6,70 kg für ein Disc-Serienrennrad? „Making the lightest lighter“ – mit diesem Claim präsentierte uns Trek in ihrem HQ in Wisconsin das neue Émonda. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich kaum vom Vorgängermodell, aber es soll laut Trek ein vollkommen neues Bike sein. Wir konnten den Rekord-Disc-Renner Project One bereits auf den Rolling Hills im mittleren Westen testen und beantworten die Frage, ob leichter wirklich besser ist.

Durchbricht nicht nur die UCI-Gewichtsgrenze, sondern sieht auch verdammt geil aus. Wir haben das Trek Émonda SLR 2018 Disc bereits in den USA getestet – aber ob es uns überzeugen konnte?

Trek Émonda – Digital Prototyping

Leichter, steifer, komfortabler – um dieses Ergebnis zu erzielen, wurde ein Großteil der Entwicklungsarbeit für die neue Émonda-Modellgeneration anhand von Tausenden Computersimulationen durchgeführt. Die vielversprechendsten Optionen wurden dann als Prototypen gebaut und im Labor und in der Praxis getestet. Während unseres Besuchs im Firmensitz in Waterloo erhielten wir exklusive Einblicke in die Entwicklungsarbeit, das Prototyping, das Labor und die Produktion. Das markanteste Resultat der Entwicklungsarbeit ist ein gut 5 % leichterer Rahmen im Vergleich zum Vorgängermodell und Rahmen- bzw. Rohrformen, auf die man ohne Digital Prototyping nicht gekommen wäre.

Das Bild zeigt eine Übersicht der simulierten Designs. Alle roten Punkte sind mögliche Émonda-Versionen.

Trek Émonda SLR 2018: Das Gewicht und die wichtigsten Features

Da Trek Vorteile sowohl für Discs als auch für Felgenbremsen sieht, wird es das Émonda 2018 in beiden Versionen geben. 640 g soll der Rahmen des neuen Émonda SLR 2018 (ohne Hardware) in Rahmengröße 56 und in der H1-Ausführung (Profi-Geometrie-Version mit kürzerem Steuerrohr als die H2-Version) wiegen; 665 g das Disc-Pendant. Das Vorgänger-Émonda war mit 690 g rund 50 g schwerer. Die Émonda SLR-Gabel kommt auf 313 g, die Disc-Gabel auf 350 g. Eine weitere Neuerung ist die erhöhte Reifenfreiheit, so soll das Bike bis zu 28 mm breite Reifen aufnehmen können, was wir beim First-Ride dann auch gleich getestet haben.
Darüber hinaus besitzt das neue Trek Émonda SLR bekannte und bewährte Features wie den Ride-Tuned-Sitzdom, ein E2 Tapered-Steuerrohr, einen integrierten DuoTrap S-Geschwindigkeits- und Trittfrequenz-Sensor und zwei verfügbare Geometrie-Modelle: H1 als sportlich-aggressive Version und H2 als aufrechtere und komfortablere Variante.

State-of-the-Art: Flatmount-Scheibenbremsen.
Das konische Oberrohr ist ein Resultat der Computersimulationen und soll dazu beitragen, dass das Émonda Gewichtsrekorde bricht.
Garmin- oder Lichthalterung? Trek bietet dafür Vorbau-Adapter.
Kabelbinder am 10.000-Euro-Bike? Simpel, aber nicht ganz elegant.
Trek Project One – wer nur das Beste vom Besten und sein Bike individuell gestalten möchte, wird hier fündig.
Der Sitzdom am Émonda.

Trek Émonda 2018: Modelle, Preise

Die Émonda-Modellpalette besteht 2018 aus drei Modellvarianten – Trek Émonda SLR, SL, ALR. Das Émonda SLR ist das Flaggschiff mit vollkommen neu entwickeltem Rahmen und neuem 700 OCLV-Carbon. Die neue SL-Variante basiert auf dem aktuellen Émonda SLR, verwendet jedoch ein günstigeres Carbon-Layup und kommt so auf ein Rahmengewicht von 1091 g für die Felgenversion, 1149 g für die Disc-Variante. Die ALR-Variante ist das neue Émonda-Aluminiummodell. Im Dschungel der Bezeichnungen gibt es zudem noch das Émonda SLR RSL. Das Kürzel RSL steht für „Race Shop Limited“, diese Bezeichnung ist den Project-One-Bikes in der H1-Geometrie vorenthalten – Profimaterial, wenn man so will!

