Das Specialized S-Works Turbo Creo SL ist hier. Mit dem Launch des E-Rennrads beginnt für die Amerikaner eine neue Ära. Brückentechnologie oder wahre technische Innovation? Es steht viel auf dem Spiel! Hier findet ihr alles, was ihr zum neuesten Bike von Specialized wissen müsst.

Specialized S-Works Turbo Creo SL | 12,28 kg | 12.499 €

Viele von euch werden die amerikanische Marke Specialized in erster Linie mit High-Performance-Rennrädern wie dem S-Works Tarmac SL6 oder dem aerodynamischen Venge in Verbindung bringen. Während der Fahrkomfort bei der Entwicklung beider Räder ein wichtiger Aspekt war, wurde er für das Konzept des neuen Roubaix noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Komfort und Compliance für mehr Performance – soweit so gut. Doch was ist mit dem stetig wachsenden Markt für E-Rennräder? Seit spätestens heute wissen wir, dass die Turbo-Konstrukteure vom „großen S“ in den letzten Jahren das Thema nicht untätig beobachtet haben. In dem Zusammenhang sei gesagt, dass „Turbo“ nicht dafür steht, dass die Entwickler besonders flott Rad fahren (Ok, ehrlich gesagt tun sie das auch), sondern für eine Specialized-eigene Sub-Marke, die sich ausschließlich mit der Entwicklung von E-Bikes beschäftigt. Das in der Schweiz ansässige Entwickler-Team um Jan Talavasek hat sich in der Vergangenheit mit E-Mountainbikes einen Namen gemacht – wie es zahlreiche Testsiege in unserem Schwestermagazin E-MOUNTAINBIKE zeigen. Dieses Know-how zu E-Bikes und das markentypische Performance-Versprechen will Specialized nun mit dem S-Works Turbo Creo SL in einem Rad vereinigt haben.

creō [Lat. creāre] – (er-)schaffen, hervorbringen

Das Konzept hinter dem Turbo Creo SL

Als wir beim Produkt-Launch im Schweizer Cham eintreffen, brennt uns eine Frage unter den Nägeln: Wie interpretiert ein Unternehmen, dessen freitägliche Lunch-Rides wie ein Pro-Tour-Rennen mit Siegertrikot ausgefahren werden, das Thema E-Rennrad? Sportive Aspekte scheinen sich für Specialized auch in der Entwicklung ihres E-Rennrades widerzuspiegeln. Schließlich spricht beim Launch jeder von einem „völlig neuen Sport“. Folglich scheint die These der Amerikaner so steil wie konsequent: Mit dem Creo stellen wir kein Rad einer bestehenden Kategorie vor – eine passende Kategorie besteht derzeit nicht, so Specialized. Laut eigener Aussage ist die Entwicklung des neuen Turbo-Konzeptes das größte Investment der Unternehmensgeschichte: 37 R&D-Mitarbeiter allein im Bereich Turbo, 3.250 Teststunden, 70.000 km Feldtest in verschiedenen Orten rund um den Globus. Die 5.000 km langen Feldtests für das mit dem Roubaix neu vorgestellte Future Shock 2.0-System erblassen bei diesen Zahlen beinahe verlegen.

Treibende Kraft hinter der Entwicklung des Creo ist das Motto: Schneller fahren macht jedem Spaß! So soll sich das neue Specialized anfühlen: wie ein herkömmliches Rennrad, gleichzeitig aber auch über den zusätzlichen Support eines E-Motors verfügen. Gebaut für den Performance-Roadrider, der ungeachtet des Streckenprofils schneller fahren möchte. Bei der Entwicklung des Rahmens aus FACT 11r Carbon war die Zielsetzung, ein spielerisches und agiles Fahrgefühl zu realisieren, wie man es von Bikes wie dem Tarmac kennt. Für mehr Kontrolle soll das Future Shock 2.0-System mit einstellbarer Dämpfung sorgen. Die Kombination aus all diesen Faktoren soll Ermüdungserscheinungen vorbeugen und für ein deutliches Plus in Sachen Durchschnittsgeschwindigkeit sorgen.

Wie viel Unterstützung liefert der Specialized SL 1.1-Motor im Turbo Creo SL?

Der laut Hersteller 1,95 kg leichte SL 1.1-Mittelmotor verfügt über vier Modi: Off, Eco, Sport und Turbo. Die Tretkraftunterstützung beträgt dabei je nach gewählter Stufe 0 %, 30 %, 60 % oder 100 %. Das heißt, dass der SL 1.1-Motor eure Muskelkraft im Turbo-Modus verdoppelt. Der maximale Support beträgt dabei 240 Watt bzw. 35 Nm sowohl bei Spitzen- als auch bei Dauerleistung. Zum Vergleich: Im E-Mountainbike-Segment liefern Motoren wie Bosch oder Brose über 300 % Unterstützung und mehr als 500 Watt und 70–90 Nm Drehmoment. Damit ist klar: Specialized will mit dem Turbo Creo SL eine deutlich subtilere Unterstützung und ein entsprechendes Fahrgefühl erreichen. Die volle Tretkraftunterstützung soll laut Specialized über eine außergewöhnliche große Frequenzbandbreite von 60 bis 110 rpm abrufbar sein.

