Stell dir vor, du bist 3.500 Rennkilometer gefahren, quer durch Frankreich, gegen die besten Radprofis der Welt. Nach 21 Tagen Kampf entscheiden nur 8 Sekunden darüber, ob du das gelbe Trikot überstreifen darfst oder im Schatten des Siegers bleibst. Tissot hat uns zum Grand Depart der Tour de France eingeladen und exklusive Einblicke in das größte Rennen der Welt gewährt.

Die 8 Sekunden, die 1989 den Sieg von Greg LeMond über Laurent Fignon entschieden, mögen knapp erscheinen, doch betrachtet man die irrwitzig kleinen Abstände bei Sprintankünften eröffnen sich ganz neue Welten: 4 Millisekunden betrug der kürzeste Abstand zwischen zwei Laufrädern, der von der Fotofinish-Kamera bei der letztjährigen Tour gemessen wurde – mit dem menschlichen Auge ist das gar nicht mehr wahrnehmbar. Das ist knapp. Zeit ist der dominierende Faktor bei der Tour de France. Die gesamte Rennorganisation, die Teamdynamik und die Strategien – alles basiert auf dem perfekten Timing. Funktioniert ein kleines Detail nicht richtig, dann ist es wie bei einem komplexen mechanischen Uhrwerk: Zeit geht verloren.

Zeit definieren: Was misst eine Uhr?

Tissot engagiert sich seit 1938 in der Zeitnahme von Sportereignissen, von Radsport über Basketball bis zur Moto GP. Während der diesjährigen Tour de France sprachen wir mit François Thiébaud, dem Chef von Tissot, und philosophierten gemeinsam über die Zeit und die Bedeutung von Partnerschaften wie der zwischen Tissot und der Tour de France. François’ Leidenschaft für den Sport steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dass es sich um eine Partnerschaft und nicht um Sponsoring handelt, ist François wichtig. Denn Zeitmessung kann man nicht einfach „sponsern“, man muss als Sponsor tatsächlich Kompetenz mitbringen. Darüber hinaus sind es Partnerschaften wie diese, die der Arbeit eines der größten Uhrenhersteller der Welt zusätzliche Bedeutung geben. François erklärt das so: „Egal ob Zuschauer oder Teilnehmer – wenn man sich Sportevents anschaut, dann ist das extrem emotional. Und genau diese Emotionalität müssen wir in unsere Produkte bringen.“

Wir sprechen weiter, über Erinnerungen an die ruhmreichen Helden und die großen Triumphe im Radsport. Unsere These: Mit dem Smartphone kann man heutzutage zwar alles fotografieren und festhalten, aber man schafft keine Erinnerungen mehr. Hier wirft François ein, dass sich die Leute zwar auf ihre Handys verlassen, wenn sie wissen wollen, wie spät es ist. Dennoch sei es oft eher eine Hassliebe, die uns mit dem Handy verbindet, bei Armbanduhren sei das anders. François fasst es so zusammen: „Eine Armbanduhr zeigt dir nicht nur die Uhrzeit an, sondern gibt auch eine Erinnerung an die Zeit. Und es ist wichtig, das miteinander zu verbinden – Sport, Zeit und Erinnerung. Denn wir alle brauchen Sport in unserem Leben. Genauso, wie wir alle gute Erinnerungen brauchen.“ Man erinnert sich immer an die erste Uhr, die man bekommen hat, oder an eine, die ein Andenken an einen besonderen Moment ist. Genauso erinnert man sich auch an das Gefühl, das man bei einem Sportevent gespürt hat.

Eben diese Verbindung macht die Zusammenarbeit von Tissot und der Tour de France aus und ist auch für das Image der Marke von großer Bedeutung. Denn wenn jeder sehen kann, dass Tissot die Kompetenz hat, die Zeitnahme beim größten Radrennen der Welt zu leisten, dann dürften auch die Produkte der Marke einem hohen Standard gerecht werden. Tissot muss nur sichergehen, dass alles klappt.

