Getreu dem Motto „Was lange währt, wird endlich gut“ heißt Campagnolo die Campagnolo H11-Scheibenbremse im Produktportfolio willkommen. Wir haben die italienischen Stopper bereits auf Gran Canaria getestet. Ob die Bremse den hohen Erwartungen gerecht werden kann und was genau Campas Disc Brake Project ist, erfahrt ihr hier.

Und plötzlich war Gran Canaria fest in italienischer Hand – morgens Pizza, abends Disco.

Die Italiener haben ihre Präsenz auf dem Discbrake-Markt lange Zeit zurückgehalten. Jetzt wollen sie mit dem Campagnolo Disc Brake Project die beste Scheibenbremse entwickelt haben. Bei der Entwicklung haben sie sich nicht ausschließlich auf Laborwerte verlassen. Team Movistar spulte bereits mehrere Tausend Trainingskilometer mit den hydraulischen H11 ab.

26 °C, blauer Himmel, endlose Spitzkehren – the Stage is set!

Warum Project?

Die Italiener wollten weder eine einzelne Scheibenbremse noch ein Felgenbremsen-Laufrad mit disckompatibler Nabe an die Startlinie rollen. Für Campagnolo ist es ein umfassendes Gesamtkonzept. Ein Konzept, das von Potenza bis hin zur Super Record EPS erhältlich sein wird. Mit den Konstrukteuren von Magura holte sich Campagnolo langjähriges Scheibenbrems-Know-how ins Boot. Das selbstgesteckte Ziel, das für Campagnolo typische Design und die gewohnte Ergonomie aufrechtzuerhalten, schien anfangs knifflig. Deutsche Ingenieurskunst und das italienische Auge fürs Schöne scheinen jedoch gut zu harmonieren: Am Ende kamen lediglich 8 mm höhere Bremsschaltgriffe heraus – andere Hersteller haben sich da mehr Freiheiten herausgenommen.

Auch die Laufräder wurden speziell für die asymmetrischen Belastungen optimiert:
Das G3-Einspeichungssystem findet sich jetzt auch in der Front.

Auf Gran Canaria konnten wir die mechanisch schaltende Campagnolo H11-Version der Super Record testen. Diese Gruppe wird auch die erste am Markt verfügbare Gruppe sein – geplanter Verkaufsstart der 2.228 g leichten Gruppe ist Ende Mai zum Preis von 2.879 €. Zum Vergleich: Shimanos Dura-Ace R9050 Di2 Disc wird mit 2.389 g angegeben. Das elektronische Topmodell, die Super Record H11 EPS, wird im Sommer folgen, für 4.397 € erhältlich sein und soll 2.355 g auf die Waage bringen.

Bei der Fahrt liegen die sogenannten Ergopowers nicht nur gut in der Hand, vor allem ihr Innenleben wirkt clever durchdacht: Uniforme Bremszylinder rechts und links sowie über alle Gruppen hinweg, auch die Ersatzteilversorgung wird damit um einiges leichter. Mit den zwei Free-Stroke-Positionen kann der Fahrer wählen, ob die Bremse direkt ab dem ersten Millimeter oder erst nach 50 % des gesamten Hebelweges reagieren soll – super Sache! Die Griffweite des Hebels selbst ist davon unabhängig ebenfalls verstellbar. Wer geübter Scheibenbremser ist, wird sich über das direkte Ansprechverhalten freuen.

Die 8 mm höheren Ergopowers geben einem mehr Freiheiten, was die Positionierung der Hände angeht – und das Ganze ohne optisch zu groß aufzubauen. TT-Style und Kette rechts.
Trotz komplett neuem Innenlebens: Die Funktion aller Hebel bleibt gleich.
Eingefleischte Campa-Fans wird’s freuen.
Die H11 wird es sowohl in einer Variante mit 160/160 mm als auch in einer Version mit 160/140 mm geben.
Laut Campagnolo passt die Bremse mit Direct Mount-Standard an jeden derzeit verfügbaren Rahmen ohne einen Adapter.
Keine Federn: Die 22-mm-Bremskolben werden durch Magnete in die Ausgangsposition zurückbefördert.
Alle Schrauben sind leicht zu erreichen – Daumen hoch vom Mechaniker!

Was können die Campagnolo H11-Bremsen?

Mechanikerfreundlich kommen die aus Aluminium geschmiedeten Zwei-Kolben-Bremskörper daher. Da Campagnolo ausschließlich auf den Direct Mount ohne Adapter setzt, besteht keine Möglichkeit, nachträglich auf eine andere Disc-Größe umzusteigen: Front 160 mm, Heck 160 oder 140 mm. Egal ob man sich für Super Record, Potenza oder eine Schaltgruppe dazwischen entscheidet, der Bremskörper bleibt immer der Gleiche. Somit können alle Campagnolo-Scheibenbremskunden auf die gleiche Bremskraft vertrauen – und was für eine Bremskraft es ist!

Anbremsen und rum den Hahn. Die Campagnolo H11 überzeugt mit guter Modulation, berechenbarer Bremspower und Hitzebeständigkeit.

Nach Angaben der Italiener ist die Bremskraft kraftvoller als die Stopper der Hauptkonkurrenz: 23 % bzw. 26 % bei Regen und 4 % bzw. 55 % im Trockenen. Wir vermuten, dass beide Wettbewerber mit „S“ beginnen. 😉

Wer runter will, muss erst mal hoch:
Auf Gran Canaria gibt’s kein „flach“.

Wir testeten die Bremsen im fabrikneuen Zustand an Campa-gelabelten Sarto-Bikes: Vom ersten Moment an bissen die Beläge beachtlich kraftvoll in die Bremsscheiben. Die Campagnolo H11 produziert super Verzögerungswerte, ohne dabei digital zu wirken. Auch konnten wir während der zwei Testtage weder beim Antippen der Bremse im Pulk noch beim 8 km langen Downhill Quietsch- oder Schleifgeräusch feststellen. Aufgrund des Kaiserwetters können wir zu diesem Zeitpunkt keine Aussage zum Verhalten der Bremse bei nassen Bedingungen treffen.

Auch in langen Downhills reicht ein Finger völlig aus – Sicherheit mit wenig Kraftaufwand.
Sonne pur und beeindruckende Landschaften,…
…Gran Canaria ist das bessere Mallorca!
… und wir durchbrachen Schallmauern, ganze Felswände sogar.
Für den wintergeplagten Nordeuropäer…
…war Lichtschutzfaktor 30 das Minimum.

Fazit

Campagnolo hat uns lange auf ein hydraulisches Scheibenbremssystem mit italienischem Flair warten lassen. In Anbetracht cleverer Detaillösung, des Amore-Gehalts im Design und des schlüssigen Gesamtkonzepts wird deutlich: Die Ingenieure haben ihre Zeit sinnvoll genutzt. Kraftvoll, dosierbar, ergonomisch und mit einer gewissen Extravaganz – das Campagnolo Disc Brake Project ist ein Erfolg.

Mehr italienisches Flair findet ihr unter campagnolo.com

Alles andere als eine Sackgasse: Das Campagnolo Disc Brake Project.

Text: Benjamin Topf Fotos: Pablo Moreno