Dieser Test ist Teil des großen Vergleichstests um den besten Gravel-Reifen. Zum ausführlichen Intro und allen 32 Reifen im Test geht’s hier.
Pirelli ist für viele das Synonym für kreischende Formel-1-Motoren und schwarzen Asphalt. Doch wer die Mailänder nur im Fahrerlager des Spitzen-Motorsports verortet, liegt falsch: Schon 1894 wurde in der italienischen Schmiede der erste Fahrradreifen hergestellt. Nachdem es lange Zeit ruhig um die Zweirad-Sparte war, mischt das italienische Traditionsunternehmen seit einiger Zeit mit der Cinturato-Linie auch im Gravel-Markt mit. Mit ihr haben die Mailänder ein Gravel-Portfolio geschaffen, das technische Lösungen aus dem Rallyesport für das Fahrrad übersetzt. Dabei folgt Pirelli einer klaren Philosophie: Ein Reifen muss nicht alles können, aber er muss in seinem spezifischen Terrain unschlagbar sein.
Gravel hat sich mittlerweile zu einer hochgradig spezialisierten und differenzierten Disziplin gewandelt, in der die Wahl des Profils oft über das gesamte Fahrgefühl und sogar über Sieg oder Niederlage entscheidet. Pirelli begegnet dieser Herausforderung mit einem selbsterklärenden System: H steht für Hardpack, M für Mixed Terrain und S für Soften Untergrund. Hinter diesem Trio verbirgt sich der eigens entwickelte SpeedGRIP-Compound, der darauf ausgelegt ist, bei jedem Wetter und auf jedem Untergrund maximale Traktion zu garantieren, ohne die Haltbarkeit zu opfern.
In unserem großen Gravel-Reifen-Vergleichstest 2026 mussten die italienischen Spezialisten beweisen, wie gut diese Spezialisierung in der Praxis funktioniert. Wir haben den pfeilschnellen Cinturato Gravel H, den agilen Allrounder Gravel M und das Grip-Wunder Gravel S über unsere Testrunden gejagt. Kann das Line-up den hohen Erwartungen an italienisches Engineering gerecht werden? Oder erkauft man sich die hohe Spezialisierung mit Schwächen beim Pannenschutz und Komfort?
Die unterschiedlichen Gummimischungen und Karkassen der Pirelli Cinturato Gravel Reifen im Detail
Wer die aktuellen Pirelli-Reifen verstehen will, muss unter die Oberfläche schauen. Die Italiener verfolgen einen technologischen Ansatz, der stark von ihren Erfolgen in der Rallye-Weltmeisterschaft geprägt ist. Für die aktuelle Generation will das Entwicklungsteam in Mailand die Balance des Compounds neu definiert haben. Das Ziel: maximale Kontrolle auf wechselnden Untergründen, ohne die Effizienz auf schnellen Asphalt-Passagen zu opfern.
Die Mischungen aus dem Rallyesport: SpeedGRIP und SmartEVO GR
Ein wesentlicher Baustein ist die SpeedGRIP-Mischung. Im Gegensatz zu Herstellern, die auf unterschiedliche Schichten setzen, nutzt Pirelli hier einen „One-Compound“-Ansatz. Diese Mischung basiert auf der Technologie der MTB-Reifen, wurde aber gezielt auf eine bessere Effizienz getrimmt. Da das Gummi homogen über den gesamten Reifen verteilt ist, bleibt die Performance über die komplette Lebensdauer des Profils stabil, ohne dass sich weichere Seitenschichten vorzeitig abnutzen.
Für Fahrer, die nach der vielseitigsten Gummimischung suchen, bietet Pirelli zudem die SmartEVO GR-Mischung an. Diese „Made in Italy“-Technologie ist speziell für das moderne Offroad-Racing konzipiert und soll einen idealen Kompromiss aus minimalen Rollwiderstand bei gleichzeitig hohem Grip auf trockenen wie nassen Oberflächen bieten.
