Herbstblues? Davon weiß in Somerset keiner etwas, hier ist der Herbst die goldene Jahreszeit und das ideale Setting für einen Trip durch die 137 m tiefe, sagenumwobene Schlucht Cheddar Gorge. GRAN FONDO-Redakteur Trevor hat sich mit dem Whyte Wessex und einem alten Triumph Stag aufgemacht, um das gute Leben im englischen Süden zu umarmen.

Steile, vom Schmelzwasser über eine Million Jahre hinweg eingegrabene Kalksteinwände türmten sich über 100 Meter hoch auf. Ich gab Gas, und wie ein millionenfaches Murmeln hallte das kehlige Knattern des 40 Jahre alten Achtzylinder-Motors von den blanken Felswänden wider. Beim Kickdown schaltete das Dreiganggetriebe gemächlich runter und mit einem Kläffen aus dem doppelten Auspuffrohr und einem Brummen vom Vergaser zog der in British Racing Green lackierte Triumph Stag nach vorne und ließ dabei in der Luft den Geruch von Benzin zurück.

Ich fuhr auf der B3153, einer legendären Straße, die durch die Mendip Hills in Somerset, tief im Süden Großbritanniens führt. Legendär deshalb, weil die enge Straße sich schließlich durch die dramatische Cheddar Gorge windet, eine 3 km lange, 137 m tiefe Schlucht aus hellerem Kalkstein und schwarzem Schiefer. Der Plan war, die Schlucht mit dem Whyte Wessex-Rennrad zu befahren, das ordentlich auf der ledernen Rückbank verstaut war, doch ich hatte noch etwas Zeit totzuschlagen und konnte der Versuchung nicht widerstehen, auf dem Weg zum Treffpunkt mit dem 1975er Triumph Stag einen kleinen Umweg durch die Schlucht zu machen.

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Der 3-Liter-V8-Motor brummte grimmig vor sich hin und ließ Wirbel aus goldenen Buchenblättern hinter sich, als würde er Flammen sprühen. Im Innern des Wagens tanzte die Sonne gemächlich über die verchromten, ins hölzerne Armaturenbrett eingelassenen Anzeigen. Dieses Auto stammte aus einer anderen Zeit, einer Zeit, bevor es Airbags und Traktionskontrolle gab. Das Fahrgefühl war sehr körperlich, die Lenkung schwergängig und die Bremsen brauchten ordentlich Kraft und Sinn für Humor. Mein Ziel war das mittelalterliche Städtchen Wells, doch die Sonne schien und das Triumph lief so schön, deshalb trat ich das Gaspedal durch und stellte mich auf den etwas längeren Weg ein.

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Als ich durch die Einbahnstraßen von Wells ratterte, musste ich an das frühere Leben dieses Wagens denken, dem die Rentner, die auf den Gehwegen spazierten, bewundernde Blicke zuwarfen. Wells ist wunderschön, aber auch winzig, bekanntermaßen die kleinste Stadt Großbritanniens, mit einer Skyline, die von der eindrucksvollen Kathedrale dominiert wird. Hier war die Ausgangsbasis für unsere Tour, wir würden durch die Hügellandschaft der Mendip Hills und durch die Ebene von Somerset fahren, ein Gegensatz von kurzen, brutalen Auffahrten und einer endlosen, flachen Weite, die von Arterien von Abzugsgräben durchkreuzt wird und von Pumpwerken übersäht ist, um Fluten im Zaum zu halten. Es war eine sehr klassische Tour durchs Cider-Land, wo man in unbeschrifteten Flaschen den lokalen Scrumpy kaufen kann, ein derart starkes Gebräu, dass es eine wahrhafte Charakterprüfung ist.

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Wir verließen die Stadt und powerten die Old Bristol Road hoch, unsere kalten Beine wurden trotz der Novemberluft allmählich warm. Dieser Abschnitt war berühmt geworden, als hier die Sprinter die Tour of Britain eröffneten. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir das Getümmel der Stadt hinter uns gelassen und die geschäftigen Vororte und der Verkehrslärm wichen trockenen Felswänden und offenem Weideland. Die Mendip Hills sind keine Berge, es gibt keine hochaufragenden Gipfel oder langgezogenen Pässe, doch mit ihren geschwungenen Anstiegen haben sie es dennoch ganz schön in sich – wir begannen also unser Spiel, bergauf durch alle Gänge zu schalten und bergab im Windschatten des anderen zu fahren.

