Warum ist Graveln eigentlich gerade so populär? Weil keine Kategorie so vielseitig und einsteigerfreundlich ist. Mit einem Gravel-Bike kann man die Welt erkunden, die Heimat ganz neu entdecken, den täglichen Arbeitsweg mit Spaß bewältigen oder das persönliche Training erweitern. Wir erklären euch alles, was ihr zum Thema Gravel wissen müsst.

Gravel-Bikes im Überblick

Die Kategorie Gravel ist so vielseitig und individuell wie der gesamte Rennrad-Sektor: dünne 700C-Reifen, dicke 650B-Slicks oder sogar 29”-Mountainbike-Laufräder, 1-fach- oder 2-fach-Antriebe, Leichtbau oder Bombproof, schneller Fun-Ride oder wochenlanger Abenteuertrip mit vollen Rahmentaschen. Alles ist möglich und Wörter wie Adventure-Bikes, Monster-Cross, Allroad, Road Plus und dergleichen finden sich im Portfolio jedes Bike-Herstellers. Jeder Begriff beschreibt eine mehr oder weniger definierte Ausprägung bestimmter Merkmale oder Einsatzgebiete, aber letztlich eint sie – neben dem Dropbar – alle dieselbe Grundidee: schnell auf unterschiedlichsten Untergründen zu fahren. Natürlich gibt es auch voneinander abgrenzbare Einsatzzwecke und dafür weniger oder mehr geeignete Bikes, aber auch universelle Leitsätze, die das Phänomen Gravel in all seinen Facetten beschreiben, unabhängig von speziellen Nischen. In diesem Teil der Serie dreht sich alles um Überblick, Unterscheidungen und Entscheidungsfindung – sozusagen die Grundlage, bevor es im nächsten Teil zu den technischen Details übergeht.

Was macht ein Gravel-Bike aus?

Es sind drei Grundgedanken, die den Reiz von Gravel ausmachen. Nummer 1: Leicht und schnell. Unter allen Bikes, die mit mehr als einer Art Untergrund umgehen können, sind Gravel-Bikes die leichtesten und schnellsten. Das heißt nicht, dass man auf Zwang schnell unterwegs sein muss – aber man ist es schlicht und einfach. Und nicht nur die Bikes folgen diesem Prinzip. Auch die komplette Ausrüstung und das Gepäck sind minimal, leicht und funktional, ganz nach dem Credo: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Nummer 2: Go Anywhere, Do Anything. Ein weiterer Reiz am Graveln genau hierin. Jeder Boden ist fahrbar, die Schotterpiste am Ende der Straße macht genauso viel Spaß wie die Asphaltserpentinen davor, der langweilige MTB-Singletrail wird zur spannenden Herausforderung. Die Möglichkeiten sind endlos und beginnen direkt vor der Haustür, sei es der unbekannte Feldweg oder der verwitterte Asphalt vor den alten Backsteinfabriken am Stadtrand. Aber wo ist das Limit? Prinzipiell da, wo man es sich selbst setzt. Ein steiler Wurzeltrail oder die tiefe Sandpiste sind mit dem Gravel-Bike eventuell nicht fahrbar, aber hinter einer kurzen Tragepassage wartet vielleicht die nächste epische Schottertrasse mit atemberaubendem Blick ins Tal oder der einsame, kühle Bergsee …

Und schließlich der dritte und wichtigste Grundgedanke beim Graveln: It’s about pleasure, not just performance. Natürlich definiert jeder Spaß auf eine andere Art und Weise, aber beim Graveln gehts nicht darum, im Peloton hinterherzuhecheln, den nächsten KOM zu holen oder irgendeinen Typen im Sprint abzuziehen. Abenteuer, Entdeckungslust, Spaß am Fahren, Miteinander und ‘Kopf-frei-Treten’ sind die Schlagworte, die Gravel so anziehend machen. Schaltet Strava aus und fahrt einfach los! Am Ende ist egal, ob die Tour nun 50 km oder 250 km lang war, wenn ihr danach 3 Stunden am Stück erzählen könnt, was ihr alles erlebt und gesehen hab. Oder wenn der Overnighter sich wie eine ganze Woche Urlaub angefühlt hat …

Gravel-Bikes sind die Schnittstelle zwischen Mountainbiker und Roadie.