Neben der konstanten Abstimmung und dem geschmeidigen Übergang an der in Europa per Gesetz vorgeschriebenen 25-km/h-Schwelle soll das für ein besonders natürliches Fahrgefühl sorgen. Regelt der Motor am Geschwindigkeitslimit einmal ab, soll er keinen zusätzlichen Tretwiderstand verursachen – eine Eigenschaft, an der die Konstrukteure sehr lange getüftelt haben. Hier ist eine ausgeklügelte Balance in der Lagerung und Abdichtung des Motors ausschlaggebend. Schließlich soll der Motor nicht nur leicht laufen, sondern auch wasserdicht sein. Der Q-Faktor des SL 1.1-Systems fällt mit 181 mm etwas breiter aus als bei herkömmlichen Rennrädern, deren Maße üblicherweise zwischen 150 mm und 160 mm liegen. Im Gegensatz zu früheren Specialized Turbo-Motoren wurde die Spannung des Systems von 36 V auf 48 V angehoben, wodurch sich der Hersteller eine höhere Effizienz und folglich eine größere Reichweite verspricht. Der SL 1.1-Motor kommt in der identischen Abstimmung und Konfiguration in allen Creo SL-Modellen zum Einsatz.

Wie viel Reichweite hat das neue Specialized Turbo Creo SL?

Alle Modelle verwenden nicht nur denselben SL1.1-Motor, sondern auch einen identischen internen 320 Wh-Akku, der 1,8 kg auf die Waage bringt. Der Lithium-Ionen-Akku ist fest in das geschlossene Unterrohr verbaut und kann nur vom Fachhändler entfernt bzw. ausgetauscht werden. Specialized übernimmt eine Garantie für 2 Jahre bzw. 300 Ladezyklen für den Akku. Ist der Akku verschlissen, kann er an jeder Recyclingstation oder in jedem Specialized-Shop entsorgt werden. Jegliche durch das Recycling entstehende Gebühren werden für alle Käufer in der EU oder Nordamerika durch Specialized übernommen. Die Reichweite variiert je nach Nutzungsintensität und wird mit 130 km vom Hersteller angegeben. Specialized gibt eine durchschnittliche Ladezeit von 2:35 h für einen Zyklus von 3 % auf 100 % an.

Mit einem Range Extender, der als Zubehör erhältlich ist und bei den meisten Modellen nicht zum Lieferumfang zählt, sollen weitere 160 Wh bzw. 65 km Reichweite bereit stehen. Ein kompletter Ladezyklus des Range Extenders dauert laut Specialized 3:20 h. Während er mit einem Gewicht von 1.087 g in einen normalen Trinkflaschenhalter passt, empfiehlt der Hersteller den Specialized Z-Cage zusammen mit dem mitgelieferten Band zu verwenden. So soll selbst im rauen Gelände nichts verrutschen können. Wichtig: Der Akku der Shimano Di2-Schaltgruppen hat einen eigenen Stromkreislauf und muss folglich separat geladen werden.

Was ist die Specialized Turbo Connect Unit (TCU)?

Die Turbo Connect Unit ist die Steuereinheit des E-Antriebssystems und befindet sich im vorderen Bereich des Oberrohrs. Sie verfügt über zwei Tasten und eine Batteriestandsanzeige: Die untere Taste dient zum Einschalten des Creo, während die obere Taste zum Auswählen einer der drei Unterstützungsstufen verwendet wird. Beim kurzen Drücken der oberen Taste gelangt man durch die einzelnen Modi: 1/3 blauer Kreis für Eco, 2/3 blauer Kreis für Sport und voller blauer Kreis für Turbo. Hält man die obere Taste gedrückt, bis alle blauen Lichter ausgehen, fährt man ohne Unterstützung. Die TCU ist kompatibel mit ANT+ und Bluetooth-Standards. Pssst: Für alle, die ihren Mitfahrern nicht verraten wollen, in welcher Unterstützungsstufe sie gerade fahren, gibt es einen „Stealth“-Modus, der über die Mission Control-App aktiviert werden kann.

