Was ist das beste Rennrad 2020? Auf der Suche nach dem absoluten Alleskönner haben wir zusammen mit Miguel Indurain 13 exklusive Race-Bikes für euch auf Mallorca getestet. Habt ihr Bock auf Speed und Spaß? Dann seid ihr hier richtig!

Inhaltsverzeichnis

In der „guten alten Zeit“ war ein Bike mit Rennlenker etwas für Athleten und Fahrer mit Performance-Ambitionen. Das Konzept Rennradfahren war fest im sportlichen Bereich verankert, die Grenzen klar abgesteckt. Im Lauf der Zeit hat sich, wie so vieles, auch die Rennradkultur gewandelt und liberalisiert. Heute ist es genauso in Ordnung, die in „Velominati Rules“ festgeschriebene traditionsreiche Rennrad-Etikette zu zelebrieren, wie seine ganz eigene Art und Weise des Rennradfahrens zu definieren. Wenn ihr euch die Rennräder in diesem Vergleichstest anschaut, werdet ihr merken, dass unser Testfeld ein ebenso bunter Haufen ist, wie die zeitgenössische Rennrad-Szene. Auf den Straßen des balearischen Rennrad-Mekkas Mallorca haben wir es uns demnach zur Aufgabe gemacht, den besten Alleskönner für die Saison 2020 zu küren. Wir verraten euch, welche Stärken und Schwächen jedes Rennrad in diesem Test hat, welches Rad zu welchem Typ Fahrer passt und worauf es bei einem Rennrad wirklich ankommt.

Die beste Zeit ist jetzt

Es ist wahrlich schwer geworden, den Gravel-Trend als eine temporäre Erscheinung abzutun. Während die Faszination „Offroad“ immer mehr Biker in ihren Bann zieht, ist man beinahe geneigt zu denken, dass die mediale Dominanz des klassischen Rennrads einen kleinen Knacks bekommen hat. Moderne Rennräder sind jedoch nicht einfach nur schmal-bereifte Vorfahren der schotterspezialisierten Boliden – ganz im Gegenteil! Die stetige Weiterentwicklungen im Bereich der verwendeten Werkstoffe, Rahmengeometrien und Handling-Performance machen zeitgenössische Rennräder vielseitiger denn je. Mehr Speed, Sicherheit und Komfort gestalten das heutige Rennraderlebnis so spaßig, zugänglich und einladend wie nie zuvor. Die Ära der Hypersegmentierung des Rennradmarkts neigt sich dem Ende zu und macht Platz für eine neu Garde von Alleskönnern, die auf mehreren Gebieten punkten können und Grenzen verwischen.

Keine Sorge: Ein reinrassiges Race-Bike wird in absehbarer Zukunft eine messerscharfe und unverschämt schnelle Performance-Maschine bleiben. Dennoch werden immer häufiger Produkteigenschaften interdisziplinär eingesetzt, die bisher nur einer bestimmten Bike-Kategorie vorenthalten waren. Was heißt das genau? Die fortschrittlichsten Endurance-Bikes stehen einem reinen Wettkampf-Bike in Sachen Aerodynamik kaum noch nach. Gleichzeitig bieten sie mehr Komfort und nicht selten ein höheres Sicherheitsgefühl. Allroad-Bikes wissen per se durch ihr breites Einsatzspektrum zu brillieren, doch auch hier halten Aerodynamik und Speed Einzug, ohne auf Komfort zu verzichten. Parallel dazu setzen selbst die Profi-Teams mittlerweile auf mehr Komfort, bedienen sich breiterer Reifen, Komfortelementen wie Federung- oder Dämpfungstechnologien und wirbelsäulenfreundlicheren Geometrien. Gleichzeitig werden die Rennräder im High-Performance-Bereich immer uniformer: Während die besten Aero-Bikes längst nicht mehr nur auf der Geraden punkten, sondern auch bergauf und bergab immer mehr Boden gut machen, sind die superleichten Rennboliden aufgrund akribisch perfektionierter Rahmen zusehends aerodynamischer.

Bewegen wir uns auf das EINE ultimative Rennrad zu? Davon zu sprechen, wäre wohl noch etwas zu früh, aber eines steht fest: Für die Industrie wird es immer schwerer, ihre Modelle untereinander abzugrenzen und die vermeintlichen Unterschiede vor dem Endverbraucher zu rechtfertigen. Davon profitieren vor allem wir als Fahrer! Steigender Konkurrenzdruck unter den Bike-Herstellern, Rennräder die immer mehr Einsatz-Szenarien abdecken können – die Spielwiese für uns Bike-Fans ist so groß und attraktiv wie nie. Bock, aufs Rennrad zu steigen? Die beste Zeit ist jetzt!