Was willst du mit dem Gravel-Bike machen?

Wie bereits erwähnt – die Möglichkeiten sind schier endlos. Dennoch ist es sinnvoll, sich Gedanken darüber zu machen, was man hauptsächlich fahren wird bzw. fahren will, und sich dann dementsprechend ein Bike auszusuchen oder aufzubauen. Denn das 29”-Stahlrahmen-Adventure-Bike mag zwar beeindruckend aussehen, wenn man es aber letztlich zu 90 % auf Asphalt und Schotterstraßen einsetzt, wäre der leichte Road-Plus-Carbonrahmen mit den dicken 650B-Slicks vielleicht doch die bessere Wahl gewesen. Das Angebot an Gravel-Bikes ist sehr vielseitig und jeder Hersteller interpretiert das Thema auf seine eigene Art und Weise. So können je nach Hersteller oft verschiedene Laufradgrößen gefahren werden, z. B. 700 x 40C, aber auch 27,5 x 2,1”– im gleichen Rahmen. Manche bieten parallel verschiedene Versionen an, die entweder mehr Richtung Road oder mehr Richtung Offroad getrimmt sind (z. B. Norco Search XR) und/oder sogar in verschiedenen Materialien zu haben sind (z. B. RONDO RUUT). Gravel-Bikes lassen sich dennoch anhand ihrer Features, ihrer Ausstattung sowie ihrer Geometrie ganz grob in drei Kategorien unterteilen.

Backroad Gravel-Bikes

Diese Bikes haben oft noch sehr viel Ähnlichkeit mit normalen Road-Bikes und machen den größten Anteil auf dem Markt aus. Sie sind meist recht leicht und agil und weisen Geometrien auf, die nah an einem klassischen Road-, CX- oder Endurance-Bike sind. In der Regel verfügen sie über 700C-Laufräder mit Reifen bis 40C Breite und geringer bis keiner Profilierung. Diese Bikes sind für einen gesunden Mix aus Asphalt, Schotterpisten sowie Wald- und Feldwegen gedacht – für Gröberes oder gar für Singletrails eher weniger. Gute Beispiele hierfür sind das Festka ONE Gravel, das Trek Checkpoint, das RONDO RUUT oder das Canyon Grail.

Adventure Gravel-Bikes

Hier ist der Mountainbike-Einfluss stärker präsent. So verfügen die Bikes über XC-Reifen mit Profil, meist in 1,9”–2,1” Breite – entweder in 27,5” oder gar 29”. Hauptsächlich für den Offroad-Einsatz gedacht, von spaßiger Singletrail-Action hin zu wochenlangen Abenteuertrips, sind sie auf Asphalt oder sanftem Gravel aber dennoch deutlich schneller als ein richtiges MTB. Dementsprechend besitzen sie oft viele Anschraubpunkte für Flaschenhalter, Gepäck und dergleichen. Außerdem verfügen sie meist über breitere Lenker mit stärkerem Flare, um mehr Sicherheit und Kontrolle im Gelände zu haben, flachere Lenkwinkel, sowie über eine recht geringe Sattelüberhöhung für mehr Komfort. Beispiele hierfür: Salsa Cutthroat, Ibis Hakka MX, Kona Sutra LTD, All-City Gorilla Monsoon, Bombtrack Hook EXT, Legor Cicli LWTUA, GHOST FIRE ROAD RAGE 6.9 LC 29″.

Spezielle Bikes und Custom-Bikes

Hier findet sich alles, was nicht so ganz eindeutig zuzuordnen ist. So ist das OPEN U.P. z. B. nur als Frameset verfügbar und lässt sich je nach Laufrad- und Reifenwahl vom reinen Road-Bike bis hin zum Adventure-Bike aufbauen – eines der vielseitigsten Bikes auf dem Markt. Und nur weil mehrere Bikes über ein gleiches Laufrad-/Reifenkonzept verfügen, heißt das noch lange nicht, dass sie sich auch ähnlich fahren oder überhaupt mit vergleichbaren Hintergedanken konstruiert wurden. Das 3T Exploro, das Surly Midnight Special oder auch das Bombtrack Audax setzen ab Werk z. B. auf 650B-Laufräder mit dicken 47C-Slicks und weisen sehr Road-ähnliche Geometrien auf, während ein GHOST ENDLESS ROAD RAGE 8.7 LC 27“ zwar über die gleichen Reifen verfügt, sich beim Handling aber grundsätzlich unterscheidet. Und dann gibt es natürlich noch die Welt der Custom-Bikes, in der so ziemlich jede Idee umgesetzt werden kann.

