Jan Ullrich und John Degenkolb waren die großen Gesprächsthemen bei der 55. Auflage von „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“. Ersterer bestritt das Jedermann-Rennen, Dege sein Comeback-Rennen nach dem tragischen Crash im Frühjahr. Während die Profis um den Sieg fuhren – und Alexander Kristoff wie 2014 das Rennen für sich entschied – waren wir mit Florian Joeckel von Guilty76 unterwegs und bestritten das Jedermann-Rennen.

Florian Joeckel Artist Manager und Guilty76 racing Gründer.
Florian Joeckel Artist Manager und Guilty76 racing Gründer.

Der deutsche Radsport befindet sich wieder im Aufschwung. Keiner weiß das besser als Florian Joeckel, der mit Guilty76 Ausdruck einer neuen Generation von Rennradenthusiasten sowie Radclubs ist und Guilty76 eher als Gang und nicht als Verein sieht. Dass die Jungs und Mädels aus dem Rhein-Main-Gebiet mit ihrer „It’s only Rock’n’Roll“-Attitüde den Finger am Puls der Zeit haben zeigt nicht nur die Tatsache, dass einige deutsche Topfahrer ebenfalls fester Kern der Guiltys sind, sondern auch der große Zulauf des neu gegründeten Veloclubs.

 Auf einigen Events sieht man die Guiltys mit der Rapha-Crew gemeinsame Sachen machen. So auch in Eschborn-Frankfurt, wo es am Samstagnachmittag auf einen gemeinsamen Ride zum legendären Mammolshainer Stich ging.

Auf einigen Events sieht man die Guiltys mit der Rapha-Crew gemeinsame Sachen machen. So auch in Eschborn-Frankfurt, wo es am Samstagnachmittag auf einen gemeinsamen Ride zum legendären Mammolshainer Stich ging.
Dort hatten die Guiltys am Morgen die Straße mit motivierenden Sprüchen besprüht, um das Comeback von Dege zu feiern, was auch in Form von “Go Go Go John Degenkolb” T-Shirts getan wurde.
Dort hatten die Guiltys am Morgen die Straße mit motivierenden Sprüchen besprüht, um das Comeback von Dege zu feiern, was auch in Form von “Go Go Go John Degenkolb” T-Shirts getan wurde.
Basti Bürgel, Radu Rosetti, Matthieu und Florian Joeckel.
Feiern bis in die Nacht, am nächsten Morgen treten bis zum Umfallen bei der ŠKODA Velotour. 100 % on and off the bike! Im Bild: Basti Bürgel, Radu Rosetti, Matthieu und Florian Joeckel.

Das Schöne an den Radsport-Events ist ja, dass Jedermann in die unterschiedlichsten Regionen kommt, neue Leute kennenlernt und die Möglichkeit hat, von den Locals die schönste Orte (und Bars) gezeigt zu bekommen – Radfahren verbindet! Zumindest dann, wenn man trotz Rennfieber locker bleibt. Davon kann Florian Joeckel ein Lied singen: Was dem Radsport fehlt und was er bereits hat, lest ihr im folgenden Interview.

Welche Veränderungen würdest du gerne in der Rad-Welt sehen?

Mich freut es täglich, dass mehr Leute aufs Rennrad steigen und dass sich mehr Leute für den Radsport und dessen Kultur interessieren. Vor wenigen Wochen war ich wieder in Roubaix. Dort in Nordfrankreich oder auch bei den Monumenten in Italien, Belgien und Holland stehen Millionen Menschen sonntags an den Rennen. Es würde mich freuen, wenn man diesen Spirit auch in Deutschland wieder belebt – das ist eine alte Tradition, die es zu erhalten gilt. Deshalb sind wir hier bei Guilty76 Racing auch immer vollzählig bei unserem Frankfurter Heimrennen am 1. Mai am Start, dem Rennen rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt. Ich würde mich freuen, wenn viel mehr Sportler diese einmalige Chance nutzen würden, vormittags auf den gesperrten Rennstrecken der Profis zu rollen, um dann im Zielbereich das Profirennen zu verfolgen – mit Rennwurst und Rennbier. „Sundays at the Races“ bei ausverkauftem Haus, das wäre eine super Veränderung.

Die spektakuläre Strecke führte nicht nur durch Frankfurts Bankenviertel und an der alten Oper vorbei...
Die spektakuläre Strecke führte nicht nur durch Frankfurts Bankenviertel und an der alten Oper vorbei…
… sondern auch quer durch den Taunus und auf den Feldberg.
… sondern auch quer durch den Taunus und auf den Feldberg.
Nach der Skoda Velotour gab es Pulled-Pork-Burger und Schni
Nach der ŠKODA Velotour hieß es bei Rennwurst (oder Pulled Pork Burger) und Bier das Profi-Rennen verfolgen.