Was haben wir getestet?

Wir haben für diesen Vergleichstest die Portfolios der spannendsten Brands durchstöbert und ein bunt gemischtes Testfeld für euch zusammengestellt. Eine derart diverse Auswahl an Bikes in einen Test zu packen, scheint unfair – wir nennen es realistisch. Denn wer auf der Suche nach einem flotten Spaßgaranten für die Straße ist, findet sich mit einer ungeheuren Vielfalt konfrontiert. Zwischen Aero- und Endurance-Bike, Tour de France-Siegerrad und Stahlrenner findet sich alles mit Rang und Namen in diesem Vergleichstest. Einen Überblick der Test-Bikes findet ihr hier in der Tabelle:

Bike Schaltgruppe Laufräder Gewicht Preis
Argon 18 Krypton Pro
(Zum Test)
Shimano ULTEGRA Di2 R8050 HED Vanquish GP V4 tubeless 7,55 kg in M 8.340 €
Bianchi Infinito CV Disc
(Zum Test)
Shimano DURA-ACE Di2 R9170 Fulcrum Racing 418 Disc Brake 7,52 kg in 57 8.490 €
BMC Roadmachine 01 ONE
(Zum Test)
SRAM RED eTap AXS ENVE SES 4.5C AR Disc Carbon 7,71 kg in 56 10.499 €
Cannondale SuperSix EVO Hi-MOD Disc Dura Ace
(Zum Test)
Shimano DURA-ACE mechanisch, Power2max NGeco Powermeter (nicht aktiviert) Hollowgram 45 SL KNØT 7,73 kg in 54 6.499 €
Cicli Bonanno Futomaki Disc
(Zum Test)
Campagnolo Record Disc 12-Speed Lightwolf-Laufräder: Pacenti Forza-Felge, Carbon TI X-Hub SP-Nabe 8,07 kg in 57 7.000 €
FOCUS IZALCO MAX DISC 9.9
(Zum Test)
Shimano DURA-ACE Di2 R9170 DT Swiss ARC 1450 DICUT DB, 48 mm 7,44 kg in L 8.999 €
LOOK 795 BLADE RS DISC
(Zum Test)
SRAM RED eTap AXS Corima WS Black 7,95 kg in L 9.500 €
OPEN U.P.P.E.R.
(Zum Test)
SRAM RED eTap AXS mit THM Clavicula SE-Kurbel und Carbon-TI-Kettenblättern Mcfk Gravel 28″ 6,41 kg in L 12.000 €
Pinarello Dogma F12 Team INEOS Edition
(Zum Test)
Shimano DURA-ACE Di2 R9100 Shimano DURA-ACE C40 Tubular 7,11 kg in 56 11.500 €
ROSE REVEAL SIX Dura Ace Di2 Custom
(Zum Test)
Shimano DURA-ACE Di2 ROSE RC-Fifty Disc 7,22 kg in 57 6.249 €
Specialized S-Works Roubaix
(Zum Test)
SRAM RED eTap AXS Roval CLX 32 Disc 7,57 kg in 56 11.199 €
Trek Domane SLR 9 eTap
(Zum Test)
SRAM RED eTap AXS Bontrager Aeolus Pro 3V 8,08 kg in 56 11.299 €
VOTEC VRC PRO
(Zum Test)
Shimano ULTEGRA mechanisch Mavic Ksyrium i19 UST mit Speed Release 8,27 kg in XL 2.999 €
Ø 7,59 kg Ø 8.813 €

Mit einem durchschnittlichen Gewicht von 7,57 kg liegen unsere Test-Bikes gerade einmal eine vollgefüllte Trinkflasche über dem UCI-konformen Mindestgewicht von 6,8 kg. Im zahlenmäßigen Vergleich liegen die fünf mit SRAM ausgestattete Bikes nur knapp hinter den sieben Shimano-Rennrad-Modellen. Die italienische Schaltgruppe von Campagnolo als einziger Vertreter in diesem Rennrad-Test ist sicher Exot. Außerdem haben Räder mit Scheibenbremsen klar die Oberhand. Allein das Pinarello Dogma F12 wird auf den Felgen gebremst. Zusätzlich zum bestehenden Testfeld war auch das SCOTT Addict RC Ultimate für den Vergleichstest vorgesehen. Aufgrund logistischer Komplikationen hat es uns leider zu spät erreicht und konnte somit nicht teilnehmen. Hier findet ihr unseren ersten Test zum SCOTT Addict RC Ultimate.

