
AS steht für All-Season. Giro verfügt über drei Spitzenmodelle: den Imperial II, den Empire SLX (der Imperial nur mit Schnürung statt BOA) und neuerdings eben den AS. Der „normale“ Imperial ist für seine Belüftung bekannt. Dieser atmet zwar genial und ist sehr angenehm, aber eben auch schwer zu reinigen. Sieht man sich die Schuhe der Profis an, so stechen Mesh-Modelle heraus, da sie die einzigen schwarzen Stellen im schneeweißen Peloton darstellen! Dass das Konzept im Renneinsatz funktioniert, zeigen Fahrerinnen und Fahrer wie Kasia Niewiadoma, Jay Vine und Biniam Girmay, die auf den Imperial setzen.

Technisch bleibt der Giro Imperial AS seinem sommerlichen Bruder sehr nah: Verschluss, Sohle und Race-Fit sind identisch. Der entscheidende Unterschied ist eine TPU-Schicht über dem Mesh. Sie soll Wind und Spritzwasser draußen halten und dem Upper zusätzliche Stabilität geben. Laserperforationen sorgen gleichzeitig dafür, dass aus dem Imperial AS keine mobile Sauna wird. Giro positioniert ihn deshalb auch für harte Einheiten und Rennen bei kühlem Nieselwetter.
Ein Winterschuh ist der All Season trotzdem nicht – und will es auch nicht sein. Er bleibt ein Race-Schuh mit zusätzlichem Wetterschutz. Komplett dicht ist er entsprechend nicht. Bemerkenswert ist vielmehr, dass Giro dafür laut eigenen Angaben kein zusätzliches Gewicht in Kauf nimmt: Der AS soll genauso leicht sein wie der normale Imperial und gehört damit weiterhin zu den leichtesten BOA-Rennradschuhen am Markt. Gleichzeitig soll das TPU-Upper mehr Stabilität bringen. Unter dem Fuß sitzt Giros steifste Forged-Carbon-Sohle – genug Nachdruck also auch für alle, die beim Ortsschild nicht einfach nur nett winken. Das sind auf jeden Fall große Versprechen und wir waren motiviert, den Schuh härter zu testen, als seine Carbonsohle! Ob der Imperial wirklich abliefert, erfahrt ihr in unserem Test.
Was kann der Giro Imperial AS?
Der Imperial AS ist ein High-End-Race-Schuh – und macht daraus kein Geheimnis. 234 g in Größe 43, Giros laut eigener Aussage steifste Sohle und mit den Li2-Drehverschlüssen das Beste und Leichteste, was BOA aktuell im Portfolio hat. Dazu passen 449 € beziehungsweise 479 € für die limitierte Kasia-Version. Selbst im High-End-Segment eine Ansage – besonders für einen Schuh, der oft nicht den Sommerschuh ersetzt, sondern als wetterfeste Ergänzung daneben steht. Diese Zahlen lassen schon staunen, der eigentliche USP aber ist der leichte Wetterschutz. Der AS soll wärmer sein als klassische Race-Schuhe, Wasser und Schmutz länger draußen halten und trotzdem gut atmen. Klingt nach einer ziemlich kleinen Nische zwischen Sommer- und Winterschuh. In der Praxis ist sie erstaunlich groß. Denn der Imperial All Season ist klar wärmer als alle klassischen Race-Modelle, die unser Tester bisher gefahren ist. Bis etwa 20 °C funktioniert er hervorragend, darüber haben luftigere Sommerschuhe Vorteile. Zum Fuß-Dampfbad wird er trotzdem nicht: Das TPU-beschichtete Mesh mit Laser-Perforierung transportiert Feuchtigkeit weiterhin gut nach außen. Gerade gegenüber Zehlingen ist das ein echter Vorteil. Wer schnell kalte Füße bekommt und eher in nördlichen Breiten unterwegs ist, könnte den AS deshalb sogar einen Großteil des Jahres fahren.
Auch beim Wetterschutz liefert er. Nieselregen und Restfeuchte perlen weitgehend ab, bei echtem Dauerregen ist irgendwann Schluss – alles andere wäre aber auch Zauberei. Noch besser funktioniert der Schutz vor Schmutz. Mesh-Radschuhe und Dreck führen normalerweise eine ziemlich toxische Beziehung, beim All Season bleibt deutlich weniger hängen und der Rest lässt sich meist mit einer kleinen Bürste entfernen. Für weiße Schuhe fast schon eine Superkraft. In der Konsequenz musste unser Tester deutlich seltener überlegen, ob Wintersocken oder Überschuhe nötig sind und für Style-Fanatiker gibt es ohnehin das Killerargument: weiße Schuhe fahren, ohne beim ersten Regentropfen innerlich Alarmstufe Rot auszurufen.

Die Forged-Carbon-Sohle passt zum kompromisslosen Race-Anspruch. Sie ist extrem steif, sehr dünn und vermittelt dadurch ein direktes Gefühl zum Pedal. Selbst im Maximalsprint ließ sie sich nicht spürbar verwinden. Clever: Das Gummielement an der Ferse ist verschraubt und bei Verschleiß austauschbar. Zum High-End Anspruch passt auch das Verschlusssystem. Die Aluminium-BOA-Li2 sind leicht, hochwertig und sehen entsprechend edel aus. Entscheidend ist aber die Schnürung darunter: Sie verteilt den Zug über große Teile des Schuhs und fixiert den Fuß sehr gleichmäßig.


