Zehn Jahre fühlen sich immer dann kurz an, wenn jeder Tag aussieht wie der davor. Oder man sich nie die Zeit nimmt, durchzuatmen – so wie wenn man nach der Tour de France direkt in die Vuelta startet.
Lang fühlen sich hingegen zehn Jahre an, wenn ständig etwas Neues passiert. Was übrigens auch die Neurowissenschaft bestätigt. Und genau das ist einer der Gründe für dieses Ewigkeitsgefühl: Nicht nur GRAN FONDO, sondern die ganze Drop-Bar-Welt hat sich in den letzten zehn Jahren unwahrscheinlich weiterentwickelt – technologisch und kulturell.
Unser Gehirn speichert neue Erfahrungen viel intensiver als Routinen, die wir wie auf Autopilot abspulen. Deshalb fühlen sich Lebensabschnitte voller erster Male oft deutlich länger an. Die Diskussionen um Scheibenbremsen im Peloton schienen genauso ewig wie die Entwicklungen in der Gravel-Bewegung. Das war aufregend, und ist es immer noch. Aber was einfach begann, wurde irgendwann kompliziert – Aero-Gravel-Bikes, Race-Gravel-Bikes, Adventure-Gravel-Bikes, Bikepacking-Bikes. Zwangsläufig stellt sich irgendwann die Frage: Braucht es das alles? Oder ist weniger Optimierung manchmal mehr? Statt Spezialisten haben wir uns deshalb die Generalisten geschnappt und 15 heiße Gravel-Allrounder getestet. Unsere Erkenntnisse und den Testsieger findet ihr in dieser Ausgabe!
Zeit entsteht nicht nur durch Neues. Sondern auch dadurch, dass wir sie uns nehmen. Zum Beispiel für ein Gespräch auf Zypern – mit zwei Falkenjagd-Titan-Hardtails, waschechten MTBs, die sich zuallererst fragen, ob sie hier fehl am Platz sind … bis sie zu dem Schluss kommen, dass keiner mehr zu GRAN FONDO passt als die beiden. Ich bin mir sicher: Ihr habt euch noch nie Zeit für ein Gespräch mit zwei Hardtails genommen, aber das solltet ihr unbedingt. Absolute Leseempfehlung in dieser Ausgabe!
Am Strand sagt das Titanhardtail im Laufe des Gesprächs: „Das Rad darf nie wichtiger sein als das, was ich damit erleben kann.“ Und damit trifft es genau den wunden Punkt unserer Zeit, auch wenn viele Technik-Lovers und Watt-Junkies dieser Aussage nicht unbedingt zustimmen werden. Fahrräder werden jedes Jahr schneller und technisch komplexer. Aber eigentlich suchen wir meist etwas ganz anderes. Ruhe. Entschleunigung. Eine gute Zeit – während sich paradoxerweise unsere Gedanken beschleunigen und wir uns mit endlosen technischen Fragen ins Entscheidungsdelirium jagen.
Mehr Zeit ist voll im Trend – doch braucht es das überhaupt? Im Longevity-Hype optimieren wir wie wild unseren Schlaf, lassen unsere Smartwatch uns erklären, wie fit wir uns zu fühlen haben und messen: Ernährung. Blutzucker. VO₂max. On top noch Supplements, nachdem wir bereits den Detox-Smoothie gemixt und im Cold Plunge gebibbert haben. Bei all dem kommt eine Frage meist zu kurz: Wie fühlt sich ein Jahr eigentlich an? Ist die Anzahl der Jahre oder Momente entscheidend oder die Qualität? Würdet ihr lieber einen unvergesslich tollen Ride machen oder 10 durchschnittliche? Und überhaupt: Welche Momente sind das, die uns so glücklich machen, dass wir sie gar nicht mehr loslassen wollen?
Raus in die Natur. Raus aus dem Alltag. Raus in die Freiheit. Overnighter und Bikepacking sind eine der einfachsten Maßnahmen, um mit wenig viel zu erleben. Am liebsten mit dem Gravel-Bike – so wie unser Testfeld in dieser Ausgabe zeigt, das von der schnellen Feierabendrunde bis zum vollbepackten Alpen-Abenteuer wortwörtlich alles mitmacht. Was es dafür braucht – sofern man nicht minimalistisch unter freiem Sternenhimmel schlafen will? Ein Zelt – deshalb haben wir 6 heiße Modelle zwischen 250 € und 1000 € fürs Bikepacking getestet.
Wer will, kann ein Bikepacking-Zelt natürlich auch zweckentfremden – die Zelte mussten sich auch quer durch Patagonien sowie in den kalifornischen Redwoods behaupten – und zwar nicht nur auf dem Bike. Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt – probiert’s einfach. Meine Erkenntnis dieses Jahres: Für manche Dinge im Leben kann man gar nicht bereit sein.
