Der neue Platzhirsch: Synchronisiertes Schalten, integrierter Powermeter und hydraulische Scheibenbremsen – ist die brandneue Dura-Ace R9150 Di2 wirklich so viel intelligenter als ihre Vorgängerin und wie wichtig ist Systemintegration für die Japaner? Wir haben als eines der ersten Magazine elektronische „Top of the Line“-Schaltgruppe an der Costa Blanca getestet. Hier findet ihr den ersten Fahreindruck und die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

In drei vollgepackten Tagen mit Workshops, Meetings und Rides mit den Pros hat uns Shimano einen exklusiven Einblick in den Di2-Kosmos der neuen Dura-Ace gegeben. Je mehr man sich damit befasst, umso deutlicher wird, was für ein riesiger Aufwand dahinter steckt. Eines vorab: Ihr denkt jetzt vielleicht, dass wir dem deutschen Winter entflohen sind, um uns unter Spaniens Sonne ein paar gemütliche Tage zu machen. Vielleicht denkt ihr sogar, dass wir zwischen dem Frühstück mit den Pros und dem Mittagessen mit Meerblick vor lauter Espresso-Stopps ins Schwitzen gekommen sind. Bedauerlicherweise können wir euch beruhigen – Spanien hat uns zumindest hinsichtlich des Wetters dezent hängen lassen.

Wer möchte da noch von nicht aerodynamischen Bärten sprechen?
Liberté, Égalité, Jagertee.
Ungewöhnlicher Anblick: Neuschnee in Alicante.
Eines steht fest, die Dura-Ace funktioniert auch unter extremen Bedingungen.

Pro-Gear und kalte Füße

Noch bevor Shimanos Product Manager Di2 & Road Cycling Tim Gerrits uns in die technischen Feinheiten der neuen Dura-Ace R9150 Di2 einführte, fanden wir uns bereits eingeklickt und von dicken Regentropfen bombardiert auf den begehrenswertesten Bikes des Planeten wieder. Shimano ist Sponsor zahlreicher Teams des Pro-Pelotons. Entsprechend groß war das Arsenal an Pro-Bikes, die zur Auswahl standen. Wir starteten mit der Peter-Sagan-Signature-Variante des S-Works Venge ViAS Disc Di2. Später ging es auf dem Bianchi Specialissima Di2 weiter. Auf der Küstenstraße von Calpe in Richtung Jávea konnten wir uns dann exklusiv von den Fähigkeiten der neuen Gruppe überzeugen.

Der Parc fermé stand dem der Pro Tour in nichts nach.

Brille auf und antreten was die Beine hergeben. In gewohnt blitzschneller Manier werden die Schaltbefehle befolgt. Beim ersten Anbremsen auf der nassen Straße macht sich eine der zahllosen Neuerungen drastisch bemerkbar: Die hydraulischen Scheibenbremsen verzögern auch bei 4 °C und Regenschauern mit voller Kraft. Die brandneuen C60 Tubular-Laufräder fräsen sich durch den Asphalt und verlangen nach mehr. Aerodynamisch optimiert machten sie uns den Kampf gegen wechselnde Windverhältnisse leichter. Trotz des hohen Profils: Der durchdachte Shape ist weniger Seitenwindanfällig als vergleichbar hohe Felgen. Die ergonomisch geformten STIs liegen gut in der Hand, doch sie waren bereits zu kalt, um eine fundierte Aussage über Ergonomie und Komfort treffen zu können.

Echte Testbedingungen.
Die Straßen rund um Alicante bieten ausreichend Höhenmeter, um die volle Bandbreite der Dura-Ace zu nutzen.
Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.
Ohne Probleme: Die Mechaniker im Besenwagen mussten nicht eingreifen.

Was kann die Neue besser als die Alte?

„Zugegeben: Es ist nicht leicht, eine Schaltgruppe, die im Profisport bereits das Maß der Dinge ist, weiterzuentwickeln und sie noch besser zu machen“, sagte Tim zur Eröffnung der Präsentation.

Shimanos Product Manager Di2 & Road Cycling: Tim Gerrits

„Aber ich kann stolz behaupten, dass wir diese Aufgabe erfolgreich gemeistert haben.“ Für ihn stellt die Systemintegration das Hauptmerkmal der Weiterentwicklung dar. Auch uns beeindruckte die Möglichkeit, Geräte anderer Hersteller direkt vom Schalthebel aus zu bedienen. So kann man beispielsweise entspannt durch das Menü des Garmin klicken oder die Beleuchtung an- und ausschalten.

Die Belegung der Schaltflächen kann bequem per App verwaltet werden.
Connectivity ist das Gebot der Stunde: Auch Beleuchtung lässt sich fernsteuern.

Die Belegung aller Schaltflächen der neuen R9150 Series ist per App frei programmierbar und kann so auf die eigenen Bedürfnissen angepasst werden. Man braucht sein Smartphone dazu nur per Bluetooth zu verbinden. Auch die vollständige Integration des Powermeters wirkt durchdacht. Lediglich ein winziges Interface zum Laden und Aktivieren des Wattmessers ist sichtbar.