Gravel-Bikes Fit & Feel

Auf den ersten Blick sehen die meisten Gravel-Bikes oft nur wie normale CX-Bikes oder Road-Bikes auf dicken Reifen aus. Doch dieser Eindruck täuscht, die Geometrien weisen teilweise starke Unterschiede auf. Während beim Road- und CX-Bike Sitz- und Lenkwinkel sehr ähnlich sind und auch der Stack recht niedrig ist, finden sich an Gravel-Bikes meist flachere Lenkwinkel für mehr Spurstabilität offroad. Ähnlich wie Endurance-Road-Bikes verfügen sie oft über ein längeres Steuerrohr und somit auch über einen höheren Stack für mehr Komfort. Zusätzlich werden gerne kürzere Vorbauten verbaut. Das Oberrohr ist oft deutlich geslopt, um mehr Überstandshöhe und damit subjektive Fahrsicherheit zu generieren.

Gravel-Bikes vs. Mountainbikes

Je mehr man sich Richtung Offroad bewegt, desto deutlicher werden dann auch die Unterschiede. Ein 29”-Adventure-Bike hat oft mehr mit einem Mountainbike gemein als mit einem Road-Bike. Einzige Konstante ist jedoch, dass die Rahmen immer noch für Dropbars konstruiert werden, d. h. ein im Vergleich kürzeres Oberrohr aufweisen. Denn einen Rennlenker an einem normalen Mountainbike zu montieren, würde mindestens bedeuten, eine Rahmengröße kleiner wählen zu müssen.

Die richtige Rahmengröße

Gravel-Bikes weisen im Vergleich zu Rennrädern keine Besonderheiten auf, was die Wahl der Rahmengröße angeht. Wer ein 54-cm-Road-Bike fährt, wird auch ein gleich großes Gravel-Bike fahren. Hier ist nur zu erwähnen, dass viele Hersteller mit S-M-L-Angaben statt Größen in cm arbeiten und oft auch nur drei oder vier Rahmengrößen verfügbar haben. Generell ist das aber weniger kritisch zu sehen, da man sich aufgrund der stark und häufig wechselnden Bodenbeschaffenheiten deutlich mehr im/auf dem Bike bewegt und weniger in einer Position fixiert ist. So darf der Rahmen auch mal einen Tick zu klein oder zu groß sein, ohne dass man unmittelbar Probleme bekommt. Wenn ihr zwischen den Größen steht, gilt die Regel: Für lange Touren oder Mehrtagestrips den größeren Rahmen, für kurze, intensive Session den kleineren.

Es gibt keinen Grund, kein Gravel-Bike zu besitzen.

Wer das Bike hauptsächlich zum Commuten benutzen möchte, sollte auf genügend Platz in Gabel und Rahmen sowie auf passende Aufnahmen achten, damit sich über die verbauten Reifen auch noch Schutzbleche montieren lassen. Sehr viele Hersteller rüsten ihre Bikes jedoch dafür oder haben sogar eigene Systeme entwickelt. Anders sieht es bei den Themen fest montierter Lichtanlage und klassischem Gepäcktransport aus. Denn Aufnahmepunkte für Gepäckträger – und seien es nur kleine für die Front – sind eher rar gesät und die Räder sind eher auf Taschen ausgelegt, die direkt am Bike montiert werden. Wer auf Träger nicht verzichten möchte, sollte sich näher mit Randonneurs beschäftigen. Diese Bikes werden für lange Distanzen konstruiert und haben dementsprechend Aufnahmen für Schutzbleche und feste Beleuchtung, aber auch für Träger und Taschen; außerdem sind ihre Gabelgeometrien auf höhere Belastungen ausgelegt. Abgesehen davon sind sie im Einsatzgebiet sehr stark mit Gravel-Bikes vergleichbar.