Ich hatte 7 Monate Zeit, um mich vom Anfänger auf das härteste Pferderennen der Welt vorzubereiten: Reiten lernen. Navigieren. Und in der Wildnis überleben – genau wie Bikepacking, nur anders. Aber lest es selbst.
Ein gelegentlicher Perspektivwechsel ist extrem wichtig – und extrem bereichernd.
Denn die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch neue Technologien, sondern durch neue Perspektiven. Was passiert, wenn man aufhört, über Bikes zu reden – und anfängt, über Möglichkeiten nachzudenken? Wir haben’s beim Electric Overlanding in Kalifornien mit Specialized herausgefunden – hier geht’s zum Web-Artikel.
Die größte Illusion der heutigen Zeit ist, keine Zeit zu haben. Jeder von uns hat Zeit. Wir nutzen sie meistens nur nicht oder schauen ihr auf Instagram beim Vergehen zu. Oder wir haben ein falsches Bild von ihr. Wir denken, wir könnten mehr rausholen, indem wir sie noch effizienter durchtakten und immer mehr in unseren Kalender reinpacken. Dabei wird aber keine Sekunde mehr gewonnen. Zeit will mit Präsenz gelebt, verschwendet und gleichzeitig ausgekostet werden. Und genau dann tritt das Gefühl ein, das wir meist nur noch aus unserer Kindheit kennen – ein Moment fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Und statt an den nächsten Termin denken wir an gar nichts. Und vergessen ganz beiläufig die Welt um uns herum. Ach, das tut einfach gut.
Das Bike ist ein super Tool dafür. Wir kommen so weit und je weniger wir mit den Augen auf dem Garmin-Navi kleben, desto mehr nehmen wir wahr und entdecken ganz viel Neues – selbst zu Hause. Meinen Dad habe ich mit seinen Kumpels zum Overnighter auf E-Bikes 4 Kilometer von unserem Office in Leonberg auf unser Gartengrundstück geschickt – und siehe da: aus nur 12 Stunden wurden Erinnerungen fürs Leben. Geil, wenn er und seine Kumpels mit rund 70 Jahren das Bikepacken für sich entdecken und sich auf einmal so lebendig fühlen wie lange nicht mehr, oder? Die Story lest ihr bei unserem Schwestermagazin.
Eine weitere spannende Perspektive bringt Nils in seinem Essay Kult der Extreme. Denn Rennradfahren ist weit mehr als ein Sport. Für viele ist es zur eigenen Ersatzreligion geworden – mit nur einem Gebot: Du sollst nicht aufhören. Ein Pastor betet sich beim Race Across America durch, ein Ultracycling-Rekordhalter bricht mitten in seinem eigenen Weltrekordversuch ab. Der eine findet im Glauben die Kraft, weiterzumachen. Der andere findet den Mut, stehen zu bleiben. Was das mit uns macht? Lest es selbst.
Apropos Mut: Die aktuellen Zeiten sind schnelllebiger und unberechenbarer denn je. Da ist es verständlich, dass wir uns nach Sicherheit sehnen. Mentale Gesundheit und Balance sind wichtiger denn je. Gleichzeitig wächst die Versuchung, jedes Risiko zu vermeiden. Bloß nichts Neues. Bloß kein Struggle. Lieber im Vertrauten bleiben.
Das Resultat? Wir verhalten uns mit 28 manchmal wie Rentner. Wir optimieren unsere FTP, diskutieren über Laktatwerte und das perfekte Setup, planen jedes Abenteuer bis ins kleinste Detail – und vergessen dabei etwas, das genauso trainiert werden muss wie unsere Beine: Mut.
Mut zur Unsicherheit. Mut zur Konfrontation. Mut, sich zu irren. Mut, den eigenen Weg zu gehen, statt dem Weg der Gruppe oder dem Geruch des nächsten Matcha-Latte zu folgen. Denn das Alter ist keine Frage der Zeit oder der Jahre. Sondern der Einstellung und der Bereitschaft, sich immer wieder auf etwas einzulassen, das man noch nicht kennt.
Das Geheimnis eines subjektiv langen Lebens liegt nicht darin, mehr Jahre zu haben, sondern mehr erste Male. Als Magazin nehmen wir das als Ausrede und Ansporn, immer wieder die Grenzen auszutesten, Dinge anders zu machen. Dinge anders zu sehen und uns auch gar nicht so ernst. Und damit ist klar: auch die nächsten 10 Jahre werden nicht im Fluge vergehen, sondern für ganz schön lang richtig kurzweilig werden.
Also liebe Freunde – raus ins Neue. Dort wartet die Zeit auf uns!

Genießt den spannenden Themenmix dieser Ausgabe und lasst euch inspirieren! Hol dir die aktuelle Ausgabe direkt auf dein Gerät, wenn du unsere App bereits hast. Ansonsten einfach im App Store (iPhone/iPad) bzw. dem Play Store (Android Smartphones & Tablets) installieren.
Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als GRAN FONDO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die New-Road-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!
Text: Robin Schmitt Fotos: Diverse




