Mit dem REACTO 2021 stellt das Team von MERIDA die neueste Evolutionsstufe seines Aero-Bikes vor. Wir haben das Rennrad in Bahrain McLaren-Teamausstattung auf den Straßen des Schwarzwalds gegen einen Porsche 911 antreten lassen und verraten euch, wo es seine Stärken und wo seine Schwächen hat.

MERIDA REACTO TEAM-E | 7,52 kg in Größe M | 10.299 € | Hersteller-Link

Der König ist tot, es lebe der König! Nach diesem Motto feiert das Team von MERIDA mit der vierten Generation seines Aero-Rennrads REACTO dessen Neuvorstellung. Basierend auf der DNA des Vorgängermodells (zum Test) hat MERIDA das REACTO IV mit zahlreichen cleveren Features und hauseigenen Innovationen ausgestattet, um es so bereit zu machen für ein neues Jahrzehnt und all die anstehenden UCI ProTour- und Hobby-Rennen. Bereits vor dem Launch des Bikes hatten wir die Möglichkeit, das brandneue REACTO ausgiebig zu testen. Nun sind wir weder ProTour-Athleten noch hat uns MERIDA einen McLaren aus dem Teampool zur Verfügung gestellt. Die Straßen des Schwarzwalds, der Porsche 911 von GRAN FONDO-Gründer Robin und unsere mit Bratwurst gestählten Körper waren dennoch optimale Voraussetzungen, um das neue REACTO auf Herz und Nieren zu testen. Doch bevor das Duell starten konnte, wollten wir klären, was das neue Aero-Bike so unter der Haube hat.

Gemeinsam mit Robin hat Bruder Max-Philip GRAN FONDO gegründet und ist heute Gastpilot im 911er.

Das Konzept des brandneuen MERIDA REACTO

Das im Vergleich zum Vorgänger deutlich aufgeräumtere Design der vierten Generation des MERIDA REACTO soll zu einer optimierten Aerodynamik führen. Sie war der Fokus bei der Entwicklung des neuen Modells und soll deutlich besser sein als beim REACTO III durch die komplett integrierte Zugverlegung, ein tieferes Sitzrohr, neue Sitzstreben-Profile und eine neu gestaltete Gabelform. Mithilfe von Computational Fluid Dynamics (CFD) und Tests im Windkanal soll nicht nur der frontal auf das Bike treffende Luftstrom besser geleitet, sondern auch der sogenannte Gierwinkel vergrößert worden sein. Er soll dem Fahrer ermöglichen, den Segeleffekt bei Seitenwindbedingungen besser zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Sämtliche Leitungen und Kabel verlaufen bei den Topmodellen des MERIDA REACTO intern durch das Vision-Cockpit. Auch die Integration des GPS-Mounts ist gut gelungen und bietet Platz für alle gängigen Geräte!

Neben den aerodynamischen Aspekten war den Konstrukteuren jedoch auch der Fahrspaß und die Vielseitigkeit des neuen REACTO ein Anliegen. Ähnlich wie das jüngst vorgestellte SCULTURA ENDURANCE (zum Test) verfügt das Bike über ordentlich Reifenfreiheit: Offiziell können Pneus mit bis zu 700 x 30C montiert werden. Für alle Komfort-Fans oder Kopfsteinpflaster-Aspiranten gibt es hier also viel Spielraum. Die aus dem REACTO III bekannte MERIDA S-FLEX-Sattelstütze soll auch am neuen Modell für zusätzlichen Komfort sorgen. Besonders daran ist zum einen die Integration eines Rücklichts in die Aussparung, die für die Nachgiebigkeit der Stütze vorgesehen ist, und zum anderen der sogenannte Flip Flop Head, der das Einstellen der Sattelposition ermöglicht. Integration war auch das oberste Gebot in Sachen Zugverlegung, denn diese werden komplett durch das Vision Metron 5D ACR-Cockpit ins Innere des Rahmens geführt. Zu diesem Zweck wurde auch der Bereich des Steuerrohrs vergrößert und nutzt nun einen Steuersatz mit 1½“ auf 1¼“. Außerdem schmückt sich das REACTO mit modernen Standards wie 12 mm starken Thru-Axles an Front und Heck sowie einem PF86-Tretlager und sorgt so für die Kompatibilität mit einer breiten Auswahl an Komponenten. Nicht alle diese Features sind der aerodynamischen Verbesserung zuträglich. Dennoch ist es den Konstrukteuren laut eigener Aussage gelungen, ein Gesamtkonzept zu entwickeln, das mit 209 W bei 45 km/h immerhin 1 W schneller ist als sein Vorgänger.