Trek Émonda SL 6 | 2.499 €
Trek Émonda SL 6 Disc | 2.999 €
Trek Émonda SL 6 Pro | 3.249 €
Trek Émonda SL 7 | 4.499 €
Trek Émonda SLR 6 | 4.999 €
Trek Émonda SLR 8 H2 | 5.999 €
Trek Émonda SLR 8 Disc | 6.999 €
Trek Émonda SLR 9 H2 | 6.999 €

Trek Émonda 2018: Geometrie

Trek Émonda H1 Fit

Größe 50 52 54 56 58 60 62
Sattelrohr 453 mm 482 mm 496 mm 525 mm 553 mm 573 mm 593 mm
Oberrohr 522 mm 535 mm 544 mm 560 mm 573 mm 586mm 598 mm
Steuerrohr 100 mm 110 mm 120 mm 140 mm 160 mm 180 mm 200 mm
Lenkwinkel 72,1 ° 72,8 ° 73,0 ° 73,5 ° 73,8 ° 73,9 ° 73,9 °
Sitzwinkel 74,6 ° 74,2 ° 73,7 ° 73,3 ° 73,0 ° 72,8 ° 72,5 °
Kettenstrebe 410 mm 410 mm 410 mm 410 mm 411 mm 411 mm 412 mm
BB Drop 72 mm 72 mm 70 mm 70 mm 68 mm 68 mm 68 mm
Reach 383 mm 388 mm 390 mm 395 mm 400 mm 404 mm 407 mm
Stack 506 mm 518 mm 526 mm 549 mm 567 mm 586 mm 606 mm

Trek Émonda H2 Fit

Größe 44 47 50 52 54 56 58 60 62 64
Sattelrohr 480 mm 444 mm 476 mm 493 mm 506 mm 533 mm 553 mm 573 mm 593 mm 613 mm
Oberrohr 499 mm 513 mm 521 mm 534 mm 543 mm 560 mm 573 mm 586 mm 598 mm 610 mm
Steuerrohr 100 mm 115 mm 130 mm 140 mm 155 mm 170 mm 190 mm 210 mm 230 mm 250 mm
Lenkwinkel 70,4 ° 71,2 ° 72,1 ° 72,8 ° 73,0 ° 73,5 ° 73,8 ° 73,9 ° 73,9 ° 74,0 °
Sitzwinkel 74,6 ° 74,6 ° 74,6 ° 74,2 ° 73,7 ° 73,3 ° 73,0 ° 72,8 ° 72,5 ° 72,3 °
Kettenstrebe 410 mm 410 mm 410 mm 410 mm 410 mm 410 mm 411 mm 411 mm 412 mm 413 mm
BB Drop 72 mm 72 mm 72 mm 72 mm 70 mm 70 mm 68 mm 68 mm 68 mm 68 mm
Reach 362 mm 369 mm 374 mm 379 mm 381 mm 387 mm 391 mm 395 mm 398 mm 401 mm
Stack 499 mm 522 mm 535 mm 547 mm 555 mm 577 mm 596 mm 615 mm 634 mm 654 mm

Trek Precision Fit

Bevor wir unser Testmodell besteigen durften, ging es erst ins Fitting-Labor. Dort wurden Schuhe, Sitzposition und das generelle Bike-Setup individuell angepasst.

Trek greift beim Precision Fit auf das Know-How des deutschen Unternehmens Gebiomized zurück, mit dem wir für Vergleichstests bereits mehrmals zusammengearbeitet haben.

Die Analyse mit Filmkamera und Drucksensoren zeigte zu hohe Druckspitzen am Sattel und eine zu verkrampfte Halteposition im Oberkörper und in den Schultern. Eine Veränderung von nur 3 mm in der Sattelhöhe hatte zur Folge, dass sich der Druck auf den Sattel halbierte. Ein zusätzliches Absenken des Lenkers um einen Spacer reduzierte zudem die Belastung für die Arme deutlich – wow!

Satteldruck: die linke Grafik zeigt die Druckspitzen (rot) vor dem Fitting. Rechts sieht man das Ergebnis nach dem Fitting.
Körperhaltung vor dem Fitting.
Körperhaltung nach dem Fitting.

Wir waren definitiv überrascht von den großen Effekten der kleinen Anpassungen und es wurde wieder einmal deutlich, dass ein gutes Bike-Fitting mehr wert ist als ein neuer teurer Aero-Laufradsatz!

Erster Test: Trek Émonda SLR Disc 2018

Die ersten Meter auf dem 6,70 kg leichten Disc-Renner waren beeindruckend. Steif und effizient im Antritt – für ein Discbike beschleunigt es fabelhaft. Wir haben das Trek Emonda SLR Disc in Rahmengröße 56 mit der aggressiven H1-Geometrie getestet, die sich durch ein deutlich kürzeres Steuerrohr und dadurch auch durch eine tiefere und gestrecktere Position auf dem Bike auszeichnet.

