
1. Akt – Hardtail vs. Gravel
Zypern, irgendwo im Akamas-Gebirge, unweit der Bäder der Aphrodite.
Falkenjagd Hoplit RS: Sag mal, was machen wir eigentlich hier?
Falkenjagd Hoplit RSR: Auf diesem Trail?
Nein, hier in diesem Drop-Bar-Magazin.
Weit unten bricht eine Welle.
Vielleicht gehören wir hierhin.
Stille.
Schau mal nach unten.
Auf die Wellen?
Auf deinen Lenker.
Titan – und?
Und was noch?
Flat-Bar.
Merkst du was? Flat-Bar vs. Drop-Bar? Hardtail vs. Gravel-Bike? Titan-Traumbike vs. verharzte Kohlefaser-Häs …
… Jetzt fang nicht wieder mit deinem Carbon-Gravel-Bashing an.
Ein Gravel-Bike rumpelt die Schotterpiste hinab. Harte Schläge auf schmale Felgen. Dann wieder Stille.
Wir sind Hardtails. Ikonen der Bike-Welt. Wir sind schon über die Alpen gefahren, als die Gravel-Mamils noch in ihren Pas Normal-Windeln lagen. Und jetzt sollen wir in einer Publikation erscheinen, die mutierte Rennräder für läppische 50 mm Reifenfreiheit feiert? Was glaubst du, wer wir sind?
Ich glaube, wir sind die besseren Gravel-Bikes.
2. Akt – Anspruch vs. Wirklichkeit
Ein warmer Wind weht vom Meer. Tiefe Furchen durchziehen den Trail.
Hast du gesehen, wie ich das ausgesteuert habe?
Hab ich.
120 mm Federweg, 2,4-Zoll-Reifen und 4-Kolben-Bremse. Da möchte ich mal sehen, wie die Drop-Bar-Bubis mit ihren „Gravel-Bikes“ hier runtereiern.
Ha.
„Oh Hilfe, mir ist ein Stein gegen das Carbon geflogen und ich hab vergessen, vorher die Schutzfolie draufzumachen.“
Ha ha.
Oder sie rufen gleich nach 32 Zoll.
Mimimi.
Ich bin froh, kein Gravel-Bike zu sein.
Stille.
Ich mag ja Gravel.
Stille.
Was bedeutet denn Gravel für dich?
Freiheit.
Ein großes Wort.
Das Rad darf nie wichtiger sein als das, was ich damit erleben kann.

Ich finde, Gravel nimmt sich ziemlich wichtig.
Gravel bedeutet ein Rad für alles.
Aero-Gravel-Bikes, Race-Gravel-Bikes, Adventure-Gravel-Bikes, Expedition-Gravel-Bikes. Da hat sich Gravel doch selbst entlarvt. Irgendwann lande ich beim Road-Bike oder beim …
… Hardtail?
Stille.
(leise) Nur geklaut.
Was?
GEKLAUT!!! Tubeless, Übersetzungsbandbreiten, Direct-Mount-Schaltwerke, 1-fach-Antriebe, Dropper-Posts und jetzt sogar Federgabeln. Alle unsere guten Ideen haben sie geklaut.
Pause.
Und jetzt klauen sie sogar die schlechten!
32 Zoll?
Pfff. Ein Marketing-Gag …
… der gerade eine Etappe beim Cape Epic gewonnen hat.
Ein Marketing-Gag mit einem guten Narrativ. Cape Epic kennt hier zum Glück eh keiner.
Das ist die Tour de France für Mountainbiker. Und eine Etappe wurde auf einem 32-Zoll-Bike gewonnen. Bei Unbound stehen jetzt auch 32-Zoll-Gravel-Bikes am Start.
Wo?
Egal. Passt eh nicht in dein Weltbild …
… und passt zu keinem Standard. 32 Zoll bedeutet neue Achsbreiten, riesige Ritzelpakete, fettes Mehrgewicht an Reifen und Felgen, Toe-Overlap und konstruktiven Mehraufwand am Rahmen …
… aber auch ein deutlich besseres Überrollverhalten …
… und jede Menge rotierende Masse am denkbar schlechtesten Punkt. Ganz außen. Bis du dein 32-Zoll-Wheel auf 30 km/h beschleunigt hast, gibt’s schon den nächsten Laufradstandard.

Vor zehn Jahren hast du das Gleiche über 29-Zoll-Wheels gesagt, und jetzt schau mal auf dein Vorderrad.
Stimmt, aber der Unterschied ist, dass 29 Zoll für alle funktioniert. 32 Zoll tut das nicht. Wer unter 1,80 groß ist, wird eh eine andere Laufradgröße brauchen. Am Ende gibt es unterschiedliche Standards, und alles wird komplizierter und teurer.
Als Branche leben wir von Innovationen.
Und wir sterben daran.
In der Ferne quietscht eine Scheibenbremse.
Wenn das dein Hardtail-Vibe ist, wundert es mich nicht, dass keiner Bock auf dich hat.
Worauf niemand Bock hat, ist, dass Hersteller verzweifelt versuchen, mit Pseudo-Innovationen kurzfristig Nachfrage zu generieren und dabei mittelfristig teure Bikes zu Wegwerfprodukten machen.
Zum Geburtstag schenk ich dir ’ne Felgenbremse.
Du hast doch eben selbst gesagt, es geht ums Erleben?
Aber auch um die Begeisterung für was Neues.
Klar, dass du das sagen musst … PASS AUF!
Schotter fliegt, Sand spritzt.