Die Passform ist hinten klar, Race, vorne überraschend entspannt. Der Zehenbereich bietet ordentlich Platz, ohne so weit zu sein. Insgesamt reiht er sich von der Breite im Mittelfeld unter den Race-Schuhen ein. Die Ferse sitzt sehr eng und reicht weit nach oben, wodurch der Fuß praktisch nicht rutscht. Für unseren Tester Benedikt genau richtig: Was der Fuß macht, soll möglichst direkt am Pedal ankommen. Damit daraus kein Fersen-Schraubstock wird, polstert Giro den Bereich mit Veloursleder. Das funktionierte im Test gut. Wer empfindlich an der Achillessehne ist, sollte die hohe Fersenform beim Anprobieren trotzdem genau prüfen. Lob verdient auch die Einlegesohle. Während bei manchen 400-Euro-Schuhen innen gefühlt noch das Sparprogramm läuft, liefert Giro drei unterschiedliche Mittelfußelemente mit. Damit lässt sich die Unterstützung des Fußgewölbes anpassen – gerade für Fahrer mit flacherem Fuß ein echtes Plus. Ionic+-Silberfäden sollen zusätzlich antibakteriell und geruchshemmend wirken. Spätestens nach der dritten Indoor-Einheit ein Feature, das nicht nur der Fahrer zu schätzen weiß. 😉 Trotzdem sehen wir bei einer Semi-Custom- oder Custom-Sohle noch Upgrade-Potenzial. Wer fast 500 € für einen Schuh ausgibt, kann mit weiteren rund 100 € bei Komfort und Halt noch einmal deutlich nachlegen.


Optisch bleibt der AS erfreulich zurückhaltend. Es gibt ihn in Schwarz, Weiß und als limitierte Kasia-Version in Pink-Grün. Unser weißes Testmodell wirkt mit Aluminium-BOAs und minimalistischem Branding schlicht und edel. Durch das TPU-Upper sieht der AS weniger technisch aus als der normale Imperial II – fast wie der Old-Money-Style unter den Race-Schuhen. Nur eben mit Forged Carbon statt Kaschmir.
Zwei Paar Race-Schuhe für unterschiedliche Wetterlagen? Klingt dekadent. Nach ein paar Wochen mit dem All Season allerdings deutlich weniger absurd.
Für wen ist der Giro Imperial AS?
Perfekt geeignet ist der Schuh für alle, die einen Race-Schuh suchen und zu kalten Füßen neigen. Sie können den Schuh das ganze Jahr tragen und bekommen den Wetterschutz on top!
Jeder, der auch im Frühling und Herbst viel trainiert und von Zehlingen genervt ist, sollte sich mit dem All Season auseinandersetzen. Der Wetterschutz in Verbindung mit guter Atmungsaktivität wird hier schnell zum Gamechanger! Am wohlsten fühlt sich der Schuh im „British Weather“. Hier muss er eigentlich zum Verkaufsschlager werden, denn Alternativen mit ähnlichen Eigenschaften gibt es aktuell nicht!
Jeder sollte beachten:
Der Schuh ist und bleibt ein Race-Modell! Eine extrem steife Sohle und eine enge Passform im Heck sorgen dafür, dass wirklich jede Kraft, jede Bewegung im Pedal landet. Wer danach sucht und diese Stärken mit Wetterschutz kombinieren will, wird beim AS fündig. Wer aber einen pantoffelartigen Radschuh sucht, für den ist der AS nichts. Es bleibt anzumerken, dass der Komfort für einen Race-Schuh ziemlich hoch ist.

Fazit: Würden wir den Giro Imperial AS kaufen?
449 € sind im Premiumsegment marktüblich – günstig ist trotzdem anders. Dafür liefert Giro einen extrem hochwertigen Race-Schuh mit sehr gutem Halt, überzeugendem Komfort und sinnvoller Ausstattung. Die Features passen zum hohen Anspruch, ebenso der cleane, edle Look.
Was den Imperial II All Season besonders macht, ist der Wetterschutz. Der Schuh hält leichte Kälte und Wind spürbar besser draußen als klassische Race-Modelle, bleibt dabei erstaunlich atmungsaktiv und lässt Wasser und Schmutz deutlich schlechter an sich ran. Auch die Reinigung ist unkompliziert, trotz weißer Farbe!
Vor dem Test hielten wir den AS ehrlich gesagt eher für einen Lückenfüller in einem ohnehin gut besetzten Markt. Ein sehr spezieller Schuh für ein sehr spezielles Problem. Nach dem Test sehen wir das anders: Unser Tester will ihn nicht mehr abgeben.
Wer schnell kalte Füße bekommt, findet hier einen echten Gamechanger. Aber auch für alle, die das ganze Jahr draußen trainieren wollen, ist der AS spannend. Vorausgesetzt natürlich, er passt.
Unterm Strich finden wir: Giro ruft zwar einen Preis auf Profi-Level auf, liefert aber auch Performance und Qualität auf diesem Niveau. Unser Tester wird künftig weiterhin einen klassischen Sommerschuh und den AS griffbereit haben. Zwischen September und Mai dürfte die Entscheidung allerdings ziemlich einseitig ausfallen.
Tops
- Wetterschutz und Thermoschicht funktionieren
- bis zu einem gewissen Grad wasser- und schmutzabweisend
- hoher Komfort für einen Race-Schuh
- extreme Steifigkeit der Sohle
Flops
- für viele nur eine „On-Top-Lösung“
Mehr Informationen unter giro.com
Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als GRAN FONDO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die New-Road-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!
Text: Benedikt Ueberholz Fotos: Jan Fock