Ihr habt das Rennrad, das euch interessiert, nicht gefunden? Hier sind alle Rennräder, die wir in unserem letzten Vergleichstest getestet haben und die ihren Weg nicht in unseren aktuellen Test gefunden haben: Argonaut Road Bike | Basso Diamante SV 2019 | Bianchi Oltre XR4 Disc | BMC Timemachine Road 01 TWO | Canyon Ultimate CF SLX Disc 9.0 | Cervélo S5 | EXEPT Allroad Classic | FOCUS IZALCO MAX 9.8 | MERIDA Reacto | Specialized S-Works Tarmac SL6 Disc | Trek Madone SLR 9 Disc

Wo haben wir getestet?

Wohin könnte man Anfang Januar reisen, um mildes Klima, kaum frequentierte Straßen, steile Rampen, knifflige Abfahrten und damit das perfekte Test-Revier zu finden? Ihr habt es womöglich bereits geahnt: Unsere Wahl ist einmal mehr auf Mallorca gefallen. Noch bevor die Straßen der Balearen-Insel vom Trainings-Jet-Set geflutet werden, haben wir uns am Fuße des Tramuntana Gebirges im ruhigen Örtchen Alaró eingemietet. Während unseres Aufenthalts hatten wir bereits zum zweiten Mal das Glück, zu Gast in der Finca BAIX DE S’ERA sein zu dürfen.

Als Teststrecke haben wir die Straße zwischen Alaró und dem Coll d’Honor auserkoren. Auf dieser galt es zuerst den Coll d’Orient zu erklimmen, über die Ebene weiter in die Serra de Tramuntana einzutauchen und dann die letzten Spitzkehren bis zum Gipfel des Coll d’Honor zu meistern. In diesem Teil der Insel findet sich ein sehr gutes Abbild all dessen, was man auf einer durchschnittlichen Tour erwarten würde: steile und mäßige Kletterpassagen, Flachstücke, weite und enge Kurven, perfekter Asphalt, Bremswellen und sogar kleine Schotterabschnitte. Zwischen Morgenröte und Abenddämmerung haben unsere Tester so nicht nur über 2.500 Testkilometer und gute 48.000 Höhenmeter gesammelt, sondern auch gleichzeitig das erste Trainingslager 2020 abhaken können. Ihr fragt nach dem Pasta-Verbrauch pro Kopf? Grob geschätzt 6,27 kg! 😉

Wer hat getestet?

Auf der Suche nach dem besten Allround-Rennrad für die Saison 2020 bringen unsere vier Tester ein ganz unterschiedliches Bündel an Erwartungshaltungen und Präferenzen mit. Worauf es ihnen ankommt und wie sie für sich Fahrspaß definieren, erfahrt ihr hier:

Miguel Indurain, Red Hook Crit-Racer a. D., professioneller Rennrad-Guide und ja, er ist der Sohn!
„Ich habe einige Jahre damit verbracht, Profi zu werden und lasse mich nach wie vor gerne bei internationalen Rennen an der Startlinie sehen. Für mich muss es beim Radfahren auch mal weh tun. Es gibt nichts Besseres, als die zufriedene Erschöpfung nach 5 Stunden im Sattel. Ich will Speed, klar – aber vor allen eine verdammt gute Zeit mit tollen Leuten!“
Stefan, Fotograf, Titan-Fan, Rennrad-Globetrotter
„Zwei Räder und ein Rennlenker – so erkunde ich die Welt. Für mich kommt es auf die perfekte Balance aus Komfort und Sportlichkeit an. Wenn der Wind mal wieder über den Hamburger Deich pfeift, brauche ich außerdem ein aerodynamisches Gesamtpaket. Mein perfektes Bike verhält sich unauffällig, ist zuverlässig und eine zeitlose Schönheit.“
Nina, Landschaftsarchitektin, Cardio-Expertin, Ästhetik-Liebhaberin
„Ich bin schlicht und einfach gerne an der frischen Luft aktiv. Mein perfektes Rennrad bietet mir die Möglichkeit, flott, sicher und zuverlässig von A nach B zu kommen. Ein formschönes Bike motiviert mich dabei zusätzlich, noch öfter auf den Sattel zu steigen.“
Ben, Chefredakteur GRAN FONDO, Gravel-Aficionado und Sprinter
„Beim Rennradfahren geht es mir vor allem darum Neues zu entdecken. Mein perfektes Rennrad darf daher nicht von einem kleinen Ausritt auf dem Feldweg überfordert sein. Den gelegentlichen Ortsschild-Sprint schlage ich auch auf Erkundungsfahrten gewiss nicht aus.“