Legales Tuning für das Specialized Turbo Creo SL: die Mission Control-App und Smart Control-Funktion

Mithilfe der Mission Control-App kann der Fahrer sowohl die Spitzenleistung als auch die einzelnen Unterstützungstufen an eigene Präferenzen anpassen. Mit der Funktion „Smart Control“ kann man außerdem nicht nur den Ladestatus des Akkus einsehen, sondern auch sicherstellen, dass unterwegs nicht der Saft ausgeht. So muss man lediglich angeben, wie lange oder wie weit man fahren möchte, und die App reguliert die Unterstützung und den Energiebedarf des Systems entsprechend. Außerdem kann die Mission Control-App Fahrten aufzeichnen und sie bei Drittanbietern wie beispielsweise Strava hochladen. Die App besitzt ein integriertes Powermeter, das die Leistungsdaten an ein ANT+ Hauptgerät senden kann. Die Verwendung der Mission Control-App ist optional: Die Turbo Connect-Unit auf dem Oberrohr bietet auch ohne App alle Funktionen, die man während einer Fahrt braucht.

Welche Specialized Turbo Creo SL-Modelle gibt es?

Sämtliche Modelle des Turbo Creo basieren auf dem gleichen Rahmenset und sind ab sofort erhältlich. Mit recht kompakten 425 mm langen Kettenstreben, einer Reifenfreiheit von bis zu 700 x 42C bzw. 650b x 50, Thru-Axle in 12 x 110 vorne und 12 x 148 mm hinten und der Kompatibilität mit versenkbaren Sattelstützen verfügt es über zahlreiche Features, die man an einem modernen Road-, All-Road- und Gravel-Bike erwarten würde. Mit einem Preis von 12.499 € ist das S-Works Turbo Creo SL das Topmodell des Line-ups. Hier kommt ein 1 x 11-Antriebs-Mix aus Shimano DURA-ACE Di2 und XTR Di2, Roval CLX 50 Disc-Laufrädern und Turbo Cotton in 700 x 28C zum Einsatz. Unser Test-Bike in Größe L bringt in dieser Ausstattung solide 12,28 kg auf die Waage.

Unser Test-Bike für 12.499 € in Größe L bringt in dieser Ausstattung solide 12,28 kg auf die Waage.

Schaltgruppe Shimano XTR M9050 Di2 mit DURA-ACE Di2 Hebeln, 1×11, 46T
Kassette Shimano XT, 11-42T
Bremsen Shimano DURA-ACE R9170 160/160 mm
Laufräder Roval CLX 50 Disc Carbon
Reifen S-Works Turbo, 700 x 28C
Sattelstütze S-Works Fact Carbon, 20 mm Versatz
Lenker Specialized Hover Carbon
Vorbau S-Works Future Stem mit GPS-Mount
Gewicht 12,28 kg in Größe L
Preis 12.499 €
Größen S, M, L, XL, XXL; Testgröße L
Farbe Gloss Supernova Chameleon (beste Farbbezeichnung aller Zeiten)
Verfügbarkeit ab sofort

Das günstigere Straßen-Modell, das Turbo Creo SL Expert, verfügt über einen Antrieb mit Shimano ULTEGRA R8070 Di2- und XT Di2-Komponenten, Roval C38 Disc-Laufrädern und Specialized Turbo Pro Reifen in 700 x 28 C. Für einen Preis von 8.499 € teilt sich das Turbo Creo SL Expert, wie bereits angesprochen, das identische Rahmenset, Future Shock 2.0-Federungssystem und SL 1.1-Motor.

Gravel-Fans sollten sich das Turbo Creo SL Expert EVO einmal genauer anschauen. Das E-Gravel Bike nutzt eine nahezu identische Spezifikation wie das Turbo Creo SL Expert, ergänzt sie jedoch um eine versenkbare X-Fusion Manic-Sattelstütze und offroad-taugliche Specialized Pathfinder Pro-Reifen in 700 x 38C. Außerdem ist die Lackierung dieses Modells nicht nur eine absolute Augenweide, sondern auch bei jedem Bike aufgrund des speziellen Verfahrens einzigartig.

Für alle, die Exklusivität und ein möglichst geringes Gewicht schätzen, hat Specialized ab heute ein besonders Schmankerl: Die auf 250 Stück streng limitiert Turbo Creo SL Founder’s Edition kann ab sofort für einen Preis von 14.499 € vorbestellt werden. Dank einer optimierten Spezifikation soll das Sondermodell lediglich 11,9 kg auf die Waage bringen. Goldene Grafiken sowie eine durchnummerierte Founder’s Edition-Plakette auf der Kettenstrebe und ein passendes Founder’s Edition SL-Kit sollen den Markteintritt feiern.