Praktischer Zugang für einfaches Aufladen.
Zum Kalibrieren des Powermeters braucht man nur wenige Sekunden.

Der Akku ist dabei wasserdicht und untrennbar in der Kurbelachse verbaut. Die Kurbel mit Powermeter ist überraschenderweise lediglich 70 g schwerer als jene ohne. Tim zufolge liegt das an der Konstruktion des Antriebs: „Viele Wattmesssysteme werden zwischen Antrieb und Kurbel nachgerüstet, wobei Verluste entstehen – wenn auch nur minimal. Wir stellen den gesamten Antrieb her und konnten die Kurbel so direkt um den Powermeter konstruieren.“
Auch das Schaltwerk selbst wurde komplett überarbeitet. So kommt die Dura-Ace jetzt mit nur einer Käfiglänge aus und kann damit Kassetten mit bis zu 30 Zähnen schalten. Ähnlich wie im MTB-Sektor lässt die „Shimano Shadow“-Bauweise das Schaltwerk unter der Kettenstrebe verschwinden, was Sturzschäden minimieren soll.

Das neue Schaltwerk kann Kassetten mit einer Abstufung bis zu 11-30T schalten.
Der Servo-Motor des Schaltwerks ist deutlich geschrumpft.
Aufgrund der „Shadow“-Bauweise wandert das Schaltwerk unter die Kettenstrebe und bleibt so vor Sturzschäden geschützt.

„Der MTB-Sektor stand Pate für viele Neuerungen“, so Tim weiter. „Die hydraulische Scheibenbremse hingegen wurde speziell für die Anforderungen der Straße entwickelt. Um Gewicht zu minimieren, kommen häufig 140-mm-Bremsscheiben zum Einsatz. Da nicht nur auf langen Passabfahrten große Hitze entstehen kann, hat Shimano seinen Discs einen neuen Aluminiumkühlkörper spendiert, der die Temperatur der Scheibe (im Vergleich zur bisherigen Road-Disc) im Schnitt um 30 °C verringert. Das Bremsverhalten ist ausbalanciert und berechenbar, das Gesamtgewicht des Bremssystems verhältnismäßig leicht – ready to race! Daher darf sie das Gütesiegel Dura-Ace tragen.“ Aus unserer Sicht darf sich Shimano mit dieser Bremse für die Zukunft gerüstet sehen.

Formschön und dezent: Die Direct Mount Bauweise.
Der große Aluminiumkörper soll Hitze noch effizienter ableiten.

Synchronized Shifting – was ist es und was kann es?

Synchronized Shift ist eine neue Funktion, die die Wahl des richtigen Ganges vereinfachen soll. Shimano möchte dem Fahrer so die Möglichkeit geben, sich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Hauptsächlich für den Triathlonbereich entwickelt, kommt Synchronized Shifting mit jeder Dura-Ace R9150 Series-Schaltgruppe. Grundsätzlich kann über einen Knopf, der in den Lenkerstopfen integriert ist, einer von drei Modi gewählt werden.

1 Full Manual: Der Fahrer entscheidet zu 100 % selbst über jeden Schaltvorgang.

2 Semi Synchro: Das Schaltwerk reagiert basierend auf den Schaltvorgängen des
Umwerfers und wechselt zum „nächstbesten“ Gang: Schaltet man vorne in den kleinen Gang, so schaltet das Schaltwerk in den nächsthöheren Gang, um die Differenz zwischen den beiden Gängen zu verringern. Umgekehrt schaltet das Schaltwerk einen Gang leichter, wenn man vorne ins große Blatt wechselt.

3 Full Synchro: Der Umwerfer schaltet je nach Position des Schaltwerks hoch oder
herunter. Man kann also nur mit dem hinteren Schalthebel alle Gänge schalten. Wann der automatische Schaltvorgang stattfinden soll, kann bequem per App eingestellt werden. Der Schalthebel für vorne ist dabei nicht deaktiviert. Der Automatismus kann also zu jeder Zeit übersteuert werden. Gewöhnungsbedürftig ist allein, dass es keine Anzeige/keinen Ton gibt, der dem Fahrer mitteilt, dass bei dem nächsten Schaltvorgang auch der Umwerfer schaltet. So kann der Gangwechsel ziemlich überraschend am Berg geschehen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, eine Benachrichtigung über das gekoppelte Garmin zu erhalten. Der Full Synchronized Modus eignet sich aus unserer Sicht am besten für Zeitfahren und Triathlon. Auch wenn uns unsere Bike-Tutoren beigebracht haben, nie „groß/groß“ (vorne 2./3. Gang, hinten 1. Gang) zu fahren, die Dura-Ace erlaubt selbst das. Die Position des Umwerfers wird so korrigiert, dass es nicht zur nervenaufreibenden Geräuschkulisse kommt, die wir alle nur zu gut kennen, wenn man „nur mal eben“ über eine Kuppe drücken möchte. Diese Kalibrierung findet in alle drei oben genannten Modi statt.