Worauf kommt es dann an? Die wichtigsten Eigenschaften eines Rennrads

Wer schon einmal an einem Jedermann-Rennen teilgenommen hat, kann diese These höchstwahrscheinlich bestätigen: Die besten Bikes findet man nicht selten ganz vorne und ganz hinten im Peloton. Und genau das macht für uns die Faszination Rennrad aus. Egal ob der Grund für den Kauf die Technik-Affinität, die emotionale Verbindungen zum Produkt oder der absolute Performance-Anspruch ist: Jeder hat die Möglichkeit, auf die neueste Rennrad-Hightech zuzugreifen. Ob man dann tatsächlich auf Sieg fährt, sich überhaupt an die Startlinie stellt oder einfach nur aus Spaß an der Freude die Sonntagsrunde mit Freunden zelebriert, ist vollkommen egal. Leider werden noch immer viele Bikes für den Profi konzipiert und sind parallel dazu eben auch für uns Jedermänner erhältlich. Reglementierungen, wie beispielsweise durch die UCI, sind zwar auch bei fast jedem offiziellen Jedermann-Rennen bindend, doch wird ein beachtlicher Teil der Rennrad-Gemeinde wohl nie eine Startnummer am Trikot tragen. Glücklicherweise kommen uns hier die neuesten Erkenntnisse in Sachen Ergonomie-Optimierung, Komfort und Fahrverhalten zugute.

Um für eine möglichst breite Zielgruppe mit denkbar diversen Einsatzgebieten geeignet zu sein, ist für uns das beste Rennrad ein Allrounder, der sich für den geübten Fahrer genauso gut eignet wie für den Genießer, der auch gerne mal Gas geben will. Unser Traum-Bike verfügt folglich über ein ausbalanciertes Handling, generiert bei Bedarf viel Speed, weiß mit einem angenehm gedämpften Komfort zu glänzen und vermittelt ein hohes Maß an Vertrauen und Sicherheit. Auf der Suche nach dem besten Rennrad 2020 legen unsere erfahrenen Tester Wert auf die folgenden Kriterien:

Handling

Das Handling ist für uns das mit Abstand wichtigste Kriterium. Wir hätten es selbst nicht besser auf den Punkt bringen können als David Millar, der sagte: „Ein gutes Bike muss sich gut manövrieren lassen. […] Meiner Meinung nach entscheidet das Handling eines Rades darüber, ob du das Rennen gewinnst oder verlierst. Ist das Handling scheiße, ist es ein Scheißrad – zumindest für mich.“ Dem haben wir nichts hinzuzufügen. In Sachen Handling achten wir darauf, wie agil ein Bike auf einer Skala von quirlig/verspielt bis laufruhig/träge ist. Wie präzise ist das Kurvenverhalten? Sind Front und Heck aufeinander abgestimmt? Wie direkt werden Lenkimpulse umgesetzt? Alles Fragen, die wir in diesem Zusammenhang beleuchten. Die besten Bikes im Test finden den Sweetspot zwischen Agilität und Laufruhe und verfügen über ein direktes und präzises Verhalten in der Kurve, ohne unruhig oder schwammig zu sein.

Beschleunigung und Speed

Egal ob beim Antritt vor dem Café, dem Herausbeschleunigen aus Kurven oder der Sprintattacke kurz vor der Ziellinie: Ein leichtfüßig zu beschleunigendes Bike bringt in den entscheidenden Situation einen beachtlichen Vorteil. Leichtfüßige Bikes verfügen vor allem über eine clevere Gewichtsverteilung, ein geringes Gesamtgewicht und ein niedriges Massenträgheitsmoment der rotierenden Komponenten. Es kommt allerdings gleichermaßen auf die Effizienz des Bikes in der Ebene an. Die Frage ist also auch: Wie leicht lässt sich das Rad auf Geschwindigkeit halten? Hier haben aerodynamisch optimierte Bikes trotz ihres tendenziell minimal höheren Gewichts häufig einen Vorteil. Die Kombination aus geringem Luftwiderstand und einer höheren Massenträgheit von etwas schwereren und tieferen Felgen sorgt für ein hohes Momentum – für den flinken Antritt sind sie jedoch kontraproduktiv. Ein perfektes Rennrad verfügt über ein ausbalanciertes Verhalten in beiden Szenarien.