TechWALL und ProWALL: Schutzschilder nach Maß
Pirelli bietet zwei unterschiedliche Konstruktionen an, die sich in ihrer Gewebedichte und Schutzwirkung unterscheiden: Die ProWALL Gravel nutzt ein feineres 120 TPI-Gewebe. Durch die höhere Flexibilität des dünneren Materials bietet sie ein agileres Handling und eine bessere Anpassung an den Untergrund, während zusätzliche Verstärkungen an den Seitenwänden vor Schnitten schützen.
Im Gegensatz dazu ist die TechWALL Gravel auf maximale Robustheit ausgelegt. Sie basiert auf einer grober abgestimmten 60 TPI-Karkasse, die durch eine zusätzliche, umlaufende Schutzschicht von Reifenwulst zu Reifenwulst ergänzt wird. Dieser flächendeckende Schutz soll die Widerstandsfähigkeit gegen Durchstiche und Seitenwandschäden erhöhen, aber durch den mehrlagigen Aufbau genug Flexibilität bieten, um Vibrationen spürbar zu dämpfen.
Das Pirelli Cinturato Gravel-Reifen-Testfeld im Überblick
Um die Performance der italienischen Systematik greifbar zu machen, haben wir das Cinturato-Trio durch unser Labor und über die Teststrecken geschickt. Die folgende Übersicht zeigt deutlich, wie konsequent Pirelli seine Modelle auf die jeweiligen Untergründe abstimmt: Während der Hardpack-Spezialist auf Effizienz optimiert ist, basieren die Varianten für gemischtes und weiches Gelände auf aggressiveren Profile und einer Karkassen-Konstruktion, die den Spagat zwischen Agilität und Grip meistern soll. Zwei Modelle im Test setzen dabei auf die „Made in Italy“-Fertigung, während der Cinturato Gravel S im Nachbarland Frankreich gefertigt wird.
| Modell | Compound | Karkasse | Gewicht | Rollwiderstand | Maße (ETRTO) | Herstellungsland | Preis (UVP) |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Cinturato Gravel H | SmartEVO Gr | ProWALL | 574 g | 13,5 W | 45-622 | Italien | 79,90 € |
| Cinturato Gravel M | SmartEVO Gr | ProWALL | 604 g | 13,4 W | 45-622 | Italien | 79,90 € |
| Cinturato Gravel S | SpeedGRIP | TechWALL | 621 g | 16,3 W | 45-622 | Frankreich | 72,90 € |
An der Spitze der Effizienz-Hierarchie innerhalb des Pirelli-Portfolios liegen der Cinturato Gravel H und der Cinturato Gravel M praktisch gleichauf. Mit Werten von 13,5 bzw. 13,4 W bewegen sie sich im Bereich der Messtoleranz und markieren gemeinsam die Benchmark für Geschwindigkeit im Pirelli-Sortiment.
Der Gravel H ist dabei der Spezialist für trockene, festgefahrene Wege. Er überzeugt durch eine überdurchschnittliche Compliance, die ihm ein angenehmes Komfortniveau verleiht. Diese Effizienz erkauft er sich jedoch durch eine klare Spezialisierung: Sobald der Untergrund nass oder lose wird, stößt er an seine Grenzen. Sein Handling wirkt zudem eher träge und etwas schwammig, was ihn vor allem für Fahrer prädestiniert, die ein stabiles und berechenbares Rollverhalten auf festen Pisten suchen.
Ein deutlich dynamischeres Gesicht zeigt der Cinturato Gravel M, der sich als der agile Allrounder für gemischtes Terrain positioniert. Trotz seines deutlich ausgeprägteren Profils rollt er auf dem gleichen exzellenten Niveau wie der Gravel H. Seine wahre Stärke liegt in der hohen Agilität und dem direkten Fahrverhalten, das auf wechselnden Untergründen für viel Fahrspaß sorgt. Er bietet ein hohes Grip-Level und einen soliden Pannenschutz. Allerdings müssen Käufer beim Komfort Abstriche machen: Der Gravel M ist der unkomfortabelste Reifen im Pirelli-Sortiment und gibt Schläge direkter an den Fahrer weiter, was ihn zu einem sportlichen Werkzeug für technische Kurse macht.
