Schweiz.
Elf Kilometer geht es mit durchschnittlich zehn Prozent Steigung bergauf. Die letzten fünf Kilometer führen auf Gravel mit Rampen von mehr als zwanzig Prozent. Mit einem beladenen Bike fühlt sich das irgendwann weniger nach Radfahren und mehr nach einer sehr umständlichen Art des Bergsteigens an.
Es wird geschoben. Geflucht. Gelacht. Wieder gefahren. Wieder geschoben. Und genau deshalb ist dieser Anstieg im Nachhinein einer der Momente, über die am meisten gesprochen wird.
Niemand muss so tun, als wäre das alles easy. Wenn selbst die stärksten Fahrerinnen irgendwann ihr Rad schieben, wird plötzlich alles ein bisschen erträglicher. Man hilft sich, wartet aufeinander, teilt Snacks und feiert irgendwann Dinge, die ein paar Stunden zuvor noch völlig selbstverständlich waren. Die Herausforderung verschwindet dadurch nicht. Aber sie fühlt sich anders an, wenn man sie teilt.
Sorry, die Pizza ist aus
Montagabend kommen wir hungrig in Italien an und erfahren etwas, das wir bis dahin für physikalisch unmöglich gehalten haben: Die Pizzeria hat keine Pizza mehr. In Italien. Also landet auf dem Tisch, was noch da ist, und alle teilen.
An Tag 5 beschließt eine kleine Gruppe spontan, nicht mehr ins Tal zu fahren, sondern oben am Pass zu bleiben und dort zu übernachten. Zum Abendessen gibt es gemeinsam geteilte Yum-Yum-Instantnudeln. Für Mara, die weder Notfallessen noch Kochausrüstung dabei hat, wird genau dieser Abend zum Sinnbild der Rally.
Ich hatte weder Notfallessen noch Campingausrüstung dabei. Aber dann wurde ich eingeladen zu bleiben. Mädels, die oben auf dem Berg ihre Töpfe, ihr Feuer und ihre Ramen geteilt haben, obwohl es schon dunkel und kalt wurde. Ich war so dankbar.
Es sind solche kleinen Situationen, in denen die Unterschiede innerhalb der Gruppe plötzlich ziemlich egal werden. Wer schneller ist, welches Rad jemand fährt oder wie viel Bikepacking-Erfahrung man hat, spielt keine Rolle, wenn man hungrig auf einem Pass sitzt und nur noch eine Packung Nudeln übrig ist.
Natürlich bedeutet self-supported nicht, dass niemand hilft. SRAM schickt zwei Mechanikerinnen mit, die die komplette Route auf dem Rad mitfahren. Sie sind Teil der Gruppe und gleichzeitig zur Stelle, wenn aus einem kleinen mechanischen Problem eines wird, das sich am Straßenrand nicht mehr mit Multitool und kollektivem Optimismus lösen lässt.
Für Jess S. gibt es am Nufenenpass die Szene, die die ganze Woche zusammenfasst. Sie fährt früh los, die Flaschen sind voll – schließlich will sie der Hitze zuvorzukommen, die ihr an den Tagen davor stark zugesetzt hat. Langsam, aber gegenseitig angefeuert, arbeitet sie sich mit einer Freundin nach oben.
Ich werde den Moment nie vergessen, als ich etwa drei Viertel des Anstiegs geschafft hatte und hinter mir ein Auto hörte. Es waren Laura und Ami, Musik voll aufgedreht, am Anfeuern aus vollem Hals. Ich war den Tränen nah. Ein paar Tage zuvor war ich mir noch nicht sicher gewesen, ob ich die Rally überhaupt schaffen würde.
Oben angekommen, bleiben die beiden an der Anfeuer-Zone beim Begleitfahrzeug: Kuhglocken läuten und geben uns den Takt zum Weitertreten vor, wir singen, tanzen, lachen. Eine Erinnerung daran, dass man in schwierigen Momenten fast alles schaffen kann, wenn man langsamer macht, Schritt für Schritt geht und sich helfen lässt.