Was stimmt dich enthusiastisch?
Als wir damals Guilty76 Racing ins Leben gerufen haben, da war das eine Art Notlösung. Damals gab es abseits der klassischen Vereinsstruktur nichts, also gründeten wir das Team. Was dann folgte, war der Wahnsinn. Die ganze Sache lief kontrolliert aus dem Ruder! Die Resonanz war enorm, der Zuspruch riesig. Noch immer kommt jeden Tag mindestens eine Anfrage, wie man denn „Guilty“ werden kann – was uns nun dazu veranlasste, den Guilty76 Velo-Club ins Leben zu rufen: eine lose Vereinigung ohne Verpflichtungen, nur dem Spaß am Radfahren gewidmet, mit Gleichgesinnten, in ordentlichem Outfit. Aber auch für die, die gerne mehr wollen als nur eine Tour auf dem Rad. Der Club ist der perfekte Anlaufpunkt für alle, die eine Community suchen, die mit ihnen nach San Remo, Roubaix, zum Giro, über die Alpen zur Tour de France, ins Trainingslager und zu den Rennen fährt. Das Schöne am Radsport ist doch, dass die heiligen Stadien 365 Tage im Jahr für jedermann zugänglich sind! Und dass da auch jeder umsonst zu den Monumenten kommen, die Strecken befahren und die Radsport-Kultur hautnah am eigenen Leib erleben kann. Genau für diese Enthusiasten gründen wir nun den Velo-Club, der für jeden, wirklich jeden Supporter und Cycling Lover zugänglich ist. Wir freuen uns auf alle! Und sehen das als einen weiteren Step mit nur einem Gewinner, dem Radsport selbst.

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Wovon hast du genug?

Doping im Jedermann-Sport. Doping generell. Im Jedermann-Sport geht es definitiv um Spaß, und zwar auch um Spaß an der Leistung, aber es muss nicht die Höchstleistung sein. Es geht um Freizeit, Quality time mit Gleichgesinnten. Wenn ein paar Super-Heißies meinen, ihr Ego durch verbotene Leistungssteigerung an „Feierabend“-Athleten aufzupolieren, dann ist das einfach nur sehr armselig, wenn nicht sogar erbärmlich. Und es wird sicherlich nicht dazu beitragen, den von uns so geliebten, leider aber auch ramponierten Radsport endlich wieder ins positivste wohlverdiente Licht, in den Mittelpunkt der Sportwelt und Übertragungen bzw. Berichterstattung zu bekommen.

Welche Entwicklungen wünschst du dir im Bereich Racing?

Abseits der klassischen weltweiten Rennen entwickeln sich ja fast wöchentlich neue, spannende Formate – sei es die ganze Fixie-Bewegung, seien es Etappenrennen für jedermann, seien es Einladungs-, Prestige- oder Gran-Fondo-Rennen. Das ist alles wunderbar! Wir selbst haben eine kleine eigene Rennserie entwickelt, die noch dieses Jahr zum ersten Mal an den Start geht.

Was sollte sich in Sachen Style ändern?

Da hat sich schon viel getan! Radfahren ist fashionable geworden. Das mag man gutheißen oder verteufeln – schön ist, dass es im Stadt- und Straßenbild angekommen ist. In jeder Stadt bilden sich kleine, eigene Teams in teilweise wunderschönen Trikots, da macht das Grafikbüro um die Ecke das Design … Das ist meiner Meinung der richtige Weg, das gab es so vor ein paar Jahren noch nicht.

Welche Entwicklungen würdest du dir bei den Produkten wünschen?

Ich persönlich habe vor kurzem mein Gravelbike von Votec bekommen, ein Wahnsinnsrad! Ein Rennrad, das komplett offroad funktioniert, mit breiter Bereifung, Scheibenbremsen, aber Rennrad-Ergonomie, sehr komfortabel, aber renntauglich. Das ermöglicht ein komplett neues Radfahren, eine komplett neue Streckenwahl und das Fahren komplett abseits des teilweise sehr aggressiven Straßenverkehrs. Ich will es nicht mehr missen!

Was denkst du zu den Entwicklungen innerhalb der Szene?

Auch hier gilt: Es tut sich in jeder Stadt was! Die lokal entstandenen Radteams oder Freunde des Radsports treffen sich zu gemeinsamen Fahrten, auch wir selbst veranstalten in vielen deutschen Städten gemeinsame Ausfahrten. Hier in Frankfurt zu den ESC-FFM-Vorbereitungs-Rides kommen über 100 Radler pro Ride, und die kommen teilweise aus anderen Städten angereist! Das ist echt der Wahnsinn! Die Szene lebt – und das ist gut so.

Denn Sonntagabend haben wir dann entspannt in Frankfurt Sachsenhausen im Eichkatzerl mit friends & family ausklingen lassen und dabei noch Frankfurts Mispelkönig prämiert.
Denn Sonntagabend haben wir dann entspannt in Frankfurt Sachsenhausen im Eichkatzerl mit friends & family ausklingen lassen und dabei noch Frankfurts Mispelkönig prämiert.

Text und Bilder: Robin Schmitt


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