Kontrolle und Vertrauen

… sind nur allzu oft unterschätzte Punkte. Ein Rad mag noch so leicht, noch so steif und noch so aerodynamisch sein – wenn es sich nicht leicht kontrollieren lässt und sich der Fahrer darauf unsicher fühlt, sind all die technischen Superlativen obsolet. Außerdem kostet ein unsicheres oder unruhiges Rad viel Energie und Konzentration, weil der Fahrer unterbewusst mehr damit beschäftigt ist, das Bike auszutarieren, als es effizient nach vorn zu bewegen. Nur wer Vertrauen zum Rad aufbaut, kann sicher und mit kalkulierbarem Risiko an seine Grenzen und darüber hinaus gehen. Das Fahren auf der Straße ist bereits riskant genug – zusätzliche Unsicherheiten sind hier fehl am Platz! Schließlich wollen wir nach dem Ride alle wieder gesund zu Familie und Freunden. Die besten Bikes im Test sind in ihrem Fahrverhalten berechenbare Komplizen, die sich auch im Grenzbereich ohne mehrjährige Kampfsportausbildung beherrschen lassen. Sie eint ein sportliches Understatement, das dem Fahrer das Attackieren nicht aufzwingt, ihm aber stets genügend Performance-Reserven bietet, wenn es doch mal ans Eingemachte geht.

Komfort

Da wahrscheinlich die wenigsten von uns über einen privaten Physiotherapeuten verfügen, der den geschundenen Körper nach dem Ride wieder zurechtbiegt, ist Komfort ein wichtiges und zunehmend auch von den Profis beachtetes Thema. Wer komfortabel sitzt, ist länger schnell und weniger von den Strapazen gezeichnet. Eine moderne und ergonomische Sitzposition zeichnet sich sowohl durch ihren Komfort als auch durch ihre Aerodynamik aus. Sie erlaubt es, dem Fahrer die Unterlenker auch auf längeren Strecken und nicht nur für den Sprint zu nutzen. Ein komfortables Bike zeichnet sich durch ein ausbalanciertes Maß an System-Compliance aus. Komfortquellen sind dabei nicht einzelne Bauteile, es ist die Summe aller Teile. Sowohl hochfrequente Vibrationen als auch große Schläge müssen spürbar entschärft werden. Kontaktpunkte wie Lenkerband und Sattel unterliegen persönlichen Präferenzen und bleiben bei der Bewertung außen vor.

Fahrspaß

Wir sind uns sicher, dass es hier keiner weiteren Erklärung bedarf. 😉

Die Tops und Flops unseres Vergleichstests

Oftmals sind es die Details, die den Unterschied machen: gelungene Integration, erstklassige Ergonomie und mit Bedacht gewählte Komponenten. Hier findet ihr alle Tops und Flops der Bikes aus unserem gro

Tops

Serienmäßig
Beim Kauf des S-Works Roubaix ist der Wattmesser direkt integriert und anders als beim Cannondale sofort einsatzbereit.
Tarnkünstler
Das Trek steckt voller Technologien, behält jedoch seine klaren Linien und wirkt aufgeräumt.
Hypothek
Das OPEN bedient sich der edelsten Teile und bringt es damit auf ein unverschämt niedriges Gewicht von 6,41 kg in Größe L.
Direkter Einfluss
Einige Test-Bikes wie ROSE, FOCUS oder Pinarello setzen auf Direct Mount-Schaltaugen. Das Schalten wird damit so präzise wie nie!
Sicherheit zum Nulltarif
An den Sitzstreben und am Sitzrohr des Cannondale befinden sich reflektierende Sticker – sicher und unauffällig zugleich. Warum sehen wir so etwas nicht bei allen Herstellern?
Spacer, ade!
Das 3D-Plus-System am Argon kommt ohne Spacer aus. Stattdessen wird das Steuerrohr „verlängert“ und so der Abstand der Lager vergrößert. Technisch sehr clever, ergonomisch geschickt!