Das superflinke wie agile Bike lechzt nach Speed, erfordert hier aber nach einer erfahrenen Hand. Das Problem: Die Front ist sowohl im Uphill als auch im Downhill recht nervös und lässt etwas Spurstabilität missen. Im Uphill bedeutet das, dass das Rad nicht schnurgerade und souverän fährt, sondern immer etwas Unruhe in der Front hat. Das ist insbesondere dann ärgerlich, wenn man einen gleichmäßigen Rhythmus fahren möchte. Im Downhill fehlen dem Bike schlichtweg etwas Ruhe und Sicherheit. Racer mögen das lieben, für Normalsterbliche wie uns besitzt das Bike zu viel Agilität. Die H2-Geometrie wäre unter diesen Gesichtspunkten vermutlich deutlich besser!

Wer genau hinschaut, sieht, dass wir auf der Teststrecke mit Bontrager Flare R-Tagfahrlicht unterwegs waren – Trek setzt offensichtlich auf Sicherheit und Sichtbarkeit auf der Straße. Deshalb waren wir etwas verwundert, dass das Bike in Sachen Fahrgefühl nicht dieselbe Sicherheit vermitteln konnte. Super: die sehr gut dosierbaren Shimano-Bremsen – sie leisten unserer Meinung nach einen wichtigen Beitrag zu kürzeren Bremswegen und damit zu mehr Sicherheit.

Die 28 mm breiten Bontrager R3-Reifen funktionierten tadellos auf den Bontrager Aeolus Pro 3 TLR-Laufrädern mit modernen 19,5 mm Innenbreite.

Eine große Überraschung war der Komfort des Bikes auf Gravelpassagen. Ein ultraleichtes Racebike auf Schotter? Funktionierte tadellos, nicht zuletzt dank der guten, 28 mm breiten Bontrager R3-Reifen auf den Bontrager Aeolus Pro 3 TLR-Laufrädern mit modernen 19,5 mm Innenbreite. Trek beschreibt das Émonda sogar als Allroundbike, aufgrund der recht nervösen Geometrie können wir dem allerdings nicht ganz zustimmen.

Trek Émonda 2018 – wie viel Aero steckt in dem Bike?

Jeder weiß, dass wir keine Aero-Fanatiker sind, übertriebene Aero-Helme schrecklich finden und Sicherheit und Fahrgefühl über Millisekunden stellen. Aber dennoch ist uns bewusst, dass die Aerodynamik einen wichtigen Einfluss bei der Sekundenjagd hat. Auf die Frage, wie es um die Aero-Eigenschaften des Émonda steht, lautet die Antwort: Dieses Bike wurde auf Gewicht und nicht auf Aero optimiert; daher wurden keine Tests im Windtunnel durchgeführt. Ein Racebike gänzlich ohne Aero-Optimierung? Da waren selbst wir etwas verdutzt! Allerdings auch nur kurz, denn die klassischen Rennrad-Kategorien verschwinden.

Wer in einem Segment gut sein will, muss über den Tellerrand hinausschauen und das Gesamtsystem betrachten. Egal ob es das leichteste oder das aerodynamischste Bike ist, man ist damit nicht schnell, wenn das Bike-Fitting nicht stimmt – und umgekehrt. Und während es für die Bergprofis nur darum geht, die Bergwertung zu gewinnen, muss ein Climbing-Bike für den normalsterblichen Fahrer mehr können: Jedes Climbing-Bike muss genauso gut in der Abfahrt sein, schließlich kommt nach jedem Anstieg eine Abfahrt!

Fazit

Das neue Trek Émonda SLR 2018 verschiebt Grenzen und bleibt mit seinen 6,70 kg (Serienbike!) sogar unter der UCI-Grenze. In Alberto Contadors Worten: Querer es poder. Übersetzt: Wollen bedeutet Können. Das neue Émonda ist mit seinem Gewichtsrekord ein Meilenstein für die Akzeptanz von Discs im Profibereich. Doch die Fahreigenschaften konnten nur teilweise überzeugen. Und für uns Normalsterbliche, die nicht Contador mit Nachnamen heißen, bedeutet „querer es poder“ eher Spital als Pokal. Betrachtet man die zahlreichen Crashes auf den Gran Fondos dieser Welt, dann wird klar, dass wir weniger agile Profibikes brauchen, sondern Bikes, die mehr Fahrsicherheit bieten, insbesondere in kritischen Situationen. Discs helfen hier, aber auch die Geometrie und Balance sind extrem wichtig – deutlich wichtiger als das Gewicht. Wir ziehen den Hut vor Treks aufwendiger Entwicklungsarbeit, aber trotz aller Neuerungen verkörpert das Émonda ein Old-School-Konzept, in dem Steifigkeit und Gewicht die Maximen sind. Das ist unserer Meinung nach für den modernen Gran-Fondo-Fahrer nicht mehr zeitgemäß. Gebraucht werden leichte Allrounder mit mehr Sicherheit und Fahrstabilität.

Mehr Infos findet ihr unter: trekbikes.com

Text & Fotos: Robin Schmitt