Die größere Baufreiheit zwischen Reifen und Rahmen-Set erlaubt die Montage von breiten Pneus und soll die Luftströmung effizienter führen

Das neue REACTO wird ausschließlich mit Scheibenbremsen und Carbonrahmenset erhältlich sein. Dabei verfügen die Highend-Modelle über einen CF5-Level-Rahmen und die preisgünstigeren Alternativen über ein Rahmen-Set auf CF3-Level. Beide Rahmenplattformen nutzen die gleiche Geometrie und sollen laut Hersteller eine vergleichbare Fahrcharakteristik aufweisen. Hauptunterschied zwischen den beiden Rahmen sind die verwendeten Fasern und die Zeit, die für die Entwicklung des Carbon-Layups benötigt wurde. Während die Carbonmatten beim CF5-Level-Rahmen mit ca. 965 g in Größe M (+/- 3 %, je nach Lackierung) und bei der CF5-Level-Gabel mit 457 g (+/- 3 %, je nach Lackierung) bedeutend aufwendiger verlegt sind, fallen die CF3-Pendants bei gleichbleibender Steifigkeit und Stabilität etwas schwerer aus: Der CF3-Rahmen wiegt 1.145 g (lackiert, ohne Kleinteile), die CF3-Gabel: 490 g (lackiert, ungekürzt, ohne Kleinteile). Ein weiterer Unterschied ist die Schaltgruppen-Kompatibilität: So sind mit dem CF5-Rahmen ausschließlich elektronische Schaltgruppe kompatibel, während Rahmen-Sets auf CF3-Level eine interne Zugführung von elektronischen und mechanischen Schaltgruppen erlauben.

Wie bereits am REACTO III und am SCULTURA ENDURANCE setzt MERIDA für das neue Aero-Bike auf eigens entwickelte Kühlkörper aus Aluminium zwischen Rahmen und Flat-Mount-Bremskörpern. Die sogenannten Disc Cooler sollen dafür sorgen, dass die Scheibenbremsen selbst bei langen Abfahrten nicht überhitzen. Während moderne High-Performance-Scheibenbremsen zum Teil bereits über eigene Hitze-Management-Systeme verfügen, sieht MERIDA hier vor allem für günstigere Bremsenmodelle einen hohen Nutzen. Der Look der Kühlkörper wird darüber hinaus vom Shimano Direct Mount-Schaltauge aufgegriffen – das sorgt für einen runden Gesamteindruck.

Das Shimano Direct Mount-Schaltauge kommt im gleichen Look wie die Disc Cooler an Front und Heck

Geometrie und Ausstattung vom neuen MERIDA Rennrad

Für das neue REACTO behält MERIDA die sportliche Geometrie des Vorgängermodells bei – Änderungen gibt es trotzdem einige. So wird es das Aero-Rennrad fortan auch in Rahmengröße XXS geben und die Bezeichnungen der einzelnen Größen ändert sich. In der Vergangenheit hat MERIDA Zwischengrößen wie S/M und M/L angegeben und will mit den neuen Bezeichnungen mehr Klarheit schaffen. Unser Test-Bike in Größe M hat für unsere Tester mit einer Körpergröße von 1,78 bis 1,84 m sehr gut gepasst und für eine sportliche und nicht zu gestreckte Sitzposition gesorgt.

Dank des Flip Flop Heads der Sattelstütze kann die Sitzposition an persönliche Vorlieben angepasst werden. Dadurch kann man je nach Wunsch auch mit den Serienkomponenten kompaktere oder gestrecktere Positionen realisieren.

Die Geometrie des neuen REACTO

Size XXS XS S M L XL
Sattelrohr 470 mm 500 mm 520 mm 540 mm 560 mm 590 mm
Oberrohr 520 mm 535 mm 545 mm 560 mm 575 mm 590 mm
Steuerrohr 105 mm 112 mm 129 mm 141 mm 156 mm 176 mm
Lenkwinkel 70,5° 72,0° 72,5° 73,5° 73,5° 74,0°
Sitzwinkel 74,5° 74,0° 74,0° 73,5° 73,0° 73,0°
Kettenstreben 408 mm 408 mm 408 mm 408 mm 408 mm 408 mm
BB Drop 70 mm 70 mm 66 mm 66 mm 66 mm 66 mm
Gabellänge 384 mm 384 mm 384 mm 384 mm 384 mm 384 mm
Stack 517 mm 529 mm 542 mm 557 mm 571 mm 592 mm
Reach 377 mm 384 mm 390 mm 395 mm 400 mm 409 mm
Radstand 985 mm 982 mm 989 mm 990 mm 1.000 mm 1.009 mm