Flops

Tatsächlicher Benefit?
Das Cannondale kommt serienmäßig mit power2max-Wattmesser, der jedoch erst nach der 490 € teuren Aktivierung misst. Wer ihn nicht braucht, hat ihn trotzdem am Bike.
Viele Optionen und viel los
Der Lenker des LOOK erlaubt die Montage von Triathlon-Aufsätzen, ist optisch aber sehr unruhig. Hier gibt es deutlich ansprechendere Lösungen.
Bitte aufräumen
Die Integration von Zügen und Leitungen ist mittlerweile zum Standard bei vielen Modellen geworden. Am Cockpit des Bianchi besteht noch ein gewisser Aufräumbedarf.
Zusätzlicher Kontaktpunkt
Aufgrund der sportlichen Rahmengeometrie kommt es bei fast jedem Rennrad zum Kontakt von Schuhspitze und Vorderreifen. Beim Cicli Bonanno fällt der sog. Toe Overlap sogar sehr groß aus.
Eigensinnige Formen
Einige unserer Test-Bikes, z. B. ROSE, LOOK, Bianchi oder Pinarello, setzen auf speziell geformte Sattelstützen. Hier ist man als Endverbraucher auf die vom Hersteller angebotenen Modelle begrenzt und kann die eigene Lieblings-Stütze zum Teil nicht nutzen.
Hier klemmt’s
Die Sattelklemmung am BMC macht ihrem Namen alle Ehre und macht die Verstellung der Sattelhöhe knifflig. Glücklicherweise muss man hier als Kunde nicht so oft dran wie wir als bunt gemischtes Test-Team.

Warum wir Rennräder nicht im Labor testen

Wie lassen sich Bikes am fairsten und so realitätsnah wie möglich beurteilen? Wie kann man die beste Orientierungshilfe zur Kaufentscheidung bieten? Kann diese Aufgabe wirklich ein starres Bewertungssystem erfüllen, in dem für einzelne Parameter wie Ausstattung, Gewicht und isoliert betrachtete Labormessungen Punkte vergeben werden, deren Summe dann eine Gesamtpunktzahl bzw. -note ergibt?

Besonders bei Rennrädern liegen diese Fragen nahe, da es hier um Effizienz, Geschwindigkeit, Aerodynamik und ein geringes Gewicht geht. Wir haben uns über dieses Thema viele Gedanken gemacht, Expertenmeinungen eingeholt und uns bei verschiedenen Messanstalten mit Labortechnik informiert. Die ernüchternde Erkenntnis: Meist werden „relativ“ einfach messbare Parameter, wie z. B. Tretlager-, Lenkkopf- oder Gabelsteifigkeit, herausgepickt und isoliert gemessen. Das scheint auf den ersten Blick plausibel und lässt sich in beeindruckenden Tabellen und Diagrammen abbilden, doch wird dadurch meist ein verzerrtes Bild der Realität gezeichnet. Denn entscheidend sind nicht einzelne, messbare Parameter des Bikes, sondern das verwendungsfertige Ganze für den Einsatz auf der Straße, sprich das Gesamtpaket des Bikes.

Nur mit Labortests zu arbeiten, ist in etwa so, als würde man Auto-Quartett spielen: Man schaut lediglich auf die PS-Zahl und die Maximalgeschwindigkeit und hat am Ende keine Ahnung, wie sich das Auto tatsächlich manövrieren lässt. Auf den Papierkarten beim Quartett ist das ja auch okay, im echten Leben ist es jedoch viel wichtiger, wie gut das Auto die PS auf die Straße bringt, wie es sich in der Kurve verhält oder wie das Abbremsverhalten aussieht.

Nicht alles, was man messen kann, zählt, und nicht alles, was zählt, kann man messen.

Auch bei Labormessungen kommt es auf das Verfahren an. Erfolgt die Messung dynamisch oder statisch? Welche Belastungen werden gewählt und an was orientieren sie sich? Denn was bringt es, wenn der Tretlagerbereich super steif ist, die Anbauteile mit diesem Steifigkeitsniveau aber nicht harmonieren? Deshalb ist es auch schwierig, ausgewählte Komponenten getrennt zu betrachten und mit mehr Punkten zu bewerten als andere. So hatten wir bereits mehrmals den Fall, dass das Handling eines sonst sehr ausgewogenen Bikes durch einen hochwertigen und sehr leichten, aber weicheren Carbon-Lenker ruiniert wurde. Der günstigere Alu-Lenker wäre in diesem Beispiel in Kombination mit der Carbon-Gabel deutlich besser gewesen – und so (oder andersherum) ist es mit vielen anderen Komponenten auch! Das verwendungsfertige Ganze ist entscheidend: Nicht die Steifigkeit eines Bauteils, sondern die Compliance des Gesamtsystems. Nicht das Gewicht, sondern die Gewichtsverteilung. Nicht die Aerodynamik des Rahmens im Windtunnel unter Laborbedingungen, sondern der Fahrer auf dem Bike als Einheit draußen in der Realität. Jeder Faktor beeinflusst den anderen! So kann ein weniger aerodynamisches Bike, das eine exzellente und komfortablere Sitzposition erlaubt, in der Realität schneller sein, weil der Fahrer länger und mit weniger Anstrengung in einer aerodynamisch besseren Sitzposition fahren kann. Schließlich entfallen etwa 75 % des gesamten Luftwiderstands auf den Fahrer selbst.