3. Akt – Titan vs. Titan
Ein Holzkreuz starrt aufs Meer, Felsen, Sand, eine rote Sonne.
Alles okay?
Geht schon.
Du hast da ’nen Kratzer.
Kann ich rauspolieren.
Titan halt. Wenn das mit Carbon passiert wäre …
… hätten wir den Rahmen jetzt wegschmeißen können.
Beide lachen.

Was meintest du da eben?
Wann?
Du hast gesagt: „Klar, dass du das sagen musst.“
Ach egal.
Nix egal.
Ich dachte nur wegen deiner 3D-Druck-Elemente. Du bist halt ’nen … „innovativer“ Typ.
Ein dynamischer Typ. Schnell, fokussiert …
Weißt du, was ein gutes Offroad-Bike ausmacht?
Ich weiß nur, dass du es mir gleich erklären wirst.
Es muss verzeihen können. Unachtsamkeiten, Fahrfehler, falsche Linienwahl. Und Titan kann verzeihen. Elastisch und steif zugleich, mit einer subtilen Eigendämpfung. Compliance! Ein Rahmen, der lebt. Ein Rahmen für die Ewigkeit.
Da sind wir uns einig.
Mmmh.
Was? Willst du etwa sagen, ich kann nicht verzeihen?
Stille. Irgendwo in der Ferne knackt ein Umwerfer.




Na ja. Das mit den 3D-Druck-Elementen ist ja ganz hübsch, aber letztlich nimmst du einem Titanrahmen damit das, was einen Titanrahmen ausmacht.
Dass er aussieht wie ein Stahlrahmen, dass er sich selbst reduziert auf die Exekution der Schweißnähte, dass er … auserzählt ist?
Dass er minimalistisch ist, kunstvoll, kraftfluss-optimiert. Allein die doppelten Wandstärken an den Übergängen zwischen deinen 3D-Druck-Bauteilen und den gezogenen Rohren sorgen für unnötige Härte.
Ich nenne das Direktheit.
Ich nenne das Dummheit.
Das ist ein Charakterzug.
Dummheit?
Direktheit – ich möchte Feedback. Vom Trail, von den Wurzeln, Cross-Country-Racing, High-Speed-Stability …
… und Anschraubpunkte für einen Gepäckträger.
Ernsthaft. Ich glaube, du wurdest zu heiß geschweißt. Du redest von „Rahmen für die Ewigkeit“ und mokierst dich über Anschraubpunkte?
Ein Rahmen für die Ewigkeit sollte vor allem keine Modeerscheinung sein. Titan ist subtil. Keine Effekthascherei, sondern Understatement. In meiner linken Kettenstrebe steckt wahrscheinlich mehr Know-how als in so manch komplettem Aero-Bike.
Das klingt jetzt nicht so nach Understatement.
Doch, denn alles ist funktional. Der sich verändernde Rohrdurchmesser von Hochoval zu Queroval zu Vierkant, die Konifizierung angepasst auf die Krafteinleitungspunkte, die Maximierung der Auflagefläche an den Übergängen. Das ist keine Show. Das ist Rahmenbaukunst.
Das ist aber nur eine Facette von Titan. Mit dieser Einstellung nimmst du Titan die Chance, sich zu entwickeln. Was du als Modeerscheinung bezeichnest, ist die Zukunft des Titanrahmenbaus.
Eine Zukunft, in der Titanrahmen so aussehen wie Carbonrahmen?
Eine Zukunft, in der 3D-Druck dort eingesetzt wird, wo er Sinn ergibt.
Gerne in Blumenvasen.
In den Knotenpunkten. Dort, wo verschiedene Rohre und Rohrquerschnitte aufeinandertreffen. Das ist clean, steif und ermöglicht genau die Linienführung, die du immer predigst.
Pah.