Zeit messen: Software, Highspeed-Kameras und ein Plan B

Der Chief Race Director von Tissot, Pascal Rossier, scheint sich dem Druck sogar gern auszusetzen. An diesem ersten Tag der Tour, wenige Augenblicke, bevor der erste Tritt in die Pedale das Zeitnahmesystem von Tissot in Betrieb setzt, legt Pascal eine überraschende Gelassenheit an den Tag, während er uns die komplexen Zeitnahmesysteme an der Ziellinie der Zeitfahrstrecke in Düsseldorf erläutert. Vielleicht erreicht man diese Art von Selbstsicherheit nur durch Schweizerische Sorgfalt bei der Planung. „Das ist positiver Stress, weil ja so viele Leute zuschauen,“ sagt Pascal mit einem Grinsen.

Positiver Stress, na klar. Unmengen von Grafiken auf Bildschirmen, 190 Rundfunkanstalten, die diese Daten in die Welt hinausschicken, die Sportlichen Leiter der Teams, die auf dieser Basis in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen und den Fahrern Anweisungen geben. Das Gefühl, dass man schmerzhaft exponiert wäre, sollte etwas schiefgehen, ist schon da; aber anscheinend nicht bei Pascal, den das Risiko globaler Erniedrigung völlig kaltzulassen scheint. Vielleicht liegt das an den zahlreichen Sicherheitssystemen, die helfen sollen, den Worst Case zu vermeiden – nämlich keine Zeit zu haben. Ein schneller Wechsel von Plan A zu Plan B und eine eventuelle kleine Panne bleiben von den Zuschauern unbemerkt. Sekunden, bevor es losgeht, geleitet uns Pascal aus dem Zeitnahme-Container hinaus. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr und mit viel Begeisterung in der Stimme erinnert er uns daran, dass es jetzt Zeit sei, sich das Rennen anzusehen.

Zeit jagen: Vom Labor auf die unberechenbaren Straßen Frankreichs

Zwar ist heute der Tag, an dem das Rennen losgeht, doch Pascals Planung läuft seit Monaten. Teil der Vorbereitung war es, Rennetappen in einem Labor in der Schweiz zu simulieren, um eventuelle technische Probleme vorherzusehen und zu vermeiden. Natürlich – wie schweizerisch ist das denn, ein Radrennen im Labor vorzubereiten … Wer sich jetzt Chris Froome, Richie Porte und Nairo Quintana in einer Art Teilchenbeschleuniger für Zeit- und Renndaten vorstellt, wird nicht ganz richtig liegen. Dennoch sagt uns das etwas über Radrennen. Sie sind kompliziert, schwierig, unberechenbar und es besteht immer die Gefahr, dass von einer Sekunde auf die andere etwas ganz furchtbar schief läuft.

Und genau deshalb lieben wir diesen Sport. Alles in einem Radrennen läuft am Ende auf das richtige Timing hinaus, und da geht es nicht nur darum, wer das gelbe Trikot am Leib trägt. Die ganzen drei Wochen sind eine Aneinanderreihung von Just-in-time-Momenten. Der richtige Moment, um an der Spitze zu attackieren, der richtige Moment, mit jeder Sehne im Körper die Kraft zum Siegsprint aufzubringen, der richtige Moment, den Schmerz im Gesicht des Gegners zu analysieren und zu wissen, dass man es schafft, den Gipfel vor ihm zu erreichen. 21 Tage, die durch das unaufhörliche Ticken der Uhr zu einem Ganzen zusammengeschweißt werden. Die Zeit des Jahres, in der wir alle zusammenkommen, um wieder einmal drei Wochen lang den besten Radsportmomenten dabei zuzuschauen, wie sie geschehen und wie sie in das Uhrwerk der Geschichte eingehen. Ein Glück kann sich der Veranstalter A.S.O. dabei auf ein Schweizer Uhrwerk verlassen.


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Text: Hannah Troop Fotos: Lars Wehrmann, Russ Ellis & Robin Schmitt