Zum Launch des Bikes bietet MERIDA das REACTO in insgesamt 8 Ausstattungsvarianten an. Die Verfügbarkeit der einzelnen Ausstattungspakete variiert dabei abhängig von eurem Land bzw. der entsprechenden Vertriebsgesellschaft. Die Topmodelle sind das TEAM-E mit Shimano DURA-ACE Di2-Schaltgruppe und Vision Metron 55 Clincher TL Disc-Laufrädern für 10.299 € und das REACTO 9000-E mit SRAM RED eTap AXS-Schaltgruppe und DT Swiss ARC 1400 DICUT DB 50-Laufrädern für 10.799 €. Besonders interessant als Preis-Leistungs-Tipps sind die Modelle REACTO 7000-E mit Shimano ULTEGRA Di2 und DT Swiss P1800 SPLINE DB32-Laufrädern für 4.299 € und das REACTO FORCE EDITION für 4.799 €. Das vollintegrierte Vision Metron 5D ACR-Cockpit gibt es jedoch erst ab der 8000er-Modellreihe. Im deutschsprachigen Raum ist das REACTO 5000 mit Shimano 105-Schaltgruppe, Shimano RS 510-Kurbeln und MERIDA EXPERT CW-Laufrädern für 2.699 € der Preiseinstieg. International ist das REACTO 4000 mit kompletter 105-Schaltgruppe und MERIDA EXPERT CW-Laufrädern für 2.499 € das günstigste Modell. Bei sämtlichen Ausstattungspaketen setzt MERIDA trotz der großzügigen Reifenfreiheit für bis zu 30 mm breite Pneus auf Reifen mit 700 x 25C. Unser Test-Bike, das TEAM-E, versprüht wahren ProTour-Flair und kommt sogar mit einem beidseitig messenden Shimano-Powermeter. Die komplette Ausstattung des MERIDA REACTO TEAM-E findet ihr hier:

160-mm-Bremsscheiben an Front und Heck
Auf den Vision Metron 55-Laufrädern konnten wir sogar problemlos Continental Grand Prix 5000 TL in 700 x 32C anbringen und ohne Bedenken hinsichtlich der Baufreiheit im Rahmen fahren.

Schaltgruppe Shimano DURA-ACE R9150 Di2, 2×11, 52/36 T
Kassette Shimano CS-9100 11–30 T
Bremsen Shimano DURA-ACE hydraulisch Disc BR-R9170 160/160 mm
Laufräder Vision Metron 55 Clincher TL Disc
Reifen Continental Grand Prix 5000, 700 x 25C
Sattelstütze S-FLEX Carbon, integriertes Rücklicht und Flip Flop Head, 0–20 mm Versatz
Lenker Vision Metron 5D ACR Integrated, 420 mm
Vorbau Vision Metron 5D ACR Integrated, 110 mm
Gewicht 7,52 kg in Größe M
Preis 10.299 €
Verfügbarkeit ab Mitte August beim offiziellen Händler

Getaucht in die frischen Farben des ProTour-Teams, zollt das REACTO TEAM-E mit seinem Papaya-Ton dem stolzen Erbe von McLaren Respekt, während die roten und blauen Elemente die Nationalfarben des Königreichs Bahrain aufgreifen. Für unseren Test hieß es Schwarzwald statt Bahrain und Porsche statt McLaren. Hier also der Herausforderer, der wohl keiner großen Vorstellung bedarf: der Porsche 911 SC von 1977.

Motor 6-Zylinder-Boxermotor, Viertakt, luftgekühlt, 2.993 cm³
Leistung 132 kW (180 PS)
Getriebe 5-Gang-Getriebe, Hinterradantrieb
Bremsen Scheibenbremsen (innenbelüftet) 282/290 mm
Laufräder Fuchsfelgen 15”
Reifen (v & h) TOYO 185/70 & 215/60
Leergewicht 1.120 kg
Preis ab 45.000 €
Verfügbarkeit 1977: beim Porsche-Händler / heute: Gebrauchtmarkt

MERIDA REACTO TEAM-E im ersten Test

Bereits ab dem ersten Meter hat man auf dem MERIDA das Gefühl, einen alten Bekannten wieder zu treffen. Die Entscheidung, die Geometrie des Vorgängers zu übernehmen, geht für das REACTO IV voll auf! Denn auch beim REACTO III konnten wir in Sachen Sitzposition und Handling kaum Schwachpunkte entdecken. Mit einer guten Mischung aus Laufruhe und Agilität lässt sich das Bike präzise durch jede Kurve lenken. Seine Schokoladenseite zeigt es in weiten Kurven bei hoher Geschwindigkeit, wo es satt auf der Straße liegt und dem Fahrer viel Sicherheit vermittelt. Aber auch enge Kurven sind keineswegs ein Problem und lassen sich mit etwas Nachdruck sehr angenehm und sicher aussteuern.