Hast du dir mal mein Unterrohr angeschaut?
Was gibt’s da zu sehen?
Nichts.
Nichts?
Keinen Knick.
Na dann viel Spaß, wenn dir beim Einlenken auf dem Trail die Gabelkrone gegen den Rahmen knallt.
Tut sie nicht.
Weil du als Cross-Country-Racer und Möchtegern-Gravel-Bike keine richtigen Trails fährst?
Weil das 3D-gedruckte Steuerrohr den nötigen Bauraum für ein gerades Unterrohr schafft.
Oder hier die Kettenstrebe. Was siehst du?
Wieder nichts?
Andere Seite, du Depp… Schon mal was von Zugstrebe und Stressspitzen gehört?
Ah, du meinst die Flat-Mount-Bremsaufnahme? Möchtest du auch ein bisschen aero sein? Schaut her, ich bin ein Aero-Hardtail …
… Ich meine die cleane Linienführung und den filigranen Look. Hier geht ein klassisches Rohr aus 3/2,5-Titan in ein 3D-Druck-Element aus 6/4-Titan über. Steckgefügt, geschweißt und dann abgedreht.
Du willst mir ernsthaft was über Kettenstreben erzählen? Wenn jemand Kettenstrebe kann, dann …
Ein Gravel-Bike hält im Sand.
Tschuldigung, könnt ihr mir sagen, wo es hier wieder nach oben geht?
Äh, da.
Danke, Tschaui.
Pause. Stille.
Komm, den holen wir uns.
Du zuerst.
Falkenjagd Hoplit RS
Das Hopli war das erste Fahrrad der Marke. Wie kaum ein anderes Modell verkörpert es den Anspruch von Falkenjagd, genau die Räder zu bauen, die man selbst gerne fahren möchte. Trail, Cross-Country, Alpenüberquerung – das Hoplit RS in seiner neuesten Iteration ist ein klassischer Alleskönner.
Auf den ersten Blick wirkt auch der Rohrsatz vertraut. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich, welche Titan-Kompetenz die Marke in den letzten 25 Jahren aufgebaut hat. Gezogene Rohre mit sich verändernden Querschnitten, Durchmessern und Wandstärken leiten Kraftflüsse, minimieren Stressspitzen und reduzieren das Rahmengewicht. Voll integrierte Züge sowie sandgestrahlte oder mattierte Oberflächen unterstreichen den zeitlosen Charakter des Bikes.
Die Geometrie ist für 110–130 mm Federweg optimiert, und der Rahmen bietet Platz für bis zu 2,4 Zoll breite Reifen. In Kombination mit einem im Vergleich zum Hoplit RSR flacheren Lenkwinkel ist das Hoplit RS das entspanntere und gutmütigere Bike. Unser Bike war zudem mit einem komfortablen Riser-Lenker ausgestattet.
Das Hoplit RS drängt sich nicht auf. Es will kein Tech-Statement sein, keine Revolution und kein Trend. Stattdessen zeigt Falkenjagd, wie modern ein klassisch geschweißtes Titan-Hardtail noch immer sein kann. Und genau deshalb könnte dich dieses Bike sehr lange begleiten.

Falkenjagd Hoplit RSR
Das Hoplit RSR interpretiert das klassische Titan-Hardtail anders. Während das Hoplit RS stärker auf Vielseitigkeit und Langstreckenkomfort setzt, verkörpert das RSR Vorwärtsdrang und Dynamik. Cross-Country, schnelle Singletrails, Adventure Racing – mit seinem geringen Gewicht und seiner lateralen Steifigkeit wildert das Hoplit RSR genussvoll im Gravel-Revier.
Dazu bietet es bis zu 2,3 Zoll Reifenfreiheit, bis zu 120 mm Federweg und zahlreiche Anschraubpunkte für Taschen und Gepäckträger. Die Geometrie ist etwas anders ausgelegt als beim Hoplit RS. Der steilere Lenkwinkel sorgt für noch mehr Agilität, die kurzen Kettenstreben für ein leichtfüßiges Einlenken auf verwinkelten Trails.
Der größte Unterschied zu seinem klassisch geschweißten Bruder sind jedoch die 3D-gedruckten Elemente. Das Steuerrohr, der Übergang von den Sitzstreben ins Oberrohr sowie die Ausfallenden mit der hinteren Achsaufnahme sind aus 6/4-Titan 3D-gedruckt und über verschweißte Steckverbindungen mit den gezogenen, konifizierten Hauptrohren verbunden. Das sorgt für zusätzliche Steifigkeit, vor allem aber für einen fließenden, organischen Sci-Fi-Prototypen-Look. Einen Verlust der titan-typischen, subtilen Eigendämpfung durch die härteren Übergänge konnten wir auf dem kurzen Trail nicht feststellen.
Das Hoplit RSR zeigt, dass Titan nicht nur eine Spielwiese für Schweißnahtfetischisten ist und auch abseits von Konifizierungen und Rohrquerschnitten noch jede Menge Möglichkeiten bietet. 3D-Druck ist dabei nicht automatisch besser, leichter, günstiger oder teurer – vielmehr eröffnet er neue Möglichkeiten in Bezug auf Formensprache und Individualisierung.

Fazit
Aus dem Duell der Titanen geht kein einzelnes Bike als Sieger hervor, sondern ein Konzept: das Hardtail. Wer abseits des Hardpack-Mainstreams echtes Abenteuer sucht, findet im leichten Hardtail vielleicht das fähigste Gravel-Bike überhaupt. Racing, Tour, Ultracycling – das klassische MTB ist ein Bike für alles. Und wenn es aus Titan ist, wird es vielleicht sogar ein Bike fürs Leben.
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Text & Fotos: Nils Hofmeister