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Der Herbst ist in Somerset die spektakulärste Jahreszeit, die Explosion goldener Blätter am Straßenrand erinnerte mich an das (zur Abwechslung mal positive) Zitat von Albert Camus: „Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird.“ Das muskulöse Whyte Wessex, das ich fuhr, rollte mühelos über den glatten Asphalt und die komfortablen 30c-Reifen schnitten sich ganz leicht durch die gefallenen Blätter. Wie der Triumph Stag, so war auch dieses Bike eine Art erschwinglicher Sportwagen fürs Volk, mit klaren Linien und einem kraftvollen Herzen. Als die Wintersonne am Himmel tiefer stand, senkten wir unsere Köpfe gegen die vielen kurzen Anstiege, arbeiteten als Team gegen den Wind, immer der Schlucht entgegen.

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Fast unmerklich wichen die Felder und die Kühe den gezackten Felsen und schließlich einem Schild, das vor Steinschlag warnte. Wir waren kurz vor der Einfahrt in die Schlucht, die heute eine Spielwiese für Kletterer ist und im Sommer als Attraktion für Horden von Touristen dient, die ihre Gesichter an den Scheiben ihrer Autos und Reisebusse plattdrücken. Doch um diese Zeit im November hatten wir diesen Ort ganz für uns allein und konnten so in den offenen Kurven der Ideallinie folgen. Lediglich ein paar Motorräder, die beim Überholen runterschalteten und dann mit widerhallendem Motorengebrüll an uns vorbeizogen, hatten sich kurzzeitig unserer Zweirad-Prozession angeschlossen. Andersherum gefahren ist die Schlucht ein legendärer, 3,8 langer Kategorie-3-Anstieg über 178 Höhenmeter und auf Strava hart umkämpft. Doch wir fuhren bergab und heizten schnell durch die Kurven.

Wir flogen vorbei an Höhlen und einzeln stehenden Felsen, wo einst Kannibalen auf die Jagd gingen. Die Höhle Gough’s Cave sauste in Sekunden vorbei; sie ist in die Geschichte eingegangen als der Ort, wo das älteste menschliche Skelett Großbritanniens gefunden wurde. Der „Cheddar Man“, auf 7150 v. Chr. datiert, erlag in der Höhle einem gewaltsamen Tod. Außerdem soll in den natürlichen Whirlpools, Höhlen und Katakomben des nahegelegenen Wookey Hole eine versteinerte Hexe ihr Unwesen treiben. Als wir mit surrendem Freilauf auf dem letzten Stück der Schlucht angelangten, rollten wir in die Touristenfalle, die den Eingang der Schlucht flankiert und in krassem Kontrast zu ihrer Schönheit steht. Ganz offensichtlich hat sich dieser Touristen-Hotspot, als er mit der Entscheidung zwischen Eleganz und Kitsch konfrontiert war, klar in der Ramsch-Ecke positioniert. Nachdem wir einigen verirrten Touristen ausgewichen waren, die vor lauter Urlaubsmodus die Verkehrsregeln vergessen hatten, waren wir schon auf dem Weg zum wesentlich interessanteren Dorf Cheddar.

Als die Sonne ihren Bogen am Himmel schon weit gespannt hatte und wir spürten, dass das Tageslicht zur Neige ging, machten wir uns an den zweiten Teil unserer Tour, die Heimfahrt. Wir hörten auf, uns zu unterhalten und arbeiteten als Team, um unser Tempo zu erhöhen und uns an der Spitze abzuwechseln. Wir genossen die glatten, ruhigen Straßen und schalteten uns hoch und runter durch die Gänge, während wir uns über die Hügel kämpften. Als ich das Bike wieder auf die Ledersitze im Fond des Wagens packte, hatten wir einen Tag voller Klassiker in der schönsten Zeit des Jahres hinter uns, doch nun hatten wir eine neue Mission: Der Cider rief, es war Zeit für eine andere Sorte Gold.

Mit dem Rad durch die Cheddar Gorge

Der beste Ausgangspunkt für eine Tour durch die Cheddar Gorge und die Umgebung ist das Städtchen Wells, das etwa 45 Autominuten von Bristol entfernt liegt. Bei einer längeren Tour lohnt sich auch Burrington Combe. Wem nach der Tour der Sinn nach einer Erfrischung steht, für den empfiehlt sich das Café „Strangers with Coffee“, das versteckt neben der Kirche St. Cuthberts liegt und neben der benötigten Dosis Koffein auch eine gemütliche Atmosphäre bietet.

Der Triumph Stag

Der Triumph Stag ist ein britischer Kultsportwagen, der zwischen 1970 und 1978 von der Triumph Motor Company gebaut wurde, entworfen vom italienischen Designer Giovanni Michelotti. Das Viersitzer-Cabrio war als Konkurrenzmodell zum Mercedes Benz SL konzipiert worden und hatte einen von Triumph entwickelten OHC 3.0L V8-Motor, der über (für diese Zeit) mächtige 147 PS verfügte. Eine gewisse Berühmtheit erlangte der Stag, als James Bond im Film „Diamonds are forever“ ein Exemplar von einem Diamantenschmuggler klaute.

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Text: Trev Worsey Fotos: Cathrine Smith