Für grobes Gelände und widrige Bedingungen ist der Cinturato Gravel S das Maß der Dinge. Er ist ein echtes Grip-Wunder und verwandelt selbst Matsch und tiefen Schotter in eine kontrollierbare Spielwiese. Mit 16,3 W rollt er zwar erwartungsgemäß langsamer als seine Geschwister, gleicht dies aber durch den höchsten Komfortwert im Trio und ein extrem verspieltes Handling wieder aus. Überraschend bleibt jedoch das Abschneiden im Labor in Bezug auf die Robustheit: Trotz seiner wuchtigen Optik liegt der Pannenschutz unter den Erwartungen, da die Karkasse zwischen den hohen Stollen anfälliger für Durchstiche ist. Dennoch bleibt der Gravel S die erste Wahl für alle, die maximale Kontrolle abseits befestigter Wege suchen.
Welcher ist der beste Pirelli Cinturato Gravel-Reifen?
Die Einordnung der Reifen zeigt deutlich, wie konsequent Pirelli sein Portfolio 2026 nach dem „Terrain-Specific“-Prinzip aufgestellt hat. Wer als ambitionierter Racer auf Bestzeitenjagd geht und vor allem auf befestigten Wegen oder trockenem Hardpack unterwegs ist, wird den geringen Rollwiderstand des Cinturato Gravel H lieben. Mit seiner hohen Effizienz rollt er innerhalb der Pirelli-Familie mit am leichtesten und bietet zudem eine überzeugende Compliance für lange Tage im Sattel.
Der unangefochtene Star für die breite Masse und unser Tipp für technische Kurse ist jedoch der Cinturato Gravel M. Als der agile Allrounder bietet er das spritzigste Fahrverhalten im Testfeld. Er ist die logische Wahl für alle, die ein direktes Feedback vom Untergrund suchen und keine Kompromisse bei der Agilität eingehen wollen. Zwar muss man hier bei der Compliance etwas zurückstecken, wird dafür aber mit einem Grip-Level belohnt, das sowohl auf trockenen als auch auf nassen Mixed-Terrain-Untergründen für volle Kontrolle sorgt.
Wer hingegen das ultimative „Grip-Monster“ für widrigste Bedingungen sucht, findet im Cinturato Gravel S seinen Meister. Er ist die erste Wahl für Abenteurer und Fahrer, die vor Matsch, tiefem Waldboden oder grobem Schotter nicht zurückschrecken. Kein anderer Pirelli im Test bietet so viel Komfort und Vertrauen im Grenzbereich. Auch wenn er im Labor beim Rollwiderstand und beim Pannenschutz Federn lassen muss, macht das verspielte Handling diesen Reifen zum Favoriten für alle, die den Fokus auf Fahrspaß abseits befestigter Wege legen.
Fazit zu den Pirelli Cinturato Gravel-Reifen
Der Transfer vom Spitzen-Motorsport auf den Schotter zeigt sich bei Pirelli vor allem in der Konstruktionstiefe. Statt auf Standardlösungen zu setzen, nutzt das Portfolio 2026 die Expertise der Gummimischungen und die Differenzierung der Karkassen. Das Ergebnis ist ein breit aufgestelltes Sortiment, das Fahrern erlaubt, den Reifen exakt auf die Bodenbeschaffenheit und das geforderte Schutzniveau zu skalieren. Während in unserem Test besonders der Cinturato Gravel M als schneller und agiler Allrounder überzeugt, liefert der Cinturato Gravel S ein verspieltes Handling, das nur noch von seinem enormen Grip übertroffen wird.
Mehr Informationen unter pirelli.com.
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Text & Fotos: Jan Fock