Der ausgeklügelte Gesamtkomfort trägt einen großen Teil zum Sicherheitsgefühl in Kurven bei. Vor allem das ergonomische Cockpit und die durchdachte Sattelstütze glänzen mit sehr guter Vibrationsdämpfung, während sich der Rahmen ehrlich, aber keineswegs bockig zeigt. Wer noch mehr Komfort aus dem REACTO rausholen möchte oder sehr ausgedehnte Touren plant, kann die offizielle Reifenfreiheit von 30 mm voll ausnutzen und so auch deutlich voluminösere Pneus als die serienmäßig montierten Continental Grand Prix 5000 in 700 x 25C verbauen. Auf den Vision Metron 55-Laufrädern konnten wir sogar problemlos Continental Grand Prix 5000 TL in 700 x 32C anbringen und ohne Bedenken hinsichtlich der Baufreiheit im Rahmen fahren. Die Abkürzung über den Feldweg oder die kompakte Schotterpiste stellt damit ebenso wenig ein Hindernis dar wie die Highspeed-Orgie auf Kopfsteinpflaster oder brüchigem Asphalt. Für ein derart aerodynamisches Hochleistungsbike ein bemerkenswert breiter Einsatzbereich! Einen kleinen Dämpfer in Sachen Vertrauen und Spurstabilität gibt es dennoch: Bei böigen Seitenwinden zeigt sich die Front vergleichsweise sensibel und will vom Fahrer auf Kurs gehalten werden.

Helm POC Ventrail SPIN | Brille 100% Speedcraft | Jersey GRAN FONDO x Cuore Custom | Shorts GRAN FONDO x CUORE Custom | Socken VOID Sock 16 | Schuhe Specialized S-Works Vent

Im Antritt gibt sich das MERIDA ausgesprochen direkt und besonders beim Sprint aus der Kurve oder dem Windschatten ist es durchzugsstark – für den Ortsschildsprint oder die Attacke in Richtung Ziellinie also definitiv ein perfekter Begleiter! In sehr steilen Anstiegen und der Beschleunigung aus dem Stillstand mangelt es zwar am letzten Quäntchen Leichtfüßigkeit, aber das ist eindeutig Kritik auf höchstem Niveau. Das REACTO klettert effizient und überzeugt sowohl bergab als auch in der Ebene durch viel Speed und die Art und Weise, wie es den Schwung mitnehmen kann.

This is how we roll #sharetheroad

REACTO vs. Porsche 911 SC

Kette rechts, Blinker links. Die DURA-ACE Di2 quittiert das Einrasten der Gänge mit einem knackigen Anschlag, das Reifenquietschen des Porsche schallt durch die Schwarzwaldtäler und für einen Moment werden wir zu Mark Cavendish und Walter Röhrl. Obwohl es im Antritt auf den ersten Metern ein umkämpftes Stechen ist, quetscht sich das MERIDA vor der ersten Kurve in Führung. Fehlende Power wird mit Bike-Akrobatik kompensiert, während sich der Porsche-Pilot einen Schaltfehler leistet. Doch dann auf der Geraden passiert es: Motorplatzer beim MERIDA-Fahrer und der Porsche zieht vorbei. Letztendlich also ein klares Ergebnis – unentschieden! Mit der Flaschenübergabe findet unser Mini-Showdown ein versöhnliches Ende und nach dem Fachsimpeln kommt die Strava-Auswertung. Drei KOMs und eine Trainingsintensität jenseits von Gut und Böse.

Tuning-Tipp: breitere Reifen für noch größeren Einsatzbereich – beim REACTO, wie beim 911er…

Die Antriebskonzepte beider Kontrahenten …
… sind luftgekühlt

Unser Fazit zum REACTO TEAM-E

Mit dem REACTO der vierten Generation präsentiert das Team von MERIDA eine stimmige und sinnvolle Evolutionsstufe seines Aero-Renners. Das Bike besticht durch seine hohe Laufruhe, eine sehr gute Vibrationsdämpfung und einen für seine Verhältnisse sehr großen Einsatzbereich! Das Sicherheitsgefühl wird nur von böigen Seitenwinden etwas getrübt, ist aber abgesehen davon sehr hoch und macht es ambitionierten Fahrern und Athleten ebenso wie Einsteigern leicht, auf Jagd nach der Bestzeit und der besten Zeit zu gehen. Ein aerodynamischer Tausendsassa!

Tops

  • hohe Laufruhe
  • gute Vibrationsdämpfung
  • Allround-Fähigkeiten
  • Zugführung und Level an Integration

Flops

  • Seitenwindanfälligkeit der Front

Weitere Informationen zum MERIDA-Aero-Rennrad findet ihr auf merida-bikes.com

Text: Benjamin Topf Fotos: Robin Schmitt, Valentin Rühl