Die Geometrie des Specialized E-Rennrads

Größe S M L XL XXL
Sattelrohr 448 mm 478 mm 503 mm 528 mm 558 mm
Oberrohr 539 mm 548 mm 566 mm 581 mm 605 mm
Steuerrohr 146 mm 164 mm 186 mm 217 mm 250 mm
Lenkwinkel 72,0° 72,5° 73,0° 73,0° 73,0°
Sitzwinkel 74,0° 74,0° 73,5° 73,5° 73,0°
Kettenstrebe 426 mm 426 mm 427 mm 427 mm 428 mm
Tretlager Höhe 81 mm 78 mm 78 mm 76 mm 76 mm
Radstand 1.005 mm 1.012 mm 1.020 mm 1.036 mm 1.052 mm
Reach 373 mm 379 mm 384 mm 391 mm 399 mm
Stack 575 mm 592 mm 615 mm 643 mm 675 mm

S-Works Turbo Creo SL im Test

Auf den ersten Metern mit dem Creo wird eines schnell deutlich – es ist nach wie vor ein Sportgerät. Zwar macht sich der zusätzliche Support des Motors im Sport- und Turbo-Modus bemerkbar, doch bleibt er dezent im Hintergrund und drängt sich dem Fahrer nicht auf. In allen drei Support-Modi ist der Übergang an der 25-km/h-Schwelle ausgesprochen geschmeidig. Da der SL 1.1-Motor seine Unterstützung bereits unter 25 km/h kontinuierlich herunterregelt und die 10 %ige Toleranz voll auszunutzen scheint, wundert man sich in der Ebene nicht selten, ob der Antrieb nicht falsch eingestellt sein könnte und doch bis über 30 km/h unterstützt. Die aerodynamisch optimierten Laufräder und Rohrformen sind hier ein eindeutiger Vorteil. Die Bandbreite der 1 x 11-Schaltgruppe ist absolut ausreichend für steile Rampen und Highspeed-Sektionen im Flachen. Zwar sind die Gangsprünge etwas größer als bei herkömmlichen 2 x 11- oder 2 x 12-Antrieben, doch weiß der Support des Motors diese clever zu kaschieren. Lässt man sich von höheren Geschwindigkeiten wieder in den Support-Bereich des Motors zurückfallen, setzt dieser wohldosiert wieder ein. Einzig im Turbo-Modus wird zwischen 26 km/h und 25 km/h spürbar, dass der Motor wieder für zusätzlichen Rückenwind sorgt.

In Sachen Handling ist das Creo SL nahe am Fahrgefühl des Specialized Roubaix MY2020. Hier bewegt sich das Turbo ausgeglichen zwischen Laufruhe und Kurvenagilität. Die größte Stärke des E-Rennrads ist es, keine wirklichen Schwächen zu haben. Die Front liegt auf der Geraden ausreichend satt und ist in den Kurven angenehm wendig. Dabei liegt der Schwerpunkt des Rades zentral und tief unter dem Fahrer. Schnelle Richtungswechsel in Gefahrensituationen sind so auch möglich. Hier ist es wichtig, die Dämpfung des Future Shock 2.0-Systems an die eigenen Vorlieben anzupassen. Bei weit geöffneter Dämpfung federt das System bei normaler Last weiter ein und verschiebt so den Schwerpunkt des Fahrers minimal weiter nach vorn: mehr Druck auf dem Vorderrad = mehr Direktheit in den Kurven. Die Front baut durch das Future Shock 2.0-System außerdem recht hoch. Das entspanntere Endurance-Feeling gibt hier der hoch-sportlichen Agilität den Vorrang.

Der Komfort am Creo SL ist zwischen Front und Heck ausbalanciert. Hier harmonieren die Compliance der Sattelstütze und des hinteren Rahmendreiecks sehr gut mit Gabel und Future Shock. Dank der großen Reifenfreiheit bleibt auch allen Straßenfahrern die Option, auf breitere Pneus für zusätzlichen Komfort zu setzen.

Unser Fazit

Mit dem S-Work Turbo Creo SL präsentiert Specialized ein ausgesprochen formschönes E-Rennrad mit edler Ausstattung. Mit seinem ausgeglichenen Handling und der wohldosierten Power ist es für jeden das richtige Bike, der sportliches Commuting schätzt, die Feierabendrunde mehr genießen oder gezielter trainieren möchte. Ruhetage im Sattel trotz bergiger Heimstrecke? Kein Problem. Dank des sensiblen Antriebs ist auch das Fahren in der Gruppe bedenkenlos machbar.


Mehr Informationen findet ihr unter specialized.com

Wie sich das Creo SL im Vergleich mit seinen direkten Konkurrenten schlägt, erfahrt ihr in Kürze im großen GRAN FONDO E-Rennrad-Vergleichstest. Der Kampf für die Vorherrschaft im E-Road-Bereich ist eröffnet!

Text & Fotos: Benjamin Topf