Auch Speziallösungen der Hersteller, wie z. B. die IsoSpeed-Dämpfung von Trek oder das Future Shock 2.0-System von Specialized, können im Labor nur selten getestet und in einem Punktebewertungssystem richtig berücksichtigt werden – oft zählt nur, was ins festgelegte Bewertungsmuster passt. Doch es sind genau diese Alleinstellungsmerkmale, die die Räder für viele Fahrer so attraktiv machen. Daher gilt für uns: Es zählt nur, was man in der Realität auch spüren kann. Denn der entscheidende Faktor ist die „Schwabbelmasse“ Mensch, mit all ihren Stärken und Schwächen, mit den individuellen Fahrstilen und den persönlichen Bedürfnissen.

Ihr seht: Nicht alles, was man messen kann, zählt, und nicht alles, was zählt, kann man messen. Deshalb vertrauen wir bei all unseren Tests auf das Praxis-Feedback unserer vielseitigen und erfahrenen Test-Crew. Dabei geht es für uns nicht darum, absolute Aussagen zu treffen, sondern anwendungs- und zielgruppengerecht zu beurteilen, welches Bike-Konzept über die beste Performance in welchem Einsatzbereich verfügt.

Das beste Rennrad 2020 – Argon 18 Krypton Pro

Vom Außenseiter zum Spitzenreiter: Das Argon 18 Krypton behauptet sich im Vergleichstest und genießt die Champagner-Dusche im Zielbereich. Was hat dieses Rad, das all die anderen Traum-Bikes im Vergleichstest nicht haben?

Argon 18 Krypton Pro | 7,55 kg in M | 8.340 €

Letztlich konnte das Argon 18 mit einem perfekt ausbalancierten Gesamtpaket brillieren. Es leistet sich in keinem Bereich nennenswerte Schwächen und mausert sich somit zum absoluten Allround-Spezialisten. Die moderne Rahmengeometrie erlaubt eine kompakte Sitzposition, die zusammen mit dem über Front und Heck ausgeglichenen Maß an Komfort prädestiniert für lange Ausfahrten ist. Das Rennrad der kanadischen Bike-Marke beschleunigt leichtfüßig, hält effizient die Geschwindigkeit hoch, verhält sich stets berechenbar und macht in der Abfahrt unendlich viel Spaß. Nicht zuletzt beeindruckt das 3D Plus-System gleich auf mehreren Ebenen: Es ist eine technisch sinnvolle Lösung, die ein persönliches Fitting erlaubt und für eine aufgeräumte Optik sorgt. Unsere Tester haben einstimmig entschieden, dass man dieses Rennrad ausnahmslos jedem Einsteiger, Fortgeschrittenen oder Profi empfehlen kann – und genau danach haben wir gesucht!

Hier findet ihr den kompletten Test zum Argon 18 Krypton Pro


Unser Kauftipp 2020 – ROSE REVEAL SIX

Mit dem jüngst vorgestellten ROSE REVEAL SIX betritt ein weiteres „unbeschriebenes Blatt“ die Rennrad-Bühne. Wie konnte sich das neue Rennrad der Bocholter Bike-Schmiede gleich auf Anhieb unseren begehrten Kauftipp ergattern?

ROSE REVEAL SIX Dura Ace Di2 Custom | 7,22 kg in 57 | 6.249 €

„Das is ne Rakete, dat Ding!“ und „Wow, das kam unerwartet!“, um nur einige O-Töne unserer Tester zu nennen, die sie nach den Rides mit dem ROSE REVEAL von sich gegeben haben. Nachdem bereits der frische Look des Bikes für wohlwollendes Kopfnicken gesorgt hat, überzeugt es auch mit seiner Performance auf den Straßen Mallorcas. Der quirlige Charakter des ROSE macht es zu einem waschechten Spaßgaranten auf Abfahrten. Auch im Klettermodus kann es durch seine Leichtfüßigkeit und Effizienz punkten. Mit einem hohen Maß an Komfort, jeder Menge Fahrspaß und einem nur schwer zu schlagenden Preis-Leistungs-Verhältnis mausert sich das jüngst vorgestellte Rennrad des deutschen Direktversenders zum Kauftipp unseres Tests.