Schön gelöst: Der Schaltmodus kann mit einem Doppelklick geändert werden.
Auf den STIs befinden sich zusätzliche Schaltflächen.
Intelligent und formschön: Die Dura-Ace R9150 Di2.

Einsatzbereich

Wie unschwer erkennbar ist, richtet sich die Dura-Ace R9150-Series an den sportiven Roadie, der ungern Kompromisse eingeht und ernste Absichten hat – egal ob es um den KOM-Titel in der Heimat oder die neidischen Blicke an der Eisdiele in Porto Cristo geht. Tim Gerrits tut sich trotz alledem schwer, den typischen Dura-Ace-Kunden zu definieren: „Es ist unsere Philosophie, keine Kompromisse einzugehen. Die R9150 Series ist ebenso speziell wie vielseitig. Heute siehst du sie im sonnengefluteten Peloton der Pro-Tour, morgen auf einem mit Schnee und Matsch getränkten Radsportvolksfest in Belgien, übermorgen im Staub des nächstgelegenen Gravelrennens.“ Wir fassen für euch zusammen: Wenn dein Bike einen Rennlenker hat und du die passende Schaltgruppe zum King Cage-Flaschenhalter und dem Chris King-Steuersatz suchst – there you go! Die Dura-Ace R9150-Series ist für alle Abenteuer bereit, die du mit deinem Bike für möglich hältst.

„Die Dura-Ace R9150 Series verstehen wir als Systemlösung“, erklärt Tim. „Deshalb haben wir bei der Entwicklung die Verbindung der Bauteile zu einem großen Ganzen vor die Optimierung einzelner Komponenten gestellt. Am Ende des Tages bringt dich die Summe aller Faktoren schneller von A nach B. Natürlich ist das in Sachen Marketing nicht so sexy wie zu behaupten, wir hätten das leichteste … whatever!“ Diesen bestechend logischen Argumenten können und wollen wir an dieser Stelle nichts mehr hinzufügen.

Die wahren Helden. Nach dem Kampf gegen die Elemente wurden die Bikes wieder auf Vordermann gebracht.

Dura-Ace R9150 Di2 Hard Facts

Kurbellänge: 165 mm bis 180 mm (in 2,5-mm-Abstufung)
Gewicht:

  • 621 g (170 mm, 53–39 T, ohne BB)
  • 609 g (170 mm, 50–34 T, ohne BB)

Q-Faktor: 146 mm
Tretlager: 65 g
Kassette:

  • Gänge: 11-fach
  • Übersetzungen: 11–25 T, 11–28 T, 11–30 T, 12–25 T, 12–28 T
  • Gewicht: 175 g (im Durchschnitt)

Schalt-/Bremshebel:

  • Klemmung: 23,8 mm/24,2 mm
  • Finish: lackiert
  • Gewicht: 230 g (Paar, mechanisch), 360 g (Paar, hydraulisch)

Gewichtsvergleich R9150/R9100 vs. 9070/9000

Gruppe New Dura-Ace Di2 (R9150) Dura-Ace Mechanical (R9100) Dura-Ace Di2 (R9070) New Dura-Ace Di2 (R9000)
Schaltwerk 204g 158g 217g 158g
UmwerferSchalthebel 104g 69g 114g 66g
Bremse 307g 307g 302g 302g
Kurbel ohne Tretlager 621g 621g 629g 629g
Tretlager 65g 65g 65g 65g
Kasette 175g 175g 175g 175g
Kette 247g 247g 247g 247g
E-Tube Komponenten 98g 94g
Schaltkabel 90g 94g
Gesamt ohne Kabel 2051g 2007g 2080g 2007g
Gesamt mit Kabel 2051g 2097g 2080g 2101g
Differenz -50g -4g -21g 0g

Fazit

Wir glauben, es ist fair zu sagen: Jeder, der die neue Dura-Ace R9150 Series testet, erwartet Hightech und Performance auf höchstem Niveau. Gleichzeitig ist auch klar, dass die vorhergehende Dura-Ace-Serie in Sachen Hardware bereits ziemlich ausgereizt hat, was technisch möglich ist. Vor diesem Hintergrund jedoch ist die R9150 Di2 weitaus mehr als ein aufpolierter Abkömmling, der eine Legende beerbt. Shimano macht klar, dass neben intelligenter Software, Connectivity und digitaler Systemintegration auch die Scheibenbremse Einzug ins Pro-Tour-Peloton halten wird. Die neue Dura-Ace ist ausnahmslos empfehlenswert: Mit der Shimano Dura-Ace R9150 Di2 ist man für die nächsten Jahre in der Ausreißergruppe gewappnet – eine Schaltgruppe die mitdenkt.

Happy End: Sunshine after Rain, Cheers!

Text: Benjamin Topf Fotos: Wouter Roosenboom

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Benjamin Topf