Auch sonst taucht unterwegs gelegentlich Unterstützung auf, mit der niemand gerechnet hat.
Bei 36 Grad stehen plötzlich Lael Wilcox und Sami Sauri an einer Secret Aid Station und schneiden Wassermelonen für 50 verschwitzte Fahrerinnen. Lael ist für viele längst ein Vorbild, bevor sie überhaupt zu unserer Rally kommen. Jetzt steht eine der erfolgreichsten Ultra-Cyclistinnen der Welt vor uns und verteilt Wassermelonen. Später folgt die nächste Überraschung: Lael steigt selbst aufs Rad und fährt mit uns die letzten Kilometer nach Lausanne.
Aus 50 Bikepackerinnen wird ein ganzes Cheer PCK
Als wir Lausanne erreichen, verändert sich die Energie noch einmal. Freund:innen und Familien warten auf uns, Fahrerinnen wie Emma Pooley und Frauen vom Team Amani kommen dazu. Am nächsten Tag treffen wir uns mit weiteren Communities aus der Schweiz, den Niederlanden und anderen Teilen Europas zu unserem Cheer PCK. Aus unserer Rally-Gruppe wird plötzlich eine viel größere Gemeinschaft aus Fahrer:innen, Freund:innen, Familien und Supporter:innen. Für rund drei Viertel der Rally-Teilnehmerinnen ist es das erste Mal, dass sie die Tour de France Femmes avec Zwift live erleben.
Das Anfeuern fühlt sich seitdem anders an. Sieben Tage lang haben wir selbst gesehen, was es bedeutet, wenn jemand am Straßenrand unseren Namen ruft, auch dann, obwohl wir eigentlich keine Lust mehr haben, noch einen Meter bergauf zu fahren. Jetzt stehen wir auf der anderen Seite der Absperrung. Es ist laut. Sehr laut.
Menschen aus verschiedenen Communities, Ländern und Teilen des Radsports stehen nebeneinander und schreien sich heiser. Nach einer Woche, in der wir uns gegenseitig über Berge angefeuert haben, feuern wir jetzt die besten Fahrerinnen der Welt an. Für uns schließt sich damit ein Kreis.
Was nach 800 Kilometern übrig bleibt
Die vielleicht schönsten Momente kommen aber erst danach. Wenn Nachrichten auf dem Handy auftauchen. Wenn wir sehen, dass Frauen, die sich vor der Rally noch nicht kannten, schon den nächsten Bikepacking-Trip planen. Manche treffen sich zum Wandern. Andere besuchen sich in ihren Heimatstädten. Aus Telefonnummern, die irgendwo zwischen München und Lausanne ausgetauscht wurden, entstehen Freundschaften.
Eine Nachricht von zwei Teilnehmerinnen bleibt besonders hängen. Sie schreiben, dass die Rally ihnen nicht nur Erinnerungen gegeben habe, sondern Freundschaften, neues Selbstvertrauen, größere Ziele und den Glauben daran, mehr schaffen zu können, als sie vorher gedacht hatten.
Vielleicht ist genau das der Teil, den man vorher nicht planen kann.
Wir konnten eine Route bauen. Wir konnten 50 Frauen auswählen, Campingplätze suchen, Sponsoren finden und uns überlegen, wo wir sie ein bisschen aus ihrer Komfortzone locken wollten. Wir konnten sogar dafür sorgen, dass ihre Namen am Nufenenpass auf der Straße standen. Aber wir konnten nicht planen, wer am Ende neben wem fahren würde. Denn irgendwann ging es nicht mehr darum, 800 Kilometer von München nach Lausanne zu fahren. Es ging darum, wer unterwegs plötzlich neben einem auftauchte, wer oben am Pass wartete und wer danach fragte: „Was machen wir als Nächstes?“
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Text: Laura Claus Fotos: Natalie Uljas, studio pp, Jess Luscher