Hier findet ihr den kompletten Test zum ROSE REVEAL SIX

Weitere spannende Rennräder

Die große Stärke des Argon 18 Krypton ist seine enorme Vielseitigkeit, allerdings könnte man dem Bike genau das auch als seine größte Schwäche auslegen. Denn obwohl es sich nirgends eine Schwäche leistet, lässt es eben in manchen Situationen und Einsatzzwecken einen eigenen Charakter vermissen. In unserem Testfeld gibt es jedoch noch drei weitere herausragende Bikes, die es mehr als nur verdienen, hier erwähnt zu werden. Je nach persönlichen Vorlieben und Einsatzbereich sind sie für den einen oder anderen von euch sogar die bessere Wahl.

Specialized S-Works Roubaix – der Spezialist unter den Alleskönnern

Specialized S-Works Roubaix | 7,57 kg in 56 | 11.199 €

Nomen est Omen. Das S-Works Roubaix kennt auf schlechten Straßen und Kopfsteinpflaster nur eins: mit Volldampf nach vorne. Wer überwiegend auf holprigen Straßen oder Kopfsteinpflaster unterwegs ist, gerne auch mal über kompakte Feldwege fliegt und es im Downhill nicht bis an die Grenzen des physikalisch Machbaren treiben möchte, bekommt hier genau das richtige Bike! Der nächste Frühjahrsklassiker kommt bestimmt.

Hier findet ihr den kompletten Test zum Specialized S-Works Roubaix


Pinarello Dogma F12 – brutaler Speed ohne Kompromisse

Pinarello Dogma F12 Team INEOS Edition | 7,11 kg in 56 | 11.500 €

Maillot Jaune und Dauerticket für das Podium der Pro Tour – zusammen mit den Profis des Team Ineos ist das Pinarello Dogma F12 eine nur schwer zu schlagen Hausnummer im Rennzirkus. Mythos hin oder her, die zahllosen gebrochenen persönlichen Bestzeiten unserer Tester lügen nicht: Keines der anderen Test-Bikes hat uns so schnell werden und unsere Laktatwerte derart in die Höhe schießen lassen. Das F12 ist eine kompromisslose Rennmaschine, die einfach überall Speed generiert und jeden noch so kleinen Fehler des Fahrers sofort straft. Du hast den 10. Dan erreicht und fährst regelmäßig mit dem Messer zwischen den Zähnen? Das ist dein Bike.

Hier findet ihr den kompletten Test zum Pinarello Dogma F12


OPEN U.P.P.E.R. – das derzeit vielseitigste Rahmen-Set

OPEN U.P.P.E.R.| 6,41 kg in L | 12.000 €

Wir bereits erwähnt: Es kommt nicht allein auf ein möglichst niedriges Gewicht an – viel wichtiger ist dessen Verteilung. Trotzdem wollen wir hier nochmals erwähnen, dass das leichteste – und auch das exklusivste – Bike im Test ein Gravel-Bike ist. Wie massentauglich dieser Aufbau auch sein mag, zeigt er doch eindrucksvoll, was man mit dem Rahmen-Set des U.P.P.E.R. realisieren kann. Du willst nur ein Rad mit Rennlenker besitzen, stehst auf lange Ausfahrten auf allen Untergründen, möchtest beim lokalen Straßenrennen starten und bist Gravel- und Bikepacking-Fan? Mit diesem Rahmen-Set und zwei Laufradsätzen kannst du all das machen.

Hier findet ihr den kompletten Test zum OPEN U.P.P.E.R.

Die Konkurrenz

Bianchi Infinito CV Disc | 7,52 kg in 57 | 8.490 €
BMC Roadmachine 01 ONE | 7,71 kg in 56 | 10.499 €
Cannondale SuperSix EVO Hi-MOD Disc Dura Ace | 7,73 kg in 54 | 6.499 €
Cicli Bonanno Futomaki Disc | 8,07 kg in 57 | 7.000 €
FOCUS IZALCO MAX DISC 9.9 | 7,44 kg in L | 8.999 €
LOOK 795 BLADE RS DISC | 7,95 kg in L | 9.500 €
Trek Domane SLR 9 eTap | 8,08 kg in 56 | 11.299 €
VOTEC VRC PRO | 8,27 kg in XL | 2.999 €

Text: Benjamin Topf Fotos: Valentin Rühl, Stefan Trocha