Stell dir vor: Dein Geschäftspartner klingelt am Pfingstsonntag schweißüberströmt an deiner Tür und möchte mit deiner Familie zu Mittag essen. Klingt abwegig? Nicht mehr. Wir waren in der Finanzmetropole Frankfurt und haben zwischen Skyline und Bordsteinkante miterlebt, wie das Rennrad die Geschäftswelt verändert – und die Menschen.

Die Finanzbranche gilt gemeinhin als sehr kompetitiv und hart umkämpft, als Ort, an dem der Erfolg und die Deals regieren. Ausdauer, Durchhaltevermögen und Disziplin braucht es, um in dieser Branche lange zu bleiben. Der Stress ist hoch und auch das Arbeitsumfeld ist anspruchsvoll. Für Privates bleibt oft wenig Zeit, und tiefere Beziehungen werden nur langsam aufgebaut. Wie kommt es also, dass ein Spitzenanwalt ziemlich dicke mit gewissen Klienten und Investmentbankern ist?

Socializing 2.0

„Mit den Kollegen einfach ein Bier trinken zu gehen, das wäre zu einfach“, weiß Frank Scholler, der im Investmentgeschäft der Deutschen Bank tätig ist. Das Rennrad sei das perfekte Mittel, wirft Kollege Daniel Jehlin ein. „Rennradfahren ist verdammt ehrlich und vergleichbar“, führt Jehlin weiter aus. „Beim Fußball kann man mal einen Gang runterschalten, beim Rennrad nicht. Du kannst deinen Mund zwar voll nehmen, doch spätestens, wenn du auf dem Rad sitzt und einen Anstieg hochfährst, kommt die Wahrheit ans Licht.“ Sowohl unter Kollegen als auch unter Geschäftspartnern sei der Sport daher sehr attraktiv. Jehlin erklärt das so: „Denn die Kunden wissen: Du bist nicht nur fit, sondern du kannst dich durchbeißen. Der hat ein Ziel vor Augen und kann es auch durchziehen. Wer gut sein will, muss akribisch sein und stetig an sich arbeiten.“

Wer nur auf die Leistung schaut, verliert

Rennradfahren ist Teamsport. Du kannst entweder alleine im Wind kämpfen oder mit den anderen fahren, dich abwechseln und unterstützen. Und so ist es auch in der Kanzlei oder an der Uni: Du kannst es als Überehrgeiziger oder Einzelkämpfer versuchen oder eben deine Kollegen fragen und dir helfen lassen – so kommst du viel schneller und effizienter voran.

„Bei manch einem holländischen Kunden ist es zudem ein gutes Gesprächsthema. Wenn die wissen, dass du dich über das Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix gequält hast, dann erhältst du automatisch Respekt.. Gerade, wenn man mit Kunden nicht permanent in Kontakt steht oder sie zum ersten Mal trifft, dann hilft das schon sehr“, sagt Daniel Jehlin.

Im Haifisch-Becken schwimmen nicht nur Haifische. Auf dem Rennrad ist man Rennradfahrer und wer diesen Mindset mit in die Arbeit nimmt, ist nicht nur positiver, sportlicher und fairer, sondern weiß auch, dass wenn man sich hilft und aufeinander aufpasst man nicht nur besser ist, sondern auch mehr Spaß hat!

Das weiß auch Florian Lechner, Anwalt und Partner bei Linklaters LLP. So hatte er vor Kurzem ein schwieriges Mandat in einer komplexen Situation; jeder war nervös. Als die Partner und er den Besprechungsraum betraten, schwang die Stimmung jedoch schlagartig um. Mit allen drei Chefs war Florian bereits auf Mallorca Radfahren und entsprechend waren Vertrauen und Verständnis vorhanden. Ein sehr konstruktives Gespräch mit guten Resultaten war das Ergebnis. Wer in Lycra bereits gegen Wind und Wetter gekämpft hat, wird im Anzug noch besser harmonieren.

Diese Tatsache nutzen mittlerweile viele Geschäftsleute in Frankfurt und treffen sich zum Commuten ins Büro, nach dem Feierabend oder am Wochenende. Manch Arbeitgeber zeigt sich engagiert und veranstaltet sogar Corporate-Events rund um das Zweirad. Dass das Rennrad sich positiv auf die Arbeit auswirkt, davon ist Florian überzeugt: Zweifellos hat er neue Kontakte und Mandanten kennengelernt oder einfach einen besseren Zugang zu ihnen schaffen können.

Auffällig – 4 Bikes, 4 Specialized S-Works. Auch wenn die Kalifornier nicht an der Börse sind, steht die Finanzindustrie dennoch drauf.

Work vs. Life?

Und so ist es auch an besagtem Pfingstsonntag. Als die Banker beim Anwalt in Königstein im Taunus klingeln und der Dresscode Lycra statt Anzug vorschreibt, ist die Stimmung ausgelassen entspannt: „Der Jehlin kommt genau dann, wenn die Nudeln al dente sind“ klingt es aus der Küche. Die Kids spielen, wir essen und machen uns dann bereit für eine lockere Ausfahrt ins Grüne. Ist das nun Networking? Oder wahre Freundschaft? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. In der heutigen Zeit rücken Privatleben und berufliches Socializing immer näher zusammen und statt sich von der Worklifebalance stressen zu lassen, sollte man die Zeit einfach genießen – egal ob Work, Life oder irgendwo dazwischen.

Während wir gemeinsam im Wind stehen, uns gegenseitig anspornen und die Themen über Politik, Lebenspläne, Bikes und Komponenten schweifen, wird schnell klar: Rennradfahren verbindet. Egal welcher Arbeit man nachgeht, auf dem Rennrad ist man Mensch mit dem gleichen Hobby und der gleichen Leidenschaft für das gleiche Thema. Das begeisterte Funkeln in den Augen zeugt davon – egal ob Socializing- oder Privat-Ausfahrt.

Text & Fotos: Robin Schmitt